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stermann und grissemann schlechte nachricht..
"es ist, wie es ist. und es ist fürchterlich." (thomas bernhard) sms ist keine erfindung von hannes jagerhofer und botschaften via handy müssen sich nicht auf coole kommentare zum letzten beach-volleyball-turnier beschränken. was kann wien der welt der telefonischen kurzmitteilungen geben?
die resignation. die schlechte nachricht. die lust an der komik der tragödie. stermann und grissemann rufen auf, nachrichten des scheiterns zu senden. aufgabe: verfassen sie einen sms-text, der gleichermassen schockierend, wie komisch ist. (max. 120 zeichen) beispiele:
Fette Katzen - Arbeit&Wirtschaft
Das Magazin für Wirtschaft-, Sozial- und Gesellschaftspolitik.
2009 wirde in Großbritanien zum ersten Mal der “Fat Cat Day” ausgerufen. Seither wird unter diesem Titel erhoben, an welchem Tag des Jahres ein Vorstandschef – also eine „fette Katze“ – so viel verdient hat wie eine durchschnittliche vollzeitbeschäftigte Person im Jahr.
Wer hat, dem wird noch mehr gegeben: Dieses Phänomen ist aus der Bibel als Matthäus-Effekt bekannt. Dazu gehört auch: Wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat. Aber zurück zu denen, die haben – und warum ausgerechnet sie etwas mit einer fetten Katze zu tun haben. Angefangen hat die Geschichte im weniger biblischen Jahr 2009 in Großbritannien. Dort nämlich hat man damals den „Fat Cat Day“ ausgerufen. Seither wird unter diesem Titel erhoben, an welchem Tag des Jahres ein Vorstandschef – also eine „fette Katze“ – so viel verdient hat wie eine durchschnittliche vollzeitbeschäftigte Person im Jahr.
Fast zehn Jahre später, nämlich im Jahr 2018, hat die Arbeiterkammer erstmals auch hierzulande einen „Fat Cat Day“ ausgerufen. Wie schon in den Studien über Managergehälter, die die AK schon länger macht, wurden die Gehälter der Chefs jener Unternehmen untersucht, die im österreichischen Börsenleitindex ATX notiert sind. Basis waren die Geschäftsberichte für 2016 – die zu diesem Zeitpunkt aktuellsten verfügbaren Daten. Angenommen wurde dabei, dass Vorstandschefs 12 Stunden am Tag arbeiten, sich nur an einem von vier Wochenenden freinehmen und mit zehn Tagen Urlaub auskommen.
Auf Basis dieser Zahlen war der österreichische „Fat Cat Day“ der 8. Jänner. Die ATX-Chefs haben somit bereits nach sechs Arbeitstagen (der 1. und der 6. Jänner sind Feiertage) rund 33.000 Euro verdient – und damit so viel wie eine durchschnittliche vollzeitbeschäftigte Person in einem ganzen Jahr. Insgesamt verdienen 76 Vorstände der ATX-Unternehmen laut dieser Auswertung im Schnitt 1,5 Millionen Euro pro Jahr.
Wird die Menschheit immer klüger? Das ist zu bezweifeln.
Die vielen Gesichter der Dummheit
Wird die Menschheit immer klüger? Das ist zu bezweifeln. Dennoch interessiert sich kaum jemand für die Geschichte der Dummheit. Zeit für eine Spurensuche.
Lea Haller 09.04.2021, 05.55 Uhr
Ab dem Spätmittelalter stand der Narr für die Gottlosigkeit und den Tod.
Im Frühsommer 1919 steht der amerikanische Automobil-Tycoon Henry Ford vor Gericht. Nicht etwa um sein berühmtes Auto geht es, das Ford Model T, sondern um ein Editorial, das in der Chicago Tribune erschienen ist. Als «ignoranten Idealisten» und als «anarchistischen Feind der Nation» hat die Redaktion Ford bezeichnet. Ford hat die Zeitung darauf wegen Verleumdung verklagt. Die Aufgabe ihres Verteidigers: zu beweisen, dass Ford tatsächlich ein ignoranter Idealist ist, man also nicht von übler Nachrede sprechen könne. Die Sache ist leichter als gedacht.
Ford legt während der Befragung Zeugnis ab von einer überwältigenden Unwissenheit. Er kann weder sagen, wann die amerikanische Revolution stattgefunden hat, noch, was Chili con Carne ist, und ist offensichtlich mit den einfachsten Grundprinzipien des amerikanischen Staatswesens nicht vertraut. «Ich gebe zu, dass ich über die meisten Dinge nichts weiss», meint er schliesslich. Ob er einverstanden wäre, einen kleinen Auszug aus einem Buch vorzulesen, fragt ihn der Verteidiger der Chicago Tribune, oder ob er es vorziehe, hier den Eindruck zu hinterlassen, dass er möglicherweise Analphabet sei? «Ja, Sie können das so stehen lassen», meint Ford. Er sei kein schneller Leser und würde es vermasseln.
War Henry Ford, aus dessen Fabrik eine der grössten technologischen Neuerungen der Moderne kam, dumm? Oder war er einfach nur unglaublich ungebildet? Darüber streiten sich seine Biografen bis heute.
Der Geschichtsschreibung kann das grundsätzlich egal sein. Die fordistische Massenproduktion setzte sich durch, Dummheit hin oder her. Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig wir uns mit der Dummheit beschäftigen. Akademisch gebildete Historikerinnen und Historiker machen einen grossen Bogen um sie, aus gutem Grund: Über die Dummheit anderer zu urteilen, ist ein anmassendes Unterfangen, und ein normatives dazu. Woher nähmen wir denn den Massstab? Aber auch die populäre Geschichtsschreibung hält sich lieber an die Anstrengungen, die die Menschheit unternahm, um materiell und geistig voranzukommen.
Wenn der Mensch seine Geschichte schreibe, meint der Physiker Emil Kowalski in seinem Buch Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte, «so ist es eine Erzählung vom wachsenden Wissensschatz, von der Zunahme seiner Kenntnisse und Erfahrungen, seiner kognitiven Fähigkeiten, der von ihm gefundenen Problemlösungen. Er betet seine Genies an, die Geistesgiganten der Kunst, der Wissenschaft, die Heroen der Politik» – Geschichte als Erbauungsliteratur. Der Gedanke, dass der Lauf der Dinge, ja dass alles, was uns lieb und wichtig ist, von den Entscheidungen von Dummen abhängen könnte, ist den meisten unerträglich. Sämtliche Institutionen unserer modernen Gesellschaften basieren auf der Idee der Vernunft.
In modernen Demokratien stimmen vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen ab, das zumindest ist die Theorie. Vernünftige Individuen treffen vernünftige Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen und halten so die vernunftbasierteste aller Wirtschaftsformen am Laufen: den sich selbst regulierenden Kapitalismus. Es gibt eine allgemeine Schulpflicht, Fördermassnahmen für Hochbegabte und Stützunterricht für Minderbegabte. Medien leisten Aufklärungsarbeit. Im Strafrecht ist die Zurechnungsfähigkeit massgebend für die Schuldfähigkeit.
Und für die pathologischen Ausprägungen der Dummheit – die realen kognitiven Beeinträchtigungen und den Wahnsinn – sind je eigene professionelle Einrichtungen zuständig. Wir haben, so scheint es, das Dummheitsrisiko mit Vollkasko abgesichert. Ja, wir halten uns gern für so überaus vernünftig, dass wir über unsere Vorfahren lachen, die noch nicht so gescheit waren wie wir. Die bei ihren Flugversuchen mit Holzflügeln von Kirchtürmen sprangen, der Schwerkraft folgend direkt in den Tod. Die mit schlechter Ausrüstung in hoffnungslose Kriege zogen. Die Amerika für Indien hielten. Heute wissen wir alles besser.
Ein Konzept im Wandel der Zeit
Schaut man auf die lange Geschichte der Dummheit, muss jedoch die Unschuldsvermutung gelten: Insgesamt hat die Dummheit über die Jahrhunderte, so unsere Hypothese, weder zu- noch abgenommen. Verändert haben sich lediglich die Begriffe, mit denen sie bezeichnet wird, die Orte, an denen sie vermutet wird, die Massnahmen, die gegen sie ergriffen wurden. Wer die Geschichte der Dummheit schreiben will, muss also jede Arroganz fallen lassen. Nicht die Dummen der Vergangenheit gilt es ausfindig zu machen und zu beschreiben, sondern den Umgang früherer Gesellschaften mit der Dummheit: Mit welchen Begriffen, Verfahren und Techniken hat man sie benannt, beurteilt und bekämpft? Wann wurde sie zu einem Problem, wann hielt man sie für besiegt, und wo tauchte sie unerwartet wieder auf?
Die alten Griechen hatten für das, was wir als «dumm» bezeichnen, kein Wort. Sie kannten die Kulturlosigkeit der Bildungsfernen (apaideusia) und die Unvernunft im Sinne eines fehlenden Urteilsvermögens (aphronesis). Naive und unwissende Leute waren «unmündig», «kindlich» (nepios). Beim Dichter Aristophanes taucht die Figur des Schwachsinnigen auf (moros) und bei Aristoteles ein ungehobelter, sturer Lümmel mit einem Hang zum Exzess: der agroikos. Er lebte auf dem Land, wie der heutige agriculteur, da, wo die feinen Manieren der Städter nie angekommen sind. Auf all diese Figuren schaute der Athener herab, aber «dumm» in unserem modernen Verständnis waren sie nicht.
