Marcus hätte niemals gedacht, dass ein Angriff von ein paar Handlangern ihn so dermaßen aus der Fassung bringen würde, aber wie heißt es so schön? Es gibt für alles ein erstes Mal.
Während seine weißen Braids ihm im Gesicht hingen, schossen seine Gliedmaßen in sämtliche Richtungen um eine Vielzahl an Schlägen zu parieren und möglichen Messerstichen auszuweichen. Ächzend riss er sich schließlich vom letzten Angreifer los, trat ihm in die Milz und schleuderte ihn mit dem Kopf zuerst gegen eine Feuertreppe. Schnaufend betrachtete Marcus sein Werk und schüttelte den Kopf. Auf seiner Uhr leuchteten die hellen Zahlen. ,,schon halb zehn…”, murmelte der junge Mann und seufzte. Er müsse sich beeilen, ansonsten würde er seine 11 Uhr Vorlesung verpassen. Mit einem schnellen Anruf bestätigte er seinem Hauptquartier, dass erstmal genügend Beweise gesammelt und genügend Angreifer ausgeschaltet wurden,um die Ermittlungen fürs erste voran zu treiben und seine Mission zu beenden. ,,Haben verstanden, wir schicken ihnen den MQ-7 Jet, der sollte sie in Null komma Nichts zu ihrer Uni bringen können”; bestätigte ein Mitarbeiter durch den Lautsprecher seines Communciators und beendete den Anruf. Marcus wischte sich den wenigen Schmutz von seinem Anzug und kletterte über die Feuerleiter aufs Dach, um sich ein sicheres Plätzchen zu suchen und Ausschau nach besagtem Jet zu halten.
Es dauerte knapp eine Stunde bis Marcus in seiner Heimatstadt ankam. Der Jet parkte versteckt auf einer großen Wiese und Marcus hechtete hinaus, den Rucksack über die Schulter geschwungen. Während er über Zebrastreifen raste und anfahrenden und hupenden Autos auswich, ging er im Kopf bereits das Thema durch ,welches er für die heutige Vorlesung vorbereitet hatte. Marcus war ein 21 jähriger Student im zweiten Semester und interessierte sich brennend für Informatik. Zusammen mit seinem Kumpel Bo hatte er schon so einige kleine Minispiele selbst programmiert oder auch ein paar Zeilen Code für einige Freelance App Entwickler mitgeschrieben. Besagter Freund war auch derjenige, der auf ihn an den Toren der Uni wartete und ihm zu wank. ,,Yo, Marc!”, rief er und lächelte. Marcus rannte erneut achtlos über eine rote Ampel und kam schließlich unversehrt vor den Toren zum stehen. Nach Luft ringend stützte er sich auf seinen Knien ab, während seine weißen Braids ihm die Sicht versperrten.
,,Alles senkrecht bei dir Alter?”, fragte Bo halb besorgt und halb amüsiert, doch Marcus konnte nur nicken. ,,Jap, alles easy peasy”. Zusammen liefen die beiden Männer über den Campus, und bekamen den ein oder anderen anschmachtenden Blick zugeworfen. Während Bo sich in den verliebten Blicken seiner Mitschülerinnen sonnte, fühlte sich Marcus eher unwohl dabei. Frauen waren einfach nicht sein Ding, dass hatte er schon früh heraus gefunden. Bo war damals der einzige der geblieben war.
