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Es dauerte mittlerweile immer länger, bis er die Gespenster aus seinem Kopf vertrieben hatte. Valeri schluckte. Wobei sie meist wieder nur durch andere Erinnerungen abgelöst wurden. Ich werde nie meine Ruhe finden.
Die Dose, die auf den Boden gerollt war hatte er bereits wieder aufgehoben und zusätzlich noch zwei weitere aus dem Regal geholt. Er stellte sie auf den Küchentisch (Es war kein Küchentisch- Ist das nicht egal?) und hebelte den Deckel mit einem seiner Messer auf. Sofort füllte sich der Raum mit dem Geruch nach versalzenem Essen und Valeri rümpfte die Nase. Es roch nach Bohnen und Möhren, mit einigen wenigen, trockenen Fleischbällchen. Widerlich.
Als Valeri die schwere Kellertüre mit einem Knirschen aufzog schlug ihm der abartige Geruch von Julius' Blut entgegen. Der Gedanke an das versalzene Essen war verworfen, stattdessen ließ ihn dieser grässliche Gestank taumeln. Es riecht wie eine eiternde Infektion. Der Geruch wurde immer stärker während er auf Julius zuschritt und Valeris Magen drehte sich um. Das habe ich grade gegessen. Das. Er zwang sich nicht zu würgen und stellte die Dosen neben sich ab. Der Geruch des Eintopfes war kaum noch zu vernehmen als Valeri sich über Julius beugte.
Mit einer Hand öffnete er Julius Mund. » Zeit für deine Mahlzeit, mein Liebster. « Die Worte waren nicht mehr, als ein gepresstes Grummeln. Er war viel zu müde, viel zu ausgelaugt, um ihn zu verhöhnen und dazu kam noch dieser Gestank. Sein Körper langte nach wirklich frischem Blut und mit jeder weiteren Sekunde zehrte es an seinen Nerven.
Insgeheim wünschte er sich, dass Julius wieder anfangen würde sich zu wehren, eine Reaktion zeigen würde, irgendwas. Valeri hatte sich noch nie so in Kontrolle, aber doch so hilflos gefühlt.
Aggressiv trottete er zu seiner nächsten Gefangenen, als er sichergestellt hatte, dass Julius sein Essen heruntergeschluckt hatte. Eine mittelalte Frau mit dünnflüssigem Blut. Valeri hatte ihren Geruch nicht weit von seinem Haus vernommen, als der Wind sich zufällig gedreht hatte. Ihr vernarbter Körper und die vielen Messer, die sie bei sich getragen hatte ließen Valeri vermuten, dass sie früher mal eine Banditin gewesen sein musste. Als er sie jedoch gefesselt hatte, hatte sie wieder und wieder gebettelt sie doch zurück zu ihrer Familie zu lassen. Bis ich sie geknebelt habe. Auch wenn er sich nicht um sie sorgte interessierte ihn dennoch was sie dort im Wald gemacht hatte, wo jeder sichere Schlafplatz Kilometerweit entfernt war. Valeri glaubte sie hatte ihre Familie in der Hoffnung auf ein besseres Schicksal im Westen verlassen hatte. Ein besseres Schicksal allerdings. Er kniete sich vor ihren angeketteten Körper und zwang ihren Kiefer offen.
Ähnlich wie bei Julius erwartete er keinen Wiederstand von ihr und fasste mit der bloßen Hand erneut in den Eintopf. Als er jedoch seine Hand in ihren Mund legte biss sie zu. Erschrocken zuckte Valeri zusammen und spürte sofort, wie sich ein finsterer Groll in seinem Inneren breitmachte. Ihr Biss tat nicht weh, aber er fühlte sich bis auf die Knochen gedemütigt. Allein, dass er vor einem Menschen zurückgezuckt war, war unvorstellbar erniedrigend.
Mit seiner freien Hand schlug er ihr in die Magengrube, woraufhin sie seine Hand überrascht freigab. Aggressiv fauchte Valeri - ein Geräusch so kalt, so ekelhaft fremd, dass es von keinem noch lebendigen Lebewesen kommen konnte.
Er nahm die Dose mit dem Eintopf in die Hand und zwang abermals ihren Kiefer offen. Mit Wucht schob er ihr die offene Dose in den Mund so weit, dass sie nicht mal daran denken konnte ihn je wieder zu schließen. Erneut fauchte er. » Du willst also unser kleiner Held sein? « Er nahm eine ihrer Hände zwischen seine. » Denkst du wirklich das ist klug? « Seine Stimme war schroff, aber wurde nie lauter als ein erbarmundloses Flüstern. » Denkst du das wirklich? « Er verdrehte ihre Finger, bis er sie in seiner Hand brechen hörte und ergötzte sich an ihrem wilden Zucken unter ihm.
