Kniebeugen
Knienbeugenstreit ist Bilderstreit, nicht nur, weil die Beugung eine Geste ist, die den Gebeugten zu einem 'Diplomaten' macht. Um die Knie zu beugen muss man sich einfalten, man ist als Gebeugter Gesandter. Die Geste ist ein Bild, ein Abbild, sie hat Vorbilder, sie führt ein Protokoll aus. Die Kniebeuge ist eine diplomatische Geste. Das ist eine rückbindende Geste, eine Geste, die Referenz erweist, die 'religiert'. Sie assoziiert den Gebeugten mit einem Bild, und das auch noch mehrfach: Sie assoziiert ihn mit einem Vorbild, dem vor dem er kniet, und assoziert ihn mit 'sich selbst als Bild', mit Ich ist ein (Eben-)Bild.
Sie ist ein höfliche bis höfische Geste, das heißt auch, dass sie eine der künstlichen und äußerlichen Gesten schlechthin ist, eine deutliche Verstellung. Man kann die Knie beugen, als ob es ein natürlicher und spontaner Impuls sei. Man kann sogar einen Kniefall so ausführen, als ob er gerade selbst vom Himmel gefallen wäre, man denke nur an Willy Brandt. Aber gerade dann wird die Geste als gelungen und gut ausgeführt gelten, nicht als natürliche Reaktion, Reflex oder Bewegung. Je gelungener, desto gestischer.
Wer die Knie beugt, ist gut und gründlich erzogen, gesittet, kultiviert und zivilisiert, nicht einfach aufgewachsen, nicht roh, nicht grob. Eine 'Phänomenologie des Verdachts' ist in die Kniebeuge eingezogen wie Sonnencreme in die Haut, man sieht den Verdacht nicht, nicht das Verdächtige, das ist nur ein Rückstand. Die Kniebeuge ist raffiniert, fein, sie macht Unterschiede. Sie ist normativ, aber das sind alle Gesten, denn alle Gesten sind aus Unterscheidungen gemacht, machen Unterscheidungen und alle haben Form. Alle Gesten haben Kalkül. Die Kniebeuge wird begründet: juristisch, juridisch und dogmatisch.
Man beugt die Knie nicht nur von dem Gott, nicht nur vor einem Gott. Schon alles das macht aus einem Streit darum, ob und wie man die Knie beugen sollen, auch Bilderstreit. Wenn dann die Knie vor der Hostie gebeugt werden soll und der Streit sich darum entzündet, ob oder warum das das sinnvoll ist, dann ist der Streit in römischer Hinsicht 'klassischer Bilderstreit', weil er auch christologisch und um das Dogma der Transubstantiation geführt wird.