Und dann kannten die Griechen noch den idiotes – den Idioten. Nicht etwa ein Schwachkopf war er, diese Bedeutung bekam der Begriff erst im 19. Jahrhundert. Er lässt sich am ehesten mit «Privatperson» übersetzen. Der idiotes war von den öffentlich-politischen Angelegenheiten des Stadtstaats ausgeschlossen und nahm keine Ämter wahr. Er lebte und wirtschaftete für sich selbst. Im Militär war er ein einfacher Soldat ohne Befehlsgewalt, im Handwerk ein Laie. Der Begriff an sich war ursprünglich nicht wertend. Für den griechischen Schriftsteller Plutarch aber bedeutete ein Leben als idiotes gesellschaftliche und politische Minderwertigkeit: Der Idiot war das Gegenteil des Bürgers (polites), und der war in der attischen Demokratie das Mass aller Dinge. Unterhalb des Idioten gab es nur noch die Frauen und die Sklaven.
Auch im christlichen Mittelalter war die Dummheit nicht im heutigen Sinn einer mangelnden intellektuellen Begabung relevant. Die entscheidende Frage war nicht eine Frage von Intelligenz und Dummheit, sondern von Tugend und Laster. Gott war das Mass aller Dinge, seine Werke waren unergründlich, aber immer weise. Dumm war, wer nicht nach Gottes Gebot lebte. «Seht, die Furcht vor dem Herrn, das ist Weisheit, das Meiden des Bösen ist Einsicht», heisst es im Alten Testament. Der Kluge war folgsam und gottesfürchtig, der Dumme war ein Sünder. Wobei nicht alle die gleichen Startbedingungen hatten: Als sündig sah man im frühen Christentum vorab die Reichen und Gelehrten an. Sie hätten sich vom einfachen, urtümlichen Leben entfernt – und damit auch von Gott.
So wurde der idiotes, auf den die Griechen herabgeschaut hatten, im Mittelalter zum Idealtypus des guten Gläubigen. Der schlichte, wenig gebildete Mensch und der Laie im kirchenrechtlichen Sinn – sie waren von Natur aus rechtschaffen, ihnen fiel der Glaube leicht. Nicht zufällig stammte Jesus aus einer Handwerkerfamilie. Seine ersten Schüler rekrutierte er aus Fischern und Zöllnern, sie lebten mit dem einfachen Volk, unter Armen und Kranken.
Das Narrenfest nach Pieter Bruegel dem Älteren, gestochen von Pieter van der Heyden, nach 1570.
Wissen, Macht, Reichtum, Sünde und Dummheit gingen im christlichen Mittelalter also eine enge Beziehung ein. Nirgends zeigt sich das deutlicher als in der Persiflage: Im Spätmittelalter wurde die Dummheit zum Fest. Der niedere Klerus hielt Narrenmessen und Narrenfeste ab, frivole Parodien auf die heilige Messe der Kirche. Das heidnische Spiel wurde zur ritualisierten Flucht vor den Pflichten des bäuerlichen und klösterlichen Alltags.
Durch Rollentausch wurden die Hierarchien umgekehrt: Einfache Subdiakone und Messdiener übernahmen den Part von Bischöfen und Priestern, wendeten die Riten ins Absurde, trieben Schabernack mit dem Weihwasser und parodierten die Heilige Schrift. Jeweils Mitte Januar fand die Eselsmesse statt. Seit dem Altertum stand der Esel für den Phallus und die Fruchtbarkeit, die Eselsmessen waren eine Art Karneval mit erotischen Elementen, bei dem die Geistlichen Tierkostüme trugen und dem Segen des Narrenbischofs mit Tierlauten antworteten.
«Die Kirche hat diese Unsitte nie gutgeheissen, im Gegenteil, sobald man erkannte, dass sie Unordnung stiftete, taten die Bischöfe ihr Möglichstes, um sie zu unterbinden», schrieb der französische Gelehrte Jean Baptiste Lucotte Du Tillot 1741 in seiner Geschichte des Narrenfests (Mémoires pour servir à l’histoire de la fête des foux). Mit Konzilsbeschlüssen, mit dem Verbot von Gaukleraufführungen und profanen Tänzen habe man versucht, dem Treiben beizukommen; vergeblich.
Erst im Zuge von Reformation und Gegenreformation verschwand diese Welt zusehends, aus der der Dichter Rabelais im frühen 16. Jahrhundert noch seine Figuren geformt hatte – mit Ironie und Doppelbödigkeit, mit satirischen Seitenhieben und burlesken Anekdoten, immer im Bemühen, in einer Zeit zunehmender konfessioneller Polarisierung Zensur und Bestrafung zu entgehen. In der Frühen Neuzeit begannen sich die Dinge zu wandeln. Dummheit war nun nicht mehr durchwegs identisch mit Gottlosigkeit. Und die frei herumlaufenden «Narren» wurden zum Problem.
Aufs Narrenschiff und an den Königshof
In Europa wurden vagabundierende Irre aus den Städten vertrieben, unter anderem, indem man sie auf Schiffe setzte und flussabwärts schickte. Man entwickelte ein «kritisches Bewusstsein des Wahnsinns», wie Michel Foucault in Wahnsinn und Gesellschaft schreibt, man drängte die «tragischen Gestalten» aus der Gesellschaft zurück, ohne sie auszulöschen. Gleichzeitig wurde die Dummheit neu codiert. Der Elsässer Jurist und Schriftsteller Sebastian Brant ist typisch für diesen Übergang.
Sein 1494 veröffentlichtes Werk Das Narrenschiff stand einerseits noch in der christlichen Tradition der Dummheit als Laster: Die Gelehrten sind bei ihm überhebliche Narren, die zuletzt zu «Lucifer jnns hellenloch» stürzen werden. Auch die Ketzer, Heiden, Gotteslästerer und Mörder sind unrettbar verloren. Gleichzeitig greift Brandt das Motiv der Schiffsreise als Lebensreise auf; seit der Antike eine Metapher für die Selbsterfahrung des Dichters. Der Weg zur Weisheit führt bei ihm nicht mehr über die Frömmigkeit, sondern über seinen «fründ Vergilium», den römischen Dichter Vergil – das heisst über die Vernunft.
Der Mensch nimmt über seine Sinne die Welt wahr (unterster Kreis), bildet sich daraus Vorstellungen (mittlerer Kreis) und erkennt so Gott. Illustration in Robert Fludd: Utriusque cosmi maioris scilicet et minoris Metaphysica, physica atque technica Historia, 1617. (Nachstich, vermutlich von Matthäus Merian d. Ä.)
In dem Moment, als die menschliche Vernunft als erstrebenswertes Gut am Horizont auftauchte, veränderte sich für die Dummheit alles. Im 16. Jahrhundert entstand eine neue Form des skeptischen Denkens, das ein geradezu freundschaftliches Verhältnis zur Dummheit entwickelte. Eröffneten sich unter ihrem Deckmantel nicht Möglichkeiten subversiver Autonomie?
1511 publizierte Erasmus von Rotterdam sein Lob der Torheit. Er lässt die Dummheit selbst zu Wort kommen: «Was auch immer der grosse Haufen von mir sagt», meint sie, «ich behaupte dennoch, aus eigener Macht Götter und Menschen erheitern zu können.» Es gebe ein Recht auf Dummheit, ja in vielen Lebenslagen sei sie wünschenswert und angebracht. «Ist Jungsein denn etwas anderes als Unbesonnenheit und Unvernunft? Schätzt man nicht gerade den Mangel an Verstand am meisten an jenem Alter? Hasst und verabscheut nicht jeder ein frühreifes Kind wie eine Missgeburt?» Keine Ehe ohne Unbesonnenheit, keine nochmalige Geburt mit ihren Schmerzen ohne Vergesslichkeit, keine neue Erkenntnis ohne Leidenschaft.
Wer von sich behauptet, in allen Dingen weise zu handeln, ist als Dummer bereits entlarvt, er ist nach dem Humanisten ein morosophos, ein «Töricht-Weiser». Das Einzige, was man erlangen könne, sei ein gewisser Grad an Selbsteinsicht. So sah es auch Michel de Montaigne: «Die Dummheit ist eine böse Eigenschaft», schrieb er in seinen Essais. «Aber sie nicht ertragen können, sich darüber aufregen und ärgern, ist eine Krankheit anderer Art, die der Dummheit nichts nachgibt und die gerade so unleidlich ist.»
Der kluge Narr und der einfältige Weise – sie wurden im Zeitalter des Humanismus und der Aufklärung zu einem wiederkehrenden Motiv. Ob in Miguel de Cervantes Don Quijote (1605–1615), Daniel Defoes Robinson Crusoe (1719) oder Denis Diderots Jacques le fataliste et son maître (1776): Der Ungebildete und der Naturmensch können zu höherer Einsicht gelangen, während die selbstgewisse Herrschaft mangels Selbstkritik ihre eigene Unwissenheit nicht erkennt.
