Endlich Baseball verstehen
“Moneyball” ist einer der Filme, die ich in schwierigen Zeiten immer wieder anschaue, weil er mir Stabilität und Hoffnung gibt. Eigentlich ist es der einzige Film in dieser Kategorie, der kein Kriegsfilm ist. Ich kenne beinahe jeden Satz auswendig, obwohl ich keine Ahnung vom Baseball habe. Ein Großteil der Dialoge sind eine Art Raunen, ein Gedicht in einer fremden Sprache. Seit ein paar Jahren versuche ich, Baseball zu verstehen, aber es fehlte bisher der Zugang. Alle Fernsehübertragungen zeigen nur einen kleinen Teil des Feldes, und einen kleinen Teil der Handlung. Mir fehlt der Überblick und die Details, gleichzeitig. Beim Baseball sind Geschichte, Geographie und Hintergrundrauschen, drei meiner Lieblingsthemen, in das Geschehen integriert, aber im Fernsehen erfährt man davon wenig.
Die klassischen Liveticker, bei denen die Abfolge der Ereignisse in dürren Worten Play by Play geschildert wird, sind beim Basketball sehr aufregend – wenn man das Spiel versteht. Gepaart mit mittelguter Imagination kann man abends im Bett liegen und sich anhand des Livetickers vorstellen, was gerade im Spiel passiert. Beim Baseball ist Play-by-Play nutzlos, weil einerseits viel weniger Zählbares passiert, und andererseits ich die Sprache nicht verstehe. “Harries II struck out swinging, Albies caught stealing second, catcher to shortstop.” Als Gedicht ganz gut, als Information sehr obskur.
Die Playoffserie zwischen Phillies und Braves interessiert mich eigentlich nur, weil die Philadelphia 76ers (ein Basketballteam) derzeit in einem absurden Traumland gefangen sind, und deshalb alle in Philadelphia im Baseball (und im American Football, ein anderes Thema, Go Birds) Zuflucht suchen. In der Nacht zum Sonntag, ungefähr in der Mitte von Spiel 1, suche ich nach Informationen, und finde den ESPN Liveticker, der nicht nur das normale Play-by-Play enthält, sondern auch einen Gamecast.
Im Gamecast sieht man zum einen das gesamte Spielfeld, in einer kleinen Grafik, schematisch, und den Flug des Balles, mit einer Linie nachgezeichnet.
Zum anderen ist der Gamecast voll mit Zahlen. In einer weiteren Grafik sieht man jederzeit, wer wo steht. Man sieht genau, wo der Ball hingeht, und wie wahrscheinlich es ist, dass er genau an dieser Stelle von genau diesem Spieler getroffen wird. Man versteht auf Anhieb die Geographie des Spieles, die Bedeutung eines Spielzugs, den Unterschied zwischen Routine und Ereignis, zwischen Pflichterfüllung und Spektakel.
Zusatzeffekt: Weil die gesamte Darstellung mit Grafik und Zahlen funktioniert, kann man nebenbei auch noch die wirren Begriffe lernen und die Play-by-Play-Ereignisse in weniger dunkles Murmeln übersetzen.