"vom Klein werden", über das Projekt "Tausend Tode schreiben" #1000Tode

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"vom Klein werden", über das Projekt "Tausend Tode schreiben" #1000Tode
Im Internet sind Videos von Hinrichtungen frei verfügbar, im Alltag wird der Tod aber oft verbannt. Die deutsche E-Book-Verlegerin Christiane Frohmann will ausloten, wie unsere Gesellschaft mit dem Sterben umgeht.
Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Nikola Richter, die Verlegerin vom mikrotext Verlag, an, ob ich denn auch eBooks besprechen würde und sie mich auf ihren
Das ,Tausend Tode schreiben'-Projekt des Frohmann Verlags will sich dem Tod auf eine besondere Weise nähern: Tausend subjektive Ansichten, von ganz persönlichen und autobiographischen Erlebnissen über literarisierte Fiktion, von Prosa über Lyrik
Tod 45 Sterben wie Schengen in: http://bit.ly/1yale11 #1000Tode #Frohmann
Sterben wie Schengen
Grenzen sind Achtziger. Sagt er. Und meint mich. Wir hatten gerade darüber gesprochen, wie lecker die Pelmeni seiner Mutter sind – und wie scheiße der Bauchspeicheldrüsenkrebs seines Vaters. Das Thema Grenzen ist aufgekommen, als er begann, den Ursprung des Pelmeni-Rezepts seiner Mutter zu rekapitulieren. Ich sage, dass es erstaunlich sei, wie ein paar Grenzen weiter diese…
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Wen warnt man wie und wen wovor?
Anja hielt sich nur für bedingt sterblich. Sie dachte, ihr Immunsystem sei durch den wiederholten Verzehr von ungewaschenem Obst und den frühkindlichen Konsum von Sand so robust wie ein Lederhandschuh. Mit Warnungen ging sie eher lax um, sah diese als Provokation, stellte sich vor Verbotsschilder und streckte ihnen die Zunge raus.
Wenn etwas verboten wird, markiert man dies gern durch Durchstreichen. Rot durchstreichen. Anja freute sich immer, wenn man vor lauter rotem Durchstreichen kaum noch ahnen konnte, was darunter verboten war.
Sie mochte auch die schwarz-weißen Rahmen, die 3–4 mm dick in Helvetica fett auf Zigarettenschachteln vor dem Rauchen warnten, ja, sie suchte förmlich die Begegnung mit dem Tod:
„Rauchen tötet“. „Rauchen kann tödlich sein“. „Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen“.
Der schwarze Traueranzeigenrahmen signalisiert: Als Raucher bist du ja quasi schon tot. – Hier wird echter Unfug mit der Kausallogik betrieben. Ein allgemeiner Ausruf wie „Rauchen tötet“ wird begleitet von einem spezifischeren Zusatz, der sich etwa an eitle Frauen oder fortpflanzungswillige Männer richtet:
„Rauchen lässt Ihre Haut altern“. „Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein“.
Aua. Schon syntaktisch aua. Die Sätze sägen, radikal banal. Aber wenn es wie bei der Hautalterung ohnehin um Eitelkeiten geht, warum dann nicht zusätzlich auf das sekundäre Eitelkeitsprojekt, den symbolischen Körper des Heims zielen?
„Rauchen macht ihre Wand gelb“. „Raucher müssen ihre Vorhänge öfter waschen“.
Alles ist Rauchen, Raucher, Rauch. Falls du Identitätsdissoziationen hast, ist eines immerhin sicher: Du bist Raucher. Interessant auch der Umgang mit Modalverben: Rauchen kann Sperma verlangsamen, aber gilt dieses kann auch für die Fruchtbarkeit?
Und: Was ist nun, tötet Rauchen generell oder kann Rauchen tödlich sein, beide Warnungen sind gleichberechtigt im Katalog vorhanden. Überhaupt, dieses kann: Welche Möglichkeit ist hier gemeint? Dass Rauchen es vermag zu töten, also die Fähigkeit besitzt, dich umzubringen? Oder, dass es noch nicht ganz klar ist, ob Rauchen dich tötet, dass es aber sein könnte? Kann hat von allen Modalverben den weitesten Semantikspielraum. Wen warnt man wie und wen wovor?
Es geht letztlich um sprachlich konstruierte Verantwortlichkeiten: Der Tod hat Wegweiser, die man besser nicht übersieht, weil sonst der Staat und die Gesellschaft dem Lungenkrebskranken „Ich hab’s dir ja gesagt“ entgegen plärren. Gesundheit wird wie so vieles privatisiert und schuldbesetzt. Per Traueranzeige wird die Solidarität gekündigt: Der Sinnüberschuss der Moderne war die Kritik. Heute ist es die Kontrolle. Gegen das Zittern kommt man nur mit Rauchen an.
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AUS: 1000 Tode, Hg. Christiane Frohmann. ‘Tausend Tode schreiben (Version 1/4)’ ist die erste Fassung eines groß angelegten Projekts. Die Idee ist, dass tausend Autoren tausend kurze Texte über den Tod schreiben: Persönliche Begegnungen, wissenschaftliche Betrachtungen, Fiktion. Diese vielfältigen Texte sollen zusammenwirken als ein transpersonaler Text, der – so die Annahme – einiges über das aktuelle Bild des Todes in unserer Gesellschaft verraten wird. ‘Tausend Tode schreiben’ ist ein work in progress. Die jetzt vorliegende Version 1/4 versammelt 135 Texte. Zwei weitere Versionen folgen am 16.1.2015 (2/4) und 16.2.2015, die endgültige und vollständige Fassung (4/4) erscheint am 13.3.2015 zur Leipziger Buchmesse. Käufer*innen älterer Versionen bekommen die jeweils neuen gratis.
Die Herausgeber- und Autorenanteile an den Erlösen werden dem Kindersterbehospiz Sonnenhof in Berlin-Pankow gespendet.
Erwerben kann man das epub zum Beispiel hier. DRM-frei und ohne Datenspeicherung.
Digitale Arena auf der Frankfurter Buchmesse mit Christiane Frohmann und Leander Wattig.
FROHMANN ROADSHOW OKTOBER 2014
1.
WAS: Das digitale Wir, Abteilung Berlin goes Frankfurt WANN: Donnerstag, 9.10, 14-19 Uhr WO: Frankfurter Buchmesse, Arena Digital, Halle 3.1 K15 2.
WAS: Eröffnung der Virenschleuder-Preisverleihung 2014 (#vsp14) mit Miniaturkatersalon zum Thema ANSTECKUNG WANN: Freitag, 10.10., 18-18.15 Uhr WO: Lesezelt im Innenhof der Frankfurter Buchmesse WEB: http://virenschleuderpreis.de/2014/09/28/virenschleuder-preisverleihung 3.
WAS: Der Digitale Katersalon beim Zündfunk Netzkongress WANN: Samstag, 11.10., 18.45-20.00 Uhr WO: Große Bühne, Münchner Volkstheater, Brienner Straße 50, 80333 München WEB: http://zuendfunk-netzkongress.de/programm/digitaler-katersalon/