20. und 21. November 2018
Wie ich mir einmal sehr ausführlich vorstellte, es gäbe noch Randlochkarten, die ich sortieren könnte
Ich habe lange und gründlich nach dem Geheimnis des vor einigen Tagen beschriebenen 7-4-2-1-Verfahrens zum Sortieren von Randlochkarten gesucht, aber erfolglos. Warum ist es der Kodierung mit ganz normalen Binärzahlen überlegen, die mir viel logischer erscheint? Die Ausbildungshandbücher für den Bibliotheksnachwuchs der 1960er Jahre sind leider bei Google Books nur in der “Snippet View” vorhanden. Die wenigen Zeilen, die man da sieht, helfen nicht bei der Klärung der Frage.
Kevin Kelly ist 2008 ebenfalls auf die Randlochkarte gestoßen. Sie ist eins der wenigen Ergebnisse seiner Suche nach wirklich ganz und gar ausgestorbenen Technologien (ausgestorbener als der römische Corvus, der Ferritkernspeicher und das radioaktive Zäpfchen). In den Kommentaren wird die 7-4-2-1-Frage diskutiert. Ein Kommentator nennt folgende Vorteile des Systems:
“There are several advantages to this coding scheme: the sort procedure is straightforward and can be done with a single needle; coding requires no more than two notches in a field, and the coding pattern for the nine nonzero digits is easy to remember.”
Vielleicht würde ich es verstehen, wenn ich einen Satz Lochkarten im 8-4-2-1-System hätte und durch Ausprobieren mit dem 7-4-2-1-System vergleichen könnte. Aber sie sind ja ausgestorben.
Mein Plan, mir selbst Lochkarten zu basteln und die Frage experimentell zu klären, scheitert daran, dass ich seit 2011 keinen Locher mehr besitze.
Im Netz gibt es überraschend viele Lochkartensimulatoren, nur leider keinen für diese Art Karten. Ich könnte mir selber einen schreiben, aber dazu müsste ich erst mal mehr darüber herausfinden, wie Grafik geht, und das dauert mir zu lang.
Bleibt also nur Zettel und Papier, beziehungsweise eine leere Textdatei. Ich schreibe hinein:
8421 7421 1 000V 000V 2 00V0 00V0 3 00VV 00VV 4 0V00 0V00 5 0V0V 0V0V 6 0VV0 0VV0 7 0VVV V000 8 V000 V00V 9 V00V V0V0 0 VV00 VV00
Unterschiede gibt es nur bei drei Zahlen, der 7, der 8 und der 9. Die 0 wird laut Jens Kirchhoffs “Handverfahren mit Lochkarten” als 7+4 kodiert, also habe ich für das 8-4-2-1-Verfahren angenommen, dass sie dort 8+4 ist.
Ein Sortiervorgang im 7-4-2-1-Verfahren sieht so aus:
94856387046583172613992 soll eine Reihe von Karten sein, auf denen jeweils nur eine einzelne Zahl von 0 bis 9 kodiert ist.
(Die folgende Erklärung ist leider nur mit Mühe verständlich. Man würde es vermutlich sofort begreifen, wenn ich ein Video machen könnte, aber ich habe keine einzige Lochkarte.)
94856387046583172613992 Bei allen die 7 stecken (7 8 9 0 fallen raus) Das Ergebnis 988708799 in die Hand nehmen, den Rest A für später beiseitelegen. Bei dieser Auswahl die 4 stecken (0 fällt raus) 98878799 – 0 wird abgelegt (ich stelle mir vor: in ein Kästchen) Die 2 stecken (9 fällt raus) 88787 in der Hand – 0999 abgelegt Die 1 stecken (8 fällt raus) 77 in der Hand – 0999888 abgelegt Den in der Hand verbliebenen Rest ebenfalls ablegen 099988877 abgelegt
Mit dem noch unsortierten Rest A von vorhin weitermachen: 45644653126132 in die Hand nehmen Die 4 stecken (4 5 6 fallen raus) Das Ergebnis 45644656 in die Hand nehmen, den Rest B für später beiseitelegen. Die 2 stecken (6 fällt raus) 45445 in der Hand – 099988877666 abgelegt Die 1 stecken (5 fällt raus) 444 in der Hand – 09998887766655 abgelegt Den in der Hand verbliebenen Rest ebenfalls ablegen 09998887766655444 abgelegt
Mit dem noch unsortierten Rest B von vorhin weitermachen: 312132 in die Hand nehmen Die 2 stecken (2 3 fallen raus), den Rest C für später beiseitelegen 3232 in der Hand Die 1 stecken (3 fällt raus) 22 in der Hand – 0999888776665544433 abgelegt Den in der Hand verbliebenen Rest ablegen – 099988877666554443322 abgelegt Den Rest C ablegen – 09998887766655444332211 abgelegt
= maximal 9 Steckvorgänge. Die echten Bibliothekskarten, die hier und hier abgebildet sind, kodieren fünfstellige Zahlen, deshalb braucht man insgesamt maximal 45 Steckvorgänge, um einen Stapel zu sortieren.
Das ist die Kurzfassung meiner Ergebnisse, die in Wirklichkeit viel mehr Ausflüge in Sackgassen und Anmerkungen wie “hä?” und “so geht es auch nicht” enthalten. Meine Irrtümer rührten vor allem daher, dass ich anfangs dachte, man könne die bereits sortierten Karten einfach ans hintere Ende des Stapels legen, mit dem man dann weiterarbeitet, und dass ich mir vorstellte, man arbeite einfach nacheinander von links nach rechts sämtliche Löcher der Karte durch.
Niemand will haarklein lesen, wie derselbe Vorgang im 8-4-2-1-Verfahren aussieht (obwohl ich es ausprobiert und aufgeschrieben habe). Deshalb sage ich nur, dass es dadurch komplizierter wird, es bleiben mehr unpraktische Zwischenreste, man braucht einen Karten-Aufbewahrungsort mehr und muss die Nadel öfter stecken.
Molinarius weist darauf hin, dass ein eng verwandtes Verfahren aus demselben Grund bei Barcodes bis heute im Einsatz ist, “Interleaved 2 of 5”. Diese 5 sind die Zahlen 1, 2, 4, 7, garniert mit einer zusätzlichen 0. “Vorteil: Man weiß, dass immer 2 von 5 Bits gesetzt sind, dadurch wird es weniger fehleranfällig. Der Vorteil, dass immer genau 2 von 5 Bits gesetzt sind, ist natürlich genau das, was zu den weniger Nadelfischvorgängen bei Karteikarten führt. Denn beim Karteikartenfischen sucht man ja immer die gesetzten Bits.”
Und deshalb sind die Randlochkarten von Bibliotheken nur beinahe binär kodiert, aber nicht ganz.
(Kathrin Passig)








