*Mucosolvan Schleimmonster (März 2015)*
Das Ziel der Aufklärung war es, durch rationales Denken alle den
Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden. Als wichtige
Kennzeichen der Aufklärung gelten die Berufung auf die Vernunft, der
Kampf gegen Vorurteile und die Hinwendung zu den Naturwissenschaften.
Doch unerwarteterweise schwingt dieses Pendel nun wieder zurück. Die
nimmermüden Erforscher gesellschaftlicher Trends haben für uns die neue
(alte) Weltsicht im Zuge der Verkaufsförderung für ein Hustenmittel
untersucht und als Beitrag in einem Werbeblock dokumentiert.
Vor den Bemühungen der Aufklärer war die Medizin im Großen und Ganzen
eine Kombination von Astrologie und aus der Antike bezogener
Humoralpathologie: Krankheiten entstanden nach damaliger Auffassung
durch Ungleichgewicht der vier Säfte. Zentrale Behandlungsoptionen waren
der Aderlass, das Abführen schädlicher Stoffe sowie die Zuführung von
Medikamenten, denen man zutraute, Hitze, Kälte, Wässrigkeit und
Melancholie im Körper zu regulieren. Interessanterweise wird diese
überholt geglaubte Sichtweise nun von einem Unternehmen der
pharmazeutischen Industrie (Boehringer Ingelheim), von dem man annahm es
sei der Naturwissenschaft verpflichtet, adressiert. Durch Zeichentrick
werden grüne Wesen aus einer gummiartigen Substanz ähnlich der Figur
Mike aus dem Film „Monster AG“ (nur mit einem Saugnapf an ihrer Basis)
eingeführt, die bei Schneefall absichtsvoll lachen, weil sie vermutlich
Schaden anrichten wollen. Eine gesund aussehende Schauspielerin wird
dann in einer Realfilm-Szene gezeigt, in der sie ein Gericht in einer
Küche zubereitet und dabei hüstelt, was sie unangenehm berührt. Durch
Überblendung zu einer weiteren Trickfilmsequenz erfahren wir, dass die
grünen Wesen, die als Schleim-Monster identifiziert werden, nun in den
Atemwegen der befallenen Frau sind und sich dort sehr wohl führen. Durch
Zuführung des Wässrigkeit regulierenden Medikaments werden die
überrascht wirkenden grünen Wesen entfernt. In der Realfilm-Szene kann
die Schauspielerin, die sich immer noch in der gleichen Umgebung
befindet, nun durchatmen und lächeln. Offensichtlich wurde auch ihre
Melancholie günstig beeinflusst. In der Schluss-Szene, die gemischt aus
Real-Film und Trick dargestellt wird, haben die Schleim-Monster nun eine
Furcht vor dem Medikament entwickelt und fliehen beim Anblick seiner
Verpackung. Es wirkt so als ein Talisman und wehrt diese Krankheit als
Glücksbringer hoffentlich auch in der Zukunft ab. Damit hat es
zusätzlich eine magische Komponente. Der abschließende Hinweis auf den
Arzt oder Apotheker hat eine gewisse Komik, wenn man sich dabei z.B. das
Gesicht des Hausarztes bei der Frage nach der Bekämpfung von
Schleim-Monstern vorstellt.
Dieses Mittel wird Menschen angeboten, die unbelastet von Wissen über
Ansteckung, Bakterien, Antibiotika und andere Begriffe moderner Medizin
sind. Man hat vor dieser Dokumentation eine magisch-antike
Herangehensweise an Erkrankungen eher bei Völkern vermutet, die der
modernen Zivilisation nicht so sehr ausgesetzt gewesen sind. Die
Spielszene hat sich aber in einer modernen Küche zugetragen und wurde im
deutschen Fernsehen übertragen. Da es fast ausgeschlossen ist, in
Deutschland Grundwissen über Krankheiten zu verpassen, lässt das nur den
Schluss zu, dass es in der modernen Gesellschaft eine Tendenz gibt,
Komplexität auszublenden und Jahrhunderte medizinischen Fortschritts zu
ignorieren, indem man Schuld (!) bei Monstern verortet. Welche Vorteile
bringt diese vorgeschützte Unwissenheit in einer Gesellschaft, die dem
Fortschritt und der Vernunft hohen Wert beimisst? Obwohl die Verbraucher
eigentlich wissen, dass eine wissenschaftliche Erklärung etwas
komplizierter sein müsste, vertrauen sie (naiv?) der simplifizierenden
Darstellung, weil sie sich so nicht mit den Details der Wirkungsweise
des Medikaments beschäftigen müssen. Sie meiden also die Mühe, sich in
medizinische und pharmazeutische Fachthemen einzuarbeiten. Dafür
akzeptieren sie eine vor-aufklärerische Ansprache und eine Darstellung,
die für 5-jährige Kinder gemacht zu sein scheint. Möglicherweise sind
aber auch 5-Jährige die Zielgruppe der Werbung. Zu ihnen wird durch die
Darstellung (Trickfilm!) eine emotionale Bindung aufgebaut. Die
deutliche Artikulation einfacher Emotionen (Furcht, Überraschung) hilft
beim Einprägen des Sachverhalts. Sie entscheiden dann, was in der
Apotheke gekauft wird, wenn die Eltern keinen eigenen Willen haben oder
durchsetzen können. Die Werte der Aufklärung werden ihnen dann
hoffentlich später vermittelt.