Der Weg ist das Ziel - wo er im Falle der Burgruine Waldeck hinführt ist ungewiss
Wo die „Spielwiese der Linken“ auf die „Gralsburg“ der Wertkonservativen trifft. Ein bemerkenswerter Ort in der Rheinland-Pfälzischen Provinz. BAYBACHTAL TEIL II
Wer durchs Baybachtal wandert, läuft fast an ihr vorbei, denn das entsprechende kleine hölzerne Hinweisschild hängt viel zu hoch in einem Baum und zeigt nicht einmal eindeutig in die richtige Richtung. Die Burg Waldeck ist nicht so einfach zu finden. Und je mehr man sich mit ihr beschäftigt, je mehr drängt sich der Verdacht auf, dass sie gar nicht gefunden werden soll.
Nach und nach erschließt sich dem Außenstehenden, dass es eigentlich drei Objekte gibt, die unter dem Begriff „Waldeck“ laufen. Erstens: Eine wildromantische, vom Verfall bedrohte Schlossruine, knapp fünfzig Höhenmeter über dem Baybachtal. Sie ist das eigentliche Ziel der Ausschilderungen. Zweitens: Die Jugendburg der Nerother Wandervögel, die man erst sieht – allerdings nur das Tor – wenn man unmittelbar davor steht. Und drittens, das ehemalige Festivalgelände mit zahlreichen Hütten und Herbergen, „Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck“, dass optisch fast einen „Belagerungsring“ um die Burg bildet. Was ich hier vorsichtig zwischen den Zeilen andeute, ist im Alltag seit der Nachkriegszeit Realität. Die Ausrichter der Festivals, die sich auch „Bildungsstätte Burg Waldeck“ nennen und die Inhaber der eigentlichen Burg, die „Nerother Wandervögel“, stehen sich länger als ein halbes Jahrhundert mehr oder weniger feindlich gegenüber. Dass zum Streiten meist zwei gehören, will ich – um Fairness bemüht – vorausschicken. Manches, was die Nerother auf ihre Fahnen geschrieben haben, klingt anachronistisch und war bereits in der Gründungsphase, oder besser gesagt Abspaltungsphase, in den Augen vieler Zeitgenossen vorsichtig ausgedrückt sektiererisch und verstaubt oder zumindest umstritten. Anachronistisch ist allerdings auch die linke Spielwiese. Die Musik spielt längst woanders. In Wacken, Bochum, am Nürburgring. Aber Waldeck ist die Mutter all dieser Festivals und markiert ein bedeutendes Ereignis deutscher Musikgeschichte. Das gesamte Who´s who der damaligen Musikszene gab sich in Waldeck die Klinke in die Hand.
Begonnen hat alles 1934 als die Arbeitsgemeinschaft Burg Waldeck (ABW) formaljuristisch das Burggelände der Wandervögel samt Spielwiese übernahm, um die Liegenschaft vor dem Zugriff der Nazis zu bewahren, die keine Skrupel hatten den Gründer der Nerother Karl Oelbermann so lange ins Konzentrationslager zu sperren, bis er 1941 an deren Folgen starb.
Nach dem Krieg übertrugen die Juristen dem eigentlich als Treuhändler eingesetzten Verein die Eigentumsrechte, weil deren offeneres Konzept von Jugendarbeit zeitgemäßer erschien, und ließen die „Alt-Nerotherherschaft“ ungeachtet von Exil und KZ-Tod im wahrsten Sinne des Wortes „Draußen vor der Tür“.
Nach endlosen Rechtsstreitigkeiten, die sich bis 1970 hinzogen, wurde dann ein einigermaßen Salomonisches Urteil gefällt: Die Wiese samt Häuser gehören dem Verein, die Burg den Wandervögeln. Schließlich war es ja auch ihre Idee, aus einem gewaltigen Schuttberg, den die Napoleonische Soldateska hinterlassen hatte, und der noch dazu in einem tiefen Graben steckte, die „Rheinische Jugendburg“ zu bauen. Der Glanz, der von dieser im Bau befindlichen Gralsburg ausging, war so groß, dass sogar prominente Köpfe wie Roman Rolland und der indische Nobelpreisträger und Dichter Tagore zur Baustelle eilten. Ohne Zweifel: Hier Mitten im Hunsrück wurde ein großes Kapitel der deutschen Jugendbewegung geschrieben. Davon zeugt auch der Ehrenhain mit seinen im Jugendstil verzierten Gedenksteinen aus Basalt.
