1990
Tonträgerpoker
CDs und CD-Spieler gibt es schon seit Mitte der 80er Jahre, aber erst 1990 werden die Geräte so erschwinglich, dass urplötzlich alle Welt eines hat. Auch ich kaufe mir meinen ersten CD-Spieler und bin glücklich. Aber ich habe dasselbe naheliegende Problem wie alle anderen: meine ganze lebenslang zusammengetragene Musikbibliothek besteht aus Vinylplatten und Cassetten. Und CDs sind teuer, so dass die Sammlung nur langsam wachsen kann.
Einige Kollegen an der Universität fangen nun damit an, nicht mehr mit „Guten Morgen“ zu grüßen, sondern einem stattdessen eine Zahl entgegenzurufen. Die Anzahl nämlich der CDs, die sie bereits besitzen; und wer gestern noch kleinlaut „19“ gegrüsst hat und abends dann bar jeder Vernunft in einen Kaufrausch geraten ist, kann am nächsten Morgen strahlend auf 23 steigern. Auch wenn das keineswegs frei von Selbstironie ist, ist es doch ein eitles und konsumtrotteliges Gehabe. Das ist aber nicht der Grund, dass ich zunächst nicht mitmache - ich gestehe, im Jahr 1990 finde ich das Spiel eher cool. Nein, der Grund ist vielmehr, dass ich chancenlos wäre, weil die erwähnten Kollegen alle zumindest ein Doktorandengehalt zur Verfügung haben (manche auch mehr), während ich zu dieser Zeit meine wissenschaftliche Arbeit noch unentgeltlich verrichte und nur für nebenher geleistete Hilfsdienste ein wenig Geld verdiene.
Dann aber bestelle ich mir beim Zweitausendeins-Versand eine Riesenbox mit CD-Ramsch. Dieser Kauf befördert mich zwar nicht gerade an die Spitze der Wertung, aber doch ins gesicherte Mittelfeld, und dadurch lasse ich mich hinreißen, doch noch in das Spiel einzugreifen. Bei den CDs handelt es sich um klassische Musik, die mich zwar wirklich interessiert, aber es sind eher abseitige Einspielungen, von denen das Zweitausendeins-Merkheft zwar behauptet, sie seien längst nicht so schlecht, wie man meinen möchte, aber… na ja, sie sind es doch. Enttäuscht lege ich sie nach kurzer Zeit beiseite.
Kurz überlege ich, sie als Bierdeckel zu verwenden, das scheitert jedoch am Umstand, dass ich in meinem Studentenhausstand noch niemals Bierdeckel benutzt oder vermisst habe. Es bleibt der schwache Trost, im Kollegenpoker dreißig Punkte auf einen Streich gutgemacht zu haben.
(Tilman Otter)














