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Wer hat Angst vorm weißen Mann?
Auf diese Frage kann es, wenn ich nun für mich selbst sprechen darf, auf den ersten Blick nur zwei simple Antworten geben: Ja, ich habe Angst vorm weißen Mann oder Nein, ich habe keine Angst vorm weißen Mann. Lassen Sie mich beide Antwortmöglichkeiten jeweils kurz besprechen:
1) Ja, ich habe Angst vorm weißen Mann:
Denn er hat in der Vergangenheit bewiesen, zu was er alles fähig ist: Kolonialismus, Weltkriege, Patriarchat, Klimakrise... Relevant für das Jetzt ist allerdings – und immer im historischen Kontext betrachtet – welche Macht der weiße Mann ***heute*** noch inne hat.
Ich habe recherchiert. Es folgen ein paar Statistiken, ich bitte daher ab spätestens jetzt um Konzentration:
Mehr als 90 Prozent der rund 69 Trillionen Dollar, die an der Wall Street gehandelt werden, liegen in den Händen von weißen Männern.1
Die Vorstände der 30 Dax-Unternehmen sind fast alle weiß, 86,6 Prozent sind Cis-Männer >>> Das Kapital liegt also in den Händen von weißen Männern
Beispiel #2: Seit 1949 gab es in deutschen Bundesregierungen mehr Staatssekretäre, die den Vornamen Hans tragen als Staatssekretärinnen. 24 Hanse (ist das der richtige Plural von Hans?) stehen 19 Frauen gegenüber. Und die Frauen haben nur knapp die Karls überholt, von denen gab es seit dem Ende des zweiten Weltkriegs immerhin 18.2 >>> Die politische Gestaltungsmacht liegt im sogenannten Globalen Norden – und dort in den Händen von weißen Männern. Auf Angela Merkel und die im vergangenen Jahr gefeierte weiblich dominierte finnische Regierung komme ich später zu sprechen.
Drittes Beispiel: Fast 80 Prozent der Autorenschaft in der US-Unterhaltungsindustrie (mit Fokus auf Fernseh-Angebote) liegt in den Händen von weißen Männern.3 Sie sehen, dass ich mich oft auf Zahlen aus den USA stützen muss, weil es allgemein für deutsche und europäische Kontexte wenige bis gar keine Erhebungen gibt. Was die Sichtbarkeit von Nicht-Weißen Menschen im Unterhaltungsmainstream angeht, kann ich für Europa an dieser Stelle auch mit qualitativen Rechercheergebnissen dienen. Wie werden People of Color auf unseren Bildschirmen repräsentiert? Ich sage es Ihnen: Türkisch für Anfänger, Einmal Hans (!) mit scharfer Soße, 4Blocks, ziemlich beste Freunde (schlimm!), Monsieur Claude und seine Töchter (ganz schlimm!), Willkommen bei den Hartmanns (ein Kassenschlager in Schland!) usw...
Weißer Humor schlägt somit auch bei der Repräsentation von PoCs durch weil die meisten Autoren, Regisseure, Produzenten und die ZIELGRUPPE weiße Menschen, insbesondere weiße Männer sind.
Ich könnte noch so weiter mit Statistiken um mich werfen, aber ich glaube, dass klar geworden ist, was ich damit aussagen möchte. Eine bekannte deutsche Wochenzeitung hat trotz dieser Evidenzen schon vor Jahren „Das Ende des weißen Mannes“ prophezeit. Zitat: „Mächtig werden jetzt Frauen, Schwarze, Latinos“ (Zitat Ende), hieß es in der Schlagzeile aus dem Jahr 2012. Das ist natürlich (und leider) mit Blick auf die Empirie ein fataler Trugschluss: In Wirtschaft, Politik und Kultur haben weiterhin weiße Männer das Sagen und die Gestaltungsmacht. Und es sieht nicht so aus als würde sich das substanziell in nächster Zeit ändern.
Vor diesem Hintergrund und mit unserem historischen Wissen muss man sich also nicht schämen, wenn man als Person of Color zumindest ein wenig Angst oder Skepsis oder Unwohlsein gegenüber weißen Männern verspürt. Es gibt ja aber auch noch eine andere Antwortmöglichkeit auf meine Ursprungsfrage:
2) Nein, ich habe keine Angst vor dem weißen Mann.
