23x2017 - Beim heiligen Dampfgral
Thermomix. Die Erfüllung aller Hausfrauenträume, wenn man der Eigeninszenierung und der aufgeschraubten Fangemeinde glauben darf, die das Gerät nach Lieferung für alles außer Kochwäsche einsetzen, das aber auch nur, weil grad das Abendessen in ihm munter vor sich hinköchelt. Ich hatte nie eine fundierte Meinung dazu, sondern nur ein unspezifisches “Find’ ich albern” und daher habe ich die Gelegenheit, die sich mir diese Woche durch meine Mutter bot, beim Schopfe ergriffen.
Kurzer Rundflug durch die Vorgeschichte: Nach Ha-Ra, Tupper und was weiß ich noch alles, ist auch die Thermomixparty durch die Wohnsiedlung meiner Eltern geschwappt und so kam meine Mutter an eine Einladung zu einem Thermomix-Vorführabend, der ich mich angeschlossen habe. Ich war insofern unvoreingenommen, als dass ich vor allem die dahinter steckende Vermarktungsstrategie mal am eigenen Leib erfahren wollte. Man ist ja neugierig.
Nun denn, so begab es sich, dass man sich am Abend in einem reizenden Industriegebiet versammelte, wo die Versuchsanordnung in einer Demoküche von Vorwerk aufgebaut ward. Man tritt ein, wird begrüßt und auf einer Liste abgehakt und betritt den Raum, der fast corporate-like in weiß und überraschend vielen miteinander im Clinch stehenden Grüntönen gehalten ist. Nachdem die Wahl meiner Oberbekleidung ebenfalls auf grün gefallen war, trug ich zum Farbspektakel effektiv bei und habe mir bestimmt allein qua Erscheinen Extrapunkte erspielt.
Im Raum verteilt fand sich die Genese des anzubetenden Objekts in einer Art Wanderausstellung und auf dem am Kopfende montierten Küchenblock das, worum es sich heute drehen sollte. Die neueste Errungenschaft aus den Vorwerk-Entwicklungslabors, wo die Fieberträume gestresster Haushaltsvorstände in Edelstahl und Hartplastik gegossen werden. Der Messias des Dünstens und schmackhaften Zubereitens unter Ausschluss menschlicher Eingriffe, der heilige Dampfgral...
Ich glaub, das Ding heißt TM5 und was ich mitgenommen habe, ist, dass er WLAN hat. Whatever. Zur Demo. (Warum er TM5 heißt, wissen auch nur die Götter. Der Vorgänger hieß wohl TM31 und ich vermute mal, bei der Nummerierung hat man sich Hilfe bei Microsoft geholt: Herr Gates, zählen Sie mal bis 10? - Kein Problem: 1, 2, 3.11, 95, 98, 2000, XP, Vista, 7, 8, 10.)
Nach einer flotten Begrüßung des fünfköpfigen, grünbeschürzten Demoteams, also quasi des Quinquevirats, darunter ein Mann, wurden wir kurz durch das Menü gelitten, welches heute hergestellt werden würde und NATÜRLICH durch das Wunderwerk, welches in der Lage sei, fünf Herdplatten zu ersetzen. Und was man nicht sonst alles aus der Küche entsorgen könne. Siebe, Mixer, Rührstäbe, den Herd sowieso, Schüsseln eventuell, denn man könne den Rührtopf ja herrlich auf den Tisch stellen - ja, wer kennt nicht die festlich eingedeckten Tafeln voller Thermomix-Eimer, an denen man sich zu hohen heidnischen und christlichen Feiertagen, je nach dem wie einem der Sinn steht, laben kann. Mich besprang der Verdacht, dass der korrekt Indoktrinierte das Gerät gar nicht in der durch Nichtbenutzung dem Verfall anheim gefallenen Küche hat, sondern auf einem attraktiven Beistelltisch im Wohnzimmer, um ihn im Bedarfsfall schnell erreichen und Besuchern davon berichten zu können.
Denn das ist ja der eigentliche Witz an der ganzen Geschichte. Der Thermomix ist das perfekte Gerät für... ja für wen denn eigentlich?
Wenn wir uns mal das Spektrum der heimischen Kulinarik vor Augen führen, das irgendwo bei Dosensuppe aufwärmen, Maggi-Kochbeuteln und Tiefkühlfutter beginnt und bei entrückten Hobby-Bocuses, die sich stundenlang in geheimen Zirkeln über den perfekten Pfeffer austauschen können, endet, dann lässt sich der Thermomix dort eigentlich nicht einsortieren.
Jemand, der bisher die Entdeckung der Grillstufe an der Mikrowelle für die größte Errungenschaft seines kulinarischen Werdegangs gehalten hat, wird sich kaum ein 1.200 EUR teures Gerät anschaffen. Genauso wird jemand, der Kochen als Entspannung, Erfüllung, kreativen Prozess und lebenslanges Lernen begreift, mit dem Gerät nicht glücklich werden. Obwohl er derjenige wäre, der das Geld dafür vermutlich hätte und auch ausgeben würde.
Und das macht das Marketing so kompliziert. Es ist ja grundsätzlich nichts verkehrtes daran, denn selbst gekochtes und mit frischen Zutaten zubereitetes Essen ist allemal besser als fertig gekauftes, aufgewärmtes oder mikrowelliertes aus der Massenproduktion. So weit, so gut.
