Im Ausguck

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Im Ausguck
.Eine Yacht segelt über den Ozean. Da meldet die Elektronik ein riesiges Objekt im Wasser – ein lebendiges! Die Crew ändert sofort den Kurs – so bleibt der Wal unbehelligt.. Read the full article
Blick ins Atelier von Scarlet Mara in Zürich
Virtuell besuchen wir Kunstschaffende, die mit dem Museum verbunden sind, in ihren Ateliers. Es interessiert uns, woran sie gerade arbeiten, was sie beschäftigt und wie sie ihre Arbeit strukturieren.
Scarlet Mara (*1985) ist einer der Protagonist*innen unserer aktuellen Ausstellung «Jeder Schnitt etwas Bestimmtes…» (Kunstmuseum Olten, 6.9.–3.1.2021). Diese bringt Holzschnitte von Mara und drei weiteren zeitgenössischen Kunstschaffenden (Alois Lichtsteiner, Josef Felix Müller und Selina Zürrer) in einen Dialog mit dem Werk des Lostorfer Linolschneiders und Pädagogen Meinrad Peier (1903–1964), dessen Nachlass das Kunstmuseum Olten 2019 als Geschenk übernehmen durfte. Damit untersucht sie die heutige Relevanz des Mediums Holzschnitt in der Kunst.
Ausstellungsansichten «Jeder Schnitt etwas Bestimmtes…», Kunstmuseum Olten, 2020, Fotos: Kaspar Ruoff
Katja Herlach (stv. Direktorin) und Miriam Edmunds (Praktikantin) haben der Künstlerin Scarlet Mara ein paar Fragen gestellt und sie gebeten, uns Einblick in ihre Arbeitsstätte, ihr Verhältnis zur Technik des Holzschnitt und in die Entstehung ihrer neusten Arbeiten zu geben:
Antworten von Scarlet Mara
1. Wie geht es Dir heute? SM: Ich fühle mich gut und freue mich auf die kommenden Monate, die sehr arbeitsintensiv werden. 2. Hat sich Deine Situation/Arbeitsweise (im Rückblick) durch die Corona-Krise verändert? Was nimmst Du aus dieser Zeit mit? Während des Lockdowns konnte ich nicht in die Werkstätten, wo ich momentan drucke und die Keramiken anfertige. Ich hatte mir ein provisorisches Studio in meiner Wohnung eingerichtet, aber es war nicht einfach, mich in den gleichen, konzentrierten Arbeitsflow zu bringen, wie ich es sonst gewohnt war. Da spielen so viele Faktoren mit, die einem gar nicht so bewusst sind. Der Weg zum Studio, die Begegnungen, kurzen Gespräche mit anderen Künstlern. Obwohl ich alleine arbeite und oft Stunden mit niemandem spreche, hat mir das sehr gefehlt. Ich war sehr froh, als ich im Mai wieder in die Werkstätten konnte und verbringe seitdem wieder sehr viel Zeit da. Ich schätze dieses grosse Privileg, kreativ an diesen Orten arbeiten zu dürfen, enorm. 3. Wie sieht Dein Arbeitsort aus? Meine Arbeitsorte befinden sich in zwei verschiedenen Werkstätten. Keramik und Druck. Ich wechsle zwischen den beiden, je nach dem, was ich mir für diesen Tag vorgenommen habe. Dadurch inspirieren und informieren sich die Techniken gegenseitig, was ich als sehr spannend empfinde. Ich drucke schon seit über 12 Jahren, Keramik mache ich erst seit letzten Herbst. Da ich einen hohen Anspruch an das Handwerk lege, mit dem ich arbeite, muss ich der Keramik gerade etwas mehr Raum geben. Ich möchte der Technik gerecht werden und diese Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit erlangen, die mir im Holzschnitt neue Freiheiten in der Gestaltung gebracht hat. Das spürt man in der Arbeit. 4. Woran arbeitest Du gerade? Ich habe die Serie der Keramikköpfe weitergeführt, die auch in der Ausstellung zu sehen sind. Sie werden grösser und ich experimentiere mit Pigmenten und Gips, der Teil der Skulptur wird. Der Gips wird über die Keramik gegossen, in mehreren Schichten, die später wieder teilhaft freigesetzt werden. Auch hier sehe ich Parallelen zum Prozess im Holzschnitt. Die Ganzheit findet sich im schichthaften Auftrag, wobei die unteren Schichten teils wieder freigelegt werden und dadurch zur Aussage der Arbeit beitragen.
