Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete; er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht.
Anselm Feuerbach: Ein Vermächtnis von Anselm Feuerbach. Kapitel 36.
Kunstkritik
»Der Teufel hole die ärztliche Praxis«, sagte mir ein Schweizer Arzt in Rom. »Stirbt der Patient, so habe ich ihn umgebracht. Bringe ich ihn durch, so hat es die Madonna getan.« »Was mich betrifft, so geht mirs nicht besser«, antwortete ich. »Gelingt mir ein Bild, so habe ich es von den Alten gestohlen, mißglückt es, so war ich nichts Besseres wert.« Ein gutes Wort wirkt schöpferisch und erweckt neue Ideen. Eine alberne Bemerkung kann eine ganze Saat verwüsten. Tadeln ist leicht, deshalb versuchen sich so viele darin. Mit Verstand loben ist schwer, darum tun es so wenige. Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete; er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht. Das echte Kunstwerk bedarf keiner Vermittlung. Es spricht oder schweigt, je nach der Natur des Beschauers. Das echte Kunstwerk bildet uns, indem wir es genießen. Mangel an Erklärung befördert bekanntlich den Kunstgenuß sehr. Bezahlte und unbezahlte Kritiker sind häufig aufdringliche Dolmetscher ihres eigenen Ichs. Um der Kunst gerecht zu werden, müßten sie den langen mühseligen Weg des Künstlers gehen. Wollte ich des Falschen und Verkehrten genügend Erwähnung tun, welches ich auf diese Weise in dem dornenvollen Laufe meines Lebens erfahren habe, so könnte ich ein eigenes Buch darüber schreiben, das dann hoffentlich niemand lesen würde. Die guten Worte vernünftigen Lobes und Tadels würden darin verschwinden wie Tropfen im Meere. Doch habe ich auch solche gefunden und aufbewahrt. Das Beste, was über mich geschrieben wurde, stammt aus der Feder eines Berliner Kritikers und lautet so: »Wenn man vor einem Feuerbachschen Bilde steht, so weiß man nicht, was man sagen soll.« Die kürzeste Antwort ist die beste. Man schweigt still. […]










