GELESEN: Ein deutsches Klassenzimmer
Ein deutsches Klassenzimmer von Jan Kammann (Piper)
304 Seiten, Taschenbuch, Deutsch
Als ich die Inhaltsangabe des Buches gelesen hatte, musste ich schmunzeln. Wenn ich eines Tages vielleicht doch Lehrerin werden sollte, wäre mir sicherlich auch sowas in der Art eingefallen: In einem Sabatjahr (fast) alle Länder bereisen, aus welchem meine Schüler herkommen. Was für viele sicherlich nach einer doch recht speziellen Idee klingt, hat Jan Kammann wirklich erlebt, und seine Eindrücke anschließend in diesem Buch festgehalten.
In über 22 Länder hat es ihn dabei verschlagen, unter anderem auch nach Kolumbien, Südkorea oder Ghana. Einmal quer um den Globus entführt uns dieses charmante Buch, welches ich so gerne gelesen habe.
Jan Kammann hat ein wahres Talent dafür, zu erzählen und zu erklären, was, to be fair, wahrscheinlich ganz praktisch ist, wenn man Englisch und Geografielehrer einer internationalen Vorbereitungsklasse in Hamburg arbeitet. Aber auch fern von Tafel und Lehrerzimmer und stattdessen als Erzähler seiner eigenen Geschichte, schafft es Kammann, den Leser dauerhaft zu fesseln und zu faszinieren und all die vielen Dinge nahezubringen, die ihm so auf seiner Reise wiederfahren sind. Dabei macht es gar keinen Unterschied, ob er in Armenien auf halsbrecherische Autofahrten geht, in Kolumbien mit Drogendealern schnackt oder aber sich in Südkorea durch eine Vielzahl von Gerichten probiert. Immer schafft er es, einen aus den eigenen vier Wänden heraus mitzunehmen, hinaus auf die Straßen von Kuba oder die Berge Nicaraguas. Dass dabei die eigene Reiselust mit jeder Seite wächst, ist da natürlich kein Wunder.
Ich fand es besonders schön, dass viele der Reisen teilweise von von den Schülern selbst angefertigten Reiseführern inspiriert wurden, welche auch hinten im Buch abgebildet sind. Das verbindet wunderschön das Anliegen Kammanns, einerseits von seiner Weltreise, andererseits von seinen Schülern zu berichten. Denn egal, wohin es uns verschlägt, der Klassenraum von Kammanns 10. Klasse begleitet uns durch das ganze Buch hindurch und bietet eine Vielzahl von schönen Anekdoten, die mal witzig, mal traurig sind, aber immer zum nachdenken anregen und in denen Kammann die eine oder andere, in meinen Augen definitiv notwendige, Kritik an dem deutschen Schulsystem, besonders im Bezug auf Chancengleichheit, äußert.
Dazu kommt auch, das Kammann mit seiner Geschichte definitiv den Nerv der Zeit trifft: Wir leben in einer Welt, in der Interkulturalität und Toleranz immer wichtiger werden, je mehr wir uns untereinander vernetzen. Wir alle sind dabei angehalten, uns weiterzubilden und kulturelles Verständnis zu entwickeln. Jan Kammann tritt in diesem Buch gleichzeitg als Lehrender und Lernender auf, eine Rolle, die wir alle einnehmen, wenn es darum geht, unserer Pflicht als Weltbürgern nachzukommen, und mit offenen Ohren, Augen und Herzen durch die Welt zu gehen. Denn es warten Geschichten und Ideen und Menschen an jeder Ecke des Weges und sind dabei so divers wie die Farben des Regenbogens, was es nicht immer einfach, aber umso bereichernder macht, zu reisen, nachzufragen und zuzuhören.
Gerade in diesem Sinne möchte ich kritisieren, dass Jan Kammann zwar mit viel Offenheit und Herzlichkeit durch die Welt stapft, ich mir aber doch an einigen Stellen gewünscht hätte, dass er als weißer, cishet Mann seine Privilegien verstärkt hinterfragt. Denn ist er doch größtenteils wirklich jemand, der lernen und zuhören möchte, so verfällt er manchmal in die Rolle des Mansplainers und ist nicht immer so sensibel gegenüber Mikroaggresionen, wie ich es mir gewünscht hätte.
Alles in einem allerdings ein sehr schönes Werk über einen Lehrer, der auszog, wieder ein Schüler zu werden und die wichtigen Lektionen zu lernen: Fernweh, Liebe, Verständnis, Abenteuer, Zusammenhalt.
Werbung | Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares















