Sehr gut! Das ist schon einmal eine gute Ausgangssituation. Doch bevor du den Sprung in das unberechenbare Nichtschwimmerbecken der Prosa wagst, solltest du ein paar einfache Punkte beachten.
#1
Werde dir darüber klar, was du willst: Möchtest du eine Kurzgeschichte mit einem Mindestmaß von literarischer Qualität verfassen oder möchtest du tumblr mal mit etwas anderem füttern als lustigen / nsfw / melancholischen Fotos? Da du im ersten Fall diese Auflistung gerade gar nicht erst lesen würdest, gehen wir von Letzterem aus. Herzlich willkommen. Du bist hier richtig.
#2
Konzentriere dich auf das, was du wirklich kannst: Schreibe Befindlichkeitsprosa. Für Befindlichkeitsprosa relevante Themen sind: Die Sehnsucht nach einer Beziehung, der Beginn einer Beziehung, die Probleme in einer Beziehung, das Ende einer Beziehung, die Probleme nach dem Ende einer Beziehung.
#3
Jeder Gedanke, der dir kommt, wenn du spätnachts am Schreibtisch sitzt und eine selbstgedrehte Zigarette rauchst, ist wichtig und mitteilenswert.
#4
Behalte immer im Hinterkopf: Niemand hat je so tief gefühlt wie du.
#5
Literarische Vorbilder sind out. Deine Inspiration findest du tief in deinem Herzen, in der U-Bahn, an der Supermarktkasse und in den Weiten des Internets. (Aus Credibility-Gründen sind Kafka, Frisch, Fromm, Hesse und Coelho dennoch okay.)
#6
Entscheide dich für ein authentisches Setting: Der Morgen danach, der Abend davor, ein unsaniertes WG-Altbauzimmer, eine sternenklare Nacht, Sommerregen, Gewitter, ein zerwühltes Bett, Strobo-Licht und wummernde Bässe. Grundsätzlich gilt: Möchtest du deinen Protagonisten / deine Protagonistin über das eigene Leben und die Lage der Welt nachdenken lassen, eignet sich dafür besonders gut der nächtliche Nachhauseweg im milchigen Schein der Straßenlaternen.
#7
Erst die richtige Ansprache macht deinen Text lebendig: Sprichst du über andere Personen als dich selbst (was die Ausnahme bleiben sollte), adressiere sie stets in der 2. Person Singular. Große Prosa lebt von einem imaginären Du (siehe #8).
#8
Suche nach möglichst raffinierten Formulierungen, die dein Standing als postmoderner Stadtpoet und Teil der Wasted Disco Youth zementieren, etwa: „Du bist die Kopfschmerztablette nach einer durchzechten Nacht.“
#9
Halte deine Sätze kurz. Besonders gut: Ellipsen. Adjektivreihungen. Auflistungen von Begebenheiten. Dein Text ist ein atemloses Stakkato – wie dein Leben.
#10
Dinge, die unbedingt vorkommen müssen: Notizbücher, in denen ProtagonistIn oder PartnerIn die Sternstunden der Beziehung notiert hat. Keine Ahnung warum, ist aber so. Eigentlich gibt es dafür inzwischen Blogs, aber Anachronismen erhöhen die Literarizität. Deswegen gerne auch: Plattenspieler oder Polaroid-Kameras.
#11
Zeige deine Kompetenz in punkto Popkultur und Intertextualität: Baue passende Songzeilen in deinen Text ein, die dir halt voll so aus der Seele sprechen. Markiere diese kursiv (siehe #12).
#12
Gefühle sind ja schön und gut, aber Sex auch irgendwie. Thematisiere die Sexualität deiner ProtagonistInnen (gerne: jung, gesund, weiß, hetero) in süßlich-klebrigem Softporno-Vokabular. Über Sex kann man nur auf englisch singen, aber scheiß drauf.
#13
Zu guter Letzt: Baue eine überraschende Wendung ein. Besonders geeignet sind Sätze wie „Und dann wachte ich auf“ oder „Es war alles nur ein Traum“.