BIS DASS DIE KUNST UNS SCHEIDET
* * *
Ich habe lange versucht,
mit allen Mitteln der Welt
eine Lüge zur Wahrheit zu nehmen;
ein Märchen zu heiraten:
Früh, sehr früh
nickte ich und übergab
meinen Namen, mit Schleife versehen,
einem Mann, der sich am Anfang
Mühe gab, diesen zu halten.
Kittel trug er und Klang,
der mir nah war (reicht das denn wirklich
aus? Braucht meine Seele
nicht mehrere Klänge zum Wärmen?) -
Wie eine Pferdemähne
waren die dunklen Haare,
und die Nase deutete sicher
in eine leuchtende Zukunft.
Haltende Hände hatte er,
und Beine, die lange gehen
konnten, bis er ermüdete
(und er brauchte viel zur Ermüdung).
Also fing ich zu malen an,
und ich malte uns schnell ein Landschaftsbild:
Ein Haus stand dort am Waldrand,
und im Türrahmen in der Küche
waren die wachsenden Größen
unserer Kinder verzeichnet.
Die Jahre zogen ins Land.
Alles, was uns verband,
wurde fragiler und weniger.
Wenn er nach Hause kam,
warf er leere, lateinische
Begriffe gegen die Wände,
und sorgte sich nicht darum,
dass ich ihn nicht verstand.
Und wenn er mich manchmal küsste,
dann nur, um sicherzugehen,
dass nach dem zweiten Kuss
mein Hausmantel bodenwärts wanderte.
Dazwischen schwiegen wir still.
Und während er immer weiter
sich in sein Zimmer zurückzog,
auf seine Bildschirme starrte,
und mir keine Fragen mehr stellte;
während er keine Reisen
und keine Versuche plante,
dem Leben mehr Sinn zu geben,
fragte er immer nach Kindern:
Ganz als ob nur die Kinder
diese gekappte Verbindung
klebergleich leimen könnten.
Die Jahre zogen ins Land.
Und plötzlich fand ich mich wieder
vor einem Haufen Blätter:
Alle von mir beschriftet,
alle sie hatten mich
zur Mutter und zur Gefährtin
ausgewählt und gesegnet.
Sie trugen Klänge und Farben,
und waren mir so viel näher,
als alles, was Menschenaugen
mir jahrelang geben konnten.
Und ich schaute sie an,
und entschied mich: Ich muss sie verheimlichen.
Keiner sollte erfahren,
wie ich die Buchstaben spalte,
und doch: Tat es wieder und wieder,
unfähig aufzuhören.
Die Jahre zogen ins Land.
Und die Blätter wurden zu Büchern,
wurden Regale und Schränke,
und sie schützten mich vor der Nichtigkeit
eines verschwendeten Funkens.
Aber ich zähmte mich dennoch,
und hielt die Worte am Kleidsaum fest,
wenn sie zu schnell und hingebungsvoll
aus meinen Ärmeln glitten.
Ich baute mein Haus und stellte dann
in die Mitte des Wohnzimmers
einen künstlichen Tannenbaum
jährlich zum fremdlichen Feiertag,
der mir künstlicher war, als mein Leben
mit meiner schweigenden Hälfte.
Und ich wusch und putzte das Holzparkett,
kochte und ehrte mein Kartenhaus,
stellte Keramik und Porzellan
auf die marmorne Festerbank.
Ich hängte Gemälde und Fotos auf,
und flocht eine dicke Kordelschnur
um das menschliche Märchen.
Die Jahre zogen ins Land.
Ich lebte zwei treue Leben:
Eins mit dem Mitbewohner,
eins mit mir selbst. Und ich wunderte
mich jeden Tag, wie gewaltig,
diszipliniert und versessen
ich meine Sicherheit wahrte.
Vier überschaubare Menschen
gab es in meinem Kosmos,
denen ich frei erläuterte,
wie ich das Leben sehe.
Von meiner Angst erzählte ich.
Von meinem schrecklichen Hungerleid.
Von meinen Träumen und Träumenden.
Von meinem Feuer im Mittelpunkt.
Zwei, mit denen ich sprach davon,
hatten mein Feuer schon kennengelernt,
es am eigenen Leib erfahrn,
einer war wieder aufgetaucht.
Die anderen beiden verstanden mich
wie das Wasser die Sprache des Wals versteht:
manchmal getrübt und unbekannt,
manchmal zu nah, um wahr zu sein.
Diese vier waren die einzigen,
denen ich Wort und Wahrheit gab,
während ich an dem Plastikhaus
baute und Pläne schmiedete.
Die Jahre zogen ins Land.
Ich nahm einen Ring an und zäunte mich
wie einen Wald in der Großstadt ein.
Und ich schraubte jeglichen Menschenkontakt
herunter, der mich entschlüsselte;
jeglichen, der meine Sicherheit
und meine Reisen verwundete,
und trug den Ring wie ein Messingschild,
auf dem meine Unschuld verzeichnet war.
Und die Unschuld lachte und setzte mir
eine närrische Krone auf:
"Schau nur, Zarin der Ehrlichkeit:
Lügen glitzern wie Edelstein!"