Das wiederum hat viel mit einem neuen Selbstbewusstsein zu tun, mit einer noch relativ neuen Sprechfähigkeit von People of Color vor allem in Deutschland: Mit der Rezeption alternativer Geschichtsschreibung, eines alternativen Kanons und alternativer Kulturpraktiken, die nicht der etablierten weißen Norm entsprechen. Plötzlich hat Christopher Columbus Amerika eben nicht entdeckt, die Rolle von Frauen of Color im Kampf gegen koloniale Kontinuitäten werden sichtbar, Blackface ist nicht harmlos, Voltaire, Martin Luther oder Theodor Fontane (erst im vergangenen Jahr mit viel Steuergeldern gefeiert) waren Antisemiten.
Auch die alltägliche Popkultur bekommt neuen Schwung: Alle Kidz sagen auf einmal valla. Sogar in Berlin-Wannsee, Hamburg-Eimsbüttel oder in Freiburg. Wobei die weiß-privilegierten Jugendlichen zurück in ihre Goethe-Gymnasien gehen während viele junge PoCs nicht dieselben Chancen der Teilhabe genießen können. Dennoch: It’s okay to be of color and proud of it in Almanya. Das ist wirklich etwas Außergewöhnliches in einer Gesellschaft, die darauf programmiert ist, Minderheiten unsichtbar, hörig und kontrollierbar zu machen. Angehörige von Minderheiten stellen sich mittlerweile furchtlos vor die deutsche Öffentlichkeit und sagen: Euer Integrationsprojekt stinkt. Ich möchte mich nicht in eine Gesellschaft „integrieren“, die Rechtsextreme in ihren Parlamenten nicht nur duldet sondern teilweise als Demokratie feiert, die Polizeigewalt gegen Minderheiten verharmlost oder Menschen im Mittelmeer ertrinken, an den Außengrenzen abknallen und in der Nachbarschaft zerbomben, verhungern oder erfrieren lässt.
Ich habe keine Angst vor dem weißen Mann, auch weil WIR Wissen in uns tragen, zu dem wir exklusiven Zugang haben. Weiße Islamwissenschaftler*innen, Anthropolog*innen, Politikwissenschaftler*innen studieren sechs bis zehn Semester und können auf dem von ihnen imaginierten Souk aus 1001 Nacht noch nicht mal 1 Kilogramm Tomaten kaufen.
Auf die Frage: Wer hat Angst vorm weißen Mann? Gibt es in Wahrheit keine eindeutige Antwort. Ich würde sie sogar je nach Tagesform jeweils anders beantworten, jede Person of Color hier im Raum hat andere Erfahrungen mit weißen Männern gesammelt und verortet sich stets irgendwie doch in intersektionalen Strukturen von Diskriminierung und Privilegien. Apropos Intersektionalität: Ich muss an dieser Stelle kurz über weiße Frauen sprechen: WTF? WHITE WOMEN? Historisch betrachtet haben sich weiße Frauen sehr oft für die falsche Seite der Geschichte entschieden: Angefangen bei den 53% weißen Frauen, die 2016 für Donald Trump gestimmt haben4, über Marine Le Pen, Beatrix von Storch, Alessandra Mussolini (alle mit interessanten Familiengeschichten) bis hin zu Beate Zschäpe. Ich stehe weißen Frauen also ebenfalls oft mit Angst oder Skepsis oder Unwohlsein gegenüber. Mehr Frauen an der Macht in Dax-Vorständen, als Staatssekretärinnen oder Drehbuchautorinnen sind wichtig, mehr Frauen of Color an der Macht sind mir ganz persönlich aber wichtiger.
Wenn ich das später alles twittere oder auf anderen Wegen bekannt werden sollte, dass ich hier über Weiße Männer und Frauen gesprochen habe, werde ich wieder reichlich Zuschriften bekommen, wie rassistisch ich sei, so über (immerhin) die Bevölkerungsmehrheit zu sprechen. Aber jetzt mal ehrlich: Wer sind diese Weißen überhaupt? Die Bevölkerungsmehrheit in diesem Land und in anderen weißen Mehrheitsgesellschaften ist untererforscht. Weiße studieren und verstehen fördert meiner Meinung nach das friedliche Zusammenleben und davon profitieren letztendlich alle – auch der weiße Mann.
