London saw the world premiere of Carol Morley’s critically acclaimed The Falling, which, in its evocation of 1960s adolescent female struggles, implicitly offers a pre-history of the liberated fourth-wave feminist sexuality portrayed in Desiree Akhavan’s Appropriate Behavior and Shonali Bose’s Margarita, with a Straw… What makes these films so compelling and affecting is not (just) their bi visibility but that, through bisexuality, their characters and narratives are suffused with a love of the whole, wide world.
Sophie Mayer, 'London Film Festival 2014 blog: bi now (and then)
Ist Film eine Sprache? Können Einstellungen, Szenen und Sequenzen mit Silben, Wörtern und Sätzen verglichen werden? Die Antwort auf diese Frage bedarf eines strukturalistischen Blicks auf das Medium, doch gerade deswegen haben sich Filmwissenschaftler immer wieder mit ihr beschäftigt. Der prominenteste dieser Filmlinguistiker, der Franzose Christian Metz, kam in seiner berühmten Studie ″Film Language – A Semiotics of the Cinema″ kurz gefasst zu dem Schluss, dass Film keine Sprache im klassischen Sinne sei, mit seiner spezifischen visuellen Konstruktion aber definitiv ein ″sprachähnliches System″ darstelle. Man muss diese Theorie nicht kennen, um sich dem ukrainischen Film ″The Tribe″ zu nähern, zweifellos aber offenbart sie eine weitere faszinierende Schicht dieses grandiosen Debüts. ″The Tribe″ ist ein Film über Sprache und Bilder: Alle Schauspieler sind taub, Dialoge finden nur in Zeichensprache statt, Untertitel gibt es nicht. Vom trockenen Experimentalfilm aber ist ″The Tribe″ meilenweit entfernt.
Ein Experiment ist Miroslav Slavoshpitskys Film natürlich dennoch, ein großes Wagnis noch dazu: Zunächst mag man als der Zeichensprache nicht mächtiger Zuschauer schließlich glauben, dem Geschehen auf der Leinwand unmöglich folgen zu können (oder zu wollen). Die Bedenken sind berechtigt, zeigen aber auch auf, wie weit sich das aktuelle Filmverständnis vom kinematischen Ursprung entfernt hat: Denn Kino war anfänglich stumm, die Aufgabe der Bilder war es, dem Zuschauer mit ihrer visuellen Sprache eine Geschichte zu erzählen und nur im absoluten Grenzfall auf erklärende Zwischentitel zurückzugreifen. In dieser Tradition steht ″The Tribe″ und kommt mit seiner kühnen, aber ganz und gar organischen Machart dabei einer Offenbarung gleich: Kino kann immer noch rein bildlich zu erzählen, ohne dabei nur buntes, gedankenloses Spektakel zu sein.
Die Effektivität von Slavoshpitskys Methode generiert sich nicht zuletzt auch aus seinem klugen narrativen Ansatz: Der Plot folgt dem Erzählmuster des ″new kid on the block″, also der Einführung eines Neuankömmlings in ein bereits existierendes, geschlossenes Sozialsystem. In diesem Fall ist das ein Teenager (wir erfahren keinen einzigen Namen der Figuren), der auf ein Internat für Taubstumme wechselt und sich nun in die dortige Hierarchie einfinden muss. Schon in den ersten Minuten vermittelt der Regisseur all diese Information ebenso sprach- wie mühelos: Wir beobachten den Protagonisten, wie er einer Passantin einen Zettel zeigt und diese ihm darauf mit ausladenden Gesten und Zeichnungen den Weg zur Schule deutet. Die nächste Einstellung zeigt die Begrüßungszeremonie der Direktorin zum neuen Schuljahr in schneller, komplizierter Zeichensprache. Kurz darauf sehen wir wieder die Hauptfigur, wie sie von den neuen Mitschülern kritisch beäugt wird. Ein interessanter Effekt dieser wortlosen Form des Erzählens ist, dass sich der Sinn des gegenwärtigen Bildes oft erst aus dem darauffolgenden ergibt; da die meisten Zuschauer keinen Zugang zur Kommunikation der Figuren haben, ergibt sich der Zweck ihrer Aktionen oft erst aus der Reaktion, also der nachfolgenden Szene.
