Im Olivenhain
Die Reifen schlitterten über lockere Steine und Staub wirbelte auf, als der Pick Up durch die Kurven ging und den Berg hinaufjagte. Christos fuhr so schnell, wie er konnte. Vielleicht würde er sie kriegen und jetzt war er vorbereitet. Sein Jagdgewehr lag hinten unter dem Rücksitz. Nein, er würde nicht klein beigeben und nein, er würde auch kein Angebot akzeptieren.
Christos kannte die Geschichten, er kannte die Methoden dieser Firmen. Erst im letzten Jahr hatten sich Bauern gegen das Errichten eines Windparks gestemmt, sie hatten alle Angebote ausgeschlagen, mit denen die Firma ihnen das Land abkaufen wollte. Und dann, kurz darauf, hat es plötzlich ein Feuer gegeben. Es hatte sich unaufhaltsam durch den Besitz dieser Bauern gefressen, Bauern, wie Christos einer war.
Dann, später, hatten sie ihr Land verkauft, für einen Bruchteil des Preises, denn was war ihnen übriggeblieben, jetzt, wo ihr Land ein leere Flecken Erde voller Asche war? Der Windpark wurde gebaut und die Ursache des Feuers nie gefunden.
Und jetzt waren diese Piraten hier und hatten Christos und seinen Nachbarn Angebote gemacht. Als ob sie wirklich damit rechnen würden, ihm das Land abkaufen zu können. Es war das Land seiner Familie, seit Generationen, und die Oliven, die dort wuchsen, waren beliebt. Christos hatte nichts anderes gelernt und er wollte auch nichts anderes. Das war sein Leben.
Dann war er heute plötzlich aufgewacht. Er hatte mitten in der Küche gelegen und konnte sich nicht erinnern, schlafen gegangen zu sein. Er war vor die Tür getreten und plötzlich war um ihn herum alles voller Rauch. Westlich, in Nemea, schien es zu brennen und auch im Ortskern seines Heimatortes Koutsomodi war Rauch zu sehen und überall waren die Sirenen angegangen. Was war geschehen? Christos hatte zurück in seine Küche geschaut, zum Tisch, auf dem noch das Schreiben der Firma für Windenergie gelegen hatte. War es das Feuer, das kommen würde? Oder war es ein Ablenkungsmanöver? Mit einem Mal hatte ihn rasender Zorn erfasst. Sie würden es niemals bekommen. Zumindest nicht ohne Kampf. Er hatte sich sein Gewehr geschnappt, sein Handy gegriffen und war in seinen Wagen gesprungen. Auf dem Weg dorthin hatte sein Handy angefangen zu klingeln und seine Familie, Bekannte und Verwandte hatten ihm berichtet, es sei ihnen ebenso ergangen wie ihm. Auch sie seien aufgewacht und es schien sehr viel mehr geschehen zu sein, als Rauch und Sirenen. Doch Christos verlangsamte seine Fahrt nicht, denn der Einzige, der sich nicht gemeldet hatte, war Niko, sein Gehilfe, der bei den Feldern arbeitete und der zu diesem Zeitpunkt allein dort oben war. Christos musste wissen, ob auf seinem Land alles in Ordnung war. Ob nicht doch dies ein Angriff auf sein Leben war und alles, was ihm neben seiner Familie etwas bedeutete.
Als der Wagen quietschend zum Stehen gekommen war, stieg Christos aus und schaute sich um. Die Luft roch nach Rauch, doch der Geruch war dünn und von seinen Feldern schien nichts auszugehen. Alles wirkte ruhig und nichts war zu hören.
Niko war nirgends zu sehen oder zu hören. Er antwortete nicht auf Christos‘ Rufe und meldete sich auch nicht per Handy. Von allen Seiten drang jetzt das Sirenengeheul herauf und mit einem Mal kam Christos die Stille hier oben unheimlich vor, falsch. Er nahm sein Gewehr heraus und sah sich um. Das Arbeitsgebäude, das am Ende der Straße lag, umschlossen von den abschüssigen Feldern, war leer. Also machte sich Christos auf den Weg und ging durch die Felder. Reihe um Reihe standen die Olivenbäume auf den nach Süden abfallenden Hügeln. Hier und da wuchs Gras zwischen ihnen. Christos liebte diese Bäume und er liebte die Arbeit mit ihnen. Seine erste Erinnerung war, wie er Oliven vom Boden gesammelt hatte, die bei der Ernte aus den Netzen gefallen waren. Sein Vater hatte ihm alles beigebracht und sie hatten fast über nichts anderes gesprochen. Christos‘ erster Sohn war unter den Bäumen gezeugt worden. An einem so warmen Tag, wie diesem.
