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An der Grenze zwischen Historie und Phantastik – Kai Meyer und seine Würdigung des Graphischen Viertels in Leipzig
Der deutsche Fantasy-Autor Kai Meyer tritt bei Lesungen gerne im Trio „Meister der Phantastik“ auf, begleitet von Markus Heitz und Bernhard Hennen. Während seine beiden Kollegen eher der epischen Fantasy, dem blutigen bis klamaukig interpretierten Horror und einer eher von Gewalt bestimmten Zwergen und Elben-Thematik verpflichtet sind, zeichnet sich Meyers Literatur für Jugendliche wie Erwachsene vor allem durch seine poetische Sprache und seinen Willen zur historischen Untermauerung aus. Seit 1995 arbeitet der ursprünglich zum Journalisten ausgebildete Autor - freischaffend. Sein erster großer Erfolg wurde dann Anfang der der 2000er Jahre die Merle-Trilogie (2001-2) sowie die anschließend erschienene Wellenläufer-Trilogie (2003-4). Es folgten die Wolkenvolk-Trilogie (2006-7; wunderbar eingesprochen von Bob Andrews-Sprecher Andreas Fröhlich) und die das Romeo und Julia-Thema modern und phantastisch interpretierende Arkadien-Reihe (2009-11). All diese Geschichten werden derzeit vom Drachenmond-Verlag in (mehr oder weniger schönen aber in jedem Fall) aufwändigen Farbschnittausgaben neu veröffentlicht. Er wie seine Leser hängen nach wie vor an diesen prägenden Reihen. Und fernab der Nostalgie sind sie einfach eindrücklich und individuell in Tonfall wie Dramaturgie. All diese Werke zeichnet eine im mitreißenden Sinne bildhafte Sprache, ein sanftes Changieren an der Grenze zwischen Realität und Imagination aus. Ähnlich wie Autoren des magischen Realismus oder auch Haruki Murakami bietet diese Schwelle viele erzählerische wie emotionale Möglichkeiten an.
Gegenwärtig hat sich der Autor auf ein beliebtes, viel beschriebenes und dennoch nach wie vor dankbares Thema fokussiert: Literatur und Buchkunst als Thema, nicht nur Eigenschaft des Buches in den Händen der Leser*Innen. Nach einer Aussage im vergangenen Jahr bestätigt Meyer, dass er sich derzeit im historischen Leipzig sehr wohl fühlt und wenig Ambitionen für einen typischen Fantasy-Roman hat. Spätestens seit Tintenherz von Cornelia Funke ist diese bibliophile Vorstellung von „Buchmagie“ auch in der Fantasy beliebt, als Haupt- wie Seitenthema. Gerade in Zeiten einer schrumpfenden Leserschaft scheint der Wunsch nach schönen Ausgaben wie der Glorifizierung des Mediums in all seinen Aspekten zuzunehmen. Die Farbschnittausgaben ziehen sukzessive in die Programme aller Verlage ein und die New Adult-Abteilungen kommen ohne Notizzettel und schöne Lese-Accessoires kaum aus.
Doch Meyer steht - trotz seiner neu aufgelegten Bestseller im überladenen Farbschnitt - mit seiner aktuellen Reihe fern solcher Oberflächlichkeiten. Der einzig passende Vergleich scheinen Carlos Ruiz Zafóns Arbeiten zu sein. Seine Nebel-Trilogie (1993-5; in dt. Sprache ab 1996 veröffentlicht) und auch die mit recht großen zeitlichen Abständen verfassten vier Romane zum „Friedhof der vergessenen Bücher“ (2001-16; in dt. Sprache 2003-17) sind stilistisch noch eine Ebene höher anzusetzen als Meyer, aber ansonsten passt dieser Vergleich inhaltlich wie perspektivisch sehr gut. Während der Katalane Zafón seiner Heimatstadt Barcelona damit ein unsterbliches literarisches Denkmal gesetzt hat, nimmt sich Meyer neben der Stadt Leipzig auch der gesamtdeutschen Geschichte der beiden Weltkriege und ihren Auswirkungen auf andere europäische Länder an. Beiden gemeinsam ist das Spiel mit schaurig-fantastischen Elementen in einem realistisch gehaltenen Roman, wobei Zafóns Phantastik hier größere Ausmaße annimmt.