Die Geister, die man ruft
Auch die „Linke Spielwiese“ verdient Beachtung, markiert sie doch wie bereits erwähnt das erste Musikfestival auf deutschem Boden. Die Anfänge des munteren Treibens reichen noch in die Adenauerära zurück und endeten 1968/69 nach einem an stalinistische Säuberungen erinnernden Kulturkampf vor mehr als sechstausend Zuschauern, als sich alt gediente Liedermacher wie Reinhard Mey und Hüsch vor einem „SDS-Tribunal“ für ihre „bourgeoisen Machwerke” verantworten sollten. Auch andere Auftritte wurden gestört oder zu Workshops mit Diskussion über „antikapitalistische Arbeiterkultur“ umfunktioniert. Hinzu kamen Vermüllung der Umgebung, Vandalismus, Zerstörung von Bühnen und sogar ein kleiner Sprengstoffanschlag auf die Skulptur eines Künstlers.
Dabei war die Waldecker Festivalkultur von Anfang an „links“ geprägt. Angesichts der Rechtslastigkeit, die man den Nerothern unterstellt – unter anderen wegen ihres antidemokratischen Führerprinzips und Ordensgedankens – ist diese Linkslastigkeit von einer besonderen Note, denn sie stinkt nach dem Stalinistischen Sozialismus des Warschauer Paktes, den man in 60ziger Jahren alles andere als “demokratisch“ und „Frieden stiftend“ bezeichnen konnte. So waren tragende Säulen des Festivals wie Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt und Dieter Süverkrüp später eingetragene DKP-Mitglieder und träumten von einem Paradies im Arbeiter und Bauernstaat. Des Weiteren trat die DKP-Hausband „Floh de Cologne“ in Waldeck auf.
Auch die Gründungsväter des Waldeckfestivals Hein und Oss Kröher aus Pirmasens haben eine pikante Fußnote. Ihr Wikipedia-Hinweis, dass sie, Jahrgang 1927, in der „Jungenschaft“, sprich „bündischen Jugend“ verwurzelt wären, verschweigt geschickt eine, in ihrem Heimatort wohlbekannte „Jugendsünde“ Denn als die beiden das erste Mal in die Seiten griffen oder sich einer Jugendorganisation anschlossen, gab es gar keine „bündische Jugend“ in Deutschland sondern eine Hitlerjugend, in der beide nach Aussage von Pirmasenser Zeitzeugen sehr aktiv gewesen sein sollen. So aktiv, dass einige Leute aus dem Kreis der kirchlichen Jugend noch in den 80ziger sich nicht gerne an die beiden linken Vorzeigebarden erinnerten. Es klingt banal: Waldeck ist vor allem an seiner politischen Ausrichtung gescheitert. Die Geister, die Wader und Degenhardt riefen, haben das Festival am Ende zerlegt. Der Verlogenste von allen war sicherlich Rolf Schwendter, der das Steuergeld, das er als hoch dotierter Professor verdiente als „Scheiße“ bezeichnete! Da war Hein Kröher ehrlicher, der mal wortwörtlich zu mir sagte: „Das größte Verdienst des Sozialismus ist mein Porsche!“ (verdiente doch der Pirmasenser in linken Kreisen das meist Geld)
Mein Verhältnis zur Waldeckbewegung ist daher stets zwiespältig geblieben. Dennoch habe ich ab 1984 zusammen mit dem alten Waldecker Liedermacher Jürgen Schöntges auf dem Schweizer Haus hoch über den Mittelrhein den Geist der Barden noch einmal aufleben lassen.
Waldeck 2016 - Wie gehts weiter?
