"Meine Fans sitzen in der Nervenheilanstalt und sind introvertiert insofern das Teil reinknallt!"
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"Meine Fans sitzen in der Nervenheilanstalt und sind introvertiert insofern das Teil reinknallt!"
JAW <3
Tag 360 / Nervenschonend
Anfang der 1960er Jahre gingen junge Frauen zum Arzt und baten um Tabletten gegen „Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Beschwerden während der Menstruation, (...) Verdauungs- und Schlafstörungen“. „All die großen und kleinen Unpäßlichkeiten, die eine zu starke Verausgabung nach sich zieht.“ Anfang der 1960er Jahre wurde jungen Frauen geraten, mit einer Änderung ihrer Lebens- und Verhaltensweise wesentlich zur (Selbst-)Heilung beizutragen. „Durch ausreichend Bewegung in frischer Luft, genügend Schlaf, regelmäßige in Ruhe eingenommene Mahlzeiten, Einschränkung der Genußmittel, vor allem von Kaffee und Alkohol.“
Anfang der 2010er Jahre gingen Frauen zu Ärzten und baten um Tabletten gegen Antriebslosigkeit, Stimmungsschwankungen, Unwohlsein, Schlafstörungen, Angst, Gedankenkreisen. Eine dieser Frauen war ich. „Mir geht’s so schlecht.“ „Mir geht’s immer noch nicht besser.“ „Das und das ist besser, aber dafür ist das jetzt schlechter.“ Anfang der 2010er Jahre sagten Ärzte zu mir, ich solle den Alkoholkonsum reduzieren. Sie schlugen den Besuch von Selbsthilfegruppen vor.
Anfang der 1960er schrieb Peter Beckmann, dass „die mit Hilfe der Tablette erzeugte Beschwerdefreiheit uns Kraft und Leistungsfähigkeit vortäuscht, die wir in Wirklichkeit nicht besitzen“, und dass die Frauen lieber „Rücksicht auf ihren Körper“, „ihre Nerven schonen“ sollten. In dem Text des „Jahrbuch für Mädchen“, 1963 veröffentlicht, konstatiert der Autor: „Die Belastung der Nerven beginnt bei den meisten bereits in den ersten Lebensjahren mit Radio, dem Lärm von Autos, Motorrädern und Flugzeugen und einer allgemeinen Unruhe.“ Anfang der 60er Jahre gab es noch gar keine elektronischen Kommunikationsmittel, welche die Nerven von jungen Frauen strapazieren konnten. Keine Computer. Keine Mobiltelefone. Keine Chatprogramme. Keine Suchmaschinen. Und trotzdem waren junge Frauen damals auch schon überreizt, nervlich überlastet.
Anfang der 1910er Jahre, genauer gesagt im Jahr 1913 wie in dem großartigen Buch von Florian Illies beschrieben, waren junge Männer mit den Nerven am Ende und fuhren ins Exil, in den Erholungsurlaub, in die Sommerresidenz, aufs Land, an die See. Rilke nach Heiligendamm, Kirchner nach Fehmarn, Freud in die Dolomiten, Trakl in Venedig. Robert Musil wird Neurasthenie diagnostiziert. Nervenschwäche. Franz Kafka versucht seine Angst, Schlaflosigkeit, Verdauungsprobleme, Schaffenskrise selbst zu therapieren, indem er in einer Gärtnerei arbeitet. Später im Jahr begibt er sich in ein Sanatorium am Gardasee. In einem anderen Sanatorium verordnet ein Arzt seinem Patienten Siegmund Freud „eine strikte Abstinenz von Tabak und Alkohol und viel frische Luft“. Wie heilend und bereichernd ein langer Erholungsaufenthalt fernab des Alltags wirkt, erfährt Ernst Ludwig Kirchner im Herbst 1913. „Seine Nerven sind durch die Monate an der See noch so geschärft, seine Wahrnehmung und seine Poren so offen“.
2013 habe ich dieses Buch an einem deutschen Strand gelesen. Und ich fühlte da auch in mir ein so immenses Verlangen nach einem viele Wochen andauernden Erholungsurlaub, nach Reizreduktion, nach Langsamkeit, nach Nichtstun, Entschleunigung. In meinem nicht ganz 14tägigen Urlaub, den ich gerade verlebte, kam ich nicht so zur Ruhe und zum Auftanken wie ich es mir vorstellte, dass es den aus- oder angebrannten Künstler- und Wissenschaftlerseelen erging, die „den Sommer über“, mehrere Wochen oder um dem Winter zu entfliehen, verreist waren. Ungerecht, dass Künstler sich regelmäßig lange Auszeiten nehmen durften und dürfen. Ich als damals angestellte Arbeitnehmerin hatte nun mal eine begrenzte Anzahl Urlaubstage. Und je länger man weg ist, desto mehr hat man in der freien Wirtschaft auch immer das Gefühl, den Anschluss nicht mehr zu kriegen, wenn man zurückkommt. Liegengebliebenes, Informationen, Neuerungen aufarbeiten.
Einer meiner Gründe, mich für die stationäre Alkoholentwöhnungstherapie zu entscheiden war, dass ich mir einredete, da könne ich mal „in meinem Exil“ sein. Meine Nerven zur Erholung bringen, meine Seele, meinen Geist, mein Herz und ein bisschen auch meinen Körper auftanken lassen. So sei doch auch der Sinn von einer Kur wie Rehabilitation früher genannt wurde. Aber das war keine Kur und keine Erholungseinrichtung. Das war eine Langzeittherapie und die fand in einer Suchtklinik ohne Wellnessbereich statt.
2016 blättere ich in diesem Buch „Meine Welt - Ein Jahrbuch für Mädchen“ vom Union Verlag Stuttgart, das 1963 gedruckt wurde. Ich befinde mich in dem Moment in einer Einrichtung, die früher als Nervenheilanstalt bezeichnet wurde. Heute heißt das „Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik“ oder so ähnlich. Und ich bin mehr mit den Nerven am Ende, weil ich tagesklinisch hier bin, als in den Tagen, bevor ich mich in Behandlung begab. Ich werde Heil für meine Nerven und meine Seele anders suchen müssen. Heute geht es mir schon besser als Anfang Februar im Aufenthaltsraum der Klinik, in dem ich das Jahrbuch querlas. Heute geht es mir besser als im Sommer 2013 an einem deutschen Strand. Heute geht es mir besser als Anfang der 2010er, als ich fast täglich Antidepressiva mit Alkohol kombinierte.
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