Machbarkeit und Möglichkeit
Oh, the people turned away... (Led Zeppelin, Down by the riverside)
Der Möglichkeiten sind viele...
Kann man das denn hindern?
Im Geschehen schloss es die Möglichkeiten aus
Die es im Werden noch war. In der Entscheidung
Die wie das Öffnen einer Tür ist
Deren Schlüssel man nicht zu besitzen glaubte
Teilt sich die Welt: die den Konjunktiv lieben
Zögern. Es tun! Ungeachtet der Folgen...
Die Folgen annehmen: das ist Vergangenheit.
Die Ursachen bekämpfen: das ist Gegenwart.
Gehet hin und machet euch die Erde untertan!
Wieviele Schatten von Taten
Streifen die Zeit eines Gedichts...
Wieviele Dinge verlieren ihre Potenz
Wieviele Dinge bewahren ihre Potenz
Während der Entstehung eines Gedichts:
Unmöglich diesen Verlust in einem Gedicht
Zu kompensieren! Und doch – und doch...
Übrigens gehört das vielleicht gar nicht zur Sache...
Es hebe die Hand wer sich für normal hält!
Ich denke oft daran wenn ich nachts erwache
Weil ich Durst habe oder Wasser lösen muss
Und einen Blick in die Kinderbetten werfe:
Die offenen Münder die verworfenen Glieder die abgeworfenen Decken das träumende Stöhnen
Und mich die verantwortungsvolle Sorge mit Trauer und Freude
Ja mit Freude und Trauer erfüllt denke ich oft daran
Dass Normalität eine Lüge ist
Dass Sicherheit eine Lüge ist
Dass kein Zwang uns zu dem machen kann
Was uns eigen ist und dass dennoch
Selbst in unserer offenen Gesellschaft
Alles auf den Ausschluss der Möglichkeiten
Alles auf den Abwurf von Ballast gerichtet ist
Und der zarte Kloss in meinem Hals
Der so süss schmerzt wird dort zu einem Haken:
Ich lasse mich und meine Kinder nicht über einen Leisten
Brechen... Und ich denek während ich mich wieder zu meiner Frau lege
Die mich undeutlich etwas fragt aus ihrem Traum heraus
An die Halfinger oder Brabanter
Die durch die Kleinstadt meiner Kindheit trotteten
Geführt von schönen Mädchen in Reitkleidung und obenauf
Mit verzücktem roten Gesicht sass ein Möngi
Wie wir sie nannten: es war eine der ärgsten Beschimpfungen
Die wir kannten – schlimmer als Schwuler...
Und ich lächle weil ich an die schwere und schwerblütige Therese denke muss
Die sich in einem der Sommerlager für geistig Behinderte in mich
Den jüngsten der Betreuer unsterblich verliebt hatte
Und mir überall hin folgte und mich überall fand... Nein:
Es gibt Konjunktive die wirklich werden:
Zuwenige. Und wir haben verlernt
Sie zu beherrschen und brauchen
Hilfsverben dafür. Da unten auf dem Haufen zu unsern Füssen
Der sich türmt aus Nägeln Haaren Plastikfasern Farbklecksen
Schuppen benutzten Kondomen Hautfetzen Verbandsmaterial
Blutgerinnseln Kotze zerschlagenen Gipsen unbenutzten Kondomen
Apfelbitzen Fahrradklingeln und Taubenscheisse
Auf diesem Komposthaufen da unten lebt es noch...
Wissen Ihre Kinder wie ein Kakerlak aussieht?...
Sind nicht die positiven oder positivistischen
Von Forschern und Ökonomen
Die vergassen dass alles gut ist wie es ist
Von Sportlern und Politikern
Die vergassen dass nicht Leistung oder Effizienz zählt
An die ich manchmal minutenlang denke
Die mich das Handeln scheuen machen
Sind jene Eigenheiten – jene Besonderheiten
Die zu uns gehörig unser Wesen
Dieses schwanke Brett über der Tiefe
Kontrastieren mit einer anderen Wirklichkeit
Die niemand gewünscht – die niemand gerufen hat
Die aber aus der Möglichkeit heraus getreten ist
Wie ein konvexer oder konkaver Spiegel
Die Freakshow einer Welt ohne Mass und Wert – und heute
Ist die Welt eine Freakshow des Masses und des Wertes:
Des Normalen. Politik ist die Kunst des Machbaren
Geworden – Forschung die Herstellung von Perfektion –
Der Möglichkeiten sind viele...
Statistischer Durchschnitt.
Der Median ist eine schlechte Medizin:
Die Quantile da oben – die Quantile da unten
Atmen noch: sie atmen auch. Ich will ein Strich
Durch die Planung des Lebens sein... Mein Gedicht soll
Irren wie eine Bremse über die Kuhweide der Gewöhnlichkeit
Das Herz eines Möngis... Ich weiss zwar nicht
Wie wir uns entschieden hätten: doch die Möglichkeit zuzulassen
Wäre ein Befreiungsschlag gewesen: als hätte man
Der Perfektion ein Schnippchen geschlagen
Dadurch dass etwas da unten in den untern Quantilen
Als vollwertig angenommen wird als vollwirklich. Die Aberration
Ist Teil des Ganges und kein Versehen. Und ganz gewiss
Ist die Aberration machbar
Man könnte sie auf die Enola Gay verladen
Unentwegt – seltener aber unentwegt:
Was dann erscheint uns als
Das Gedicht ist eine Reflexion auf den Artikel von Mirjam Grob "Wenn der Neoliberalismus im Mutterbauch beginnt" vom 09.08.12, http://www.woz.ch/1232/praenataldiagnostik/wenn-der-neoliberalismus-im-mutterbauch-beginnt