Willst du wissen, welch Geist in welchem Hause herrscht, ruf einfach an! Als ich bei meiner ersten Baybachtaltour eine Auskunft bei der „Bildungsstätte Burg Waldeck“ einholen wollte, war ich entsetzt über die Borniertheit, die dort herrscht. So wusste der Mann an der Telefonzentrale, der wohl die Anmeldungen von Schülergruppen entgegennimmt, nicht einmal ob es einen Weg ins Baybachtal gibt. Da bleibt die Frage: Warum karrt man Schülergruppen von weit her in eine landschaftlich reizvolle Gegend, von der sie nur eine Wiese und ein paar Hütten und Häuser zu Gesicht bekommen, geschweige denn eine Burg? Musikworkshops kann man auch irgendwo in der Großstadt machen, dazu muss man nicht eine Wiege der Jugendbewegung aufsuchen. Dies zeigt wie weit entfernt die heutigen Ausrichter der Bildungsstätte, deren Bezeichnung „Burg Waldeck“ ein dreister Etikettenschwindel ist, vom alten ursprünglichen Geist der Jugendbewegung entfernt sind. Deren Gründer – so wie die Brüder Oelbermann – haben ja diesen Ort wegen seiner idyllischen Lage am Rande des Baybachtales gezielt ausgesucht.
Auskunftsfreudiger dagegen erwies sich der Burgherr der Nerother Wandervögel Fritz-Martin Schulz, der nun schon seit mehr als 40 Jahren die Geschicke des kleinen Ordens leitet. Als ehemaliger Freimaurer bringe ich solchen Organisationen, zu denen auch im weitesten Sinne Studentenverbindungen und esoterische Sekten wie Druiden und Rosenkreuzer gehören, ein großes Maß an Verständnis entgegen. (was nicht bedeutet, dass ich dort wieder mein Seelenheil suche) Auch wenn der Altmeister der Wandervögel hier jeglichen Verwandtschaftsverhältnis weit von sich weist. Die Bezeichnung „Bauhütte“ ist der Freimaurerei entlehnt, die ihre Tradition auf die noch heute existierenden Dombauhütten zurückführt. Der Burggedanke wiederum, wie das an Landsknechte erinnernde Outfit erinnert an die Hochgradfreimaurerei, die sich auf die Tempelritter berufen. Beim Schwan, dem Wappen der Nerother drängt sich der Vergleich zu Lohegrin in der Artussage geradezu auf. Da ist auch die Gralsburg nicht mehr weit. Sei´s drum. Ich klopfte nach Freimaurerischer Manier an, und mir wurde aufgetan. Herr Schulz führte mich durch seine heiligen Hallen und ich fühlte mich ein wenig an frühere Zeiten erinnert. Unvergessen der Blick in den Schwindel erregenden Burggraben und die Aussicht aus dem Fenster der Bibliothek über die Baumwipfel tief hinab ins Baybachtal.
Hilfe! Hilfe! Die Ruine schreit nach einer Sanierung!
Dennoch bleibt bei aller Bewunderung für die großen Leistungen der Nerother Wandervögel auch ein fader Beigeschmack. Bei der Erhaltung der Schlossruine im Baybachtal – unterhalb der Jugendburg – scheinen die Erben der Brüder Oelbermann überfordert. Dieser wildromantische Ort mit seiner atemberaubenden Schönheit, der an ein begehbares Bild von Caspar David Friedrich erinnert verfällt zusehnst und bedarf dringend einer Sanierung. Hier müsste sich ein „runder Tisch“ zusammensetzen, geleitet von einem ehrlichen Makler, der es schafft über alle ideologischen Gräben hinweg ein Konzept zur Rettung des Geländes zu erarbeiten.
Ich könnte mir inmitten der Schlossmauern eine Art überdachte Freilichtbühne vorstellen, die dann sowohl von den Nerothern, als auch von der ABW genutzt werden könnte, wie auch von den umliegenden Gemeinden. Ein zu diesem Zweck gegründeter Verein, in dem unter anderem mittelständische Handwerksbetriebe Mitglieder stellen und dem Projekt mit ihrem Fachwissen unter die Arme greifen.
Im Raum Butzbach wurde auf diese weise ein dreißig Meter hoher Aussichtsturm geschaffen, der seitdem viele Besucher anzieht. Warum soll so etwas Ähnliches nicht auch im Baybachtal möglich sein?
Burg Waldeck und Burg Waldeck retten zusammen Schloss Waldeck. Wäre das nicht mal etwas worüber sich vermeintlich Linke wie angeblich Rechte gemeinsam freuen könnten. Vernünftige treffen sich stets in der Mitte. Oh Shit! Ich werde doch nicht etwa auf meine alten Tage „liberal“?