»Die totalitäre Propaganda versuchte eine Realität zu ersetzen, die auf der Anerkennung individueller Werte basierte. Da die Nazis auf Totalität zielten, konnten sie nicht damit zufrieden sein, diese Realität die einzige, die diesen Namen verdient – einfach durch ihre eigenen Institutionen zu verdrängen. Wenn sie so verfahren wären, wäre das Bild der Realität nicht zerstört, sondern einfach verbannt gewesen; es hätte im Unterbewußtsein weiterarbeiten und so das Prinzip der absoluten Herrschaft gefährden können. Um ihr Ziel zu erreichen, mußten die Nazis jene obsoleten Despoten übertreffen, die die Freiheit unterdrücken, nicht aber die Erinnerung daran auslöschen. Diese modernen Herren wußten, daß es nicht ausreicht, einem Volk eine »neue Ordnung« aufzuzwingen und die alten Ideen entkommen zu lassen. Statt solche Überreste zu tolerieren, spürten sie hartnäckig jede unabhängige Meinung auf und zerrten sie aus dem entferntesten Winkel hervor – in der offenkundigen Absicht, alle individuellen Impulse zu blockieren. Sie versuchten den Geist zu sterilisieren, und gleichzeitig preßten sie ihn in ihren Dienst und mobilisierten seine Fähigkeiten und Emotionen in einem solchen Ausmaß, daß kein Platz und kein Wille für intellektuelle Ketzerei übrigblieb. Indem sie rücksichtslos vorgingen, konnten sie nicht nur verhindern, daß die Realität wieder zutage trat, sondern sie vermochten auch Bestandteile dieser Realität zu ergreifen, um die Pseudorealität des totalitären Systems zu inszenieren. Alte Volkslieder überlebten, aber in Naziversen; republikanische Institutionen erhielten die entgegengesetzte Bedeutung, und die Massen wurden gezwungen, ihre psychischen Reserven für Aktionen zu verpulvern, die ausdrücklich dazu erdacht waren, die Mentalität des Volkes restlos gleichzuschalten.« (Siegfried Kracauer 1984/1947. Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films, Frankfurt: Suhrkamp, 350f.)