Von 2014 bis 2018 veröffentlichte Meyer die Pentalogie Die Seiten der Welt, welche noch recht nahe am genannten Bestseller von Cornelia Funke liegt. Seit 2022 aber widmet er sich ganz der bibliophilen Welt des Buchdrucks, der gepflegten Bibliotheken, der Antiquariate, der Verlage und auch der Buchmenschen, welche diese Parallelwelt entscheidend mitbestimmen. Drei unabhängige Romane, welche im historischen Graphischen Viertel Leipzigs spielen, hat der Autor bereits veröffentlicht, im November steht (pünktlich für Weihnachten) die Veröffentlichung des vierten Buches an: Das Antiquariat am alten Friedhof. Die erste Präsentation ist derzeit am 3. November in Leipzig geplant (s. dazu die Verlagsseite: Das Antiquariat am alten Friedhof - Kai Meyer | Droemer Knaur).
Die Spurensuchen wie großen Liebesgeschichten in historisch von Weltkriegen bestimmten Zeiten rahmt der sehr fähige sprachliche Ausstatter mit einer schaurigen, weniger fantastischen, Kulisse ein. Zentral für den Sog der Romane sind zauberhafte Land- und Stadtbeschreibungen sowie die dazugehörigen Lebensgeschichten, welche tragisch, magisch, romantisch und nicht zwingend mit einer hoffnungsvollen Zukunft verknüpft sind. In einer spannenden Mischung aus Schauerroman und historischem Roman, verbunden durch mysteriöse Handlungsstränge auf verschiedenen zeitlichen Ebenen erzählt der Autor Geschichten rund um das historische (wie fast vollständig am 3./4.12.1943 bei einem Bombenangriff zerstörte) Graphische Viertel in Leipzig, welches Dreh- und Angelpunkt, der in unterschiedlichen Ländern und verschiedenen Zeiten spielenden Geschichten bildet (Für weiterführende Informationen zu diesem Viertel ist ein Beitrag der Website der Stadt Leipzig zu empfehlen: Das historische Buchviertel - Stadt Leipzig).
„Bomben fielen vom Nachthimmel, als der Junge sein Gefängnis verließ, den Raum voller Bücher. (…) An den Wänden seines Zimmers reichten die Regale bis zur Decke, die Bücher standen Rücken an Rücken, viele in dichten Doppelreihen. Mit fünf hatte man ihm das Lesen beigebracht, seitdem war seine Welt aus Papier. In dieser Nacht erfuhr er, dass kaum etwas besser brannte.“ (Taschenbuchausgabe von Die Bücher, der Junge und die Nacht, S. 5)
In Die Bücher, der Junge und die Nacht steigt Meyer sogleich markant mit einer Schilderung einer brennenden Bibliothek ein, welche er sogleich auf das ganze Viertel ausweitet. Er beschreibt damit eine Horrorkulisse für Leser, Buchdrucker, Graphiker, Verlagsmitarbeiter und auch alle Nachkriegsgeborenen. Brennende Bücher sind nach dem Wüten der Nazis in Deutschland auch zum Symbol geworden und scheinen angesichts der Eingriffe in Bibliotheksbestände in den USA wieder zur drohenden Kulisse zu werden. Auch die Brände in Folge der Angriffe der Alliierten auf Nazi-Deutschland lassen sich nicht losgelöst von dieser Symbolik sehen. Fern dieser Ausgangssituation wird der Leser in das Leben des erwachsen gewordenen Protagonisten geworfen. Dieser ist – natürlich - zum Bibliothekar, Buchhändler und Buchsammler geworden und erfährt nach und nach Details über das traurige Schicksal seines Vaters (einem Antiquar und Buchbinder). Der Leser ist hier mit mehr Wissen gesegnet als der Protagonist selbst, eine spannende Konstellation. Innerhalb dieses Rahmens erlebt man als Leser eine Reise durch die Zeit, das historische Leipzig, die Magie des Lesens und die drohende politische Kulisse der späten 1930er-Jahre. Denn auch Verlage, Druckereien, Autoren und Buchhandlungen sowie ihre zu Teilen freigeistigen Mitarbeiter mussten sich mit den politischen Gegebenheiten arrangieren oder angestammte Plätze verlassen. Meyer gelingt hier ein breites Panorama, welches neben der vordergründigen Handlung auch auf der Ebene der Historik viele Details vermitteln kann.