Am Hof wurden seit längerem Hofnarren gehalten, die keineswegs dumm waren, sondern den adligen Damen und Herren mit Scharfsinn und Witz einen Spiegel vorhielten. Die Monarchen konnten sich die intelligenten Narren leisten, weil ihre Autorität durch die ständische Ordnung gesichert war. Nur wer die eigene Macht nicht für unumstösslich hält, muss Kritiker fernhalten.
Der Hofnarr: Stich nach einem Gemälde von Albert-Anatole-Martin-Ernest Lambron des Piltières, 1875.
Mit dem Aufstieg des Bürgertums geriet diese Ordnung ins Wanken. Neben die Fürsten traten neureiche Bürger – Herren allein kraft ihres Geldes. Ihnen wurde der Narr gefährlich: Eine Autorität, die sich nur auf Reichtümer und erworbenes Wissen stützt, ist angreifbar. Gleichzeitig rüttelten Philosophen im 18. Jahrhundert wie nie zuvor am Dogma göttlicher Weisheit und Allmacht.
Nicht mehr die Atheisten waren für sie die grössten Sünder und Dummen, denn sie hatten in der Regel eine Ethik; für wirklich dumm hielten sie die Devoten und blind Gottesfürchtigen, die sich das eigene Denken versagten. Der katholische Priester Jean Meslier, der in den 1720er Jahren im Geheimen an seinen tausendseitigen Mémoires schrieb, erklärte die Religionen und überhaupt alles, «was in der Welt als Gottesdienst und Andacht feilgeboten und praktiziert wird», als «Irrtum, Täuschung, Einbildung und Betrug». Damit geriet auch die durch Gottes Gnaden legitimierte Macht von König und Klerus unter Beschuss.
Paul-Henri Thiry d’Holbach schrieb in seinem 1766 unter Pseudonym erschienenen Werk Le christianisme dévoilé (Das entschleierte Christentum): «Keine gute Regierung kann sich auf einen despotischen Gott gründen; sie wird ihre Repräsentanten stets zu Tyrannen machen.»
Der Gemeinwille soll es richten
Gerade die Dummheit wurde für die Aufklärer aber zum Problem. Sie griffen zwar die despotischen Mächtigen an, aber kamen in ein Dilemma, wenn es um die Frage ging, auf wen deren Macht denn übertragen werden sollte. Wie war ein republikanischer Staat zu organisieren, wenn man davon ausgehen musste, dass ein Grossteil der Bürger unwissend, ja vielleicht sogar dumm war?
Gerade Holbach war skeptisch. «Um Menschen, um tugendhafte Staatsbürger zu bilden», schrieb er, «muss man sie unterrichten, ihnen die Wahrheit zeigen, mit ihnen vernünftig reden, ihnen ihre Interessen sichtbar machen, sie lehren, sich selbst zu achten.» Das konnte Jahrhunderte dauern. Voltaire war noch skeptischer. Er hielt die Religion nach wie vor für wichtig, als Opium fürs Volk. Regieren solle eine Elite von Aufgeklärten.
Überhaupt, wer garantierte, dass Bildung gegen die Dummheit half und sie nicht im Gegenteil erst förderte? «Der Mensch wird unwissend geboren: Er kommt aber nicht dumm auf die Welt und wird es auch nicht ohne Anstrengung», schrieb Claude-Adrien Helvétius in seinem Buch Vom Menschen, seinen geistigen Fähigkeiten und seiner Erziehung (erschienen 1774, vier Jahre nach seinem Tod). Um dumm zu werden, um so weit zu kommen, dass auch noch der natürliche Verstand erstickt werde, seien «Kunst und Methode» nötig: «Der Unterricht muss in uns Irrtümer über Irrtümer aufgehäuft haben; und durch vielfältige Lektüre müssen wir erst unsere Vorurteile vervielfältigt haben.»
Helvétius liess keinen Zweifel daran, dass er diese Erziehungsform im vorrevolutionären Frankreich an der Tagesordnung sah. «Das gute Buch ist fast überall das verbotene Buch. Geist und Vernunft regen seine Veröffentlichung an, aber die Bigotterie wehrt sich; sie will das Universum beherrschen, also ist sie an der Ausbreitung der Dummheit interessiert.» Besser also, unwissend zu bleiben, als von den Mächtigen zur Dummheit erzogen zu werden!
Mit der Französischen Revolution wurden solche Zweifel hinweggefegt. Ziel der Jakobiner um Maximilien Robespierre, die nach 1793 den Ton angaben, war es, die Dummheit notfalls mit der Guillotine auszurotten. Sie beriefen sich auf Jean-Jacques Rousseau, gemäss dem der Gemeinwille – die volonté générale – unfehlbar war und absolut galt. Nicht nur Royalisten und Aristokraten wurden während der Schreckensherrschaft ohne Zaudern hingerichtet, auch die ältere Generation skeptischer Philosophen und Staatsrechtler sowie ehemalige Weggefährten, die mit dem politischen Stil nicht mehr einverstanden waren, wurden vertrieben oder getötet.
Erstmals zeigte sich damals mit aller Deutlichkeit, dass das Ausrotten der Dummheit im Namen höherer Ideale ein schrecklicher Gewaltakt sein kann. Rousseaus Contrat social hatte stark transzendentale Züge: Keine Ambivalenz gab es in diesem Werk, kein Zaudern, keinen Platz für Kritik. Rousseau berief sich auf eine letztgültige «natürliche Ordnung», die zur politischen Ordnung werden sollte.
Alles Individuelle wurde bei ihm ausgelöscht. Persönliche Interessen, die den Interessen des neuen Souveräns widersprachen, waren nicht nur unnötig, sondern eine Gefahr: Der Gesellschaftsvertrag forderte «die völlige Entäusserung jedes Mitglieds mit allen seinen Rechten an das Gemeinwesen als Ganzes». Im Zweifelsfall sollten die einzelnen Mitglieder von der Gemeinschaft zum Gemeinwillen gezwungen werden.
Was auf den ersten Blick radikal demokratisch und integrierend daherkam, war in Tat und Wahrheit auf den weissen Mann als staatstragenden Bürger zugeschnitten. Von Natur aus gebe es zwar keine Hierarchie zwischen den Menschen, jeder Mensch sei gleich frei und dem gleichen Recht unterworfen, so Rousseau, der sich dezidiert gegen die Sklaverei aussprach. Hingegen gebe es natürliche Autoritäten, die Menschen aus Gründen des Selbsterhalts traditionell anerkennen würden.
So gehorchten Kinder ihrem Vater, der als Familienoberhaupt kraft seiner Liebe zu ihrem Besten entscheide. Auch für die Frau sah Rousseau den natürlichen Platz nicht in der Politik. Sie solle sich weder mit Staatsangelegenheiten noch mit Wissenschaft beschäftigen, nur leichte Lektüre konsumieren und sich ganz den häuslichen Dingen zuwenden.
Bereits Erasmus von Rotterdam hatte in seinem Lob der Torheit festgehalten, der Mann habe ein «Quentchen mehr an Vernunft» abbekommen, weil er «für staatliche Aufgaben bestimmt» sei. Ganz sicher war er sich der Sache aber nicht. Dem Abt in seiner Satire Der Abt und die gelehrte Frau (1526) legte er die Worte in den Mund: «Gebildet zu sein ist unweiblich.»
Bücher würden den Frauen «viel von ihrem Verstand» rauben und sie hätten «ohnehin zu wenig». Darauf die Frau: «Wieviel ihr Männer habt, weiss ich nicht. Ich möchte jedenfalls das wenige, das ich habe, lieber für ordentliche Studien verwenden als für das sinnlose Hersagen von Gebeten (. . .) und das Leeren riesiger Humpen.» Die «Weltszene» verändere sich, es werde noch so weit kommen, «dass wir in den theologischen Schulen den Vorsitz führen und in den Kirchen predigen».
Die Weltszene machte allerdings noch länger keine Anstalten, sich zu verändern. Denis Diderot wandte sich noch über zweihundert Jahre später vergeblich gegen jene, denen «Phantasie und Mitgefühl» fehlten für das Schicksal der Frauen. «In fast allen Ländern», schrieb er 1772, «hat die Grausamkeit der bürgerlichen Gesetze sich mit der Grausamkeit der Natur gegen die Frauen verbündet. Sie werden behandelt wie schwachsinnige Kinder.» Tatsächlich empfahl Rousseau, die Mädchen bei der Erziehung ausschliesslich auf ihre Funktion für die Vervollkommnung des Mannes vorzubereiten.
Bildung für alle
Im 19. Jahrhundert, dem bürgerlichen Zeitalter, wurde Bildung zu einem hochgelobten Wert. Sie wurde allerdings massgeschneidert angeboten: Mädchen wurden vornehmlich als angehende Mütter und Hausfrauen erzogen, während man Buben aus bürgerlichen Familien auf ihre wirtschaftlichen, staatspolitischen und militärischen Aufgaben vorbereitete und die niederen gesellschaftlichen Schichten zu Anstand, Fleiss und Genügsamkeit erzog. An der allgemeinen Stossrichtung änderte das nichts: Nur die Bildung der Massen bringe die Gesellschaft voran, so lautete nun der Tenor.
