Ein unvergleichliches gastronomische Erlebnis, garniert mit einem feinen Gewürz im besten Gasthaus aller Zeiten - Eine Allegorie
Lieber Leser, stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie wollen mit ihrer Frau, Partner usw., wem auch immer, mal wieder chic Essen gehen. So richtig kultiviert. Sechs-Gänge Menü bei Kerzenschein. Mit dem obligatorischen Espresso vor dem Aufbruch wären es sogar sieben Gänge. Da gibt es ein prächtiges Restaurant in der Stadt, riesengroß und vor allem richtig teuer. Was solls, denken Sie. Alle vier, fünf Jahre kann man ja hingehen. Mal so richtig abfeiern nach der langen Corona-Pause. Nach dem Motto: Man gönnt sich ja sonst nichts. Drinnen geht es nobel zu. Kellner im schwarzen Livre umschwirren die Gäste. Roter Teppich in der Eingangshalle. Saftiges nachhaltiges Grün quillt üppig aus riesigen Pflanzkübeln. Zitronengelbe Tischdecken sorgen für mediterranes Flair. Eine echte Oase, bunt und vielfältig, so wie das sechsfarbige Restaurantembleme, dass schon von weitem den Weg weist.
Sie und ihr Schatz nehmen im Außenbereich des edlen Gourmet-Tempels Platz und lesen voller Erwartung die Speisekarte. Zum großen Erstaunen stellen sie fest: Es gibt zwar eine Menge Gerichte – Weit mehr als zehn – aber die meisten bestehen immer aus den gleichen Komponenten, die nur unterschiedlich gemischt werden. Da gibt es zum Beispiel: Schwarzwurzeln, mit roten Rüben und dazu einen grünen Salat. Eine ähnliche Variante: Schwarzwurzeln, Rote Rüben, Zitronensorbet. Oder einfach nur: Schwarzwurzeln mit grünem Salat. Grüner Salat mit Schwarzwurzeln, oder Rote Rüben und Schwarzwurzeln. Rote Rüben gibt es dann noch in den Varianten – Rote Rüben, grüner Salat, Rote Grütze – Rote Rüben, Grüner Salat, Zitronensorbet – Rote Rüben, grüner Salat – Rote Rüben, rote Grütze – und als Variante: Rote Grütze, rote Rüben mit grünem Salat. Und wer will kann auch rote Rüben ohne grüne Beilagen essen. Großzügig.
Sie und ihre Begleitung sind von dieser einseitigen aber bunt aufgemachten Speisekarte nicht begeistert. Wollen Sie etwa was anderes essen? Eine Forelle blau oder was Herzhaftes aus Mutters Küche? Gar ein Spanferkel?
Ein wenig verärgert stehen Sie auf, dringen bis zur Küche vor. Wollen mit dem Chef des Hauses über die Monotonie dieses Einheitsbreis diskutieren. An den Stufen zur Küche stellen sich Ihnen ein paar muskulöse Männer in den Weg. Das sind keine Köche. Die gehören zum Secret-Service des Hauses. Die sagen Ihnen, an den Gerichten darf nichts geändert werden. Wer das macht ist ein Kulturbanause, ein Restaurantfeind, eine Gefahr für die gesamte Gastronomie, renitent und gemeingefährlich. Das Einzige was die Küche tun kann ist nachwürzen. Und zwar mit Pfeffer. Das ist eine Spezialität des Hauses. Reiner schwarzer Pfeffer, feingemahlen, verpackt in kleinen Dosen, die noch dazu unter Druck stehen. Ehe Sie sich versehen, bekommen sie eine Kostprobe des edlen Gewürzes mit Hochdruck mitten ins Gesicht geblasen. Da quellen Ihnen im wahrsten Sinne des Wortes die Augen über. Sie können zwar nichts mehr sehen, aber mit ihrem inneren Auge sehen Sie sonnenklar und kommen zu dem Entschluss: Nie wieder dieses Restaurant betreten. Nie wieder. Die Entscheidung wird Ihnen ohnehin abgenommen. Sie haben Hausverbot. Leute wie Sie will man hier nicht mehr sehen. Das Restaurant hat ohnehin ein anderes Publikum im Sinn. Gäste mit vollkommen anderen Ess- und Lebensgewohnheiten. Die dürfen sogar umsonst essen. So großzügig und freigiebig ist der Chef des Hauses.
Zum Ende gibt es noch ein Abschiedsgeschenk. Ein Erfrischungsgetränk. Dargereicht mit 20 bar. Reines Wasser. Da geht auch der Pfeffergeschmack weg. Und die Äuglein sehen auch wieder klar. Wer sagt denn, dass der Inhaber des edlen Restaurants kein Altruist ist.