April 2025 (mit Vorlauf, so ab 2022)
Brauchten die Leute früher eine eigene Sahneschlägerin in der Küche oder wie?
Bis 2020 bin ich in ein Café gegangen und habe dort Kuchen gegessen, wenn ich Kuchen haben wollte. Das ging ab Pandemiebeginn erst mal nicht mehr. Zusätzlich wurde das Reisen so kompliziert, dass ich seitdem immer gleich für drei Monate am Stück in Schottland geblieben bin, sowieso viel angenehmer. Aber ein schottisches Dorf ist kuchentechnisch nicht Berlin.
Ich fange also vorsichtig an, selbst Kuchen herzustellen. Nach ganz einfachen Rezepten, für die man außer einem Backblech und einem Ofen kein Werkzeug braucht, denn es gibt in diesem Haushalt weder Waage noch Messbecher noch Rührgerät. Deshalb rechne ich alle Mengen in Esslöffel oder eine aufgeschnittene Bierdose um und halte mich von 2022 bis 2024 fern von Kuchen, für die Dinge schaumig gerührt werden müssen. (Es geht hier um vier bis fünf Kuchen pro Jahr, ein sehr langsamer Lernprozess also.)
Ermutigt durch Ergebnisse, die Kuchen ziemlich ähnlich sehen und meistens auch so schmecken, versuche ich 2024 zum ersten Mal, den Standard-Geburtstagskuchen meiner Herkunftsfamilie zu backen. Dafür muss sowohl Eiweiß steifgeschlagen werden (für den Biskuitteig) als auch Sahne (für die Creme). Das geht, wie ich jetzt herausfinde, mit einem Schneebesen, aber der rechte Arm ermüdet dabei schnell und mit dem linken kann ich es nicht gut.
Ich kaufe bei Ebay für umgerechnet 10 Euro einen "Vintage Hand Mixer Egg Beater Teak Handle Mid century". Ich mag Geräte mit Kurbeln, und wenn es von "Mid century" bis 2024 gehalten hat, wird es voraussichtlich nie kaputtgehen.
Die ersten Experimente verlaufen unbefriedigend. Eiweiß lässt sich mühelos steifschlagen, aber bei der Sahne gebe ich immer wieder nach einer Viertelstunde auf. Im April 2025 will ich es dann mal wirklich wissen, kurbele eine Dreiviertelstunde und lese dabei ein Buch. Aber die Sahne bleibt schlaff.
Ich denke mit neuem Respekt über die Geschichte des Kuchenbackens nach. Hatte etwa jeder Haushalt eine eigene Sahneschlage-Hilfskraft für diese zeitraubende Tätigkeit? Mit einem überdimensionierten rechten Arm wie eine Winkerkrabbe? Erst wegen dieser Frage tue ich das, was ich viel früher hätte tun sollen, und konsultiere das Internet.
Das Internet sagt: In der Zeit des Handrührens war die Sahne fetter als heute. Wenn der Fettgehalt der Sahne passt, sollte es selbst mit einem Schneebesen nicht länger dauern als mit einem Rührgerät. Und man braucht dafür auch keinen Winkerkrabben-Arm.
Britische Single Cream hat, wie ich beim nächsten Supermarktbesuch herausfinde, nur 18% Fettgehalt. Sahne in Deutschland, Österreich und der Schweiz so zwischen 30 und 35%, britische Double Cream hat 36%. Ich kaufe Double Cream, das Mid-Century-Kurbelrührgerät kann aufhören, sich über die Gegenwart zu wundern, und das Sahneschlagen dauert jetzt nur noch wenige Minuten. Es ist genau wie mit einem elektrischen Rührgerät, nur leiser.
(Kathrin Passig)










