Seit März 2020
Coronakonforme Chorproben von Abstand über Zoom bis zu Jamulus
Bei unseren Chorproben in der Corona-Zeit gab es verschiedene Etappen: Zunächst mal hat man ja gar nichts machen können. Dann kam es zu vorsichtigen Öffnungen, da haben wir versucht mit möglichst wenig Leuten auf möglichst großem Raum zu proben, also in zwei Gruppen nacheinander mit strengen Hygienevorschriften oder verteilt auf einen riesigen Raum, der uns manchmal zur Verfügung stand. Dann war im September sogar ein Konzert möglich, auch mit großen Abständen und mit reduziertem Publikum. Dann wurde es wieder schwieriger. Um Weihnachten herum haben wir alles eingestellt, und dann war erstmal ein paar Wochen Starre.
Es gab allerdings die ganze Zeit über von unserem Chorleiter Übe-Dateien, die er Stimme für Stimme eingesungen und hochgeladen hat, sodass man für sich selber üben konnte. Das war ein guter Schritt, aber man vermisst die Gemeinschaft und die Disziplin lässt nach, wenn man nicht den Termin am Donnerstag hat, sondern einfach an seinen Computer gehen soll. Dann macht man es vielleicht nicht. Da haben wir gedacht: Das können wir uns nicht erlauben, wir müssen was machen. Und gesagt: Okay, wir treffen uns auf jeden Fall donnerstags bei Zoom und versuchen wenigstens Notentext zu lernen, indem der Dirigent am Klavier sitzt. Er selber ist für alle zu hören. Wir anderen müssen uns alle stumm schalten, weil bei solchen normalen Videokonferenzen die Tonverzögerung viel zu lang wäre. Man kann also nicht gleichzeitig singen.
Das war immerhin etwas: Man sieht die anderen und kann für sich im stillen Kämmerlein singen und Noten lernen. Aber natürlich ist schon die Übertragung vom Klavier ins Wohnzimmer zu mir nicht ganz ideal, und wenn der Chorleiter mehrstimmig spielt, wird es allmählich schwierig, den eigenen Ton herauszuhören – also, es war ein Notbehelf, wir waren nicht ganz glücklich damit.
Erst war die Hoffnung: Es dauert nicht lange, aber jetzt dauert es eben doch lange, sodass wir beschlossen haben: Wir probieren jetzt eine Software aus mit dem Namen Jamulus, die anscheinend schon ein bisschen älteren Datums ist, für Musiker, die zusammen Musik machen wollen, und jetzt wieder ausgegraben wird (vielleicht auch überarbeitet wurde) und jetzt auch von Chören genutzt wird – überwiegend von professionellen kleinen Kammerchören, wo das auch überschaubar bleibt. Wir sind eigentlich als Chor vielleicht zu groß, aber wir haben jetzt einfach mal angefangen.
Die Frage war zunächst: Was braucht man dafür, und reicht meine Ausrüstung? Natürlich gab es auch ein bisschen Furcht davor, das alles herunterzuladen; die meisten von uns gehen nicht täglich mit diesen Sachen um. Dann haben wir uns darauf geeinigt: Wir machen jetzt erstmal einen Probelauf einfach mit den Bordmitteln, also mit dem, was jeder hat – die einfachsten Ohrstöpsel, die vielleicht noch beim Handy ungenutzt in der Schachtel lagen, und irgendein LAN-Kabel, das irgendwo rumfliegt, das man vielleicht noch gar nicht als LAN-Kabel identifiziert hatte, aber mit Hilfe der Chor-Kollegen weiß man: Aha, das ist ein LAN-Kabel. Dann hat man sich eine Anleitung am Computer durchgeguckt, das Programm runtergeladen und gelernt, dass man noch einen Treiber für die Soundkarte runterladen muss, und dann probiert man’s auf einmal und es klappt auch irgendwie.
