Herbst 2018
Kurzer persönlicher Zwischenbericht aus der Leihfahrradökonomie
Ich folge ja den Leitsätzen der TT-Redaktion eher halbherzig und habe daher nicht bei allen, sondern nur bei dreien der in Berlin vertretenen Leihfahrradanbieter ein Benutzerkonto: LIDL-Bike, Deezer Nextbike und Mobike. Obike z.B. hat Berlin ja auch schon wieder aufgegeben, und die gelben Bikes, die sie als Zombies zurückgelassen haben, sind allmählich wieder aus dem Stadtbild verschwunden.
Dieses Obike hat offenbar ein neues Herrchen gefunden.
Ich nutze aktuell gelegentlich LIDL-Bike, Nextbike fast gar nicht mehr und dafür immer häufiger Mobike. Darüber nachdenkend, komme ich auf folgende Gründe:
LIDL-Bike und Nextbike verfügen über Stationssysteme. Man kann die Räder zwar überall im Servicegebiet – das bei fast allen Sharing-Anbietern ziemlich genau mit dem Innenraum des Berliner S-Bahn-Rings übereinstimmt – abstellen, zahlt aber abseits einer Station eine etwas höhere Leihgebühr. Die Räder dieser beiden Anbieter sind eher schwer, dafür mit breiten Reifen und Fünfgangschaltung halbwegs komfortabel.
LIDL-Bike war früher Call-a-Bike und seine Wurzeln reichen noch zurück bis in die Prä-Smartphone-Ära, fast sogar bis in die Prä-Mobiltelefon-Ära. Und noch heute kann man diese Räder entleihen, indem man die individuelle Telefonnummer des Rades anruft und dann einen vierstelligen Code angesagt bekommt, den man dann zum Entriegeln auf einem Touch-Display am Fahrradlenker eingeben muss.
Diesen Code muss man allerdings auch eintippen, wenn man das Rad per Smartphone-App gebucht hat. In der App werden die Fahrräder in der Nähe angezeigt und man kann sie damit direkt ausleihen. Insgesamt ist das Eingeben des Codes dabei überflüssig, aber nicht allzu schlimm, allerdings vertippt man sich auf dem Touch-Display gern mal (insbesondere, wenn es nass ist) und bei klirrender Kälte funktionieren die Displays auch gelegentlich nicht. Das ist übrigens auch anzumerken – früher wurde der Call-a-Bike-Betrieb in den Wintermonaten komplett eingestellt. Das war zumindest im letzten Winter nicht mehr der Fall.
Auch Nextbike verlangt die Eingabe eines solchen Codes. Noch dazu ist deren App mit einer PIN gesichert. Man kann aber direkt neben dem Eingabefeld auf "PIN vergessen" tippen (was ich natürlich schon mehr als einmal gemacht habe) und bekommt dann umgehend per SMS eine neue PIN geschickt. Nachdem man die eingegeben hat, könnte man dann natürlich in der App wieder eine eigene PIN vergeben – und was wollte ich nochmal? Achso ja, Fahrrad ausleihen.
Zudem bin ich immer noch sauer auf Nextbike, weil ich im Sommer mal mit einem ihrer Räder aus dem Servicegebiet hinausgeradelt bin. Dort wollte ich es kurz parken – also abschließen, während die Ausleihe weiterläuft –, um anschließend wieder in die Legalität zurück zu radeln. Das ging aber irgendwie nicht. Die Anweisungen auf dem Display stimmten nicht mit den verfügbaren Tasten überein und schon hatte ich das Rad außerhalb des Servicegebiets zurückgegeben und musste es dann für die Rückfahrt wenige Minuten später erneut ausleihen.
Es kann gut sein, dass das alles im Kleingedruckten genauso drinsteht, also "schon der Versuch, außerhalb des Servicegebiets zu parken, wird automatisch als Rückgabe gewertet!" Jedenfalls haben sie mir für den kleinen Ausflug umgehend eine böse Mail geschickt und € 20 Strafgebühr abgebucht. Auf meine Mail an den Support, das Parken habe nicht wie beschrieben funktioniert und wie sie sehen könnten, hätte ich das Fahrrad doch umgehend wieder in seinen natürlichen Lebensraum zurückbefördert, erhielt ich nie eine Antwort.
Kämen wir zu Mobike als drittem Anbieter. Dieser verwendet keine Stationen und wusste zum Start einerseits dadurch zu beeindrucken, dass er die allermeisten Fahrräder in der Stadt verteilt hat, um sich andererseits durch deren Design eher der Lächerlichkeit preiszugeben. Die ersten Mobikes besaßen Räder von ca. 24 Zoll Durchmesser und darauf rennradschmale Vollgummireifen. Gangschaltung gab es keine und die Rahmengeometrie und maximale Sattelhöhe waren auch nur für Körpergrößen unter 1,70 m geeignet. Man kam sich auf den Dingern schlicht vor wie auf einem Kinderfahrrad.
Noch dazu bezahlte man nicht pro Fahrt, sondern im Monatsabo, das dann allerdings alle Fahrten von weniger als 30 Minuten abdeckte. Ich war nach einer ersten Testfahrt davon ausgegangen, dass das wohl hauptsächlich etwas für asiatische Touristen sei, die damit auf ihrem Europatrip in verschiedenen Städten mit denselben Rädern günstig herumgondeln könnten.
Einige Zeit später fiel mir jedoch jemand auf, der größer war als ich und dennoch einigermaßen entspannt auf einem Mobike zu fahren schien. Und tatsächlich – offenbar hatte die Firma eine zweite Generation ihrer Räder in Umlauf gebracht, deren Sattel sich einige entscheidende Zentimeter höher stellen ließ. Mittlerweile gibt es sogar eine dritte Generation mit Dreigangschaltung. Es findet quasi eine asymptotische Annäherung an die mitteleuropäische Fahrradnormalität statt.
Die etwas größeren Mobikes der 2. und 3. Generation erkennt man am orangen Körbchen.
Mobike – jetzt auch mit Parkverbot.
Bisher geblieben sind die brettharten Vollgummireifen. Verständlich insofern, als man viele andere Mieträder mit Reifendefekten sieht. Vielleicht bringt es eine vierte Generation ja noch auf eine gefederte Sattelstütze. Was hingegen bei Mobike von vornherein gut war, ist der Ausleihvorgang. App starten, ggf. Bluetooth einschalten, QR-Code des Fahrrads scannen und – klack! – springt das Schloss auf.
Konsequenz dieser Entwicklung ist jedenfalls, dass ich jetzt ab und zu einen Mobike-Monat ordere und die Räder dann vor allem für Mini-Entfernungen nutze. Wohnung – Kita, Wohnung – S-Bahnhof, Büro – S-Bahnhof, Büro – Supermarkt, jeweils weniger als 500 m, aber gerade soviel, dass man drei Minuten spart, wenn man ein Rad nimmt, anstatt zu Fuß zu gehen.
(Virtualista)










