2023
Party in der Ex-Vst/Hvt
Neben meinem Haus in Berlin wohnte das Internet.
Foto: Wikimedia Commons, Gunnar Klack, Telekom-Hauptverteiler-Weserstr-Berlin-Neukoelln-03-2018, CC BY-SA 4.0
Es gab kein Schild an der Tür. Dass in diesem hässlichen Gebäude das Internet zu Hause war, habe ich erst 2015 oder 2016 von Moritz Metz erfahren, als wir dran vorbeigingen. Moritz hat erforscht, wo das Internet lebt und bereist öde Orte an deutschen Außengrenzen, wo das Internet in die Nachbarländer läuft. Er wusste deshalb erstens, wo man nachsehen muss:
Screenshot-Ausschnitt aus einer Liste “Deutsche Telekom AG: DSL-VST Standorte in Deutschland“
Zweitens sieht man es, wie er mir erklärte, auch an den in den Gehweg eingelassenen rechteckigen Deckeln mit Telekom-Logo.
Foto: Moritz Metz
Ich habe seit 20 Jahren keinen Festnetzanschluss mehr und erinnere mich deshalb nicht mehr so genau an meine ehemalige Telefonnummer, aber ich glaube, sie fing mit 623 an, der Zahl, die auf dem Screenshot zwischen der 30 (Vorwahl von Berlin) und der Postleitzahl zu sehen ist. Meine Nachbarn hatten Telefonnummern, die genauso anfingen wie meine.
Wikipedia: “In früheren Zeiten hatten alle Telefonanschlüsse, die über einen Hauptverteiler geschaltet waren, teilidentische Rufnummern. So hatten z. B. alle geschalteten Anschlüsse des HVt35 eine Rufnummer, die mit 35 begann. Dies war durch die elektromechanische Technik bedingt. Mit der Einführung der digitalen Vermittlungstechnik und der damit verbundenen Möglichkeit, eine Rufnummer auch über verschiedene Anschlussbereiche zu portieren, entfiel diese feste Anschlussbereichszuordnung anhand der Rufnummer.” (Wikipedia: Hauptverteiler)
Das Gebäude war also eine Vermittlungsstelle und muss innendrin voll mit Schränken* gewesen sein war, aus denen für jeden Anschluss in der Nachbarschaft, bis 2003 auch für meinen, ein Kabel führte.
* Bitte auch den schönen ersten Satz dieses Beitrags beachten: “Telefonieren und surfen gehört mittlerweile zum täglichen Umgang.“
Vor ein paar Wochen habe ich von Hanna Engelmeier erfahren, dass das Gebäude jetzt einen Club enthält. “Aber wo ist das Internet hin?”, habe ich Moritz Metz gefragt, und er hat mir die Antwort seines Spezialisten für solche Fragen weitergeleitet:
“Die braucht’s halt nicht mehr, wenn die letzte EWSD oder S12 aus ist.”
In diesem Dokument von 2017 heißt es noch: “Die Deutsche Telekom AG als Eigentümerin des Grundstückes wird das auf dem Grundstück bestehende Fernmeldeamt mindestens weitere 10-15 Jahre in Betrieb halten.” Anscheinend ging es aber doch schneller als gedacht. Siehe Korrektur unten.
Das, wofür man früher ein mehrstöckiges Gebäude brauchte, passiert jetzt in den Kisten am Straßenrand. Die Kisten heißen MFG wie Multifunktionsgehäuse, sie enthalten Digital Subscriber Line Access Multiplexer (DSLAM). Damit werden Telefon und Internet aus Glasfaserleitungen für das letzte Stück bis zum Hausanschluss in Kupferkabel umgesetzt.
Und deshalb ist im ehemaligen Internetgebäude Platz für einen Club frei geworden.
Korrektur: Marco Graf ergänzt Anfang 2024 “Hallo, der Artikel liest sich so als wäre die gesamte Technik aus dem Gebäude ausgezogen. Das ist aber nicht der Fall. Durch den Rückbau des klassischen Telefonnetzes (EWSD/S12) ist zwar mehr Platz frei, dennoch stehen die technischen Zentral-Komponenten weiterhin dort. Dies sind neben DSLAM (Nahbereich der Vst.) auch Netzelemente wie der OLT (Herzstück bei Glasfaseranschlüssen) bzw. Glasfaser-Verteiler (auch für Mobilfunknetze) usw. Daher ist die Nutzung auf 10-15 Jahre aller Telekom-Vermittlungsstellen weiterhin vertraglich geregelt.”
(Kathrin Passig / Moritz Metz)