5. Aktuell bist Du mit Holzschnitten in unserer Ausstellung «Jeder Schnitt etwas Bestimmtes...» beteiligt. Was interessiert Dich an der Technik des Holzschnitts? Da gibt es Vieles. Holz ist für mich warm, ein Material das erzählt und Leben in sich trägt. Das hat für mich etwas Poetisches.
Dann gibt es diese lange Tradition, die so weit zurückführt, viel weiter als Gutenberg. Im asiatischen Raum wurde schon lange vorher mit Holz gedruckt. Die Geschichte des Druckes erzählt so viel über die Entwicklung der Menschheit und wo wir heute stehen. Das fasziniert mich sehr und stimmt auch nachdenklich.
Für meine künstlerischen Methoden hat mir der Holzschnitt zunächst vor allem die Möglichkeit gegeben, meine Arbeit aus einer gewissen Distanz zu betrachten. Ein spiegelverkehrtes Bild wird geschnitten und dann gedruckt. Es passieren viele Umsetzungen im Kopf, manchmal habe ich das Gefühl, es bin nicht ich alleine, die die Arbeit macht. Da gibt es noch diese zweite Person, die der Holzschnitt selbst ist.
6. Was hast Du persönlich für einen Umgang mit dem Medium des Holzschnitts gefunden? Es ist für mich ein lyrischer Umgang, das zeigt sich auch in den Titeln, die ich den Arbeiten gebe. Sie sollen einen Raum öffnen, den Arbeiten zu begegnen. Ich bin mir der Tradition bewusst, in der ich arbeite, aber das darf mich nicht erdrücken. 7. Wie wichtig ist die Wahl des Papiers? Wie wählst Du es aus? Ich arbeite fast ausschliesslich mit japanischen Papieren. Ich war in Japan und habe in Kyoto, Osaka und Tokyo alle Papierfabriken besucht, die ich finden konnte. Nach Hause kam ich mit wunderschönen Papieren, die in ihrer Qualität hervorragend sind für die Art und Weise, wie ich arbeite. Für die grösseren Arbeiten verwende ich Sekishu Shi. Ich habe einen Liferanten in London gefunden, der mich beliefern kann. 8. Mit was für Farben arbeitest Du? Ich arbeite mit oelbasierten Holzschnittfarben von Amra und SunChemical. 9. Was fällt Dir am Werk von Meinrad Peier, das in der Ausstellung mit Deinem in einen Dialog gebracht wird, besonders auf? Peiers Werk hatte ein klar informatives Ziel. Das Narrative und Illustrative ist ein starker Fokus in seinem Werk. Dies wird durch den Dialog mit den Arbeiten der beteiligten Künstlern in der Ausstellung sehr deutlich. 10. Gibt es ein Kunstwerk in Deinem Leben, das Dich besonders beeindruckt hat? Es gibt viele Kunstwerke, die mich beeindrucken.Eines, das mir jetzt als Erstes in den Sinn kommt, ist die Videoarbeit von Tracey Emin «Why I Never Became a Dancer» von 1995, die ich mit vielleicht 19 Jahren das erste mal sah und mein Verständnis von Kunst und was Kunst bewirken kann, stark beeinflusst hat.
Emin nutzt ihre Kunst, um traumatische Erinnerungen in etwas Positives umzuwandeln. Sie spricht in dieser sehr persönlichen Arbeit aber auch ein Kollektives Empfinden an und fragt kritisch nach der Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Scarlet Mara, Oktober 2020 Scarlet Mara (*1985) lebt und arbeitet seit 2017 in Zürich. Der Holzschnitt nimmt in ihrem Schaffen eine zentrale Rolle ein. Sie erlernte die Technik während ihrer Ausbildung in Hamburg und London von der Picke auf und schloss ihr Masterstudium in Bildender Kunst 2015 mit Schwerpunkt Drucktechniken am Royal College of Art ab. All ihre Holzschnitte, welche die Künstlerin selbst als «Collagen» beschreibt, sind Unikate. Die farblich wie formal ausgeklügelte Komposition aus klaren Linien, geometrischen Wiederholungen und organischen Formen weisen Referenzen an die zeitgenössische Popkultur oder (japanische) Symbolik auf. Seit Kurzem beschäftigt sich Scarlet Mara auch mit Keramik und bringt diese in Zusammenhang mit dem Holzschnitt. Mehr über Scarlet Mara erfahren: Website Galerie sam scherrer contemporary, Zürich
Publiziert am 7. November 2020
Blick ins Atelier von Raphael Stucky in Basel
In der Rubrik «Blick ins Atelier» besuchen wir Künstler*innen, die mit dem Museum verbunden sind, virtuell in ihren Ateliers. Es interessiert uns, woran sie gerade arbeiten, was sie beschäftigt und wie sie ihre Arbeit strukturieren.
