Blick ins Atelier von Raphael Stucky in Basel
In der Rubrik «Blick ins Atelier» besuchen wir Künstler*innen, die mit dem Museum verbunden sind, virtuell in ihren Ateliers. Es interessiert uns, woran sie gerade arbeiten, was sie beschäftigt und wie sie ihre Arbeit strukturieren.
Raphael Stucky bespielt aktuell den «Dienstraum», unsere Dependance auf Gleis 7 im Bahnhof Olten mit seiner Arbeit «Wind». Kuratorin Katja Herlach hat dem Basler Künstler, Musiker und Kurator ein paar Fragen gestellt und ihn gebeten, uns Einblick in seine Arbeitsstätte und die Entstehung seiner neusten Arbeiten zu geben:
Antworten von Raphael Stucky
1 KH: Was machst du heute?
RS: Gerade bin ich mit dem Zug durch Olten gerauscht. Ich tippe hier auf meinem Ipad und geniesse die vorbeiziehende Landschaft. Schon bald werde ich die Alpen sehen, wo ich mir ein paar Tage Auszeit gönne und im Garten meiner Eltern bei der Ernte helfe.
2 Wie sieht Dein Arbeitsort aus?
Seit September dieses Jahres habe ich eines der 30 Förderateliers der Stadt Basel bezogen. Es ist ein Privileg dort zu sein, da die subventionierten Ateliers sich in der ehemaligen Klingentalkirche befinden. Im obersten Stock spannt sich das Kreuzrippengewölbe über meinen Arbeitsort und ein gotisches Kirchenfenster eröffnet mir den Blick in die Kronen der benachbarten Bäume. Es ist ein einzigartiger Raum, in dem ich meine kommende Zeit verbringen werde.
3 Woran arbeitest Du gerade?
Momentan bereite ich mich für die kommenden zwei Ausstellungen im Dezember vor. Zum einen zeige ich eine Installation im Max Frisch Bad in Zürich. Sie wird auf die unangenehme Vorgeschichte des Ortes Bezug nehmen. Zum anderen arbeite ich an Malereien, Keramikfiguren und Lichtkörpern, die ich in einer Ausstellung im Le Manoir in Martiny zeigen werde.
4 Vor Kurzem hast Du Deine Ausstellung im Dienstraum, unserer Dependance im Bahnhof Olten, eingerichtet. Was interessiert Dich an diesem Raum?
Ich muss sagen, es ist ein sehr schwieriger Ort für Kunstausstellungen. Für mich war es eine Herausforderung in einem so hektischen und reizüberfluteten Ort, wie es der Bahnhof ist, Kunst auszustellen. Es ist das Gegenteil von einem Museum, wo Stille und Raum eine gewünschte Aufmerksamkeit erzeugen. Diese rauschende Umgebung macht aber auch den Reiz des Raumes aus: Eine Herausforderung, dem Umfeld Stand zu halten. Aber auch zu wissen, dass täglich hunderte Menschen daran vorbei ziehen. Kunst en passant, diese Idee gefällt mir.
5 Im Dienstraum zeigst Du ein Skulpturenpaar aus Keramik. Diese Technik begleitet Dich nun schon eine Weile. Was fasziniert Dich daran?
Das Bedürfnis, Figuren aus Ton herzustellen, entstand während der Zeit, als ich an meiner Master Thesis schrieb. Das Formen mit den Fingern und Händen ermöglichte es mir, einen unmittelbaren und sensorischen Zugang zur Thematik herzustellen. Es war eine gute Ergänzung zum Lesen und Schreiben. Das Arbeiten mit dem Ton erdet, macht den Geist locker und lässt mit den Händen denken. Es ist für mich auch stark mit einer Kindheitserinnerung verknüpft und noch weiter zurück gedacht, ist das Formgeben mit Erde ein urmenschliches Bedürfnis.
6 Handwerk wird in der zeitgenössischen Kunst seit einiger Zeit – gerade auch bei jüngeren Kunstschaffenden – wieder öfter thematisiert. Was bedeutet es Dir?
