Hyperland...
...führt uns in ein Deutschland der nahen Zukunft, in welchem soziale Medien nicht nur die täglich gebrauchten elektronischen Geräte, sondern auch unser aller Gehirne besetzt und so fest im Griff haben, dass die Auswirkungen von koordinierten Schmutzkampagnen noch gravierender sind, als wir sie ohnehin schon regelmäßig erleben.
Der Vergleich zu Charlie Brookers dystopischer “Black Mirror”-Serie liegt nicht nur deswegen nahe, weil das zugrunde liegende Konzept der totalen Auf- und Entwertung unserer Mitmenschen mittels Likes und Downvotes dort bereits in einer entsprechenden Folge mit Bryce Dalls Howard durchgedacht wurde. Aber Regisseur Mario Sixtus ist kein grimmiger Zyniker wie Brooker, dessen Pessimismus in seinen besten Episoden als zornige Anklageschrift und ein Appell an echte Menschlichkeit gelesen werden konnte, aber für meinen Geschmack zu oft zu sehr böse der Boshaftigkeit wegen war, was auf Dauer nicht selten vorhersehbar und enervierend wirkte. Auch Sixtus bringt eine gesunde Skepsis in Bezug auf die technologischen Fortschritte, die auf uns warten, mit, aber sein Blick auf die Menschen ist trotz allem wärmer, empathischer und differenzierter, als es sich das übergroße britische SciFi-Serien-Vorbild aus England bis auf wenige Ausnahmen traute. So wenig er die Probleme ausspart, an denen unsere Gesellschaft krankt, so sehr weiß Sixtus auch, diese als Teile einer durchaus stringenten, spannenden Geschichte mit glaubwürdigen Figuren zu erzählen, was dazu führt, dass ich fast nie das Gefühl hatte, einem didaktischen Pamphlet beizuwohnen, sondern einem so seltenen wie aufrichtigen deutschen Beitrag zum Genre Science Fiction.
Die wohl größte logistische Schwierigkeit von “Hyperland”, eine futuristische Fabel mit Minimalbudget zu drehen, ist dann auch eine ihrer größten, vielleicht ungewollten Qualitäten. Zwar fällt es mitunter auf, dass mit ein wenig mehr Geld und Zeit vielleicht die ein oder andere Szene weniger fernsehfilmisch dahergekommen und die ein oder andere schauspielerische Leistung etwas weniger deutlich gegen die starke Performance von Hauptdarstellerin Lorna Ishema abgefallen wäre (kein allgemeines Urteil, aber gelegentlich wird textlich etwas gehölzt), jedoch bringt gerade der inszenatorische Sparkurs visuell eine Ebene in den Film, die seinem zugrunde liegenden Anliegen immens gut tut: statt sich in futuristischen Großbauten ála “Blade Runner” zu verlieren, sehen wir die typischen altbekannten, tristen deutschen Reihenhaussiedlungen und grauen Hochhäuser, auf welche dank Elektronik im Hirn bunte Kunst, flirrende Lichter oder auch der Videochat mit dem Bekannten projiziert werden - sichtbar gemacht im Hirn der Draufsehenden. Die Welt, wie wir sie kennen, hat sich demnach kein Furz weiterentwickelt, die alten Fassaden blieben einfach stehen, um mit schönem Schein geschmückt zu werden, alles, was in irgendeiner Form in Richtung Fortschritt verweist, findet ausschließlich im virtuellen Raum statt. Und auch wenn Mario Sixtus ebendiesem Raum auch positive Aspekte abgewinnen kann - etwa in einem Tanzladen, in welchem alle ihr jeweiliges optisches Ambiente selbst wählen können - ist diese Degenerierung echter Haptik zugunsten von falschen Bildern etwas, was ein bewusstes oder budgetimmanentes und somit unfreiwilliges Alleinstellungsmerkmal dieses Filmes darstellt.
Unterm Strich bleibt ein mehr als solides Science Fiction-Werk aus deutschen Landen, welches vielleicht nicht sämtliche Klippen der deutschen Fensehfilmkonventionen umschiffen kann, das sich aber aufgrund eines erfreulich stringenten und spannenden Drehbuchs, eines originellen visuellen Konzepts sowie einer wirklich starken Hauptdarstellerin vor den unter deutlich privilegierteren Rahmenbedingungen gedrehten Vertretern aus anderen Ländern nicht zu verstecken braucht.
D.C.L.













