COVID-19 und wir: Eine Chronologie des Versagens
Heute, am letzten Tag meiner behördlich angeordneten QuarantÀne, ist ein guter Zeitpunkt, mal eine Chronologie der Ereignisse mit unserer ganz persönlichen SARS-CoV-2-Erfahrung niederzutippen. Fangen wir also ganz vorne an:
Montag, 26. Oktober
Nachdem ich mich bereits eine Woche lang ziemlich schlecht gefĂŒhlt habe, sehe ich mich heute in der Lage, meinen neuen Hausarzt aufzusuchen. Neu deswegen, weil wir kĂŒrzlich von Neuss nach Krefeld gezogen sind. Merken, das wird spĂ€ter noch wichtig. Nach Schilderung der Symptome wird ein Abstrich gemacht und ich werde mit Krankmeldung nach Hause geschickt, mit der Empfehlung, nicht mehr drauĂen rumzulaufen. Da ich mich eh nicht danach fĂŒhle, ist das nicht weiter schwierig.
Mittwoch, 28. Oktober
Am Nachmittag erreicht mich mein positives Testergebnis per App, spĂ€ter dann auch per Anruf durch meine HausĂ€rztin. Damit ist klar, dass ich die nĂ€chsten zwei Wochen zu Hause verbringen werde und ich erwarte den Anruf des Gesundheitsamts fĂŒr den offiziellen Teil der hĂ€uslichen QuarantĂ€ne. Mittlerweile zeigt auch das LebensgefĂ€hrt Symptome, die auf eine Ansteckung hindeuten und sie beschlieĂt, sich ebenfalls testen zu lassen.
Donnerstag, 29. Oktober
Das LebensgefĂ€hrt lĂ€sst sich ebenfalls beim Hausarzt testen. Der Einfachheit halber geht sie ebenfalls zu der Ărztin, bei der ich auch war. Um den Testreigen zu komplettieren und nach RĂŒcksprache mit der Krefelder Corona-Hotline machen wir einen Termin fĂŒr einen Abstrich bei der Larve im Krefelder Testzentrum fĂŒr den nĂ€chsten Tag.
Ich werde vom Gesundheitsamt angerufen, allerdings nicht, um meine QuarantĂ€ne offiziell zu machen, sondern lediglich um meine Adresse zu verifizieren. Das hat den Grund, dass wir erst kurz vor meiner Erkrankung nach Krefeld gezogen sind und mein Termin zur Ummeldung im Krefelder BĂŒrgeramt erst Ende November ist. Momentan kann man ja nicht einfach so ins Amt marschieren und sich den Aufkleber in den Personalausweis pappen zu lassen, was ja coronabedingt auch sehr nachvollziehbar ist. Dadurch bin ich aber logischerweise noch nicht in Krefeld, sondern in Neuss gemeldet - da ich aber beim Arzt meine neue, aktuelle, Adresse angegeben habe, gab es da wohl Verwirrung. Es scheint also seinen Weg zu gehen, denke ich.
Freitag, 30. Oktober
Das Kind wird getestet. Ein groĂes VergnĂŒgen fĂŒr einen DreijĂ€hrigen, aber so hat man es immerhin hinter sich. Damit sind wir jetzt alle fĂŒrs erste in hĂ€uslicher QuarantĂ€ne, wobei diese bisher nicht auf einer offiziellen behördlichen Anordnung qua Anruf oder Brief basiert, sondern lediglich auf gesundem Menschenverstand und dem, was die Corona-App mir so erzĂ€hlt hat.
Samstag, 31. Oktober
Ich vertreibe klingelnde Kinder, die Halloween zelebrieren wollen, mit einem selbstgemalten âWir haben Coronaâ-Schild. Es sind die kleinen Sachen, die Freude machen.
Sonntag, 01. November
Das Testergebnis der Larve kommt per Link - er ist negativ. Auch das wird spÀter noch wichtig. Das LebensgefÀhrt hat bisher noch kein Testergebnis. Ich wurde bisher noch nicht vom Gesundheitsamt kontaktiert.
Montag, 02. November
Wir erfreuen uns an den Errungenschaften der Amazonisierung des Lebensmitteleinzelhandels und lassen uns tĂŒchtig beliefern. Immerhin etwas.
Da ich immer noch nicht offiziell kontaktiert worden bin, fange ich an, dem Gesundheitsamt hinterher zu telefonieren. Ich weiĂ zwar, dass ich zwei Wochen zu Hause zu bleiben habe, brauche aber dennoch die offizielle Bescheinigung des Gesundheitsamts. Das ist relativ fruchtlos, da meine Akte irgendwie verschwunden zu sein scheint. Man findet also nichts zu meinem Fall und das, obwohl ich letzte Woche zur Adressverifizierung ja schon vom Gesundheitsamt angerufen wurde. Es bleibt also spannend.