Und genau diese wichtige Grundlagenforschung passiert in diesen Tagen hier in Freiburg, habe ich dem Programm entnommen: ein Vortrag über „white Gaze“ (nicht zu verwechseln mit White Gays, die aus queerer Perspektive auch ein wichtiges Thema darstellen. Trade Mark für diesen Joke liegt bei Hengameh Yaghoobifarah)5, partnerschaftliche Entwicklungspolitik, the western feminist agenda, Rassismus im Bildungssystem, Schwarze Perspektiven auf die Kolonialität der Klimakrise... um nur einige Themenbereiche zu nennen, die einen Beitrag zur Völkerverständigung und InTiGrAtiOn von Weißen leisten.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch allen fruchtbare Diskussionen und spannende Forschungsergebnisse. Vielen Dank.
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1 https://www.axios.com/wall-street-white-male-control-numbers-ad700876-daa7-4b5b-a271-1e00eeccca5c.html
2 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-09/gleichberechtigung-frauen-diskriminierung-fuehrungspositionen-ministerien/komplettansicht
3 https://socialsciences.ucla.edu/wp-content/uploads/2019/02/UCLA-Hollywood-Diversity-Report-2019-2-21-2019.pdf
4 https://www.theguardian.com/commentisfree/2018/nov/09/white-women-vote-republican-why
5 https://www.ullstein-buchverlage.de/nc/buch/details/eure-heimat-ist-unser-albtraum-9783961010363.html
(Diese KeyNote war Teil des Auftakts des Freiburger Syposiums „Dear White People... Check your Privilege“ am 10. Januar 2020)
Diese Realisation, dass der eigene Vorteil womöglich zulasten anderer entsteht, wird in vielen Fällen unangenehm sein, denn kaum jemand fasst sich gern an die eigene eingebildete Nase. Zu begreifen dass wir, bewusst oder unbewusst, von einem ungerechten System profitieren, ist vielleicht schmerzlich oder beschämend, aber es nun mal auch der wichtigste Schritt in Richtung einer, genau, besseren Welt.
Privilegierte Zerbrechlichkeit
Ich habe mich lange gefragt, warum sich manche Menschen so gegen Diversität in der Literatur (oder anderen Medien) sperren. Warum sie das entweder nicht interessiert oder sie es sogar offen ablehnen. Oder warum sie sofort genervt reagieren, wenn jemand darauf hinweist, Teil einer marginalisierten Gruppe zu sein. Eigentlich sollte es doch mehr als willkommen sein, die ganze bunte Vielfalt des Lebens in Medien abzubilden. Sollte man eigentlich meinen …
Lesezeit des Blogbeitrags: ca. 3 Minuten
WIE DAS KANINCHEN VOR DER SCHLANGE👍
sundaysforlife
sundaysforlife: Wenn wir nicht nach #Gerechtigkeit dürsten, liegt es normalerweise daran, dass wir zu viele #Privilegien haben. https://t.co/ULLexslUpm https://twitter.com/sundaysforlife/status/1584499990910889984
Der Fluch von Scarborough Fair 06: Darf ich mal Ihre minderjährige Tochter kennenlernen?
Padraig Seeley (Padraig = Patrick = irischer Vorname, Seeley = Seelie = Elfenhof) hat das gesamte Krankenhaus bezirzt, Soledad eingeschlossen. Um ehrlich zu sein, könnte er genauso gut der reiche Sohn des Klinikdirektors sein, der nach der Uni angeblich drei Jahre lang bei Ärzte ohne Grenzen gearbeitet hat und jetzt zurückkommt, mühelos einen Job bekommt, gut aussieht, die gewisse Exotik hat und das Gehalt bzw. Familienvermögen, das alle sehr attraktiv finden.
Soledads Freundin/Kollegin Jacqueline Jackson (...ja) fragt nach Padraigs Familienstand. Soledad weiß nichts, hofft aber, bald mehr zu erfahren, denn sie hat ihn zum Abendessen eingeladen – am Abend des Balls.
Padraig hat sehr bereitwillig zugesagt:
„Nichts auf der Welt könnte mich davon abhalten, Ihre Lucy kennenzulernen. Oder darf ich sie Lucinda nennen? So lautet doch ihr vollständiger Name, nicht? Mir ist dieser Name lieber. Er klingt wie Musik.“
Oh. Er ist DIE Art von fuckboi. „ich weiß, dass du eigentlich Skye heißt, du stellst dich als Skye vor, deine Eltern und Geschwister nennen dich Skye, deine Freunde ebenso, deine Lehrer rufen dich Skye, Skye steht auf all deinen Dokumenten, aber ich nenne dich trotzdem Anna Elisabeth Franzisca Adolphina Wilhelmina Ludovica, daher kommt dein Name eindeutig (letzte Silbe von Franzi-sca) und ich finde, dieser edle, lange, poshe Name passt viel besser zu der Fantasie von dir, zu der ich mir täglich einen von der Palme wedele.“
Menschen brauchen Vetrauen.