Und ich sah mich als glänzende Königin
einer Welt, die von Lügen gehalten war.
Schau doch, wie gut ich Märchen näh!
Nenn mir einen, der's besser kann!
Die Jahre zogen ins Land.
Neun Jahre Gefangenschaft -
wie eine wartende Schwanen-Frau,
die aus dem zwickenden Federnkleid
lang schon herausgewachsen war.
Ich habe es wirklich versucht.
Ich griff meinen Hunger am Hals,
und verbot ihm, sich frei zu zeigen.
Ich handelte mich herunter,
und wollte am Beispiel der Menschen
ein geregeltes Leben führen.
Mir lebten so viele schon vor,
wie schwierig das werden kann.
Einer mit einem Namen,
der klang nach Nelken und Ranken
hatte das auch schon versucht:
Neunzehnhundertundeins,
Frühjahr, geflochtene Tore
und Zeilen, die nichts verloren,
außer den träumenden Leser,
dessen Atem nicht lang genug war.
Auch er versuchte den Funken
mit menschlichem Blut zu verdünnen.
Was glaubst du, was dann geschah?
: Die Jahre zogen ins Land.
Seine einzige Tochter
kannte kaum seine Stimme.
Er widmete sich dem Weltall
und dem Gott, der in diesem hauste.
Und wenn ich's mir recht überlege:
Ich kann ihn so gut verstehen.
Ich hätte das gleiche getan.
Doch wenn du als Frau geboren bist,
kannst du nicht einfach gehen.
Dich halten zwei große Augen fest,
welche den deinen gleichen.
Und schließlich musst du entscheiden:
Möchtest du diese Augen?
Oder bleibst du für immer
nur Mutter der Goldenen Worte?
Ich wusste, worauf ich setze.
Ich richtete mich nach der Wahrheit.
Die Wahrheit hat reißende Lippen
und Hände wie sandigen Boden.
Und nach dreißig Umdrehungen
einer lügenden Sonne,
war ich müde vom Märchenschein,
und wollte mich endlich abwaschen.
Mir brannte die Haut wie Urwaldlaub,
wenn ein Blitz in die Krone trifft,
also riss ich die Lippen auf
und flutete wie ein Ozean.
Und mir liefen die Offenbarungen
aus meinem lügenden Innenkern
wie Ameisen über die Wurzelschicht
eines sterbenden Waldes.
Er sagte nicht viel. Er schaute nur
überrascht auf das schöne Plastikhaus,
und wunderte sich wie ein Schlafender
über die Traumveränderung.
Und als ich morgens wiederkam,
nachdem ich bei Nacht geflüchtet war,
grüßte ein leerer Kleiderschrank
meine entsilberten Finger.
Die Jahre ziehen ins Land.
Ich weiß nicht, wohin ich geh.
Ich ahne noch nicht, womit
mich meine Quelle beflutet.
Aber ich glaube: Ich laufe nun
über den goldenen Straßenstein,
ohne zu fürchten, wohin mit mir,
weil ich's nur mir beantworte.
Keinen Frühling verrate ich.
Sommer und Herbste nehme ich
unter mein Herz und fülle mich
auf, bis mein Name Mahnmal ist.
Mahnmal für alle Wartenden,
Mahnmal für alle Stockenden,
Schild für die ängstlich Schauenden,
jene, die sich nicht sicher sind,
ob sie verdienen, hinaufzuziehn.
Heute beginnt der Dauerlauf.
Das Pferd reißt den Goldnen Kreis herum,
das Jahr überschlägt sich und schneidet sich
mit dem Wagen des Viergespanns
in die Wölbung des Rückens.
Wütend fauchen die Pferde.
Meine Worte verändern sich.
Meine Haut ist ein Feuerball.
Meine Träume sind vogelgleich.
Meine Zukunft ist ungefüllt.
Und ich nehme die Wahrheit an
als Freundin, als Ratschlaggebende.
Ich lasse sie in die Räume rein,
und gebe ihr Wein und Kerzenlicht.
Dreißig Jahre im Märchenwald
verändern, wie du die Dinge siehst.
Du wirst die Lüge nicht rauswerfen.
Du wirst ihr ein Zimmer einrichten.
Und manchmal wirst du sie rauslassen,
wenn du glaubst, die Zeit ist die richtige.
Du hast gelernt, dass sie gut sein kann.
Die Lüge liebt dich als einzige.
Die Jahre ziehen ins Land.
Ich werde den Jahren huldigen.
Ich werde nicht wieder heiraten,
und Kinder will ich nicht peinigen
mit ihrer bloßen Gegebenheit.
Aber ich gehe auf Wanderung.
Worte und Klänge suche ich.
Und ich werde auf Lebenszeit
fangen, was mir die Quelle trägt.
Denn ich brauche kein Plastikhaus,
und keinen festen Mann darin.
Aber die Gott-erlesenen,
die von Himmel erleuchteten,
die Erwählten, die Hörenden
werde ich feierlich einladen.
Und wenn ich schließlich ausatme,
und ein magisches Zeichen bin,
kann ich mir wenigstens sicher sein:
Ich hab meinen Auftrag nicht abgelehnt.