Das „Schwarze Quadrat“ von Kasimir Malewitsch ist eine Ikone der Kunstgeschichte. Der Titel ist allerdings irreführen. Denn tatsächlich ist die schwarze Fläche gar kein geometrisches Quadrat. Ist dies ein Versehen oder eine bewusste Entscheidung des Künstlers gewesen?
Vorab einen kurzen Einblick in die Entstehungsgeschichte: 1915 präsentierte Malewitsch sein Gemälde im Rahmen der Ausstellung „Letzte futuristische Gemäldeausstellung 0,10“ in einer außergewöhnlichen Position: Er hängte es in die obere, östliche Ecke des Raumes und somit an dem, gemäß russisch-orthodoxer Tradition, klassischen Platz für eine religiöse Ikone. Dadurch hob Malewitsch sein Kunstwerk auf die gleiche Ebene wie eine religiöse Ikone. Die geometrischen Formen im Bild waren eine klare Abwendung von der Gegenständlichkeit. Zusammen mit der inszenierten Gleichstellung mit einer religiösen Ikone, schien die Präsentation an Gotteslästerung zu grenzen.
Die Inszenierung des Schwarzen Quadrats sorgte für viel Aufmerksamkeit und massive Kritik aus akademischen Künstlerkreisen. Das Kunstwerk galt als klare Beleidigung gegenüber der traditionellen Malerei und wurde als „personifiziertes Nichts“ oder „totes Quadrat“ bezeichnet.
In der Ikonen-Ausstellung in der Kunsthalle Bremen hängt das Werk klassisch auf Sichthöhe. Dadurch wird deutlich, dass die schwarze Fläche kein exaktes Quadrat ist, sondern ein Viereck. Der ursprüngliche Titel lautet tatsächlich auch „Schwarzes Viereck“. Die geometrische Ungenauigkeit war kein Versehen, sondern eine bewusste Entscheidung. Malewitsch macht den Unterschied zwischen Viereck und Quadrat zum Thema des Bildes. Zugleich erhält das Bild einen wichtigen dynamischen Charakter durch die ungenaue Form des Vierecks. In einem Text verweist der Künstler darauf, dass aus dem Viereck zwei weitere Formen entstehen: durch Rotation der Kreis und durch Teilung das Kreuz. Alle drei – Viereck, Kreis und Kreuz – sind Formen, die der Künstler in vielen Variationen und Versionen in seinen Bilder erprobt hat.
Der Unterschied zwischen Viereck und Quadrat macht den visuellen Reiz des Bildes aus und lädt die Betrachtenden zur Reflexion ein. Und dies entspricht genau den Vorstellungen Malewitschs von der ‚suprematistischen Malerei‘. Durch rein bildnerische Mittel soll die spirituelle Wahrnehmung im Vordergrund stehen und der höchste Erkenntnis- und Empfindungsgewinn ermöglicht werden.