Die Vulgarisierung der Sprache ist noch nicht abgeschlossen
(März 2017)
Gerade Fernsehsender mit eher basalem Niveau sind besonders kreativ bei der Modernisierung der Sprache. Da werden gerne ein paar Euros in die Hand genommen, damit die Kilos purzeln. Das geht sogar unbeanstandet durch die Rechtschreibprüfung. Einige der Älteren erinnern sich noch, dass Einheiten früher ohne Plural auskamen. Aber heute sind wir einen Schritt weiter. Der Damm ist gebrochen und bei vier Grads im Garten können jetzt auch Temperaturangaben per Pluralis Vulgaris gebildet werden. Der zeichnet sich dadurch aus, dass man in Anlehnung an die Herrschersprache einfach ein –s an die Einheit hängt: 220 Volts Wechselspannung. Diese moderne Mehrzahl ist sogar so dominant, dass sie bisherige Wortbildungen ersetzt. Das kann man in wenigen Minutes, gerne auch noch fremdländisch betont, im Proletenfernsehen erfahren. Dieser Sprachgebrauch ist – ähnlich wie Rauchen – unvernünftig, aber cool.
Der Inbegriff von Coolness sind die „Blues Brothers“ aus dem 1980 erschienenen gleichnamigen Film. Damals hat man über die grotesken Proleten mit ihren affektierten Manierismen gelacht. Heute sind das Vorbilder. Die Vulgarisierung der Gesellschaft ist so fortgeschritten, dass die Distanz zu den Filmcharakteren geschrumpft ist. Welches Mädchen möchte nicht so radikal wie die von Carrie Fisher gespielte Attentäterin sein, die sich als sitzengelassene Braut entpuppt? Welcher Junge möchte nicht die Polizei narren wie Jake und Elwood und selbst im Knast noch Rock’n’Roll spielen? In Filmen wie diesem kommen schlichte Gemüter ganz groß raus. Die löbliche Botschaft ist, dass man sich nicht schlecht als Teil der Masse fühlen muss. Leider ziehen viele junge Menschen dann den Schluss, dass man sich die langwierige, konzentrierte Bemühung zur Aneignung von Bildung zum Zwecke des kulturellen Aufstiegs auch sparen kann.
Da Jugendliche ihre Zeit überwiegend mit der Nutzung von Medien verbringen und kulturelle Inhalte fast nur noch in Form von Bewegtbildern rezipieren, ist den Medienverantwortlichen ungeplant ein großer Teil der Aufgabe, kulturelle Fähigkeiten zu vermitteln, die den folgenden Generationen Praktiken, Werte und Sprache überliefern, zugefallen. Bei dieser Aufgabe versagen sie. Statt einer Veränderung zum Besseren, zu Wachstum und Fortschritt, tritt eine Verflachung – wenn nicht sogar ein Niedergang – ein. Da werden die Fernsehsenders ihrer Verantwortung nicht gerecht, sondern biedern sich den schlichtesten Gemütern an, die vermutlich am längsten zuschauen und somit für Quote sorgen.
Wer noch Überreste orthografischer Kompetenz bewahrt hat, gruselt sich vor Autos, die fünf Meters lang sind, Fernsehern, die Millionen Pixels haben und TV-Sendungen, die die Vulgarisierung der Sprache entschlossen vorantreiben.