Das Ding dann aber so zu inszenieren, als wenn kochen im herkömmlichen Sinne nichts weiter ist als ein notwendiges Übel, welches die arme Seele, der die Aufgabe zugefallen ist, an den Herd gekettet zurücklässt, während der Rest der Familie spektakulären Vergnügungen nachgeht, ist, führt auch zu nichts. So wird es aber angepriesen: Während das Gerät in unserem Falle mit der gleichzeitigen Zubereitung von Putenroulade, Reis, Gemüsebeilage und Sauce zugange war, könne man doch jetzt herrlich Wäsche machen oder einen Sekt trinken. Überhaupt schien sich das Anfüllen neuentstandener Freizeit mit Prickelbrause wie ein roter Faden durch das Loblied auf den Küchenknecht zu ziehen. Und wenn nicht Sekt, dann die Erkenntnis, dass mit dem Thermomix ja jeder kochen könne, der lesen und einen Knopf drehen kann. Sogar ein gewisser, nicht anwesender Peter, der uns allen aber dank der Eingaben seiner kurzflorigen Gattin, am Ende wohlbekannt war und wir ihn vermutlich in der Fußgängerzone mit Handschlag und Schulterklopfen begrüßen würden, wenn wir ihn träfen. Peter musste immer dann in seiner Absens als Beispiel herhalten, wenn es darum ging, dass wirklich jeder damit kochen kann. Der Arme.
Auch ein beliebtes Beispiel ist die Sansibar auf Sylt, wo ganze sechs Geräte in der Küche werkeln. Was für ein wunderschönes Bild. Das, was dem Unwissenden als Küchenhochkultur präsentiert wird, aber eigentlich nichts weiter als ein überkandidelter Strandimbiss in zugegeben hübscher Lage mit grotesk hohen Preisen und einem guten Merchandising und Product Placement ist. Sind wir mal ehrlich: Was machen die Dinger da? Die rühren den ganzen Tag Sauce, weil das billiger ist, als jemanden dafür einzustellen. Aber die Geschichte ist schön. Und das Bild. Auf Sylt. Mit meinem Thermomix. Wie in der Sansibar. Da wächst einem doch fast eine Kochmütze.
Zurück zum Gerät. Was kann er denn nun. Angeblich ersetzt er fünf Herdplatten, wobei ich selbst nach intensivster Zähung nur auf vier komme. Es gibt den Topf, der heizen und rühren kann, wo man also wahlweise Suppen, Saucen oder anderes drin machen kann. Dann gibt es einen Dampfeinsatz, wo man dann im entstehenden Wasserdampf Kartoffeln und Reis machen kann, also die berühmte Sättigungsbeilage. Darauf dann der Dampfgarer, seines Zeichens zweigeschossig, so dass man Fleisch/Fisch und Gemüse getrennt halten kann und das wars dann. So lange ich nicht Reis und Kartoffeln in den gleichen Topf kippe, komme ich nur auf vier. Aber das wird wohl eins der ungelösten Rätsel für Außenstehende bleiben: WO IST DIE FÜNFTE HERDPLATTE BEIM THERMOMIX?
Er kann also Sachen warm und klein machen. Das ganze auch noch in unterschiedlichsten Intensitäten und darüber kann er dann ausschließlich Dampfgaren. Weil das das Aroma so wunderbar erhält. Was aber auch bedeutet, dass es keine Röstaromen mehr gibt. Nachdem man ja ärgerlicherweise im Überschwang bei Erhalt des Geräts seine komplette Küche weggeworfen hat, gibt es die jetzt sowieso nicht mehr. Ja, Dampfgaren ist ganz toll für Gemüse. Es erhält den natürlichen Geschmack des Gemüses. Alles richtig. Da aber über weite Strecken des Abends auch Gewürze abwesend waren (wohl zusammen mit den anderen plötzlich überflüssig gewordenen Utensilien den Weg alles Irdischen gegangen...) konnte man sich dann an dem irren Geschmackserlebnis von ungewürzten, gedünsteten Champignons und Zucchini erfreuen. Ausgerechnet Zucchini, in ihrer Ursprungsform ja ohnehin schon bekannt als destillierte Geschmacksbomben.
Warum jetzt also ungewürzt? Naja, das Rezept, befindlich auf einem Chip, den man an den Thermomix pöngeln kann, hatte wohl die Gewürze übersehen. Man weiß es nicht. Oder das ist die kreative Spielfläche, die dem Ein-Gerät-Spitzenkochanwärter hier geboten wird. Sie ist zwar eng umzäunt, aber hey: Tob dich aus. Nimm doch mal Salz.
So dümpelte der Abend dann vor sich hin. Das Essen war auf jeden Fall nicht schlecht, eindeutig selbst zubereitet, im Würzprofil so unauffällig wie ein Schneefuchs im tiefsten Winter von Alaska und bestimmt auch gesund.
Nur: Nichts von dem, was man mit diesem Gerät machen kann, kriegt man nicht auch in gleicher oder besserer Qualität mit ganz normalen Küchengeräten zustande. Nicht nur das: ich habe auch die Möglichkeit, und das ist das, was Kochen für mich ausmacht, den Prozess zu beeinflussen. Ich kann währenddessen probieren und abschmecken, Dinge hinzufügen, neues ausprobieren, mit Temperatur und Zeit experimentieren usw. - und zwar ohne jedes Mal das ganze Ding auseinanderbauen zu müssen.
Alles in allem: Kauft euch einen vernünftigen Topf und eine Pfanne (für die Röstaromen), einen Mixstab und einen Dampfgareinsatz für die Gesundheit und die Vitamine. Und von den 800 Euro, die ihr dann gespart habt, kann man entweder gut essen gehen, um sich wirklich mal kulinarisch inspirieren zu lassen oder einfach vernünftige Zutaten kaufen. Oder mal einen Wochenendtrip nach Sylt? Die Sansibar soll ja so schön sein...