Mit einem Mal wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Dort war etwas. Dort zwischen den Stämmen. Es glänzte in der Sonne und war auf den Grashalmen, aber auch auf dem Boden verteilt.
Christos wusste sofort, was es war und ohne zu überlegen, entsicherte er seine Waffe und nahm sie von der Schulter. Es war Blut. Dort war eine Blutspur auf dem Boden und auch wenn er kein Fachmann war, wusste er, als er sah, dass es sich nicht um ein paar Tropfen handelte, sondern um eine Spur, die sich nach Süden hin wie eine breite Linie entlang zog, dass es kein kleines Lebewesen gewesen sein konnte, das hier entlanggekommen oder gezogen worden war. Die Stille umfing ihn jetzt ganz, Christos hörte nur noch sein Herz schlagen, als er geduckt durch die Baumreihen schritt und der Spur folgte.
Dann, sie machte gerade eine Kehrtwende nach Osten, sah er etwas. Dort lag ein großes Lebewesen. Nein, es war nicht das Opfer. Dort lag etwas unter den Bäumen und schlief. Christos konnte hören, dass es leise schnarchte. Es war das Brummen eines großen Tieres, einer großen Katze, und jetzt sah er, dass das, was er für dunkles, getrocknetes Gras gehalten hatte, eine Mähne war.
Inmitten seines Olivenhaines lag ein Löwe und schlief.
Christos machte keinen Laut. Unbeweglich stand er da und schaute auf das riesige Tier herab. Vielleicht war es die Perspektive oder die Überraschung, aber dieser Löwe sah um einiges größer aus als diejenigen, die er aus dem Zoo kannte. Sein Fell war makellos golden, darunter spannten sich die Muskeln, die Mähne war dunkel, voll und groß, der Körper geschmeidig und gut genährt. Christos spürte das schnelle Aufflackern einer Erkenntnis, die ihm sagte, wie schön der Löwe war.
Dieses Betrachten war nur ein kurzer Moment und dann, Schritt für Schritt, bewegte sich Christos langsam und so geräuschlos wie möglich rückwärts und von dem Tier weg. Er war weder ein Dummkopf noch ein Feigling. Und er war vor allem kein Jäger. Bisher hatte er das Gewehr nur zum Vertreiben verwendet, nur einmal hatte er auf ein Reh geschossen. Und nicht getroffen. Wie erlegt man einen Löwen? Was würde geschehen, wenn er schoss und nicht traf? Oder, noch viel schlimmer, was würde geschehen, wenn er traf, den Löwen aber nur verwundete? Das Gewehr schien in seinen Händen zu schrumpfen. Es wirkte angesichts des riesigen Tieres lächerlich klein.
War es denn überhaupt seine Aufgabe, einen Löwen zu erlegen? Sollte er nicht vielmehr jemanden rufen, der sich damit auskannte? Sein Sohn hätte wohl geschossen, er jedoch nicht und nur ganz kurz spürte er instinktiv Erleichterung, dass sein Sohn heute nicht hier oben gewesen war, sondern Niko. Was für ein schlimmer Gedanken und zum Glück keiner, der ihm bewusst gekommen war.
Langsam schlich Christos zurück. Er wagte nicht schnell zu gehen und er wagte auch nicht, das Handy zu benutzen. Jedes Geräusch könnte den Jäger wecken, der dort unten schlief.
Mit einem Mal wirkte der Rückweg schrecklich lang, die Reihen der Bäume kamen ihm viel mehr vor und die Furcht vor dem goldenen Augenpaar, das ihn fixierte, kribbelte in seinem Rücken. Doch alles blieb ruhig. Noch. Eben, als er gerade das Haus zwischen den Bäumen sah, hörte er hinter sich ein Brüllen, das den ganzen Olivenhain erzittern ließ.
Ohne zu überlegen, rannte Christos los. Er war nicht mehr so schnell wie früher und der Hang wirkte in den letzten Jahren steiler als in den Jahren zuvor, doch Christos lief weiter, auch wenn seine Lungen schon nach kurzer Zeit brannten und seine Beinmuskeln wütend protestierten. Er war überzeugt, dass der Löwe kommen würde.
Und er kam.