In der Schweiz wurde das Bildungsangebot während der Regenerationszeit (1830–1848) ausgebaut. In vielen Kantonen entstanden damals Sekundar-, Bezirks- oder Realschulen für den weiterführenden Unterricht. Es wurden Armenschulen und Volksbibliotheken eingerichtet, und man verstärkte den Druck auf die Eltern, die Kinder zur Schule zu schicken, statt für die Heimarbeit einzusetzen.
Viele Kantone erliessen Schulgesetze, schufen Lehrerseminare, druckten Lehrmittel und legten Lernziele fest. Mit der Totalrevision der Bundesverfassung 1874 wurde schliesslich der obligatorische, unentgeltliche und konfessionsunabhängige Unterricht auf Primarstufe für alle Kantone verbindlich. Mit dem Fabrikgesetz von 1877 wurde Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten. Auch in ländlichen Kantonen ohne gefestigte staatliche Strukturen wie dem Tessin mussten Buben und Mädchen fortan in die Schule statt mit den Geissen auf die Alp, und im frühen 20. Jahrhundert wurde diese Schulpflicht mit Druck aus Bern auch zunehmend durchgesetzt.
Hilft Bildung gegen die Dummheit? Grosser Lesesaal der Zentralbibliothek Zürich, 31. Januar 1979.
Das neue bürgerliche Ideal der Vernunft verfestigte ein Paradox. Einerseits wurde die Dummheit zum selbstverschuldeten Zustand. Jeder bekam die Chance, gegen sie anzukämpfen und einen Beitrag zum Fortkommen der Menschheit zu leisten – ein Fortkommen, das man nun als «Fortschritt» bezeichnete und linear in die Zukunft extrapolierte. Gleichzeitig gab es jene, die sich selbst immer schon für ein bisschen klüger hielten als die anderen und diesen anderen den Weg aus der Unvernunft wiesen.
«Madame, c’est la guerre!», schrieb Heinrich Heine 1827 in Das Buch Le Grand. «Ich will Ihnen jetzt das ganze Räthsel lösen: Ich selbst bin zwar keiner von den Vernünftigen, aber ich habe mich zu dieser Parthey geschlagen, und seit 5588 Jahren führen wir Krieg mit den Narren.»
Was der Literat mit Humor formulierte, wurde von anderen mit bitterem Ernst angegangen: Um 1800 etablierten sich neue Techniken der Dummheitserkennung. Der Schweizer Pfarrer und Philosoph Johann Caspar Lavater entwarf mit seiner Physiognomik eine Art Universalsprache der Natur – ein «göttliches Alphabet», wie er es nannte – und schloss von den Gesichtszügen auf die inneren Eigenschaften eines Menschen. Kritiker machten sich zwar über die Sache lustig: «Ich frage alle Physiognomen, ob sie nicht einmal aus den Gesichtern auf Vornamen geschlossen haben», spottete Georg Christoph Lichtenberg – allein, es half wenig, Lavaters Lehre blieb populär.
Der deutsche Anatom Franz Joseph Gall präsentierte wenig später eine Schädellehre, die einzelnen Hirnarealen bestimmte Geistesgaben und Charaktereigenschaften zuordnete. Der Charakter, das Gemüt und die Intelligenz eines Menschen ergaben sich für Gall aus dem Zusammenspiel lokalisierbarer «Organe» im Gehirn, wobei sich – so die Theorie – Anhaltspunkte für ihre jeweilige Ausprägung aus der äusseren Form des Schädels gewinnen liessen.
Gall war ein eifriger Schädelsammler. Bereits 1798 schrieb er im Teutschen Merkur, dass er sich wünsche, dass «jede Art von Genie» ihm seinen Kopf vererbe. Von Schillers Schädel konnte er sich eine Totenmaske beschaffen, und wegen Goethe wandte er sich 1827 an den mit der Familie befreundeten Franz Brentano: «So beschwöre ich Sie, alle Umgebungen des einzigen Genies zu bestechen, dass wo möglich der Kopf in Natura der Welt aufbewahrt bleibe.»
Höher- und minderwertigeres Leben
Die Obsession mit dem Genie spiegelte sich in der Obsession mit der Dummheit. Von 1853 bis 1854 erschien das vierbändige Monumentalwerk Essai sur l’inégalité des races humaines (Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen) des französischen Diplomaten und Schriftstellers Arthur de Gobineau, dessen Einfluss auf die Vorstellungen von höher- und minderwertigerem Leben kaum überschätzt werden kann.
Die allgemeine Verweichlichung, eine Verrohung der Sitten und fehlende religiöse Überzeugungen führten laut Gobineau zum Zerfall der Nationen. Grund dafür sei eine Vermischung der «Rassen», die Degeneration und Entartung mit sich bringe. An unterster Stelle stand für ihn die «schwarze Rasse»; sie gleiche den Tieren. Die «gelbe Rasse» tendiere zur Mittelmässigkeit. Nur die «weisse Rasse» zeichne sich durch eine «immens überlegene Intelligenz» aus. Sie stand für Gobineau an der Spitze der Hierarchie, ihren Erhalt galt es zu sichern.
Bruno Beger, deutscher Anthropologe und SS-Hauptsturmführer, bei Schädelvermessungen in Tibet, 1938.
Im Zeitalter des europäischen Kolonialismus war denn auch immer klar, wer bereits wusste, wie man alles organisieren musste, und wer noch in der Dummheit verharrte. «Die Behauptung des Kolonialismus, die vorkoloniale Periode sei von Menschheitsnacht befallen gewesen, betrifft die Gesamtheit des afrikanischen Kontinents», hielt Frantz Fanon 1961 in Die Verdammten dieser Erde fest. Dabei wurde im Akt der Unterwerfung diese behauptete «Menschheitsnacht» erst hergestellt: An Völkerschauen in Europas Metropolen zeigte man Schwarze als «vormoderne» Subjekte, derweil Ethnologen, Privatreisende und Kunstmuseen Sammlungen mit «primitiver Kunst» anhäuften.
Wie die Rassenlehre propagierte auch die Kriminologie im 19. Jahrhundert eine biologistische Dummheitsskala. Der italienische Arzt und Gerichtsmediziner Cesare Lombroso schloss aufgrund bestimmter Körpermerkmale auf kognitive und moralische Defizite und teilte die Menschen verschiedenen «Entwicklungsstufen» zu. Die «niederen Entwicklungsstufen» neigten laut Lombroso zur Delinquenz. So wie Gall die Schädel von Genies vermessen hatte, vermass er die Schädel von hingerichteten Verbrechern. Den praktischen Wert seiner Lehre sah er darin, dass man die zivilisatorisch rückständigen «Verbrechertypen» erkennen könne, bevor sie ein Verbrechen begingen. Lombroso war überzeugt: Der Verbrecher wird als Verbrecher geboren.
Mit der Rassen- und der Verbrechertypenlehre im Gepäck machte man sich um 1900 daran, den Gesellschaftskörper zu optimieren. Verschiedene Länder erliessen für bestimmte soziale Gruppen Fortpflanzungsverbote und führten Zwangssterilisationen durch. Die Eugenik – die Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbguts – wurde zu einer aufstrebenden Wissenschaft. Niemand wandte sie so entschieden an wie die Nationalsozialisten: Zwischen 1934 und 1945 verurteilten eigens dafür geschaffene Erbgesundheitsgerichte im «Dritten Reich» rund 400 000 Menschen wegen körperlicher oder psychischer Beeinträchtigungen, vererbbarer Krankheiten, falschen Lebenswandels oder Alkoholismus zur Zwangssterilisation.
War der Mythos einer stetig zunehmenden menschlichen Vernunft danach noch zu retten? Nach zwei Weltkriegen und der Vernichtung von sechs Millionen Juden war er zumindest angeschlagen. Kaum waren die Trümmer weggeräumt, bemühte man sich aber, das Undenkbare als Unfall der Geschichte darzustellen und die Verantwortung dafür auf ein paar Dumme abzuwälzen. Die meisten Täter wollten nur Befehle ausgeführt haben, und die einfachen Bürger beriefen sich auf ihren guten Glauben an die politische Notwendigkeit der Dinge – oder sie schwiegen über das Geschehene. Etwas aber blieb in der Erinnerung haften: die Macht der Propaganda auf die Mobilisierung der Massen.
Die Dummheit der Massen
Bereits im 19. Jahrhundert waren die Massen als Brutstätten kollektiver Dummheit identifiziert worden. Als Erfinder der Massenpsychologie gilt der französische Arzt Gustave Le Bon. In seinem 1895 erschienen Werk Psychologie der Massen (Psychologie des foules) heisst es: «In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft.» Der Psychoanalytiker Sigmund Freud sprach 1921 von einer «kollektiven Intelligenzhemmung».
Die Masse sei empfänglich für die hypnotischen Verführungen charismatischer Führerpersönlichkeiten und neige zu irrationalem und gewalttätigem Verhalten. Populismus und Propaganda im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs schienen das exemplarisch zu bestätigen. Und so trieb das Phänomen den Schriftsteller Elias Canetti noch 1960 um: Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspiele, schrieb er in Masse und Macht, sei die «Entladung»: «Sie ist der Augenblick, in dem alle, die zu ihr gehören, ihre Verschiedenheiten loswerden und sich als gleiche fühlen.»