Ich vertraue jedem Menschen, der mir begegnet, dass er mir N I C H T S böses antut. Ich bringe in einer Menschenmenge jeder Person, die unmittelbar neben mir steht, ein großes Vertrauen entgegen. Das Vertrauen, dass sie mich bemerkt, sieht, achtet und respektiert. Das sie mir keine böswilligen Aktionen entgegenbringt. Ich vertraue jedem Menschen neben mir, dass mir kein Schaden, physischer und psychischer Natur entgegengebracht wird. Sichtbar und nicht sichtbar. Egal wo ich bin, egal wer bei mir ist. In jedem Laden, bei jedem Konzert, bei jedem Spaziergang im Park. Ich vertraue jedem Verkäufer, dass er mich bestens berät. Jedem Kellner, dass er mir den Kaffe in voller Sorgfalt zubereitet und serviert. Jedem Fahranfänger, dass der Fahrlehrer bremst, bevor ich überfahren werde. Ich vertraue dem Architekten, dass er Statik und Berechnungen korrekt durchgeführt hat und ich nicht einige Stockwerke nach unten falle. Ich vertraue darauf, dass meine Beine mich tragen, dass der Boden unter meinen Füßen nicht nachgibt. In jeder Minuten, jedem Moment, bei jedem Wort vertraue ich darauf, dass die Luft für mich noch atembar ist. Wir vertrauen jeder noch so winzigen Kleinigkeit, denn ohne dem Kleinsten oder Größten könnten wir nicht sein.
Vertrauen ist das, was uns dazu bringt ein miteinander zu kreieren. Zu wachsen und uns weiter zu entwickeln. - Ist dieses Vertrauen nicht mehr da, fallen wir.
Mit einem Test, der bei Eintritt vorzulegen ist, wird mir dieses Vertrauen entrissen. Es fühlt sich an, als wäre ich von der Gemeinschaft als nicht mehr würdig eingestuft worden, um zwischen ihr zu leben. Ich muss nachweisen, dass ich gesund bin! Es ist nicht unsere Pflicht eine Unschuld nach zuweisen. Es ist die Pflicht, dass andere uns ein Vergehen und eine Schuld beweisen. Wie abstrus ist denn überhaupt der Gedanke, dass ich meine Unversehrtheit beweisen muss? Dass ich beweisen muss, dass von mir keine Gefahr ausgeht? Und wer definiert in diesem Kontext überhaupt die Gefahr? Sollten all die anderen Besucher, welche sich für einen eigenen Schutz für sich entschieden, sich nicht genau dadurch sicher genug fühlen? Ein Testergebnis kann innerhalb von wenigen Augenblicken alles an Träumen, Hoffnungen und Wünschen eliminieren. Und wer sagt mir, dass dieses Testergebnis denn die Wahrheit widerspiegelt? So wenig, wie die geschützten Menschen mir in dem Augenblick, in dem ich einen noch nicht ausgeführten Test in der Hand halten, vertrauen, werde ich diesen Menschen und dem Test vertrauen.
Fatal ist auch, dass ein falschen Testergebnis nicht nur unser Augenblick-Schicksal zerstört. Völlig egal, ob positiv oder negativ, ein falsches Ergebnis verschleiert die Wahrheit und verbiegt die Selbstwahrnehmung gegenüber unserem Körper und unserem Wesen. Wir sind davon überzeugt, ein Test spiegelt immer die Wahrheit wieder, aber was wenn Ergebnis und Eigenwahrnehmung nicht übereinstimmen und harmonieren?
Und wer übernimmt die Verantwortung, wenn der Test falsch negativ ist? Ist es dann Pech für diejenigen, die tragischer Weise der Nähe waren? Oder ist das eben die Gefahr, die das Leben in einer Gemeinschaft mit sich bringt? Ein Preis, den wir für unsere grenzenlose Freiheit hinnehmen müssen?