Wir waren alle schon einmal in spe: Schüler in spe, Gymnasiast in spe, später Vater in spe, Schwager in spe, andere waren Profi in spe, Schriftsteller in spe ...
Der Ausdruck kommt aus dem Lateinischen und bedeutet in der Hoffnung. Das Wiktionary, die Enzyklopädie der Generation Web 2.0 (andere nennen es das Nachschlagewerk der Faulen), listet als Synonyme für in spe baldig, demnächst, zukünftig auf. Der Engländer sagt to be, der Franzose behilft sich des Adjektivs futur(e), das er dem Nomen voranstellt. Wenn wir im Deutschen also von einem Zustand in spe reden, hoffen wir, dass er irgendwann einmal eintritt und wir das Anhängsel in spe dann nicht mehr brauchen. Wir hoffen, bald Mutter, bald Schwägerin, bald Fachmann oder bald Schauspieler zu sein. Das Interessante an der Wendung ist, dass mit ihrem Gebrauch nicht genau festgelegt wird, ob das Erhoffte in Bälde eintritt oder ob es noch in weiter Ferne liegt. Dies wird vom Schreiber oft zu seinem Vorteil ausgenützt, zum Beispiel wenn ein noch im Studium steckender Jungökonom schon als Manager in spe bezeichnet wird.
Im Allgemeinen ruft der Ausdruck eher positive Konnotationen hervor, so wie es die wörtliche Übersetzung in der Hoffnung ja auch suggeriert. Ein bisschen prätentiös mag er aber in manchen Ohren auch klingen; so sahen sich die jugendlichen Detektive der Hörspielreihe TKKG, ein Kürzel für die Vornamen der vier Helden, schon als Profis in spe. Der Jingle, der am Anfang jeder TKKG-Kassette erklang, war es auch, der mich als kleinen Jungen auf diesen Ausdruck aufmerksam machte. Ich dachte damals, in spe sei ein Modewort und beziehe sich auf eine spezielle Kleidung oder sonst ein äusserliches Merkmal. Als ich aber bemerkte, wie Tim, der selbsternannte, aber unumstrittene Anführer der Clique, sich und seine Freunde gerne jeder Person vorstellte, indem er ihr den Slogan unter die Nase rieb, erriet ich, dass es sich bei der Formel in spe um etwas Anderes als um äussere Aspekte handeln musste.
Wer wie ich gerne die Grenzen der deutschen Sprache auslotet, ohne dabei gleich als Sprachpanscher zu gelten, könnte den Ausdruck auch mit Adjektiven als nur wie gewöhnlich mit Substantiven gebrauchen. „Ich bin berühmt in spe“, könnte lauthals verkünden, wer gerade ein einzigartiges Youtube-Video hochgeladen oder ein revolutionäres Pamphlet auf seinem Blog veröffentlicht hat, das die Welt noch nie gesehen hat. „Ich bin reich in spe“, könnte stolz verlauten lassen, wer sich des Gewinns der nächsten Euromillionen sicher ist. Natürlich würde dadurch die Bedeutung der Wendung erweitert, und zwar durch den Faktor der Unsicherheit des Eintretens des erwünschten Zustands. Ohne weiter in der Sprachensuppe mit der grossen Kelle zu rühren, lasse ich den Leser lieber über eigene in spe-Ausdrücke sinnieren. Das wären dann Ideen in spe.