Als Christos gerade die letzte Baumreihe hinter sich gelassen hatte, hörte er es hinter sich knacken und rascheln. In langen Sätzen sprang der Löwe den Hang hinauf und seine Augen taten genau das, wovor sich Christos eben noch so gefürchtet hatte. Sie fixierten ihn, ohne zu blinzeln, ohne ein einziges Mal zur Seite zu weichen. Christos‘ Stolpern war das exakte Gegenteil der eleganten Sätze seines Verfolgers und als er hörte, wie der Löwe auf Sand aufsetzte, ebenfalls die letzte Baumreihe hinter sich gelassen hatte, da wusste er, dass er den Wagen, der fast direkt vor ihm stand, nicht rechtzeitig erreichen würde.
Ohne zu überlegen, wirbelte er herum, das Gewehr im Anschlag. Was sollte er anders tun? Er fiel nach hinten, auf den Pick Up zu. Und der Löwe, der bereits zum Sprung angesetzt hatte, war fast genau über ihm. Christos Zeigefinger zog den Abzug voll durch und das Gewehr krachte und die Wucht des Rückstoßes riss ihm das Gewehr aus den Händen. Doch dann geschah etwas vollkommen Unmögliches. In diesem Moment, als der Löwe über ihm war und die Welt sich wie in Zeitlupe weiterbewegte, sah Christos ganz deutlich, wie das Projektil auf die Brust des Tieres traf und ohne einen Kratzer zu hinterlassen von dem Fell abprallte.
Ja, das Fell blieb unversehrt, doch die Kraft des Aufpralls reichte, um den Löwen im Flug aus seiner Flugbahn zu reißen. Unkontrolliert krachte er gegen den Wagen und fiel zur Seite. Christos rappelte sich auf. Er hatte nur diese eine Chance. Wenn der Löwe wieder auf seinen Füßen war, dann würde er seine Beute erlegen. Der alte Mann riss die Tür seines Wagens auf und in dem Moment, in dem der Löwe wieder stand, war Christos in seinem Pick Up und als die Tür zu fiel, krachte der Kopf des Tieres gegen sie. Christos war in Sicherheit.
Für einen kurzen Moment saß Christos da und starrte auf den Löwen wie gelähmt. Das Gewehr hatte ihn nicht verletzt. Aus nächster Nähe hatte das Projektil das Fell nicht durchdringen können, auch wenn die Wucht so groß war, dass das Geschoss den Löwen umgerissen hatte. Wieder war Christos ein Kind, wieder war er mit seinem Vater im Olivenhain und er hörte, deutlich, wie damals, die Geschichte von der ersten Aufgabe des Herakles, dem Erlegen des Nemeischen Löwen, eines riesigen Ungeheuers in Löwengestalt, das in dem Landstrich gelebt haben soll, in dem sich Christos genau jetzt befand, in seinem Olivenhain, östlich des heutigen Nemea.
Nein, es konnte nicht sein. Und doch hatte er mit eigenen Augen gesehen, was eigentlich unmöglich war. Er suchte nach seinem Handy, doch es war nicht mehr in seiner Jacke und auch nicht mehr im Wagen. Wahrscheinlich lag es neben dem Auto oder darunter.
Der Löwe strich erst um das Auto herum, beschnupperte es und dann, als würde er wissen, was dies für ein Ding und dass er mit seiner Beute allein war, entfernte er sich etwas und stellte sich auf die Straße, der einzigen Straße, die vom Olivenhain herabführte. Dort stand er und sah Christos mit seinen goldenen Augen an. Christos sah die riesigen Tatzen des Tieres, die breiten Schultern und die wilde Mähne.
Sie sahen sich an. Löwe und Mensch. Christos wusste, der Löwe würde nicht weichen. Sein Blick ließ keine andere Lesart zu. Ganz langsam ging Christos‘ Hand zum Zündschlüssel. Er war kein Herakles, doch er kannte die Geschichte. Das undurchdringliche Fell machte den Nemischen Löwen der Legende nach nicht unsterblich und schließlich wurde er vom großen Helden erdrosselt.
Christos war nicht stark genug dafür, doch vielleicht war der Wagen in der Lage, den Weg freizumachen und dann trat Christos das Gaspedal voll durch. Die ganze Zeit über hatten sie sich angestarrt und nun, da der Wagen auf ihn zuraste, trat der Löwe nicht zur Seite. Noch immer die Augen auf seine Beute geheftet, sprang er voran und auf das Auto zu. Dann setzte er an zum Angriff an mit einem Satz, der ihn über die Motorhaube katapultieren würde. Doch Christos wich nicht aus, sondern ließ den Wagen, über hundert Pferdestärken, wie einen Rammbock auf den Löwen zuschießen.
Der Aufprall hallte weit über das Land, als Mythos und Maschine aufeinandertrafen.
