(c) Garmata Film
Mag uns eine anfängliche Szene im Unterricht noch in dem Irrglauben wiegen, nun dem Schulalltag der Figuren zu folgen, werden wir schon bald eines Besseren belehrt; tatsächlich bleibt diese Szene mit einer Ausnahme der einzige Moment, der so etwas wie ein geregeltes Schülerleben widerspiegelt. Denn von nun an folgt ″The Tribe″ dem Anschluss des Protagonisten an eine schulinterne Gang, die mit Drogenhandel, Prostitution und willkürlicher, brutaler Gewalt die geheimen Fäden im Internat zieht. Unter der Oberaufsicht des Kunstlehrers lassen sich zwei der Mädchen regelmäßig von LKW-Fahrern auf der Durchreise für Sex bezahlen; unser ″Held″ und seine neuen, dubiosen Freunde übernehmen die Rolle des Zuhälters. Oft überfallen die Jugendlichen wie ein Schwarm (oder ein ″Stamm″, wie es der englische Titel andeutet) arglose Passanten, rauben sie aus und schlagen sie brutal zusammen. Die jüngeren Schüler werden zu Schutzgeldzahlungen gezwungen.
Auch visuell inszeniert Slavoshpitsky diesen Strudel der Gewalt mit atemberaubendem Gespür für starke Bilder: In oftmals über zehnminütigen Takes folgt die Kamera den Jugendlichen durch die verwinkelten Gänge des Internats, ein Schnitt folgt oft erst dann, wenn alle Personen das Bild verlassen haben. Dabei bleibt Kamermann Valentyn Vasyanovych (ebenfalls ein Debütant) stets auf Distanz, gönnt uns keine Close-Ups, die eine emotionale Nähe zu den Charakteren evozieren könnten. Wenn doch einmal sprechende Personen auftauchen, wird diese Distanz oft sogar so groß, das die Dialoge dennoch unhörbar bleiben – dafür ist das Sounddesign umso raffinierter, gewinnen doch die alltäglichen Nebengeräusche in der surrealen Stille plötzlich an Prominenz.
Als sich der Protagonist schließlich in eines der Mädchen der Gang verliebt, bricht er damit den strikten Code der Gruppe; die Sexszenen zwischen den beiden setzt der Film ebenso direkt und ohne Schnitte in Szene, wirkt dabei jedoch niemals exploitativ oder geschmacklos. Etwas später folgt ein Moment intensiven körperlichen Leidens, den die Filmemacher mit der gleichen stoischen Ruhe einfangen – vielleicht einer der am schwersten zu ertragenen Momente der jüngeren Filmgeschichte.
″The Tribe″ provoziert diese Superlative. Wenn viele auch von der auf den ersten Blick sperrigen Form abgeschreckt sein mögen, werden alle anderen mit einer cineastischen Sensation belohnt. Der Film hinterlässt seine Zuschauer wortwörtlich sprachlos, vor allem die brachiale letzte Viertelstunde des Films macht ein klar artikuliertes Urteil erstmal überflüssig – ″The Tribe″ ist ein Film, den man körperlich fühlt. Erst etwas später ist man in der Lage den reichen Subtext von Slavoshpitskys Werk zu erfassen: wie er die auf Bildern beruhende Zeichensprache mit der Metzschen ″Filmsprache″ gleichsetzt; wie er eine politische Allegorie andeutet, aber nie in den Vordergrund treten lässt; wie es ihm gelingt, subtile Stummfilmreferenzen einzubauen. Diese außergewöhnliche Kombination aus filmhistorischer, -theoretischer Reflexion und emotionalem Tiefschlag macht ″The Tribe″ zu einem gänzlich einzigartigen Kinoerlebnis.