SONETTE EINES WINTERS
Sonettenkranz
Dich überrascht der Klang der eignen Stimme,
als wär er dein, doch käme nicht von dir:
Verletzlich tönend wie ein junges Tier…
Und du erlebst den sechsten deiner Sinne.
Da bist du plötzlich: Über deiner Stadt,
ein Kranich und um dich: Ein Meer aus Flügeln.
Und folgend dem Appell verborgner Zügel
schwebst du zum Berg, der keine Spitze hat.
Doch jemand ruft dich und es ist vorbei.
Du frierst wie eine Feldmaus in der Erde
und glaubst, du fällst vor Einsamkeit entzwei.
Und deine Ruhe, die dir innelag,
ist wie ein Fluch, der nicht zu brechen werde.
Der Februar umfasst den weißen Tag.
Der Februar umfasst den weißen Tag.
Dein Nachbar sagt, es gäbe wieder Tulpen,
doch du zerreibst die Wärme auf den Stulpen
und fragst ihn, ob er einen Glühwein mag.
Die Kälte lässt die Tage sichtbar schrumpfen
und deine Mutter ruft dich nicht mehr an.
Du willst sie fragen, ob sie kommen kann,
doch weißt, sie würde bloß die Nase rümpfen.
Und abends, wenn der Kessel ewig kocht,
schaust du lang fern und langweilst dich zu Tode
und fühlst dich wie ein abgebrannter Docht.
Du gehst ins Bett und wartest auf den Tag.
Die Nacht ist lückig, zitternd und marode,
wie ein Geflecht, das über allem lag.
Wie ein Geflecht, das über allem lag,
bedeckte seine Not sein ganzes Leben.
Er würde gern über den Pfützen schweben
und hätte gern ein bisschen mehr Geschmack.
Er hätte gern ein Haus und eine Arbeit
und wäre gern ein bisschen mehr wie du,
doch sagt er’s dir, dann hörst du ihm nicht zu,
denn seine Schwere ist für dich nur Schwachheit.
Und du wirst nie erfahren, was er wusste,
auch wenn du hundert Bücher drüber liest,
noch geht dir auf, wen er verlor und küsste.
Und jeder seiner späteren Beginne
ist wie ein Tuch, das noch nicht fertig ist,
gemacht von Webern oder einer Spinne.
Gemacht von Webern oder einer Spinne
scheint dieser See im Waldeskern zu sein.
Der Winter fror die Strömungsform hinein,
besänftigte den Lauf der wilden Rinne
und schüttelte dem Wald die Blätter ab.
Du gehst über den roten Nadelteppich
und atmest ein. Der Kieselweg ist fleckig
und unweit hörst du schwerer Pferde Trab.
Wie kann ein Winter bloß von Ort zu Ort
so anders sein? Als wären die Momente
im Wald ein Fleck, wo man hineingehört…
Der Reiter Stimmen bröseln in dem Wind,
im kleinen Waldsee landet eine Ente
und plötzlich bist du wieder nur ein Kind.
Und plötzlich bist du wieder nur ein Kind,
dem jemand hilft, die Schuhe zuzubinden.
Du möchtest gerne Worte dafür finden,
wie schrecklich träge deine Füße sind.
Doch auch dein Geist spielt wiederholt Verstecken
und du verlierst dein Wort und Zeitgefühl.
Du sitzt verloren in dem Schaukelstuhl
und musst bei jedem Laut zusammenschrecken.
Und fragt dich jemand nach den alten Zeiten,
in denen du ein Mädchen warst, musst du
blödsinnig grinsen und fängst an zu streiten:
„Ich bin erst fünf!“ Und während sie dich zäumen,
bist du schon wieder fort und schaust stumm zu,
in einer großen Welt mit großen Träumen.
In einer großen Welt mit großen Träumen,
hat jedes Wesen seinen warmen Bau.
Dort ist der Himmel klar und königsblau;
dort siehst du abends keine Hunde streunen.
Und jedes Beinpaar hat dort seinen Pfad,
der dorthin führt, wohin man kommen wollte.
Der Tag fängt morgen an und endet heute.
Die Zeit ist trübe, wie ein Moosachat.
Und kommt der Winter, fliegen weiße Bienen
und jeder Fluss gefriert zu klarem Eis.
Hellgrauer Atem steigt aus den Kaminen.
Man trifft sich in zephirisch sanften Räumen
und hat dort einen gleichgesinnten Kreis,
wo Weber jeden Wintertag umsäumen.
Wo Weber jeden Wintertag umsäumen:
so sieht der Winter meiner Kindheit aus.
Du gehst aus deinem durchgeheizten Haus
und glaubst, du würdest alles dies nur träumen.
Und hätte ich die Möglichkeit, nochmal
für meine Kindheit einen Ort zu wählen,
dann wär es der, wo selbst die Züge fehlen,
doch der mein Herz vor vielen Jahren stahl.
Es wär das Dorf auf einem Berg am Wald
mit einer Kirche und gedehnten Wiesen,
wo jedes Echo zehnfach widerhallt.
Und mittendrin entfaltet sich ein Kind,
in Feld und Wald, die sich als Gold erwiesen,
wo alle Dinge klar erkennbar sind.
Wo alle Dinge klar erkennbar sind,
kann nichts versteckt sein und abhandenkommen.
Du hast in letzter Zeit viel abgenommen
und man hat Angst, du schwebest auf dem Wind,
wenn er zu stark vor deiner Haustür wehte.
Doch du gehst schon seit Wochen nicht hinaus.
Du schaltest alle lauten Dinge aus
und lässt im Flur die Briefe und Pakete.
