Gegen die herrschende Lohnpolitik und gegen alle nicht entlohnten Übergriffigkeiten im Dienste der verordneten Eigeninitiative gilt es heute selbstverständlich nicht nur, mehr Dreckslohn zu fordern, sondern auch die gute alte entfremdete Drecksarbeit zu verteidigen. Eine Arbeit, die immerhin einen klaren Anfang sowie ein ebensolches Ende hat und die man nur des Lohnes wegen verrichtet. Einzufordern ist ferner, sich nicht dauernd von irgendwelchen Kommunikationsspielchen oder angeblich motivationssteigernden Besinnungsübungen, die schlimmstenfalls rund um die Uhr laufen, belästigen lassen zu müssen.
Schließlich ist es unter den gegebenen Verhältnissen nur die Kombination von ausreichend Geld und dem Streben nach Vergnügen, Liebe, Kunst und Kritik nach Feierabend, die einen zuweilen dazu befähigt, gegen die gemeinschaftlichen Vereinnahmungen resistent zu bleiben und die Zuweisung eines Platzes im Chor der individualistischen Dank- und Schönredner des postmodernen Hamsterrads dankend abzulehnen. Die so verstandene Drecksarbeit ist allemal erträglicher und weniger deformierend als es die ideologischen Formen des Geldverdienens im akademischen, journalistischen oder sonst wie gesinnungsproduzierenden Gewerbe sind, in dem die Zurichtung der grenzenlos Engagierten besonders reibungslos funktioniert.
Seit der „Krise des Fordismus“ Mitte der 1970er Jahre hat sich Arbeit im Prozess der Computerisierung grundlegend gewandelt. In der Computerisierung findet ein Dominanzwechsel von körperlicher Arbeit an der Maschine zu geistig-kreativen Tätigkeiten, die vor allem durch Software unterstützt werden, statt. Damit erlangt Kreativität eine enorme Bedeutung, und hierarchisches Management, also die Trennung von Leitung und Ausführung, wird problematisch. Um den neuen Arbeitsanforderungen zumindest in gewissem Maße gerecht zu werden, „vermitteln“ neue Formen der Arbeitsorganisation wie die Matrixprojektorganisation zwischen diesen neuen Arbeitsanforderungen und den alten betrieblichen Hierarchien.
Aber dieser Kompromiss steckt voller Widersprüche, aus denen Produktivitätsprobleme resultieren. Diese Probleme werden in erster Linie neoliberal in Form der Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen gemanagt. Die daraus resultierenden Krisen zeigen, wie sehr die zukünftige Form von Arbeit umkämpft ist.
Nadine Müller ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Berlin.
Im Januar fand an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin die durch Heinz Stapf-Finé und die Hans-Böckler-Stiftung organisierte Fachtagung „Gute Arbeit in der Sozialen Arbeit – Was ist zu tun?“ statt. Eine wichtige Diskussion auf dieser Fachtagung war, ob eine Akademisierung und Professionalisierung der sozialen Berufe notwendig ist, um einer zunehmenden Verbetriebswirtschaftlichung sozialer Praxis etwas entgegenzusetzen zu haben. Ein Thema, dem sich auch Mechthild Seithe vom Unabhängigen Forum kritische Soziale Arbeit in ihrem Einführungsvortrag verschrieben hatte. Seithe nutzte ihren Vortrag, um die Frage zu beantworten, wie eine Kritik an einer nach betriebswirtschaftlichen Parametern funktionierenden Sozialen Arbeit geäußert werden kann. In Abgrenzung zu subversiven Taktiken schlug sie ein „störrisches Beharren auf Fachlichkeit“ vor.
Von Seithe in dieser Form nicht ausgeführt, meint Professionalisierung meines Erachtens auch eine Reflexion gesellschaftlicher Zusammenhänge und Solidarität mit der Klientel. Diese Solidarität dürfte eigentlich nicht schwer fallen. Denn agieren Klienten, Sozialarbeiter_innen sowie ihre Leitung nicht in der gleichen fabbrica diffusa (Maurizio Lazzarato)? Mit dem Begriff der fabbrica diffusa ist gemeint, dass die Kämpfe gegen die fordistischen Arbeitsbedingungen einschließlich ihrer Disziplinierungen zu Umstrukturierungen und Dezentralisierungen der Industrie geführt haben. Die Kritik an den Arbeitsstrukturen brachte quasi die fabbrica diffusa, die in der Gesellschaft aufgegangene Fabrik hervor. Aber was hat das mit Sozialer Arbeit zu tun? Schließlich handelt es sich bei dieser Arbeit nicht um Industriearbeit. Der Begriff der fabbrica diffusa soll vielmehr auf den umfassenden Charakter der Entgrenzung von Arbeit verweisen. Mit der fabbrica diffusa ist das Produktivwerden der gesamten Gesellschaft gemeint.
Der Begriff der fabbrica diffusa verweist auf den umfassenden Charakter der Entgrenzung von Arbeit.
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Dieses Produktivwerden geschieht unter Bedingungen lebensweltlicher Unsicherheit und betrifft alle sozialen Lagen. Obwohl die Unsicherheits- und Freiheitskomponenten für verschiedene Gruppen je nach sozialer Lage unterschiedliche Auswirkungen haben, agieren dennoch alle Gesellschaftsmitglieder vor dem gemeinsamen Hintergrund einer Verschiebung von einem fordistischen zu einem postfordistischen Arbeitsregime.
Vor diesem Hintergrund kann Seithes „störrisches Beharren auf Fachlichkeit“, das Pochen auf Professionalisierung, der Aushöhlung von Standards entgegenwirken. Gleichzeitig bedeutet die Professionalisierung der Sozialen Arbeit die gesamtgesellschaftliche Entsicherung im Blick zu behalten. Die Begrenzung der Sozialen Arbeit auf die augenscheinlich Entsicherten signalisiert, dass das Phänomen der Verunsicherung durch sozialarbeiterische Maßnahmen unter Kontrolle zu bringen wäre. Vielmehr sollte durch die Soziale Arbeit nicht nur die grundlegende Entsicherung der Sozialen Arbeit, sondern auch der gesamten Gesellschaft adressiert werden.
Warum leben wir nur für den Augenblick und nicht für gestern oder für morgen oder was weiß ich für wann? Warum denn bloß für den beschissenen Augenblick?! Im Augenblick da bewegt sich doch überhaupt gar nichts! Warum sollten wir da leben?
-- René Pollesch / Heidi Hoh arbeitet hier nicht mehr