Für die einen (zu denen zähle ich mich) ist die Pollerforschung ein Unterfall der Polarforschung, für die anderen ist die Polarforschung ein Unterfall der Pollerforschung, dazu zählt wohl Christoph Eggersglüß. Bei Helmut Höge, dem Doyen der Pollerforschung, bin ich mir nicht sicher. Auf den Londoner Pollern finden sich kleine Konstellationen, das sind acht rote Sterne, ironische Seitenhiebe sind es der h.M. nach nicht, weder auf die Himmelfahrtskapelle in Jerusalem (mit ihrer oktogonalen Form) noch auf Moskauer Straßenszenen. Die symmetrische Polizeiwissenschaft zählt die Poller nicht zu den liegenden, dafür aber zu den gestellten und stehenden Polizisten. Manche sagen, Normativität höre dort auf, wo Kausalität beginne, ich zähle nicht dazu. So ein Poller nimmt einem die Entscheidung ab, ob man gegen ein Verbot verstößt. Er verhindert physikalisch, dass ein Auto an seiner Stelle durchfährt, man kann sagen: seine Legierung und seine Regierung verschmilzen insoweit noch das Sollen mit dem Sein. Der Poller begrenzt und er nimmt einem eine Entscheidung auch nur begrenzt ab. Will man trotz allem durchfahren, bleibt man frei, sich entweder an die Stadtverwaltung, Gerichte, Politik und Medien zu wenden oder ein schmaleres Fahrzeug oder einen Panzer zu verwenden.
Wenn man nicht unbedingt am Neokantianismus festhalten will und wenn man davon ausgeht, dass Normen Stellen sind, die Differenz operationalisieren, wenn man darum auch davon ausgeht, dass Normativität der Effekt operationalisierter Differenz ist, dann ist dieser Poller ein Norm. Er ist normativ und das verdrängt kein Fitzelchen seines Seins, seiner Faktizität, erlaubt aber freilich jedem Neokantianer, das fein säuberlich zu unterscheiden und sich einen weiteren, diesemal epistemischen und logischen Poller vorzustellen, damit das Denken nicht vom Sollen zum Sein oder vom Sein zum Sollen kommt.
Diese acht Sterne sind das ganze Jahr über Zeichen, im Mai nur anders als im Dezember. Auf Tafel 7 bringt Aby Warburg ein Abbildung aus den Chronographen von 354, dem sogenannten Kalender des Filocalus an.
Dieser Chronograph misst und verwaltet die Zeit, er unterscheidet sie, mustert und schichtet sie einerseits so, um ein nüchtern kalkulierbares Formular zu haben, mit dessen Hilfe man die Zeit planen kann. Die Musterung hört aber hier nicht auf, auch ein Protokoll des decorum (ornatus/ kosmos) zu sein. Insofern verwaltet der Kalender auch, was wann wo wie am besten passt. Er stellt nicht nur Raum und Zeit zur Verfügung, um irgendwas in Raum und Zeit platzieren, um beliebige Termine eintragen zu können, sondern rät und empfiehlt, für was wann am besten die Zeit ist.
Von dem eher trivial erscheinen Wissen, dass man nur zu bestimmten Zeiten sähen und nur zu bestimmten Zeiten Ernten sollte, zu bestimmten Zeiten sich Offensiven anbieten, zu anderen sich eher verbieten, von einem also meteorologisch noch leicht kalkulierbaren Wissen führt auch dieser Kalender aber bereits in notorisch schwer bis unkalkulierbares Wissen, das auf jeden Fall auch noch meteorologisch konditioniert ist, sei es im umgangssprachlen Sinne der Meteorologie, sei es in Hobbes oder in Descarts Sinne. Wann am besten tanzen, wann am besten grübeln? Wann am besten Geschäfte anbahnen, wann sollte man es lassen? Wann die eine Seite der Melancholie pflegen, wann die andere?
Ehe man sich versieht, ist man, wenn man durch die Listen und Tabellen dieses Kalenders streift, mitten in der magischen und mantische Praxis, die sich lauter Grenzobjekte (boundary objects) bedient, das sage ich so, weil boundary objects solche Objekte sind, an denen ganz heterogene Diskurse teilnehmen. Vom Mythos über die Astrologie bis hin zur Astronomie, von der Klimaforschung bis zur Psychoanalyse, von der Biologie und Chemie bis zu der Physik, von der Politik bis zum Recht: alle sprechen mit, wenn es um die Zeichen des Mai geht. Maizeichen, Zeichen im Mai, das sind boundary objects, acht Sterne auf einem Poller in London im Mai, das sind boundary objects. Alle haben was zu dem Sinn und dem Wert dieser acht Sterne zu sagen.
Gibt es eine Wissenschaft, die etwas zu den Grenz- und Verbindungslinien und den Bewegungen, den Verstellungen und Verschiebungen solcher Linien sagt, also etwa dazu, wo das rechtliche Wissen aufhört und das physikalische Wissen beginnt, wie genau diese Trennung verläuft und wie genau die Verbindungen laufen? Jede Wissenschaft sagt etwas zur ihren Grenzen, ihren Verbindungen, ihren Affinitäten und dem, was sie abstößt (jede Wissenschaftlerin und jeder Wissenschaftler sagt es wieder anders) und dann gibt es Tim Ingold und noch ein paar, die auch nur den Linien nachgehen.