Nicht nur von politischer Propaganda liessen sich die Massen beeinflussen, sondern auch von kommerzieller Propaganda – von den «geheimen Verführern», wie der Publizist Vance Packard die Werber 1957 nannte. Neben dem potenziell dummen Massenmenschen tauchte im 20. Jahrhundert, ähnlich wie bereits im Mittelalter, das Motiv des dummen «Übergelehrten» wieder auf: Der zerstreute Professor und der Fachidiot wurden zu unentbehrlichen Figuren der Populärkultur. Auch der Schriftsteller Robert Musil hielt 1937 in einem Vortrag fest: Dummheit sei nicht ein Fehlen von Intelligenz, sondern das Ergebnis von Sinnverweigerung.
Es gebe auch die Dummheit der eigentlich Intelligenten, und sie sei weitaus gefährlicher als jene der grundsätzlich Dummen. Bereits 1866 hatte der Philosoph Johann Eduard Erdmann festgehalten, der Dumme sehe die Welt wie durch ein Guckloch, er erkenne die Sachen nur aus einem einzigen Blickwinkel. Wenn aber der «Umkreis der Ideen mit ihrem Zentrum zusammenfällt», der Gesichtsradius also so sehr eingeschränkt ist, dass eine zusätzliche Einschränkung nicht mehr möglich ist, dann habe man die «Kerngestalt der Dummheit» vor sich: das eigene Ich.
Dieses Ich galt es in der Nachkriegszeit dann hinreichend flexibel zu halten. Mit dem Niedergang der Industriearbeit und dem Wachstum des Dienstleistungssektors schwor man die Beschäftigten auf ein «lifelong learning» ein. Die Anforderungen an das Intelligenzprofil von Mitarbeitern veränderten sich. Der IQ-Test, 1904 von Alfred Binet und Théodore Simon in einer ersten Form entwickelt, wurde durch ausgefeilte psychodiagnostische Verfahren abgelöst, in denen man die verschiedenen Arten von Intelligenz zu erfassen versuchte – die kognitive, die emotionale, die praktische, die soziale. Zunächst in der deutschen Reichswehr erprobt, für die Selektion von Offizieren nach dem Ersten Weltkrieg, boomten professionelle Begutachtungsbüros – sogenannte Assessment Centers – in den 1960er und 1970er Jahren: Sie durchleuchteten im Auftrag von Firmen Kandidaten für Kaderstellen und stellten sicher, dass die Entscheidungsträger nicht aus Versehen einen Dummen einstellten.
Dummköpfe: Denken anders als man selbst
Etwas hat sich über all die Jahrhunderte nicht verändert: Auch im 21. Jahrhundert sind die Dummen in der Regel die anderen. Oder wie Gustave Flaubert bereits in den 1870er Jahren notierte (als er an seinem Roman Bouvard und Pécuchet arbeitete und eine Phrasensammlung anlegte, die 1911 als Wörterbuch der Gemeinplätze publiziert wurde): «Dummköpfe: Denken anders als man selbst.» Solange wir also nicht gleichgeschaltet sind, bleibt die Dummheit beunruhigend. Sie kann an allen Ecken auftauchen, gar im wichtigsten Präsidialamt der Welt.
Die Dummheit sei ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit, schrieb der Theologe und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer 1943 im Gefängnis. Gegen das Böse lasse sich protestieren: «Gegen die Dummheit sind wir wehrlos.» Auch der Ökonom Carlo Cipolla hielt 1976 in seinem nur halb ernst gemeinten und doch so treffsicheren Büchlein The Basic Laws of Human Stupidity fest, die Nichtdummen unterschätzten notorisch die zerstörerische Macht der Dummen. Nicht der Bandit, der anderen schade, um selbst etwas zu gewinnen, sei der gefährlichste Typus des Menschen, sondern der Dumme: Er richte nur Schaden an, ohne jeglichen Gewinn. Diese Dummen fänden sich überall im gleichen Prozentsatz – in allen Schichten und allen Berufen, in den Städten und auf dem Land, unter Bauern ebenso wie unter Professoren und Nobelpreisträgern.
Und also auch unter Autoherstellern. Dass man die seriellen Arbeitsgänge, mit denen in den Schlachthöfen Chicagos Tierkadaver zerlegt wurden, auch auf die Montage von Werkteilen anwenden könnte, darauf musste man zwar erst einmal kommen. Wahrscheinlich haben sich die Dinge in der Automobilherstellung aber nicht wegen Henry Fords Intelligenz, sondern trotz seiner Dummheit produktiv entwickelt.
Ein guter Teil des Erfolgs der Ford Motor Company dürfte auf seinen Geschäftspartner und Generaldirektor James Couzens zurückgehen. 1915 trat Couzens von seinem Posten zurück, 1919 zahlte Ford ihn aus, und ab sofort verzeichnete die Firma keine wesentliche Innovation mehr, im Gegenteil: Ford verspekulierte sich mit bizarren Projekten, von denen die Urwaldstadt Fordlandia in Amazonien, die er zur Gummigewinnung anlegen liess, nur das spektakulärste war.
Es könnte also sein, dass technologischer Fortschritt und die allgemeine Hebung des Wohlstands nicht auf der kontinuierlichen Abnahme der Dummheit beruhte, sondern andere Ursachen hätte – organisatorische, systemische, eine bestimmte Pfadabhängigkeit, bei der einmal getroffene Entscheidungen die Richtung vorgaben, in der weitere Entscheidungen getroffen wurden, plus etwas glückliche Fügung. Dass Ford nicht ein genialer Erfinder war, sondern bloss der Name hinter einem Projekt, zu dem er seinen Wahnsinn und sein Geld besteuerte.
In der Konsequenz heisst das, dass alles immer auch schiefgehen kann. Es gilt, Institutionen zu bauen und eine gesellschaftliche Kultur zu pflegen, die das nie vollständig versicherte Dummheitsrisiko nicht zum russischen Roulette werden lassen.
Dieser Artikel erschien in «NZZ Geschichte» Nr. 33 (1. April 2021).
Lea Haller ist Redaktionsleiterin von «NZZ Geschichte».
Weiterführende Literatur
Dietrich Bonhoeffer: Von der Dummheit, in: Ders.: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. München 1951, S. 17–20.
Matthijs van Boxsel: Die Enzyklopädie der Dummheit. Frankfurt a. M. 2001.
Carlo M. Cipolla: The Basic Laws of Human Stupidity. London 2019.
Johann Eduard Erdmann: Über Dummheit. Vortrag im wissenschaftlichen Verein zu Berlin, gehalten am 24. März 1866. Berlin 1866.
Gustave Flaubert: Wörterbuch der Gemeinplätze. Mit einem Nachwort von Julian Barnes. München 2000 (1911).
Achim Geisenhanslüke: Dummheit und Witz. Poetologie des Nichtwissens. München 2011.
Emil Kowalski: Dummheit. Eine Erfolgsgeschichte. Stuttgart 2017.
Robert Musil: Über die Dummheit. Stuttgart 2014 (1937).
Avital Ronell: Stupidity. Urbana und Chicago 2002.
Zoran Terzic: Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten. Diaphanes 2020.
Werner van Treeck: Dummheit. Eine unendliche Geschichte. Stuttgart 2015.
Stefan Watts: The People’s Tycoon. Henry Ford and the American Century. New York 2006.
Die Katze tut, was sie will.
Wenn sie von der Bühne geht, hält sie niemand zurück.
Aus: Peter Handke, Das Mündel will Vormund sein. 1969.
Zum Stück: https://handkeonline.onb.ac.at/node/1873
Allein aufs Klo in Graz
"Sanitäranlage - Zutritt nur eine Person"
Dez. 2020 Grazer Innenstadt
“Not leaving anyone behind 🙌🏿”
(via)
From the album "Strange New Flesh" (1976).
CATholic
Photos by Paróquia São Sebastião - Atibaia/SP
“Ladies and Gentlemen: The saddest and funniest testament to American bigotry we've ever seen in our data.”
The story of Exodus, describing the Israelites’ escape from slavery in Egypt, is missing. The editors left out entire books and large portions of others; their selections stressed obedience, submission, and acceptance. This isn’t any different than how many white evangelical churches operate today. They may not physically remove passages but they cherrypick to promote particular views. They use the Bible to support white supremacy and silence POC.
POC = “ Person of color, positiv konnotierter Begriff für nicht-weiße Menschen” auf Wikipedia
Natürlich ist „dohoch“ ein deutsches Wort und ein valides Argument in jeder Diskussion.
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Das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche
Das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ. Eine Tumblr-Recherche
Versucht Robert Menasse in seinem Roman Die Hauptstadt (2017), für die Idee einer supranationalen Europäischen Union zu werben, so schildert er doch vor allem, dass die meisten EU-Beamten selbst nur wenig davon halten, nach und nach mehr Entscheidungen von den nationalen Regierungen an eine europäische Regierung zu übertragen. Schon eine Kampagne, die nur das Image der EU-Kommission verbessern soll, überfordert die Brüsseler Bürokraten: Sie finden keine plausible – motivierende und verbindende – Erzählung für die Entwicklung und Zukunft der EU. Daher lässt sich Menasses Roman auch als Hilferuf lesen.