Dienstag, 03. November
Das Testergebnis des LebensgefĂ€hrts kommt per Anruf vom Hausarzt, allerdings nicht per App. Die Benachrichtigung per App wird auch in Zukunft nicht kommen. Gut gemacht SAP.Â
Sie ist auch positiv.
Mittwoch, 04. November
Das LebensgefÀhrt wird vom Krefelder Gesundheitsamt angerufen und offiziell quarantÀnisiert. Die Abfrage von Ansteckungsweg und Kontaktpersonen fördert unweigerlich auch zu Tage, dass ich hier der höchstwahrscheinliche Verbreitungsvektor bin, ich aber nirgendwo als ebenfalls Haushaltsangehöriger mit ebenfalls positivem Testergebnis in der Akte des LebensgefÀhrts auftauche. Da das LebensgefÀhrt terminlich etwas gesegneter war und bereits in Krefeld gemeldet ist, war das in diesem Fall offenbar etwas einfacher. Als Krefelder bekommt man also keine Testergebnisse per Corona-App, aber wird immerhin nicht vom Gesundheitsamt verschlampt. Irgendwas ist ja immer.
Das Telefonat des LebensgefĂ€hrts mit dem Krefelder Gesundheitsamt endet in dem Tipp, dass ich doch mal das Neusser Gesundheitsamt anrufen solle, weil ja möglicherweise meine Akte aufgrund des Melderegisters dort gelandet sein könnte.Â
Das mache ich dann auch. ZunĂ€chst bringt das die Erkenntnis, dass die Warteschleifenmusik der Neusser Corona-Hotline noch viel schĂ€biger ist als die Krefelder Playlist. Des weiteren ist mein Fall auch dort nicht bekannt, ich diktiere dem Mitarbeiter aber meinen Verlauf und alle relevanten Informationen in die Tastatur, damit ich wenigstens irgendwo erfasst bin. Das GesprĂ€ch endet mit der AnkĂŒndigung, dass man sich bei mir melden wĂŒrde.
Donnerstag, 05. November
Man meldet sich bei mir. Allerdings nicht aus Neuss, sondern das Krefelder Gesundheitsamt scheint meine Akte wiedergefunden zu haben.Â
Da meine QuarantÀne sich so langsam dem Ende zuneigt, werde ich noch mal offiziell belehrt, muss ja alles seine Ordnung haben.
Mir wird also gesagt, dass ich ab dem kommenden Dienstag um Mitternacht wieder das Haus verlassen dĂŒrfe, das gleiche gĂ€lte auch fĂŒr die Larve. Die hat ja seit nunmehr anderthalb Wochen keinen Kontakt meht zu anderen Kindern und ist negativ getestet und konsequent symptomfrei, also sind wir guter Dinge, nicht zuletzt weil die Larve eindeutig zu viel elektronische Medien konsumiert - dafĂŒr kann er jetzt âThe Wheels on the busâ auf englisch singen, ohne zu wissen, was es bedeutet. Immerhin etwas.
DarĂŒber hinaus erklĂ€re ich dem Krefelder Gesundheitsamt, dass ich gestern meinen Fall bereits eigenstĂ€ndig dem Neusser Gesundheitsamt gemeldet habe und man dieses doch bitte unter sich ausmachen möge.
Freitag, Samstag, Sonntag
Da es uns zunehmend besser geht und die gemeinschaftliche Internierung in die Zielgerade einschwenkt, ist die Stimmung allenthalben gelöst.Â
Montag, 09. November
Heute wurde das LebensgefĂ€hrt erneut vom Krefelder Gesundheitsamt angerufen. Um - ein weiteres Mal - Symptome abzufragen und - ein weiteres Mal - die QuarantĂ€ne fĂŒr das LebensgefĂ€hrt bis Donnerstag einschlieĂlich auszusprechen. Redundanz scheint hier groĂ geschrieben zu werden.
Dabei stellte sich dann auch mal wieder heraus, dass ich immer noch nicht dieser hĂ€uslichen Gemeinschaft zugeordnet worden bin (âSie leben mit ihrem Sohn alleine?â) sondern auch, dass laut dem hochqualifizierten Gesundheitsamtsmitarbeiter, der offenbar in Sachen Corona blitzgeschult wurde - normalerweise traut man ihm laut eigener Aussage eher zu, die KĂŒhlkette von DönerspieĂen zu ĂŒberprĂŒfen; er nennt es allerdings Lebensmittelkontrolleur - das Kind entweder noch einmal getestet werden mĂŒsste oder anderenfalls noch weitere zwei Wochen in QuarantĂ€ne zu verbleiben hĂ€tte.