Es geht nur über Ohrstöpsel oder Kopfhörer, und das LAN-Kabel ist Voraussetzung, über WLAN geht es nicht. Ziel und Zweck dieser Software ist es, dass diese Verzögerung zwischen Tonproduktion und dem Hören der anderen möglichst reduziert wird, sodass man gemeinsam singen kann. An dem Mittwoch vor der ersten Probe gab es einen Technik-Check. Alle, die das schon hatten, haben sich gemeldet. Erst hat man noch gefragt: Müssen wir uns erst mal bei Zoom verabreden oder können wir direkt bei Jamulus rein? Dann hat man sich also auf Jamulus getroffen. Jede*r Sänger*in kann sich ein Profil anlegen. So viele Personen, wie da sind, so viele Regler sieht man dann vor sich, mit den Namen der anderen. Man kann sich einer Stimme zuweisen mit einem Symbol und kann sich dann den Klang selber zusammenmischen. Leute, die einem zu laut sind, kann man runterregeln, ohne dass das Konsequenzen für andere hätte. Oder wenn ich sage: Ich will jetzt mal die anderen Alt-Stimmen besser hören, dann kann ich die alle hochfahren und Sopran, Tenor und Bass ein bisschen runterfahren. Habe ich noch gar nicht probiert, aber es müsste eigentlich logischerweise gehen.
Unter „Einstellungen“ kann man sehen, wie groß die Verzögerung gerade ist. Die sollte nicht größer als 90 sein, wie der Chorleiter sagte, wahrscheinlich Millisekunden. Und den Wert kann man auch ein bisschen beeinflussen. Da gibt es drei Möglichkeiten umzustellen. Das muss man aber ausprobieren, weil womöglich der Klang wieder schlechter wird. Da muss man die ideale Mischung finden, dass die Verzögerung möglichst klein ist und trotzdem der Klang nicht zu schlecht.
Man hat dann noch dazugelernt während der Probe. Am Anfang klang es schon alles noch ziemlich verzögert und auseinander. Da muss man eben lernen, dass man stur nach dem Klavierimpuls singt und nicht wartet, bis man den Klang der anderen Stimmen hört. Man muss eben sofort ran. Und dann wurde es tatsächlich im Laufe der Probe besser. Gegen Ende habe ich mich zusätzlich bei Zoom angemeldet, wo die anderen, die sich noch nicht bei Jamulus beteiligt haben, die Probe auf die herkömmliche Weise verfolgt haben. Und anscheinend hat der Dirigent das hinbekommen, dass er bei allen zu hören war, nur, dass die anderen halt keine anderen Sänger*innen gehört haben und wir schon. Den Dirigenten zu sehen hat es für mich noch leichter gemacht, auf Tempo zu singen, weil man den Impuls mit dem ganzen Körper sieht, den er ins Klavier reingibt. Also sollte man das vielleicht machen, denn bei Jamulus sieht man sich nicht, da hört man sich nur.
Das war also eine ganz interessante Erfahrung, immer so ein Schwanken. Einerseits das Gefühl „Das ist es doch nicht so ganz“ – oder auch, dass man die Menge von dem beklagt, was doch nicht so gut klappt. Es ist natürlich kein wunderbares Musikerlebnis und Kopfhörer mag ich sowieso nicht. Aber auf der anderen Seite sieht man: Es geht überhaupt was, und man empfindet eine Art Stolz und hat das Gefühl, man kriegt den Anschluss an die Welt. Oder auch das Gefühl, dass es eigentlich toll ist, dass man so eine Möglichkeit hat in dieser Pandemie, doch irgendwie die Gemeinschaft zu halten, dass diese Sachen nicht zerfallen, dass man, wenn’s dann wieder möglich ist, sich live zu treffen, irgendwo wieder anknüpfen kann und auch ein bisschen was in der Zeit geschafft hat. Das ist wahrscheinlich der Haupteffekt dabei.
(Annette Evang, aufgezeichnet und transkribiert von Kilian Evang)