Raphael Stucky bespielt aktuell den «Dienstraum», unsere Dependance auf Gleis 7 im Bahnhof Olten mit seiner Arbeit «Wind». Kuratorin Katja Herlach hat dem Basler Künstler, Musiker und Kurator ein paar Fragen gestellt und ihn gebeten, uns Einblick in seine Arbeitsstätte und die Entstehung seiner neusten Arbeiten zu geben:
Antworten von Raphael Stucky
1 KH: Was machst du heute?
RS: Gerade bin ich mit dem Zug durch Olten gerauscht. Ich tippe hier auf meinem Ipad und geniesse die vorbeiziehende Landschaft. Schon bald werde ich die Alpen sehen, wo ich mir ein paar Tage Auszeit gönne und im Garten meiner Eltern bei der Ernte helfe.
2 Wie sieht Dein Arbeitsort aus?
Seit September dieses Jahres habe ich eines der 30 Förderateliers der Stadt Basel bezogen. Es ist ein Privileg dort zu sein, da die subventionierten Ateliers sich in der ehemaligen Klingentalkirche befinden. Im obersten Stock spannt sich das Kreuzrippengewölbe über meinen Arbeitsort und ein gotisches Kirchenfenster eröffnet mir den Blick in die Kronen der benachbarten Bäume. Es ist ein einzigartiger Raum, in dem ich meine kommende Zeit verbringen werde.
3 Woran arbeitest Du gerade?
Momentan bereite ich mich für die kommenden zwei Ausstellungen im Dezember vor. Zum einen zeige ich eine Installation im Max Frisch Bad in Zürich. Sie wird auf die unangenehme Vorgeschichte des Ortes Bezug nehmen. Zum anderen arbeite ich an Malereien, Keramikfiguren und Lichtkörpern, die ich in einer Ausstellung im Le Manoir in Martiny zeigen werde.
4 Vor Kurzem hast Du Deine Ausstellung im Dienstraum, unserer Dependance im Bahnhof Olten, eingerichtet. Was interessiert Dich an diesem Raum?
Ich muss sagen, es ist ein sehr schwieriger Ort für Kunstausstellungen. Für mich war es eine Herausforderung in einem so hektischen und reizüberfluteten Ort, wie es der Bahnhof ist, Kunst auszustellen. Es ist das Gegenteil von einem Museum, wo Stille und Raum eine gewünschte Aufmerksamkeit erzeugen. Diese rauschende Umgebung macht aber auch den Reiz des Raumes aus: Eine Herausforderung, dem Umfeld Stand zu halten. Aber auch zu wissen, dass täglich hunderte Menschen daran vorbei ziehen. Kunst en passant, diese Idee gefällt mir.
5 Im Dienstraum zeigst Du ein Skulpturenpaar aus Keramik. Diese Technik begleitet Dich nun schon eine Weile. Was fasziniert Dich daran?
Das Bedürfnis, Figuren aus Ton herzustellen, entstand während der Zeit, als ich an meiner Master Thesis schrieb. Das Formen mit den Fingern und Händen ermöglichte es mir, einen unmittelbaren und sensorischen Zugang zur Thematik herzustellen. Es war eine gute Ergänzung zum Lesen und Schreiben. Das Arbeiten mit dem Ton erdet, macht den Geist locker und lässt mit den Händen denken. Es ist für mich auch stark mit einer Kindheitserinnerung verknüpft und noch weiter zurück gedacht, ist das Formgeben mit Erde ein urmenschliches Bedürfnis.
6 Handwerk wird in der zeitgenössischen Kunst seit einiger Zeit – gerade auch bei jüngeren Kunstschaffenden – wieder öfter thematisiert. Was bedeutet es Dir?
