Oktober 2025
In meinem linken Ohr wird zum ersten Mal geputzt
Im Sommer fällt mir auf, dass ich die Grillen nur noch mit dem rechten Ohr zirpen hören kann. Zuerst denke ich "verdammt, das Alter" und dann "vielleicht doch nur Dreck?" Denn ein paar Monate davor hatte ich nach dem Duschen auch schon das Gefühl, dass in diesem Ohr etwas feststeckt.
Ich lese, dass Ohrreinigung in Deutschland nur durch Ärzte durchgeführt werden darf: "Ohrenschmalz ist ein nachwachsender Rohstoff, der schon viele Generationen von HNO-Ärzten bestens genährt hat." Deshalb beschließe ich, es im Herbst in Schottland machen zu lassen, da dürfen das nämlich auch andere Fachleute.
Zum Beispiel in meiner schottischen Brillen-und-Hörgeräte-Filiale. Auf ihrer Seite steht, dass man sich vor Vereinbarung eines Earwax-Removal-Termins mehrere Tage lang Mineralöl ins Ohr tropfen soll, um den Dreck aufzuweichen. Ich lasse mir von Aleks den Gehörgang mit Ballistol füllen, was nicht uninteressant ist, danach höre ich aber noch schlechter und mein Ohr fühlt sich komisch an. Deshalb bleibt es bei dem einen Mal.
Ich suche (wegen einer Frage, die ich zum Aufschreibezeitpunkt schon wieder vergessen habe) im Internet nach earwax removal und bekomme sofort ein wahnsinnig überzeugendes Produkt angezeigt: Eine kleine Endoskopie-Kamera mit Ohrenreinigungswerkzeug dran. Die Bewertungen des Geräts sind voll mit faszinierend widerlichen Videos von der Ohrenreinigung. Es ist nicht mal teuer, zwischen 12 und 30 Pfund! Ich bestelle sofort eines bei Ebay.
Ein paar Tage später kommt es an.
Man installiert die dazugehörige Handy-App, schaltet das Gerät ein, dann stellt es selbst ein WLAN her, mit dem sich das Handy verbinden muss, und wenn man sich das Gerät dann ins Ohr steckt, kann man sich auf dem Handy ins Ohr gucken. Es ist so großartig und furchtbar wie erwartet. Mein rechter Gehörgang ist sauber und rosig, im linken steckt ein dunkelbraunes Ding von der Größe des Whitechapel Fatberg (jedenfalls sieht es durch die Kamera-Vergrößerung so aus).
Hier ist zur Schonung der Allgemeinheit kein Foto davon, obwohl ich eines habe.
Eine halbe Stunde lang schabe ich mit einem der vielen mitgelieferten Werkzeuge an dem Dreckklumpen herum. Danach kann ich zwar schon Teile meines Trommelfells sehen, traue mich aber nicht mehr, weiterzumachen. Und erst jetzt lese ich nach, was ich vielleicht schon vor dem Kauf hätte tun sollen: Es handelt sich um ein TikTok-Trend-Produkt, von dessen leichtfertigem Gebrauch abgeraten wird.
Ich lasse die letzte Schicht deshalb lieber am Trommelfell kleben und vereinbare zur Entfernung des restlichen Drecks einen Termin im "House of Hearing", wo man mir Microsuction verspricht. (Außerdem gibt es dort sehr komfortable Online-Terminbuchung. Das liegt vermutlich mehr an Großbritannien als an der Hörgerät-Zielgruppe.)
Ein paar Tage später steckt mir dort eine Ohrenreinigerin ein Absaugding ins Ohr, es gurgelt, schlürft und schmatzt sehr befriedigend, und nach wenigen Minuten bekomme ich auf einem Monitor meinen aufgeräumten linken Gehörgang gezeigt.
Gerät und Termin zusammen haben mich 110 Pfund gekostet. Aber es war alles so großartig, ich glaube, ich habe schon für weniger Vergnügen mehr Geld ausgegeben. Außerdem besitze ich jetzt ein Gerät, mit dem ich mir zum Beispiel auch in die Nase gucken kann (nur so) oder meine Backenzähne betrachten oder vor dem Kauf in die Packungen von Lego Minifigures hineinschauen, wie die New York Times vorschlägt. Oder in die Ohren von Aleks, der daraufhin sofort auch einen Besuch im "House of Hearing" beschließt.
(Kathrin Passig)