Das war dann der Moment, in dem uns gemeinschaftlich der Arsch geplatzt ist, um es mal diplomatisch auszudrĂŒcken.
Nicht nur, dass die insgesamt vier Wochen ohne soziale Kontakte zu Gleichaltrigen mit Sicherheit keine sonderlich positiven Auswirkungen auf die Larve (und mittelbar auch auf uns) haben dĂŒrften.
Vor allem die Tatsache, dass das Kind durchgĂ€ngig symptomfrei und negativ getestet worden ist, lĂ€sst einen ein wenig fassungslos zurĂŒck. Ja, er hĂ€tte sich auch nach dem Test noch bei uns anstecken können. Aber selbst dann wĂ€re er, abgesehen von der Symptomfreiheit, jetzt nicht mehr ansteckend, weil man 5-7 Tage ansteckend ist. Dazu kommt dann noch, dass selbst das Krefelder Gesundheitsamt schreibt, dass ein Test bei Symptomfreiheit sinnlos ist, weil er nicht aussagekrĂ€ftig ist.
Der kompetente Dönerkontrolleur stellte dem LebensgefĂ€hrt daraufhin einen Anruf des Amtsarztes in Aussicht - Im Laufe der Woche. Unser gemeinschaftlicher Klimmzug, diesen Vorgang zu beschleunigen und selbst jemanden ans Telefon zu bekommen, indem wir unsere gesammelten Durchwahlen des Gesundheitsamts abtelefonieren, könnte man als mittelmĂ€Ăig erfolgreich bezeichnen.
Momentan sind wir also komplett ratlos, weil wir widersprĂŒchliche Informationen erhalten haben (Kind darf am Ende meiner QuarantĂ€ne wieder raus, Kind muss weitere zwei Wochen QuarantĂ€ne erdulden, Kind muss erneut getestet werden, Symptomfreie Personen werden nicht getestet etc.).
WorĂŒber ich mich Ă€rgere
Diese zwei Wochen mit SARS-CoV-2 im Haus haben mir relativ schonungslos gezeigt, dass eine effektive digitale Verwaltung in Deutschland krachend gescheitert und fĂŒr mindestens 10 Jahre verschlafen und verschleppt wurde.
Wie können Akten verschwinden, wieder auftauchen, Vermerke gemacht werden und dann immer und immer wieder die gleiche Information wiederholt werden?Â
Warum muss ich als Betroffener allem hinterher telefonieren und werde nicht angemessen informiert?Â
Warum funktioniert die Corona-App in unserer nicht reprÀsentativen Stichprobe nur in 50% der FÀlle so wie sie sollte?
Warum kann sich die Verwaltung nach nunmehr fast 10 Monaten Corona in Deutschland nicht entsprechend aufstellen, vernĂŒnftige Informationen fĂŒr Mitarbeiter bereitstellen und diese entsprechend an die Betroffenen weitergeben? Wenn ich mir die Personalkosten fĂŒr die öffentliche Verwaltung so anschaue, kann ich mir nicht vorstellen, dass es an mangelnder Personaldichte liegt.
Warum lĂ€sst man allenfalls mittelmĂ€Ăig geschulte Mitarbeiter widersprĂŒchliche Aussagen, man könnte meinen aus einer Laune heraus, treffen?
Versöhnliches Ende?
Ich sehe sehr wohl ein, dass wir uns nach wie vor in einer volatilen Situation befinden, die zum jetzigen Zeitpunkt auch auf einem vorher noch nicht da gewesenen Höhepunkt ist, was das allgemeine Infektionsaufkommen angeht. Ich sehe allerdings nicht ein, dass diese Situation letztendlich auf Kosten der Betroffenen und in allerletzter HĂ€rte auf dem RĂŒcken von Kindern ausgetragen wird.
Ich bin sauer.Â
Nicht ĂŒber die MaĂnahmen an sich, die sinnvoll sind und dem Schutz aller dienen.Â
Ich bin sauer darĂŒber, dass wir es in einem Dreivierteljahr nicht hinbekommen haben, InformationsflĂŒsse effektiv zu organisieren, Mitarbeiter zu schulen und schlicht die basalsten Dinge zu organisieren, um diese Krise zu bewĂ€ltigen. Denn so wie es sich fĂŒr mich als betroffenen Beobachter darstellt, kommt vor einem möglichen Zusammenbruch des Gesundheitssystems (möge ein höheres Wesen eurer Wahl uns davor bewahren) der garantierte Zusammenbruch der Verwaltung aufgrund jahrzehntelangen organisatorischen Versagens.

















