EnttÀuschung (vor)programmiert
Eine Sache die mich echt nervt: Wenn Leute das Wort âvorprogrammiertâ durch âprogrammiertâ ersetzen. Zum Beispiel hieĂ dieser Artikel auf Tagesschau.de ursprĂŒnglich âEnttĂ€uschung vorprogrammiertâ, und wurde dann anscheinend vor kurzem umgeĂ€ndert in âEnttĂ€uschung programmiertâ, nach vermutlich langwierigen internen Diskussionen bei denen sich die Redakteure gegenseitig mit Duden bewarfen.
Dieses Suchen und Ersetzen findet man am hĂ€ufigsten auf Spiegel Online, wo auch die Quelle dieses Trends lebte: Bastian Sick, Autor einer Sprachkolumne und mehrerer BĂŒcher ĂŒber den Tod des Genitivs und weithin anerkannter Sprachexperte (auĂer von richtigen Sprachexperten) ist ein selbsterklĂ€rter groĂer Feind des Wortes âvorprogrammiertâ.
Seine Logik dahinter ist, dass man prinzipiell sowieso vorher ein Programm fertigstellt und daher immer vorprogrammiert. Die Vorsilber âvorâ hat also keinen Vorteil, ist unnĂŒtz, und da es nach Sicks Ansicht nur ein korrektes Deutsch gibt (nĂ€mlich seins; wobei er allerdings Dialekte erlaubt), muss sie weg.
Nun ist âvorprogrammiertâ aber auch ein Wort, das seit mehr als nur ein paar Jahren im Deutschen verwendet wird, und mithin absolut jedem gelĂ€ufig. Wenn man nun die Sprache ansieht als das, was Leute tatsĂ€chlich sagen, schreiben, lesen und verstehen, gibt es also gegen das Wort wenig einzuwenden.
Die angeblich saubere Alternative âprogrammiertâ kann das nicht von sich behaupten. Zumindest fĂŒr mich klingt es immer ein bisschen komisch. ZusĂ€tzlich muss man aber auch sehen, wo das Wort herkommt. Programmiert kommt von programmieren, eine direkte Ăbersetzung des englischen âprogrammingâ, und bezieht sich original immer erst mal auf Softwareentwicklung. Als Softwareentwickler kann ich bestĂ€tigen, dass man diese Programmierung sinnvollerweise immer vorher macht und nicht hinterher. Dementsprechend taucht auch âvorprogrammiertâ in unserem Fachjargon nicht auf; es handelt sich um eine Ableitung die ihren eigenen Regeln folgt.
BedeutungsmĂ€Ăig geht es beim Programmieren aber um etwas völlig anderes. Programmieren ist ein schöpferischer Akt, an dessen Ende ein gezieltes Produkt steht. Beispielsweise kann ich sagen, ich habe diese Software programmiert. Das sie nicht wie erwartet funktioniert und ich noch weiter programmieren muss ist grammatikalisch nebensĂ€chlich; das, was ich programmiert habe, ist etwas das ich gezielt erschaffen habe.
Man sieht die Unterscheidung gut an dieser Ăberschrift. EnttĂ€uschung mag hier vorherbestimmt oder zu erwarten sein, beides Bedeutungen die von âvorprogrammiertâ abgedeckt werden. Es hat sich aber (in diesem Fall) kein Programmierer hingesetzt und EnttĂ€uschung erschaffen. Insbesondere war EnttĂ€uschung nicht das Ziel des Handelns hier. So, wie er da steht, macht der Satz erst mal keinen Sinn. Erst, wenn man sich ein virtuelles âvor-â dazu denkt, ist man wieder bei etwas mit Hand und FuĂ. Es handelt sich nicht um die originale korrekte Bedeutung von âprogrammiertâ, sondernd um eine neue, geborgte.
Eigentlich wĂ€re genau das ein Fall, wo ein Sprachnörgler in Sickscher Manier klagen mĂŒsste. Ein absolut akzeptables deutsches Wort wird durch ein neues, âfalschesâ ersetzt, ohne Grund und Informationsgewinn. Genauso eigentlich mĂŒsste ich die Schultern zucken und sagen: âHm, Sprache verĂ€ndert sich, ist halt soâ. Aber dass hier die Sprache bewusst von den Flachpfeifen verĂ€ndert wird, die sie eigentlich und widersinnigerweise âreinâ halten wollen, ist schon arg dĂ€mlich.
Daher mein Appell: Sagt âvorprogrammiertâ, oder wenn ihr Angst vor den Sickfans habt, âvorherbestimmtâ, âzu Erwartenâ oder was auch immer euch beliebt. Oder sagt âprogrammiertâ, wenn ihr absolut darauf besteht. Aber tut nicht so als wĂ€hret ihr besser, nur weil ihr das âvorâ killt.