Cyril Bonin;
Fog and Quintett

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Cyril Bonin;
Fog and Quintett
* * *
Der Wendigo träumte und sah eine Szene: Er kniete sich hin und er sprach zu der Huldra: "Du bist an der zitternden Bläue erfroren. An Rot wirst du dir deine Finger verbrennen. Und während du kämpfst, wird dein Gelb immer blasser."
"Doch wie kann das sein?", gab die Huldra ihm Echo. "Wir sind in dem Mittelpunkt jeglicher Dinge. Ich weiß, was zu lieben heißt, seit ich dich kenne. Ich schreibe beleuchtet vom Licht deiner Sonne. Es kann nicht gestürzt werden, was aus dem Fall kommt."
"Das meine ich nicht.", sprach er hungrig und müde. "Ich weiß, was wir sind. Das erhält mich am Leben. Doch alles, was ich in den Nächten berühre, gedeiht nicht und bleibt den Erwachten verborgen. Mein Licht ist am Ende. Es scheint nicht. Es flackert."
Die Huldra stand starr. Dann begann sie zu sprechen: "Du weißt von der Zeit und du weißt von der Dauer. Du weißt von der Endlosigkeit dieser Liebe. Du weißt von den Klängen, die suchen und finden. Du weißt von den Spuren im Moos meiner Seele.
Ich breche der Welt ihr verlogenes Rückgrat. Ich zünde die Städte an, die dich nicht kennen. Ich lote den Himmel, befrage die Meere und bringe dir Kunde, die tief in der Mitte sich schließt wie ein Ring um dein endloses Wesen.
Du hast meine Stimme. Du hast meine Wunde. Du hast mein Versprechen, das blutet und wach ist: Ich werde dich tragen durch Stürme und Moore. Ich bleibe bei dir bis zur dämmernden Stunde. Die Kerze wird brennen, solange sie Wachs ist.“
* * *
Dies ist die Form. Sie fließt wie deines Lebens Fluss, und fädelt sich durch deinen Geist, und wenn du glaubst, dass du sie lenken musst, dann zeigt sie dir, dass du nichts weißt.
Sie gab es schon, da warst du formlos wie der Wind, und über deinem bloßen Haupt gebar Form Dinge, die unendlich sind, weil Form nicht an das Sterben glaubt.
Wort selbst ist Form. Und du, das Abbild dieses Baus, bist Schattenspiel, das nur im Licht der Sonne tanzt. Du bist ein Flüsterhaus, das schweigt, bis jemand kommt und spricht.
* * *
Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich ein blaues Boot im feinen Sand. Dir sind diese Ufer unbekannt; Glieder einer fremden Seelen-Ehe, die man auf dem Träume-Friedhof fand.
Aber mir ist jene blaue Fähre so erschreckend nah, dass ich den Fluss häufig aus dem Kopf verbannen muss, weil ich weiß, dass ich nicht wiederkehre.
Träumt das kühle Wasser auch von mir? Flüstert es bei Nebel meinen Namen? Sehnen sich die süßen, wundersamen Uferblumen nach dem Menschentier, welchem sie die Kindheitsängste nahmen?
Leise treibt das blaue Boot dahin in des alten Kindes Träumereien. Ich kann meinen Ufern nicht verzeihen, seit ich meinen Ufern Fremde bin.
* * *
Das ist eine gute Zeit für uns. Wind verweht den aufgestauten Dunst und den dichten Nebel aus den Gassen. Willst du die Gewalt der Welt erfassen, ist das eine gute Zeit für uns.
Das ist eine gute Zeit für uns. Fast vergessnes Farbspiel füllt die Kunst. Berge blühen auf und in den Meeren wünschen sich die Ströme, umzukehren. Das ist eine gute Zeit für uns.
Das ist eine gute Zeit für uns: Sühnung jahrelangen Irre-Tuns; Harmonie der Zeichen und der Klänge. Wächst du aus dem Herz der Urgrundstränge, ist das eine gute Zeit für uns.
Doch auch wir sind ihr Kokon und Seele; Lebenslicht verschlafenen Tribuns. Fragst du mich, wohin mit uns – ich wähle diese Zeit- und Breitenparallele. Das ist eine gute Zeit für uns.
Meine Muse
Neunzehnhundertundzwölf. Warmer Wind. Weißer Wein. Wenn es etwas nicht gibt, dann den plötzlichen Tod. Austerntellermajolika. Kürbiskernbrot. Nicht bewegen, mein Liebling, da ist eine Fluse an deinem Schlüsselbein.
Jemand fragt mich danach, wer du bist und ich weiß: Keine Antwort der Welt wäre Antwort genug. Kühles Ananaswasser im Jugendstilkrug. Ein errötendes Mädchen in seidener Bluse mitten im Dichterkreis.
Er ist alles, was niemals zu leben begann. Er ist alles, was jemals zu leben verstand. Mein Verlangen, mein Atem, mein Sinn, meine Hand. Doch die wichtigste Wahrheit: Er ist meine Muse, die meinen Geist umspann.
* * *
Wenn sie die Schuldgefühle festerfassen, dann atmet sie die Sommerträume ein und sagt sich still: „Es gab uns nicht. Die Gassen der Riesenstadt erlebten nie den Wein, den wir entkorkten auf den Samt-Terrassen.
Und diese Stadt hat es noch nie gegeben, nie lag ich neben dir in deinem Bett in dem Hotel, wo du und ich nicht leben, erahnend in dem Nachklangviolett der Vorhänge das eigne Innenbeben.“
Doch sie ertrüge jegliche Gebühren, um nur noch einmal mit dir nicht zu sein, sich nicht zu öffnen, dich nicht zu verführen im trüben Tau und nicht getrunknem Wein und nochmal deine Hände nicht zu spüren.
„Doch wenn wir hätten – hätten wir die Brände aus deinen Liedern in der derben Nacht. Und wenn wir wären – wären wir das Ende. Doch diese Nacht hab ich mir ausgedacht genau wie meine Haut und deine Hände…“
Berlin
* * *
Du bist in jedem Traum das Hauptfragment, Auch wenn ich von erdachten Dingen träume: Von deiner Stimme neigen sich die Bäume In dunkelgrünen Wäldern und die Räume, Die du betrittst, pulsieren transzendent.
Begegnet man dir einst, ist man gebannt: Opal und blau, wie aus dem Meer erlesen. Wie leer das scheint, was noch vor dir gewesen … In deinem Blick verfängt sich jedes Wesen. Erwachend fühlt man Tränen in der Hand.