Die für jene Kampagne Zuständigen glauben, es genüge, sich auf Auschwitz zu berufen, um einen gesamteuropäischen Geist zu stärken. Immerhin gelte: „Nichts in der Geschichte hat die verschiedenen Identitäten, Mentalitäten und Kulturen Europas, die Religionen, die verschiedenen so genannten Rassen und ehemals verfeindete Weltanschauungen so verbunden, nichts hat eine so fundamentale Gemeinsamkeit aller Menschen geschaffen wie die Erfahrung von Auschwitz.“ In den KZs der Nazis sei es zur „Überwindung des Nationalgefühls“ gekommen, und damit sei überhaupt erst die Idee entstanden, als deren „Hüter“ sich die EU nun zu begreifen habe. Sie habe die „Sicherheit eines Lebens in Würde“ zu gewähren, die in den Lagern der Nazis so grauenhaft missachtet worden sei.[1] Das „Narrativ der Europäischen Kommission“ besage demnach, dass diese „als Antwort auf den Holocaust“ gegründet wurde, der sich „nie mehr wiederholen“ solle, denn „wir garantieren Frieden und Rechtzustand“.[2]
In einem Thinktank wird sogar die Idee vorgestellt, in Auschwitz als dem „Fundament, auf dem das Europäische Einigungswerk errichtet wurde“, die neue Hauptstadt Europas zu bauen.[3] Der Vorschlag kommt in Menasses Roman von einem emeritierten Wirtschaftsprofessor, also von einem Vertreter einer Generation, deren Herkunft und Jugend noch wesentlich von der NS-Herrschaft geprägt wurde. Doch was für die eine Generation eine unvergessliche Lebenserfahrung ist, ist schon für die nächste und übernächste ziemlich abstrakt: nichts, woraus sich ein besonderes Sinnbedürfnis ergeben könnte. Kaum etwas aber beschäftigt Menasse mehr, als dass diejenigen, die das Holocaust-Narrativ stark gemacht haben, mittlerweile alt, oft sogar schon tot sind. In seinem Roman geht es auch darum, wie mühsam ist es, überhaupt noch Auschwitz-Überlebende zu finden, die sich als Zeitzeugen für jene Kampagne einsetzen ließen. Umso dringender bräuchte es somit ein neues, anderes Narrativ; doch fällt den Beamten der EU in ihrer Hilflosigkeit nichts Besseres ein, als den alten Plot auf die Spitze zu treiben, was dessen Glaubwürdigkeit nur weiter schmälert.
Am Ende des Romans werden die Hauptprotagonisten Opfer eines Terroranschlags in der Brüsseler Metro. Ohne dass es ausdrücklich gesagt werden müsste, ist klar, dass es sich dabei um ein islamistisches Selbstmordattentat handelt. Und damit steht plötzlich auch vor Augen, welches ganz andere Narrativ dazu geeignet sein könnte, ein europäisches Wir-Gefühl zu stärken: Die Angst vor Terror und Islamisierung, letztlich also ein gemeinsamer Feind, bringt die Bürger der Länder der EU enger zusammen und lässt etwas Gemeinsames jenseits bloß nationaler Zugehörigkeiten spürbar werden. Zugleich aber steht außer Frage, dass ein solches Narrativ nicht das der Europäischen Kommission sein könnte. Immerhin müsste man dann ja den Feind immer wieder eigens als solchen zur Geltung zu bringen, damit also von einer Politik des Friedens und des Pluralismus Abschied nehmen. Statt sich weiterhin, als Lehre von Auschwitz, den Menschenrechten und einer (mehr oder weniger) humanitären Politik verpflichtet zu fühlen, hätte man aus einem offenen Staatengebilde die Festung Europa zu machen.
Tatsächlich wird diese auch gefordert – und werden Terroristen und Flüchtlinge gleichermaßen zu Feinden erklärt, die es unter allen Umständen abzuwehren gelte. Die dabei treibenden Kräfte sind vornehmlich rechtsgerichtete und populistische Parteien, die in fast allen Ländern Europas bei Wahlen mittlerweile deutlich zweistellige Prozentzahlen erzielen und die immer häufiger sogar an die Macht gelangen. Dass sie so stark werden, liegt nicht zuletzt daran, dass sich in ihrem Narrativ viele Menschen besser erkennen können als in dem, das in den ersten Jahrzehnten der Europäischen Union noch zuverlässig Orientierung gab. Und da weder die Offiziellen der EU noch ein so engagierter Schriftsteller wie Robert Menasse ein neues Narrativ im Angebot haben, fällt es denen, die die Festung Europa gegen die EU ausspielen, umso leichter, mit ihrer Erzählung durchzukommen.
Da die neuen Fronten nicht zwischen einzelnen Ländern, sondern innerhalb der EU-Mitgliedsstaaten verlaufen, befürchten einige sogar bereits einen „neuen Bürgerkrieg“. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot diagnostiziert, dass „das klassische politische Rechts-links-Schema“ abgelöst werde „durch die Anhänger einer Öffnungsagenda und die Adepten einer Abschottung Europas“. Letztere sind nicht einfach nur Nationalisten alten Stils, sondern genauso europaweit organisiert wie die EU-Befürworter; dank des zugkräftigen Plots erzeugen sie aktuell vielleicht sogar eine stärkere europäische Dynamik als diejenigen, die sich für den Fortbestand und weiteren Ausbau der EU einsetzen. Guérot spricht von „der dialektischen Pointe, dass die heutigen Vertreter des europäischen Ungeistes als europäische Bewegung daherkommen“.[4]
Das aber ist in der öffentlichen Diskussion noch nicht deutlich genug – vor allem bleibt unscharf, was für eine Gefahr von einer solchen EU-feindlichen Besetzung des Europa-Begriffs ausgeht. Dabei ist diese Besetzung – wie die im folgenden dokumentierte Recherche belegen soll – bereits ziemlich weit gediehen; sie manifestiert sich nicht nur in Reden und Texten, sondern beinhaltet auch zahlreiche Ikonografien sowie ein umfassendes Programm der Bildpropaganda. Letzteres lässt sich insbesondere in den Sozialen Medien antreffen – und dabei wohl nirgendwo sonst so vielfältig und professionell wie auf Blogs und Accounts von rechtsradikalen Strömungen wie der Identitären Bewegung (IB).
Diese war es auch, die im Sommer 2017 die bisher spektakulärste Aktion startete, als sie unter dem Titel „Defend Europe“ ein Schiff charterte, um im Mittelmeer die privaten Seenotretter und NGOs zu observieren und daran zu hindern, Flüchtlinge nach Europa zu bringen. Zu der international zusammengesetzten Crew von „Defend Europe“ gehörten sogar US-Amerikaner, was dazu passt, dass eine Gruppe der Alt-Right-Bewegung „Identity Evropa“ heißt und sich, innerhalb einer ‚White Supremacy’-Ideologie, auf die eigenen europäischen Wurzeln beruft. „Defend Europe“ meint also vor allem die Verteidigung der als überlegen empfundenen weißen Rasse, und wie diese Aktion folgt auch fast jede andere Aktivität der IB dem Bestreben, jenes Narrativ von der Festung Europa noch dichter, noch emotionaler, noch suggestiver zu inszenieren. So besteht, nochmals in den Worten Guérots, kein Zweifel: „Die Identitären wollen Europa.“[5]
Zum Beleg dafür und zur Einstimmung auf einige der identitär-europäischen Bildmuster sei zuerst jedoch (ungekürzt) zitiert, was unter dem Lemma ‚Europa’ in dem Band Kontrakultur (2017) zu finden ist, in dem Mario Alexander Müller, Identitärer aus Halle und ebenfalls bei „Defend Europe“ mit an Bord, Schlüsselbegriffe der rechtsextremen Szene versammelt hat:
„Europa ist das Geheimnis, dem wir uns verschrieben haben. Es funkelt in den Augen unserer Kinder, peitscht vom Meer her durch unsere Wälder und flüstert in der Stille unserer Kathedralen. Es ist über die Jahrtausende bei uns geblieben, in Liedern, großen Erzählungen, in der Art, wie wir uns lieben oder wie wir sterben. Europa ist nicht der Westen. Was sich in den letzten 200 Jahren aus dem intellektuellen Abfall der Universitäten, dem Machtstreben der Unwürdigen und dem teuflischen Geist des Geldes entwickelt hat, was heute als falsches Zauberwort von der Menschheit die Völker der Welt verneint, ist das Anti-Europa in seiner reinsten Form. Europa ist das Land der Europäer. Wie unsere Ahnen sind auch wir mit den Landschaften unserer Heimat verwachsen. Ihre Wälder rauschen in unserer Sprache, ihre Gebirge ragen in unsere Architektur, ihre Gezeiten spiegeln sich auf unserer Haut. Wir sind in Europa zu Hause und Europa lebt durch uns. Europa ist unser Schicksal. Wir sind nicht ohne Grund in der norddeutschen Tiefebene, in den Pyrenäen oder in den heißen Gassen Roms auf die Welt gekommen. Unsere Heimat ist uns Erbe und Auftrag zugleich. Und wenn es andere in die Welt zieht: Wir bleiben hier und sehen dem Schicksal entgegen.“[6]
Schon der erste Satz gibt den Ton vor: Europa als Geheimnis zu deklarieren, heißt, ihm eine Bedeutsamkeit zuzusprechen, die umso mehr Sinn und Schwere verheißt, als sie üblicherweise verborgen bleibt. Nur wenige sind offenbar in der Lage, durch die Profanität des Alltäglichen hindurch jenes Geheimnis zu erfassen und zu ertragen. So übersetzen die Identitären das alte, von einem starken antizivilisatorischen Affekt gespeiste Motiv eines ‚geheimen Deutschland’ in das Motiv eines ‚geheimen Europa’ (vielleicht in Anspielung auf einen gleichlautenden Text von Franz Marc aus dem Jahr 1915). Sie beschwören eine Eigentlichkeit, die jenseits von Institutionen und politischem Pragmatismus – und am weitesten entfernt von Brüsseler Bürokratie – gesucht wird. Eng miteinander verbunden bergen die Natur und große gemeinschaftliche Werke des Menschen, von antiken Mythen bis zu mittelalterlichen Kathedralen, das Geheimnis, während die Moderne keinen Sinn mehr dafür hat, es gar zerstört. Aufklärung, Emanzipationsbewegungen, Menschenrechte und Kapitalismus werden innerhalb dieses kulturpessimistischen Dispositivs gleichermaßen als falsch, ja als anti-europäisch gebrandmarkt. Allem Modernen will man sich daher widersetzen, egal um welchen Preis. Die wiederholte Nennung des Schicksals adelt die Verteidiger des wahren Europa zu opferbereiten Helden; mit viel Pathos erklärt Müller Heimatverbundenheit zum Merkmal einer coolen Subkultur.