In meiner künstlerischen Arbeit geht es oft um die Hand. Die Hand, die Form gibt, die Spuren hinterlässt, die mit Instrumenten musiziert und die Bewegung hervorruft. Handwerk bedeutet für mich, eine Tätigkeit mit Händen zu vollziehen. Ich begebe mich gerne in solch entschleunigende Prozesse, die dem Tempo und dem Leistungsdruck unserer Gesellschaft entgegenwirken. Ich denke auch nicht, dass das Handwerk je verschwinden wird. Denn das Taktile und Sensitive sind und bleiben ein Bestandteil in der Kunst. Die Konzeptkunst und die Digitalisierung haben uns neue Formen und Herangehensweisen gebracht, die sich weitgehend von dem traditionellen Handwerk gelöst haben. Ich verstehe aber nicht, wieso man diese Dinge gegeneinander ausspielen muss. In der Kunst hat das alles Platz und ich finde es schön zu sehen, wie der Kunstbegriff kontinuierlich aufgefächert und erweitert wird.
7 Die Beschäftigung mit Klang und Musik ist eine wichtige Konstante Deines Schaffens. Wie schaffst Du die Verbindung zur Form, zum künstlerischen Kontext?
Für mich sind die Trennlinien der Begriffe Kunst, Klang, Musik, aber auch Bewegung und Tanz sehr unscharf. Denn sie sind alle verwandt und seit jeher Teil menschlichen Ausdrucks. Es ist ein zivilisatorisches Konstrukt, dass wir die Disziplinen trennen und eigens dafür Museen, Theater oder Konzertsäle bauen. Ich interessiere mich für die Synästhesie, also die Verknüpfungen und Zusammenkunft verschiedener Sinneswahrnehmungen. Wie klingt ein Bild, was sehe ich, wenn ich zuhöre, welche Bilder kommen, wenn ich einen Geruch wahrnehme? Unsere Sinneswahrnehmung ist komplex und daher finde ich ihre klar definierten Trennungen problematisch. Zurück zur Frage: mich faszinieren Musik, Klänge und Töne, da sie nicht fassbar sind. Sie kommen, lassen unseren Körper für eine kurze Zeit vibrieren und verschwinden wieder. In unserer Gesellschaft und vor allem auch in der Kunst ist das Auge das dominante Sinnesorgan. Durch die Beschäftigung mit Klang offenbaren sich neue Zugänge zur Welt und die angesprochene Hierarchie des Visuellen wird dadurch hinterfrage. Das finde ich als Künstler sehr inspirierend. Bei meinen Skulpturen oder Zeichnungen liegt der Klang oft in der Assoziation, in der Vorstellung und in der Potentialität. Es sind also „stumme“ Kunstwerke, bei deren Betrachtung eine Erinnerung an ein Geräusch, einen Klang oder ein Musikstück geweckt werden kann. Und auch in der Sprache, was in meinem Fall vor allem die Werktitel anbelangt, suche ich nach einer klanglich reizvollen Formulierung.
8 Welche Rolle spielen Zeit und Improvisation in Deiner Arbei?
In meinen Zeichnungen und Videoloops versuche ich flüchtige Momente fest zu halten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Sekundenzeichnungen: Hier sind in schnell getakteten Gesten viele Zeichnungen entstanden. Jede Zeichnung war einzigartig und ein Recording des Moments in dem sie entstand. Mir gefällt die Idee, dass in jeder Sekunde das Potential für eine neue Erfindung steckt. Andersrum versuche ich in der musikalischen Improvisation flüchtige Momente zu erzeugen. Improvisation heisst aus dem Moment heraus etwas entstehen zu lassen. Der Berner Schlagzeuger und Klangkünstler Julian Sartorius erzählte mir in einem Interview: «Viele Musiker haben einen grossen Respekt vor der Improvisation, aber eigentlich ist ja das ganze Leben eine Improvisation!» Mehr über Raphael Stucky erfahren:
Website des Künstlers
Blogbeitrag zu seiner aktuellen Präsentation im Dienstraum Olten
Raphael Stucky: Wind, 2019, Ausstellungsansicht Dienstraum, Bahnhof Olten, 2020; Foto: Raphael Stucky
Abbildungen: Abb. 1 Ateliersituation, 2020 Atelierhaus Klingental, Basel Foto: Raphael Stucky Abb. 2 Raphael Stucky «Tell A Bee», 2020 Steinzeug und Spray Ausstellungsansicht Gartenausstellung «Hortus», Zürich Foto: Simon Javed Baumberger Abb. 3 Raphael Stucky «Untitled», 2019 Wachsstift auf Leinwand Foto: Raphael Stucky
Abb. 4 Musikalische Improvisation von Raphael Stucky und Angi Nend, 2020 Bellerive Museum, Zürich Foto: Stefan Burger
Veröffentlicht von Katja Herlach am 6.10.2020

















