Mit Jolande Fleck bin ich im September für eine Woche nach Portbou, Spanien gereist. Der Ort, gelegen in einer Bucht zwischen schroffen Felsen, dem Meer und den Ausläufern der Pyrenäen und offenkundig von den Auswirkungen eines Massentourismus verschont, wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen und auf Anhieb sympathisch (bis auf sporadische Begegnungen mit der lokalen Grenzpolizei, die, wie die Grenzkontrollen an den Bahnhöfen, das Thema Flucht sofort aktualisierten). Mag es auch eine gehörige Portion Projektion und Pathos sein, so beschrieb ich in späteren Gesprächen das Gefühl, das sich aus der merkwürdigen Konfrontation der atemberaubenden schönen Landschaft, der Verlassenheit des Ortes, der doch zugleich positiv-gemeinschaftlichen Lebendigkeit der Bewohner und der überall zu Tage tretenden Geschichte ergab als eine Art Aura, die irgendwo zwischen einer nicht unproduktiven Melancholie und entspannender Gelassenheit pendelte. Der Ort und die Region ist ein geschichtlicher Knotenpunkt, der nicht nur durch die Geschichten vieler Menschen, die nach der Niederlage Frankreichs vor den Nazis geflohen sind, geknüpft wurde. Der Siegeszug der Barbarei manifestierte sich schon zuvor mit dem Sieg der spanischen Faschisten und ihrer deutschen und italienischen Helfer im April 1939 und der Flucht hundertausender Republikaner, Kommunisten und Anarchisten über die spanisch-katalanische Grenze auch in dieser Region nach Frankreich. Viele der vor Franco Geflohenen halfen nur wenige Monate später in den Fluchtnetzwerken denen, die, wie Benjamin, aus Frankreich nach Spanien fliehen mussten.
Wir wanderten an einem Tag die ca. 17Km der sogenannten Fittko-Route von Banyuls sur mer über die Berge nach Portbou. Über diesen alten Schmugglerpfad führten Lisa und Hans Fittko die Verfolgten und Hilfesuchenden nach Spanien und retteten ihnen damit das Leben. Die Route besteht streckenweise aus längeren steilen und gerölligen An- und Abstiegen. Daher ist es durchaus erstaunlich, dass Benjamin mit seiner Herzerkrankung diese Strecke geschafft hat. Was Lisa Fittko, Benjamin und die beiden Begleiter, Henny und José Gurland (Mutter und Sohn), nicht wussten: Ausgerechnet am Tag ihrer Flucht änderten sich die Visa-Bestimmungen in Spanien. Benjamin besaß zwar ein Durchreisevisum für Spanien und ein Einreisevisum für die USA, jedoch kein Ausreisevisum für Frankreich. Ohne dieses Ausreisevisum konnte man nicht legal, etwa im Zug, die Grenze überqueren - daher der Weg über die Berge. Zuvor war es aber möglich, auch nach dem illegalen Grenzübertritt mit der Meldung an einer spanischen Passstation und dem Durchreisevisum weiterzureisen. Daher meldeten sich auch Benjamin und die Gurlands abends bei ihrer Ankunft in Portbou an der dortigen Polizeistation, um die Weiterreise zu legalisieren. Dies nicht zu tun, wäre bei den vielen Kontrollen im Inland an Bahnhöfen usw. unklug gewesen. Nun trat jedoch am 25. September 1940 jene Bestimmung in Kraft, dass Ausländern ohne frz. Ausreisevisum die Durchreise trotz entsprechdem Visum zu verwehren ist. Benjamin und die Gurlands mussten zurück nach Frankreich, durften jedoch unter anderem aufgrund von Benjamins Gesundheitszustand die Nacht in einer Pension verbringen bis zur drohenden Ausreise. Laut Aussagen von Gurland und einer weiteren Zeugin informierte Benjamin sie um ca. 22 Uhr, dass er eine große Menge Morphium genommen habe. Benjamin diktierte, so Gurland, ihr den bekannten Abschiedsbrief an Adorno, den sie später vernichtete und dessen Inhalt sie mündlich Adorno weitergab. Benjamin verstarb am 26. September 1940. Unter dem Eindruck des Todes Benjamins ließ die Polizei die Gurlands weiterreisen. Vieles der Umstände von Benjamins Tod bleibt rätselhaft und fragwürdig. Auch über den Verbleib der ominösen Tasche mit angeblichen Manuskripten gibt es verschiedene Spekulationen.
Das fünfte Bild zeigt eines der Häuser, in denen 1940/41 Lisa und Hans Fittko zeitweilig in Banyuls sur mer lebten. Von dort brachen sie immer wieder mit den Hilfesuchenden zu den Fluchtrouten auf. Walter Benjamin gehörte zu der ersten Gruppe, die Lisa Fittko dank wertvoller Informationen vom Bürgermeister Banyuls Vincent Azéma über die Berge führte. Das vorletzte Bild zeigt die kleine Gruppe von einheimischen und wenigen zugereisten Menschen, die am Todestag von Benjamin an der Gedenkveranstaltung am “Passagen”-Memorial teilnahm. Dort erfuhren wir nicht nur Näheres zu den drei Teilen des Memorials, sondern es wurde auch über eine der Mythen um Benjamins Tod aufgeklärt. Die - auch für die Mordthese immer wieder vorgebrachte - Frage, wie ein Jude und Selbstmörder auf einem katholischen Friedhof beerdigt werden konnte, beantwortet sich damit, dass das Wandgrab, in dem Benjamin für die ersten fünf Jahre bestattet wurde, in einem nicht-katholischen Teil des Friedhofs lag. Das Grab selbst war ein Freimauergrab. Henny Gurland hatte die Bestattungsgebühr für fünf Jahre bezahlt. Nach dem Ablauf dieser Zeit wurden Benjamins Überreste in ein Massengrab umgesetzt, das heute verschollen ist. Der bekannte, immer wieder gezeigte “Grabstein” auf dem Friedhof von Portbou ist lediglich ein Gedenkstein. Das mutmaßliche, heute katholische Wandgrab Benjamins trägt heute die Nummer 563. Verifizieren konnten wir diese Information nicht.
Hinter den Kursivierungen verstecken sich Links.
Wer sich mit der Thematik der Flucht aus Frankreich näher beschäftigen möchte, dem empfehle ich unter anderem die Bücher von Lisa Fittko sowie das Buch (Auslieferung auf Verlangen) von Varian Fry. Letzterer organisierte ein umfassendes Fluchthilfe- und Unterstützungsnetzwerk von Marseille aus und arbeitete auch mit den Fittkos zusammen.