Verzweifeltes, dumpfes Kreischen war zu hören, als Valeri ihre andere Hand berührte. » Oh, hast du Angst vor mir? « Er grinste abscheulich und renkte ihren Daumen aus. » Wo ist denn der Heldenmut hin? « Noch ein Finger brach. » Sag's mir! «
Ihre Schreie wollten kein Ende nehmen und obwohl die Dose nicht mehr als erbärmliches Gegurgel zuließ wusste Valeri genau, was ihm die ehemalige Banditin sagen wollte. Alles. Alles, hätte sie ihm gesagt, um endlich diesen höllischen Schmerzen zu entkommen. Aber sie konnte nicht.
» Du bist Nichts! NICHTS! « Valeri schrie nun und Spuckefäden lösten sich von seinen bleichen Lippen. » Ich hasse dich! Sieh doch endlich ein, dass du verloren hast! « Die letzten Finger brachen, aber Valeri verweilte weiter über ihr. Seine Augen geweitet, die Zähne gefletscht. Wie konnten sie es wagen ihn in Frage zu stellen? Einen Vampir in Frage zu stellen?
Langsam und vor Wut kochend erhob er sich jedoch wieder.
Keiner der Gefangenen bereitete ihm noch weitere Probleme nachdem sie Valeris wütendes Fauchen und die gedämpften Schmerzensschreie gehört hatten.
Jedem Einzelnen brach Valeri allerdings einen ihrer Finger, sie alle würden leiden für ihre Fehltritte. Immerhin waren sie alle nur Menschen. Und alle Menschen waren gleich.
Kurz dachte er darüber nach die Dose die ihren Kiefer ungesund weit aufriss zu entfernen, damit sie nicht starb- Kurz. Er wand sich ab und schloss die Metalltüre zum letzten Mal an diesem Tag.
Sollte sie doch verrecken.
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Der rege Schneesturm wütete immer noch und während Valeri draußen stand und ihm lauschte, drohte er seine zusammengebundenen Haare zu lösen. Wann hatte er sich das letzte Mal gekämmt? Eine Schicht aus Gleichgültigkeit hatte sich jedes Mal über ihn gelegt, sobald er den Keller verlassen hatte.
Selbst die Wut, die noch vor wenigen Minuten unter seiner Haut gewütet hatte war für ihn kaum noch wahrzunehmen. Fast schon als hätte er sie nie gespürt. Es schien ihm, als könnte er nur dort unten richtig leben. Als wäre er nur dort lebendig.
Schnaubend griff er nach dem Feuerholz und steckte es sich unter die Arme. Ich bin nicht lebendig. Und ich werde es nie mehr sein. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal etwas anderes als flüchtige Genugtuung oder Zorn verspürt hatte. Es musste damals gewesen sein. Damals, als er Julius getroffen hatte. Seinen geliebten Julius, der nun in seinem Keller dahinrottete. Wie konnte das bloß passieren?
Hatte er ihn wirklich geliebt?
Valeri betrat wieder seine Wohnung, in der es jedoch -abgesehen vom Keller- nicht viel wärmer war als in der verschneiten Tundra, die sein Haus umgab. Wie sehr er diese Kälte, die seinen Körper zu jederzeit durchdrang, verabscheute. Er erinnerte sich an die längst vergangenen Zeiten, als er sich noch nicht von der Sonne hatte verstecken müssen, als das warme Licht noch auf seiner Haut gekitzelt und ihn gewärmt hatte. Und als die Welt noch mehr für mich war, als dieses unvergängliche Grau.
Schwerfällig hatte er einen verbeulten Kamin in sein Haus geschleppt und mit Mühe und Not einen Abzug in den Raum gezimmert. Alles nur damit er das flüchtige Gefühl der Wärme auf seiner Haut erneut spüren konnte.
Valeri schichtete einige Hölzer aufeinander und langte zu der Packung Streichhölzer auf der Kommode. Streichhölzer waren für ihn nicht leicht zu finden und es war ein Luxus, den er sich kaum noch leisten konnte, den Kamin anzufeuern. Oft verbrannte er sich dabei die Hände, wenn sie schon in eine eisige Starre gefallen waren und er nicht bemerkte, dass im Kamin bereits ein kleines Feuer aufgeflammt war. Viele Brandnarben zierten seine fahle Haut, wobei die Meisten nur sehr langsam verheilten. Diesmal jedoch ließ er das Streichholz rechtzeitig fallen und wartete darauf, dass die Wärme seinen Körper umschließen würde.
Irgendwann würde vielleicht das ganze Haus Feuer fangen. Vielleicht sogar wenn er schlief, aber überraschenderweise wäre er okay damit. Es gab nichts mehr, dass er sich in der Zukunft herbeisehnte. Valeri schloss die Augen und genoss, wie sich die Wärme langsam ausbreitete. Gab es überhaupt noch etwas, das ihn hierhielt?
Damals war es seine Liebe zu Julius gewesen und später sein Gelüste nach Rache. Nun war von beidem nichts mehr übrig und es fühlte sich gleichzeitig an, als wäre von Valeri selbst ebenso wenig übrig. Als wäre er nur noch eine Flüchtige Erinnerung an all das, was er geliebt und gehasst hatte.
Noch während das Feuer vor ihm knisterte traf er seine Entscheidung. Valeri blinzelte in das ewige Grau hinein.
Ja, es war Zeit.