Die Treppen ins Obergeschoss nahmen sowohl Bo als auch Marcus wieder jegliche Kraft und nur mit Mut kamen sie oben am Vorlesungssaal an. ,,Ich werde nie verstehen wieso sie Vorlesungen im obersten Stock halten”, schnaufte Bo, ,,das sollte verboten werden”. Marcus grinste nur spöttisch, doch konnte seinem Kumpel ins Geheim nur Recht geben. Egal wie viele Jahre an Training er genossen hatte, nach einer erfolgreichen Mission auch noch ins Obergeschoss latschen zu müssen, ließ auch ihn nicht kalt. ,,Hey Bo”, schmeichelte eine weibliche Stimme in die Richtung der beiden Männer. Eine junge Dame ähnlichen Alters, mit schwarzen langen Locken, gekleidet in einer rosa farbenen Bluse und einer hautengen Jeans, baute sich vor den beiden auf. ,,Heyyyyyy, Alisha, baby, wie geht’s dir?”, Bo hatte seine Fassung zurück gewonnen und warf einen durchtrainierten Arm über die Schulter des Mädchens, das scheinbar nur Augen für ihr Gegenüber zu haben schien und Marcus gar nicht bemerkte. Die beiden Turteltauben tuschelten aufgeregt über eine anstehende Hausparty. ,,Marc, bist du auch dabei?”, riss die Dame unseren jungen Mann aus seinen Gedanken. ,,Uhh..was? Bei was denn?”, ,,na bei der Hausparty, die bei Devon du weißt schon, der Typ mit den vielen Tattoos”.
Marcus konnte sich nur wage an einen solchen Kerl erinnern. ,,Uh , ja klar, natürlich. Wann nochmal?”, fragte er. Auch wenn er keine Ahnung hatte wer dieser Devon war oder wo er hauste, diese Infos würde ihm bestimmt HQ liefern können. ,,Diesen Freitag, er meinte ab 20 Uhr könnte man aufschlagen”. Marcus nickte stumm und folgte den beiden dann erstmal in den sich füllenden Vorlesungssaal. Während Alisha und Bo sich nach weiter hinten verkrochen um ungestört über weitere Details der Party sprechen zu können, nahm Marcus seinen Platz eher in einer vorderen Reihe ein. Auch als Geheimagent hatte man schließlich einen gewissen Ruf zu verlieren. Gelangweilt fischte er seine Unterlagen und Stifte aus seinem Rucksack, während der Professor noch nicht da war.
,,Entschuldigung, ist der Platz neben dir noch frei?”, hörte Marcus plötzlich eine zarte Stimme neben sich fragen. Neugierig blickte er zu der Stimme hinauf und betrachtete den jüngeren Mann vor sich interessiert. Er trug einen Pastell blauen Hoodie und dazu einen schwarzen Mittelscheitel. Der Hoodie ließ seine graublauen Augen strahlen, sodass es Marcus im ersten Moment die Sprache verschlug. Schluckend deutet er nur freundlich auf den leeren Sitz und der junge Mann nahm Platz. “Danke sehr..ich heiße Tim übrigens”. Marcus räusperte sich. “Marcus”, murmelte er, ,,aber Marc reicht auch”. Der junge Mann, Tim wie er sich nannte, nickte freundlich und fokussierte sich dann auf den Professor, der dabei war seine Vorlesung in Gang zu bringen.
Marcus versuchte wirklich dem Beitrag zuzuhören, alle Muskeln in seinem Hirn arbeiteten zusammen ihn daran zu erinnern, dass er sich zu konzentrieren hatte. Aber genau diese Erinnerung war es, die ihn schließlich von der eigentlichen Konzentration ablenkte. Das, und der junge Mann neben ihm, der sich unentwegt Notizen aufschrieb. Die nächste Prüfung würde er sowas von verhauen. In dem Moment spürte er das bekannte Vibrieren seines Communicators tief in seiner Hosentasche. Marcus fluchte innerlich, wie konnten sie ihn gerade jetzt kontaktieren wollen? So subtil wie möglich fischte er das kleine, blaue Gerät aus seiner Tasche und linste auf das leuchtende Display. “MISSION 34 : Cupid. Status : Andauernd. Hauptverdächtiger : Iliana Perro. Meeting : 14:45 Uhr.
Marcus knirschte unweigerlich mit den Zähnen. 14:45?! Da fängt seine nächste Vorlesung normalerweise an. Wenn dies so weitergehen würde, dann könnte er sich seinen College Abschluss abschmieren.
Entnervt stopfte er das Mobilgerät wieder in seine Hosentasche und versuchte erneut der Vorlesung zuzuhören, wobei er zugeben musste mittlerweile komplett den Faden verloren zu haben. Gelangweilte ließ er seinen Blick durch den großen Saal schweifen, bis er schließlich an Tim hängen blieb.