Und manchmal hörst du sie im Hausflur schwätzen.
Was wohl passiert sei, fragt ein dicker Mann.
„Vielleicht gestorben…“, sagt man mit Entsetzen.
Doch du hast bloß versucht, kaputtzugehen,
weil du gesehn hast, dass ein Mensch das kann…
Und bis zur Nacht bleibst du am Fenster stehen.
Und bis zur Nacht bleibst du am Fenster stehen.
Dein Atem ist ganz flach, du blinzelst kaum.
Es scheint, dich gibt es nur in diesem Raum
und draußen würdest du im Lärm zergehen.
Selbst deine Katzen sehen dich nicht mehr.
Die Augenlichter gleichen Taschenlampen
und suchen nach der weichen, altbekannten,
geborgnen Hand, die ihnen Heimat wär.
Doch heute bist du bloß ein müder Geist,
der plötzlich seinen Klang verloren hatte
und nichts von seinem alten Klingen weiß.
Die Katzen klagen krank und aufgewühlt,
doch du bist der Gardinen dunkler Schatten,
ganz wie ein Grashalm von dem Frost umhüllt.
Ganz wie ein Grashalm von dem Frost umhüllt,
ist jede ihrer Wimpern eingefroren,
als hätte sie der Winter auserkoren
und für das ew‘ge Leben abgekühlt.
Du könntest jeden Tag aufs Neue beten,
dass die genauso bis ans Ende bleibt
und dass in ihren Augen ewig treibt
die Leuchtkraft eines Halley’schen Kometen.
Du atmest sie und lebst von ihrem Lachen,
ertrinkst in ihrem Fluss und tauchst nicht auf,
nur um noch einmal mit ihr zu erwachen.
Und wären ihre Hände Alpenseen,
dann nähmest du das Untergehn in Kauf,
doch sieht dich jemand, wird er’s nicht verstehen.
Doch sieht dich jemand, wird er’s nicht verstehen.
Du sagst, es war dir alles nicht genug:
obwohl dich jeder auf den Händen trug;
obwohl du nie gelernt hast, selbst zu gehen.
Doch trotz, dass du nie unbegleitet schläfst,
liegst du nachts wach und kenterst an der Leere,
als ob in deinem Innern etwas wäre,
das dich zersplittert. Und wenn du ihn träfst,
dann würde er dich sicher nicht erkennen.
Doch träumst du, ist er wieder nah bei dir
und hilft dir, aus dem Kreis herauszurennen.
Er legt dich hin und mildert deine Wunden.
Du flüsterst, du hast Angst, ihn zu verlier’n,
Und wenn du aufwachst, ist der Traum verschwunden.
Und wenn du aufwachst, ist der Traum verschwunden.
Doch du bist dankbar für die kurze Zeit.
Du trugst schon wieder das geblümte Kleid
und warst dabei, die Ufer zu erkunden.
Das blaue Boot, das er von Hand bestrich,
trieb übers Wasser wie ein Himmelssplitter.
Die Schwalben prophezeiten ein Gewitter,
du memoriertest dir den Küstenstrich.
Dann tratst du in die große Werkstatt ein
und saßt in seinem alten Arbeitszimmer,
versuchtest noch einmal, ein Kind zu sein…
Und wenn du glaubst, dein Sehnen ist erfüllt,
dann wachst du auf und siehst den Wecker flimmern.
Du fühlst dich übermüdet und verkühlt.
Du fühlst dich übermüdet und verkühlt
und kannst seit Tagen nicht mehr richtig schreiben.
Du presst die Nase gegen Fensterscheiben
und suchst nach einem Stoff, der dich umhüllt.
Du findest ihn auf tiefen Flaschenböden
und glaubst dann kurz, das muss der Frühling sein.
Doch auch der beste, ausgereifte Wein
bringt einen Geist am Ende zum Veröden.
Doch noch kannst du versuchen, zu entfliehen.
Du fällst hinein und findest endlich Schlaf
und träumst von unentdeckten Galaxien.
Und draußen heult der Wintersturm seit Stunden
wie ein Schakal, den eine Kugel traf.
Der Februar dreht weiter seine Runden.
Der Februar dreht weiter seine Runden.
Du wartest wie vernarrt auf den April.
Weil jede Seele einen Ausweg will,
hat jemand den Pistolenlauf erfunden.
Doch du bist für das Schießen viel zu schwach
und zum Vergiften fehlen dir die Mittel.
Der Winter übergeht ins letzte Drittel
und Elstern hüpfen wieder auf dem Dach.
Du wickelst dich in eine dicke Decke,
sie scheint dir heute einzigartig weich
und plötzlich tanzt ein Lichtfleck in der Ecke,
verschreckt den Schatten und die alte Spinne.
Dann lachst du glücklich auf und staunst zugleich:
dich überrascht der Klang der eignen Stimme.
Dich überrascht der Klang der eignen Stimme.
Der Februar umfasst den weißen Tag
wie ein Geflecht, das über allem lag,
gemacht von Webern oder einer Spinne.
Und plötzlich bist du wieder nur ein Kind
in einer großen Welt mit großen Träumen,
wo Weber jeden Wintertag umsäumen;
wo alle Dinge klar erkennbar sind.
Und bis zur Nacht bleibst du am Fenster stehen,
ganz wie ein Grashalm von dem Frost umhüllt.
Doch sieht dich jemand, wird er’s nicht verstehen.
Und wenn du aufwachst, ist der Traum verschwunden.
Du fühlst dich übermüdet und verkühlt.
Der Februar dreht weiter seine Runden.