In den Sozialen Netzwerken gibt es unzählige Bilder, die diese Motive illustrieren und atmosphärisch weiter aufladen. Vor allem auf Tumblr lebt sich die identitäre – und weitergehend die gesamte rechtsextreme – Szene aus, was das Image des Subkulturellen befördert, nicht nur weil dort, anders als bei Instagram oder Facebook, fast nichts zensiert wird, sondern auch weil die User üblicherweise nicht mit Klarnamen auftreten, sie also umso ungehemmter – ohne Sorge um ihre bürgerliche Existenz – agieren können. Da ebenso verborgen bleibt, wie viele Follower einzelne Accounts haben, eignet sich Tumblr ohnehin nicht als Medium vergleichender Selbstdarstellung. Befördert Instagram eine Fortsetzung und Steigerung des jeweiligen statusbewussten Lifestyles, mit dem man sich als Einzelner profilieren kann, lässt sich Tumblr vielmehr als große Tauschbörse verstehen: Man lädt Bilder aller Art hoch, die man irgendwo gefunden oder selbst gemacht hat und von denen man glaubt, sie seien so aufregend, ungewöhnlich, geil und krass, dass andere sie rebloggen, zumindest aber liken.
Bereits die Namen vieler identitärer und rechtsextremer Tumblr-Blogs verweisen auf das Europa-Motiv, das dort insgesamt auch das präsenteste Thema sein dürfte. Sie heißen etwa Defend Europe, Reconquista Europe, Europe Identity, Ultimate Europe, Phalanx Europa, Europatria, The Spirit of Europa, Angry European, Imperium Europaeum, Empire Européen, Für Europa oder Indigenes Europa. Entsprechend oft findet man auf ihnen Bilder, die mit europaspezifischen Slogans wie „Defend European Beauty“, „Make Europe white again“ oder „Make Europe great again“ unterlegt sind, wobei das fast durchgängig verwendete Englisch nicht erkennen lässt, aus welchem Land der Urheber des jeweiligen Motivs stammt. – Ein Beispiel:
In nostalgischer Sepiatönung ist eine antike Tempelruine zu sehen, hinterlegt von einem weißen Sonnenrad des Typs, den die Nazis zuerst auf der Wewelsburg installierten und der, als dreifaches Hakenkreuz, heute ein weit verbreitetes rechtsradikales Symbol darstellt. Im selben Weiß ist ‚Europe’ geschrieben, so als sei das Sonnenrad das Piktogramm für den Kontinent. Zugleich ist dies als Hinweis auf die vermeintliche Überlegenheit – und sonnengleiche Ewigkeit – der weißen Rasse zu verstehen. Die Ruine soll an eine große Vergangenheit erinnern, zugleich geht von ihr der Imperativ aus, diese in der Zukunft wiederherzustellen. Sie ist, in den Worten Müllers, „Erbe und Auftrag“.
Generell gehört kaum etwas so untrennbar zum Europa-Narrativ der Rechtsextremen wie das Motiv der Wiederherstellung und Rückeroberung. Überall trifft man auf das Präfix ‚re-’, die Rede ist von ‚Reconquista’, ‚Remigration’ (der Flüchtlinge), ‚Re-Generation’, Recall oder ‚Revenge’. Am liebsten wäre es den Kämpfern für die Festung Europa, sie könnten die Zeit einfach zurückspulen wie ein Tonband:
Die Beschriftung einer Rückspultaste wird über eine antike Büste gelegt, im Hintergrund ist auf der einen Seite eine brennende Stadt zu erkennen, auf der anderen – dort, wohin die Rückspulpfeile verweisen – herrscht Idylle. Beschriftet ist das Bild mit einem bei Rechtsextremen und Identitären beliebten Satz: „The last virtues of a dying society are tolerance and apathy.“ Richtet sich diese Aussage gegen die Befürworter einer pluralen, multikulturellen Gesellschaft, denen unterstellt wird, für Chaos und Staatsversagen verantwortlich zu sein, so ist sie zugleich ein Appell zu Wehrhaftigkeit. Schönheit und Reinheit sind nur möglich, wenn das Eigene kompromisslos verteidigt wird.
Hier wie bei vielen anderen Bildern bedient man sich einer Ästhetik, die in den letzten Jahren gerade auf Tumblr unter dem Begriff ‚Vaporwave’ große Beliebtheit erlangt hat. Sie stellt die aktuellste Version einer Ruinenästhetik dar, besteht sie doch einerseits aus Relikten von Benutzeroberflächen, Symbolen und Grafiken des frühen Computerzeitalters sowie aus antiken Skulpturen, andererseits aus Glitch-Effekten, die – mit Zeilensprüngen, Farbverschiebungen oder Flimmern – den Eindruck einer gestörten Bildübertragung erwecken.[7] Gerade dieser nostalgische Ruinencharakter macht Vaporwave auch für rechtsradikale Aktivisten attraktiv, die sich in einer kaputten Gegenwart wähnen und die Zukunft am liebsten als Restitution einer Vergangenheit denken. Vor allem eine jüngere Generation lässt sich mit Vaporwave besser erreichen als mit romantischen Ruinengemälden, wobei auf den rechtsextremen Accounts durchaus auch alte Kunst und alte Computerästhetik miteinander verbunden und das mit Slogans aus dem eigenen Narrativ gesampelt wird:
Einer der (in diesem Fall aus Polen stammenden) Urheber dieser seit 2017 weit verbreiteten Ästhetik, die mittlerweile unter dem Terminus ‚Fashwave’[8] firmiert, betreibt den Tumblr-Account neonreconquista, auf dem er im September 2017 ein Manifest veröffentlichte, aus dem klar hervorgeht, wie wichtig es den Identitären ist, gerade Jugendliche – die nächste Generation – anzusprechen. Er wolle, so heißt es darin, dazu beitragen, „dass Faschismus sexy sei“ („that fash is sexy“). Solange man jedoch nur Müll und Kitsch zu bieten habe, mache man sich bei Jugendlichen lächerlich und trage dazu bei, dass sie sich lieber linken Gruppierungen anschlössen („trash or kitsch shit made nationalist movement in Poland look like joke for youngsters, and because of that, many young people are turning left”).[9]
Doch ist es nicht nur die Adaption einer beliebten Ästhetik, sondern letztlich noch mehr die Mischung an Bildern, womit neue Anhänger zu rekrutieren sind und das eigene Europa-Narrativ ebenso aufregend wie emotional gefüttert wird. Werden Tumblr-Blogs von Usern oft durchgescrollt, so entsteht dabei, ähnlich wie beim Hören von Musik, eine Stimmung. Verbindungen zwischen einzelnen Bildmotiven und Stilmitteln, Kontraste, Interferenzen, Assoziationen – das alles ergibt eine jeweils eigene Klangfarbe. Sie ist bei vielen der rechtsradikalen Accounts durch martialische Sentimentalität gekennzeichnet: Bilder, die auf Krieg, Heldentum, Opfer einschwören sollen, wechseln sich mit Bildern ab, die von Idylle, Harmonie, Ewigkeit träumen lassen. Jugendlicher Weltschmerz wird damit ebenso bedient wie die Überzeugung, es irgendwann einmal allen zu zeigen, die einen nicht verstehen und ausgrenzen.
Aber damit nicht genug. Die Motivation, immer weiter zu scrollen, wird nicht zuletzt durch Bilder gesteigert, die erotisch stimulieren. Auf fast allen Accounts, die wiederum fast alle von Männern stammen und an Männer adressiert sind, gibt es zwischen Sujets aus Geschichte, Militär, Hochkultur und Mythologie immer wieder Darstellungen leicht bekleideter oder nackter Frauen. Mit ihnen soll nicht nur einmal mehr die weiße Rasse gefeiert werden; vielmehr geht es, wenig überraschend, ebenso darum, Frauen als lasziv und passiv, dem Mann untergeordnet und ergeben zu präsentieren. Sie winken den tapferen Verteidigern der Festung Europa als Belohnung, und um sie – ihre Reinheit – zu schützen, ist der Kampf gegen alles Fremde – und Bedrohliche – überhaupt nur nötig.
