Blog im Blog und andere Metonymien
Metonymie und Metapher sind die wohl wichtigsten sprachlichen Figuren zur Bedeutungserweiterung. Bei der Metapher wird ein Begriff auf (vermeintlich) Ähnliches ausgeweitet: vom spitzen Messer zur spitzen Bemerkung. Bei der Metonymie verbindet das ursprünglich Bezeichnete und das, auf das die Bezeichnung ausgeweitet wird, eine Kontiguität, also die Zugehörigkeit zur gleichen semantischen Sphäre: von ›Jelinek begegnen‹ (der Person) zu ›Jelinek lesen‹ (das Werk derselben Person). Ein Sonderfall der Metonymie ist die Synekdoche, bei der die Metonymie auf einer Teil-Ganzes-Relation beruht: von der Nase als Teil eines Körpers zu ›drei Nasen‹ (für ›drei Personen‹).
Auch wenn man über Digitales redet, spielen Metaphern – etwa die ›Maus‹ als Zeigegerät – und Metonymien eine Rolle. Darüber denke ich nach, als ich einen Text auf der Website der Süddeutschen lese, in dem ein Techniktagebuch-Beitrag kommentiert wird und folgender Satz steht: »Er hatte in einem Blog im Tumblr Techniktagebuch auf das Problem hingewiesen.« Nicht nur mir fällt dieser Satz auf, in dem Blog nicht in der Bedeutung verwendet wird, die im Wörterbuch steht: »tagebuchartig geführte, öffentlich zugängliche Webseite«. Kathrin Passig sieht eine Zukunft vor sich, in der ›Blog‹ auch ›Beitrag in einem Blog‹ bedeuten kann. Im Niederländischen hat diese Zukunft bereits begonnen – zwar auch nicht im Wörterbuch, aber im alltäglichen Sprachgebrauch. Oft sind die beiden Bedeutungen allerdings kaum zu trennen: Alles, was in einem Blog² (Bedeutung: ›Blogeintrag‹) zu lesen ist, steht ja auch automatisch in einem Blog¹ (Bedeutung: ›tagebuchartige Website‹).
Bei einer anderen Metonymie lässt sich das leichter unterscheiden: Der Begriff ›App‹ hat im Niederländischen neben der Bedeutung, die auch das Deutsche kennt (»zusätzliche Applikation, die auf bestimmte Mobiltelefone heruntergeladen werden kann«), die Bedeutung ›WhatsApp-Nachricht‹ angenommen. Verwendet wird es vorzugsweise in der Diminutivform ›appje‹. Wie schon im Fall von ›Blog‹ nehme ich interessiert zur Kenntnis, dass dieselbe Bedeutungsübertragung – unabhängig vom Niederländischen – auch im Deutschen entstanden ist. Jemand, der kein Wort Niederländisch spricht, sagt jedenfalls in Deutschland zu mir, ich solle ihm doch »eine App schicken«, wenn ich da sei. Das ist eher ungewöhnlicher Sprachgebrauch, aber prinzipiell zukunftsfähig und immerhin kürzer als ›Nachricht‹ oder ›Message‹, die ansonsten im Deutschen wohl die Begriffe der Wahl wären.
Höhere Verbreitung im Niederländischen als im Deutschen hat auch eine Bedeutungserweiterung, die wohl vom amerikanischen Englisch ausgeht: ›Facebook‹, ursprünglich die Bezeichnung für einen Dienst, wird in beiden Sprachen auch für ›Facebook-Account‹ (›He deleted his Facebook‹) und für ›Facebook-Seite‹ (›I read that on his Facebook‹) verwendet. Im Deutschen sind Belege für ›Er hat sein Facebook gelöscht‹ oder ›Ich habe das auf seinem Facebook gelesen‹ und ähnliche Formulierungen dünn gesät. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass in den Niederlanden angeblich rund 45 Prozent der Einwohner des Landes Facebook nutzen, während es in Deutschland nur rund 30 Prozent sind (und in Österreich und der Schweiz auch nicht viel mehr). In den USA sollen es 52 Prozent sein.