„Eine Bibliothek ist so viel mehr als nur die Bücher in den Regalen. Sie ist ein Kosmos ein ganzes Universum. Wir könnten die Bücher aus diesem Haus holen, aber nicht die Bibliothek. Um sie zu besitzen, muss ich das Haus besitzen.“ (DBdN, S. 81)
2023 folgte auf diesen einnehmenden Auftakt sogleich ein lose verknüpfter Band mit dem Titel Die Bibliothek des Nebels. Während im Auftakt das geteilte Deutschland zum Nebenschauplatz wird, wählt der Autor hier die Côte d’Azur und ein großes Hotel an der Küste als Spielort seiner Handlungselemente, welche zeitlich die Punkte 1917 – 1928 – 1957 markieren. Im Mittelpunkt stehen neben einer geheimnisvollen Bibliothek auch eine Verlegerfamilie und vor allem das Schicksal des Russen Artur, dessen Flucht aus St. Petersburg (an der Seite von Gregori, einer Gestalt aus dem Auftakt der Reihe) den Romanbeginn darstellt. Sein Ziel ist das Graphische Viertel, wo seine große Liebe auf ihre Hochzeit mit einem der besagten Verlegersöhne erwartet. Ihr Charakter ist einer der spannendsten, wandlungsfähigsten und ambivalentesten des Romans. Zugleich erfüllt sie eher die Rolle eines Phantoms denn einer fassbaren, berechenbaren Gestalt. Meyers Protagonisten sind insgesamt in ihrer Zaghaftigkeit, Kauzigkeit und ihrem leisen Mut sympathisch unheroisch.
„Manche Menschen sind für die Bücher gemacht, und nur die Ahnungslosen glauben, es sei umgekehrt. (…) Im Nachhinein wundere ich mich, dass ich mir kaum Sorgen um uns machte. Diese Menschen da draußen mochten durch verlassene Häuser randalieren, aber gewiss doch solche meiden, in denen es Zeugen gab. (…) So dachte ich damals, Narr, der ich war, und es verrät viel über die Blauäugigkeit, mit der ich die Welt durch Bibliotheksfenster betrachtete.“ (DBdN, S. 7)
In den beiden ersten Romanen der Reihe wählt Meyer einen Charakter als vorrangigen Erzähler aus um dessen Lebensausgang mit einzuschließen –dieser wird aber von anderen erzählt. Zeitlich ist die Haupterzählung in diesen ersten Romanen die mittlere der drei Zeitebenen. Die Vorgeschichte wie die Folgen oder auch Erinnerung an diese Ankerfiguren werden miteinander verknüpft. Am Ende beider Romane steht als Ausgleich zu den unerfüllten und tragischen Liebesgeschichten auch eine hoffnungsvolle junge Liebe. Dennoch gleitet der Autor dabei nicht in den Kitsch ab. Die Frauengestalten sind dabei zwar zart und schön, aber zugleich eigenwillig, mutig und kampferprobt. Strukturell hat Meyer hier ein Format gefunden, welches er zumindest in den ersten beiden Beiträgen aufrechterhält. Dennoch ist der Ausgang nicht erwartbar und Enthüllungen harren bis zur letzten Seite.