Neben dem Beharren auf einer klaren Geschlechterordnung, in der für Schwule und Queere so wenig Platz ist wie für eine Gleichberechtigung von Mann und Frau, vermitteln die Bildprogramme noch weitere rechtsextreme Werte. Durch stete Wiederholung immer wieder ähnlicher Motive werden Krieg, eine antidemokratische Adelsgesellschaft sowie eine nietzscheanische Herrenmoral propagiert, es geht um Heldenverehrung und Denkmalskult, um Okkultes und um alte Bücher. Vor allem aber tauchen auf zahlreichen Bildern Sujets des Nationalsozialismus sowie des Faschismus auf; beharrlicher als mit jeder anderen historischen Referenz brüstet man sich mit Hitler und der SS, Kunst aus der NS-Zeit und Nazi-Symbolen, zumindest aber mit Mussolini und Mosley. Die beliebte Aussage von Identitären und vielen anderen Rechtsextremen, sie hätten nichts (mehr) mit dem Faschismus zu tun, entpuppt sich auf nahezu allen Tumblr-Accounts (wo man sich weniger beobachtet wähnt als sonst) als ebenso falsch wie die ähnlich oft geäußerte Behauptung, man lehne Gewalt ab.
Dabei wäre es gut möglich, das identitär-rechtsextreme Europa-Narrativ ganz ohne Bezugnahme auf die faschistischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts zu gestalten. Man könnte den Wald und die Kathedralen, die schönen weißen Frauen und die heldenhaften Männer, das vormoderne Landleben und eine hipsterfreie Zukunft feiern, um für die Festung Europa und die Verteidigung des Eigenen zu werben. Doch scheint das nicht zu genügen. Für das Feeling als Subkultur braucht es härteren Stoff: Sujets, die provozieren und die vielerorts als Tabubruch empfunden werden. Dann hat man es, da man Widerspruch oder auch Sanktionen erfährt, leichter, sich als Opfer, als Märtyrer zu fühlen, sich aber auch als verschworene Gemeinde zu stilisieren, die nicht nur gegen den Mainstream, sondern im Verborgenen agiert und ihre Ziele zum Geheimnis erklären kann.
So wenig die EU-Befürworter von Auschwitz und damit von den Opfern loskommen, so wenig kommen die Rechtsextremen also von den Tätern des Nationalsozialismus und Faschismus los. Doch sind ihre Heroisierungen, sind Fashwave und andere Ästhetisierungen höchst aktuell; hier sind, anders als bei historischen Begründungen für die EU, Vergessen und Abstrakt-Werden ganz und gar kein Thema. Plötzlich hat man sogar die bedrückende Vision, dass die Täter ein viel längeres Nachleben haben könnten als die Opfer. Diese drohen, gerade weil es viel zu viele sind, als dass man sie als Individuen festhalten könnte, in der Anonymität zu verschwinden, während die Täter, gerade weil sie so Unvorstellbares getan haben, immer weiter faszinieren und provozieren. Lässt sich mit Menasse und anderen mutmaßen, dass die Zeiten bald vorbei sein werden, in denen die Opfer als Mahnung, als Wegweiser für eine menschlichere Politik in einem einigen Europa wirken konnten, so könnte die Zeit, in der aus Tätern Helden werden, schlimmstenfalls gerade erst beginnen – und endlos lange dauern.
Solche Mutmaßungen bekommen weiter Nahrung, wenn man auf Versuche blickt, Bürger und gerade die junge Generation dazu zu motivieren, sich für Fortbestand und Weiterentwicklung der EU zu engagieren. So hat die 2017 gestartete Kampagne „Pulse of Europe“ mit Kundgebungen und Aktionen in zahlreichen europäischen Städten nicht die erhoffte virale Dynamik erlangt und scheint bereits fast wieder eingeschlafen zu sein. Andere Projekte bleiben auf das ziemlich enge Milieu von Kunst und Wissenschaft beschränkt, und selbst wenn ihre Formate auf die Sozialen Medien hin angelegt sind, zünden sie dort nicht richtig.
Besonders aktiv ist etwa der Fotograf Wolfgang Tillmans, der im Mai/Juni 2018 – zusammen mit dem Architekten Rem Koolhaas und anderen – ein „Eurolab“ in Amsterdam veranstaltete, auf dem diskutiert werden sollte, was an der EU-Kommunikation schiefgelaufen ist und wie sich ein Neustart bewerkstelligen ließe („what has gone wrong in the communication of, and about the EU and how to make a new and powerful beginning”).[10] Und schon 2017 entwickelte Tillmans eine Plakatkampagne unter dem Titel “Protect the European Union”: fünf Motive, in 23 Sprachen übersetzt.
Die Texte, die sich ausdrücklich „gegen Nationalismus“ richten, wollen auf Vorzüge der EU aufmerksam machen, etwa auf das Prinzip der Freizügigkeit, wonach man studieren und leben kann, wo man will. Doch ist der Hinweis auf eine komfortable Lebenssituation noch lange kein Narrativ; dazu müsste man die gegenwärtigen Verhältnisse etwa ausdrücklich denen von früher gegenüberstellen, als benachbarte europäische Länder blutige Kriege gegeneinander führten und als schon jede Reise aufgrund zahlreicher Landes- und Währungsgrenzen mühsam war.
Wer erwartet, einer der berühmtesten Fotografen der Welt habe aber zumindest Bilder zu bieten, die für den Geist der EU einnehmen, wird von seiner Plakatkampagne noch mehr enttäuscht. So begleiten die Texte jeweils einfach nur Fotos mit Himmel von oberhalb der Wolken. Dort, so die Botschaft, gibt es keine Grenzen, alles ist vielmehr offen und frei. Doch wirken die fast einfarbigen Motive ziemlich abstrakt und sehr unverbindlich, eher als Platzhalter denn als emotionalisierende Sujets. Ist Menasses Buch immerhin noch ein virtuoser, höchst unterhaltsam geschriebener Hilferuf, so fällt es leider schwer, in den Plakaten von Tillmans mehr als ein Zeugnis purer Ohnmacht zu erblicken.
Ihm selbst ist diese Problematik aber durchaus bewusst. In einem Interview mit der ZEIT im Juli 2018 bekennt er, es sei „nicht ganz leicht“, angesichts des Schwindens der Selbstverständlichkeit des Europa-Narrativs der Nachkriegsgeneration „mit einer emotionalen Kampagne vorzugehen“. Mit starken Emotionen würden außerdem schon die Rechten agieren und „Kampagnen der Angst, des Ressentiments“ betreiben, ja „die ständige Krise, den ständigen Ausnahmezustand […] simulieren“. Dagegen, so seine These, bleibe „gar nichts anderes übrig, als die Debatte auf eine rationale Grundlage zurückzuholen“.[11] Seine eigene Kampagne ist also offenbar ganz gezielt nüchtern statt emotional. Aber ob sich auf Dauer Wahlen ohne eigenes Narrativ gewinnen lassen? Im Mai 2019 steht die nächste Europawahl an, und schon jetzt braucht es nicht viel Phantasie, um zu prognostizieren, dass es die relevanteste und auch umkämpfteste Wahl seit Bestehen der EU werden wird. Die vereinten Rechten werden ihr Anti-EU-Narrativ erstmals voll ausspielen. Vieles von dem, was im Moment noch auf Accounts von Tumblr entwickelt wird, dürfte dann in den Wahlkampf eingespeist werden. Es wird nicht über ein Europa, sondern über zwei extrem gegensätzliche Europas abgestimmt werden.
Wolfgang Ullrich ist freier Autor.
Anmerkungen
[1] Robert Menasse: Die Hauptstadt, Berlin 2017, S. 184f.
[2] Ebd., S. 242.
[3] Ebd., S. 394.
[4] Ulrike Guérot: Der neue Bürgerkrieg. Das offene Europa und seine Feinde, Berlin 2017, S. 21, 42.
[5] https://www.republik.ch/2018/07/10/wir-brauchen-ein-souveraenes-europa
[6] Mario Alexander Müller: Kontrakultur, Schnellroda 2017, S. 80.
[7] Vgl. Annekathrin Kohout: “Discover Tumblr 1 | Vaporwave” (2016), auf: https://sofrischsogut.com/2016/02/28/discover-tumblr-vaporwave
[8] Vgl. Jack Smith IV: “This is fashwave, the suicidal retro-futurist art of the alt-right” (2018), auf: https://mic.com/articles/187379/this-is-fashwave-the-suicidal-retro-futurist-art-of-the-alt-right
[9] https://neonreconquista.tumblr.com/post/165792509316
[10] http://www.betweenbridges.net/open-call-eurolab-new-ideas-to-communicate-the-eu.php
[11] https://www.zeit.de/amp/kultur/2018-06/wolfgang-tillmans-europa-kommunikation-verteidigung-europawahl