Im Haus der Bücher und Schatten (2024) ist der aktuelle Band, welcher im vergangenen Herbst erst veröffentlicht wurde. Weiterhin in den 1930er Jahren verhaftet macht Meyer hier eine Lektorin zur Protagonistin und das Baltikum zu Zeiten des ersten Weltkrieges zum Nebenschauplatz oder auch zum Ort der Ausgangserzählung des Romans. Von den Sepia-gefärbten Buchcovern über diese zeitliche Verortung geht Meyer hier typischen (Vermarktungs-)Mustern des historischen Romans nach und erzählt dabei zeitlos erscheinende Geschichten, gewürzt mit einer Prise Buchmagie und einer Feier der Literatur als Fluchtmöglichkeit. Die Einordnung dieser Romane in das Sortiment eines Buchladens fällt schwer, da sie eigentlich in der Belletristik, der Phantastik und den historischen Romanen gut aufgehoben sind.
Auch die kurze Inhaltsangabe vom angekündigten vierten Roman der Reihe (namentlich Das Antiquariat am alten Friedhof - EVT 3.11.2025) lässt vermuten, dass sich Meyer nun gänzlich dem Graphischen Viertel und den Nachkriegsjahren widmen wird. Vielleicht verzichtet er dann auf die zeitliche Dreiteilung und konzentriert sich auf den Vorher-Nachher-Moment, das Erkunden der Vergangenheit aus Sicht einer neuen Gegenwart. Damit würde er seine Struktur vereinfachen, gewissermaßen angleichen. Aber bis zur Klärung dieser Frage muss sich der Leser noch einige Monate gedulden. Bis dahin sei jedem sprachästhetisch interessiertem Leser Die Bücher, der Junge und die Nacht sowie Die Bibliothek im Nebel empfohlen, egal ob Sommer oder Winter, in jedem Fall ist die Gefahr des völligen Versinkens in jedem Fall gegeben. Und Schwelgen in Vorstellungen von bibliophilen Stätten (Bibliotheken, Antiquariaten, Büchereien, Buchhandlungen, Verlagen, Druckereien etc.) ist nachhaltiger als das Betrachten eines mehr oder weniger schönen Farbschnitts am Buchrand.
Eine kleine Empfehlung zum Schluss: Zur 2024 erschienenen deutschen Horror-Anthologie Das Böse vor deiner Tür trägt Kai Meyer die ungewohnt blutige Erzählung Kalvarienberg bei und sticht damit, ebenso wie Andreas Eschbach und Thomas Finn mit ihren Beiträgen, heraus. Sein akademisches Interesse an scheinbar nahezu allem ist hier deutlich zu spüren. Informationen zu diesem Band deutschsprachiger Krimi, Horror- und Fantasy-Autoren sind auf der Website des dtv-Verlages zu finden. Auch der zweite Meister der Phantastik, Markus Heitz, ist mit einem Beitrag beteiligt.
Second hand book haul 📚
MERLE and the water mirror visuals [ 1 | 2 | 3 | 4 ]
Merle 1-3 + Serafin Book covers for the German new edition (plus one new book!) of Kai Meyer’s Merle series published by Fischer/Sauerländer. Prints | Twitter | Instagram | Portfolio
115. Small Victories (The Wavewalker Trilogy)
Title: Small Victories Link: https://archiveofourown.org/works/4093558 Platform: AO3 Creator: MeggieJolly Work Type: Fanfiction Fandom: The Wavewalker Trilogy Rating: Teen and Up Pairing: Jolly/Griffin Word count: 1084 Warnings: major character death Number of comments: 1 Completion Status: Complete Short summary/description: Inspired by the music video of the song Eisblumen by Eisblume. But in this case Aina and the Maelstrom won.
Currently on my tbr: Die Spur der Bücher by Kai Meyer
I'm shocked and disappointed that there is not a single post on this website about The Water Mirror trilogy by Kai Meyer. I'm currently rereading it and it is still so good. Magical Venice? Mermaids with shark teeth? Flying lions with stone skin? Mirrors for eyes? These books have everything you never knew you wanted. Easy to read, excellent worldbuilding, pleasant writing style that puts images of impossible things right in your head, and pretty great characters you can't help but love.