In meiner künstlerischen Arbeit geht es oft um die Hand. Die Hand, die Form gibt, die Spuren hinterlässt, die mit Instrumenten musiziert und die Bewegung hervorruft. Handwerk bedeutet für mich, eine Tätigkeit mit Händen zu vollziehen. Ich begebe mich gerne in solch entschleunigende Prozesse, die dem Tempo und dem Leistungsdruck unserer Gesellschaft entgegenwirken. Ich denke auch nicht, dass das Handwerk je verschwinden wird. Denn das Taktile und Sensitive sind und bleiben ein Bestandteil in der Kunst. Die Konzeptkunst und die Digitalisierung haben uns neue Formen und Herangehensweisen gebracht, die sich weitgehend von dem traditionellen Handwerk gelöst haben. Ich verstehe aber nicht, wieso man diese Dinge gegeneinander ausspielen muss. In der Kunst hat das alles Platz und ich finde es schön zu sehen, wie der Kunstbegriff kontinuierlich aufgefächert und erweitert wird.
7 Die Beschäftigung mit Klang und Musik ist eine wichtige Konstante Deines Schaffens. Wie schaffst Du die Verbindung zur Form, zum künstlerischen Kontext?
Für mich sind die Trennlinien der Begriffe Kunst, Klang, Musik, aber auch Bewegung und Tanz sehr unscharf. Denn sie sind alle verwandt und seit jeher Teil menschlichen Ausdrucks. Es ist ein zivilisatorisches Konstrukt, dass wir die Disziplinen trennen und eigens dafür Museen, Theater oder Konzertsäle bauen. Ich interessiere mich für die Synästhesie, also die Verknüpfungen und Zusammenkunft verschiedener Sinneswahrnehmungen. Wie klingt ein Bild, was sehe ich, wenn ich zuhöre, welche Bilder kommen, wenn ich einen Geruch wahrnehme? Unsere Sinneswahrnehmung ist komplex und daher finde ich ihre klar definierten Trennungen problematisch. Zurück zur Frage: mich faszinieren Musik, Klänge und Töne, da sie nicht fassbar sind. Sie kommen, lassen unseren Körper für eine kurze Zeit vibrieren und verschwinden wieder. In unserer Gesellschaft und vor allem auch in der Kunst ist das Auge das dominante Sinnesorgan. Durch die Beschäftigung mit Klang offenbaren sich neue Zugänge zur Welt und die angesprochene Hierarchie des Visuellen wird dadurch hinterfrage. Das finde ich als Künstler sehr inspirierend. Bei meinen Skulpturen oder Zeichnungen liegt der Klang oft in der Assoziation, in der Vorstellung und in der Potentialität. Es sind also „stumme“ Kunstwerke, bei deren Betrachtung eine Erinnerung an ein Geräusch, einen Klang oder ein Musikstück geweckt werden kann. Und auch in der Sprache, was in meinem Fall vor allem die Werktitel anbelangt, suche ich nach einer klanglich reizvollen Formulierung.
8 Welche Rolle spielen Zeit und Improvisation in Deiner Arbei?
In meinen Zeichnungen und Videoloops versuche ich flüchtige Momente fest zu halten. Ein gutes Beispiel dafür sind die Sekundenzeichnungen: Hier sind in schnell getakteten Gesten viele Zeichnungen entstanden. Jede Zeichnung war einzigartig und ein Recording des Moments in dem sie entstand. Mir gefällt die Idee, dass in jeder Sekunde das Potential für eine neue Erfindung steckt. Andersrum versuche ich in der musikalischen Improvisation flüchtige Momente zu erzeugen. Improvisation heisst aus dem Moment heraus etwas entstehen zu lassen. Der Berner Schlagzeuger und Klangkünstler Julian Sartorius erzählte mir in einem Interview: «Viele Musiker haben einen grossen Respekt vor der Improvisation, aber eigentlich ist ja das ganze Leben eine Improvisation!» Mehr über Raphael Stucky erfahren:
Website des Künstlers
Blogbeitrag zu seiner aktuellen Präsentation im Dienstraum Olten
Raphael Stucky: Wind, 2019, Ausstellungsansicht Dienstraum, Bahnhof Olten, 2020; Foto: Raphael Stucky
Abbildungen: Abb. 1 Ateliersituation, 2020 Atelierhaus Klingental, Basel Foto: Raphael Stucky Abb. 2 Raphael Stucky «Tell A Bee», 2020 Steinzeug und Spray Ausstellungsansicht Gartenausstellung «Hortus», Zürich Foto: Simon Javed Baumberger Abb. 3 Raphael Stucky «Untitled», 2019 Wachsstift auf Leinwand Foto: Raphael Stucky
Abb. 4 Musikalische Improvisation von Raphael Stucky und Angi Nend, 2020 Bellerive Museum, Zürich Foto: Stefan Burger
Veröffentlicht von Katja Herlach am 6.10.2020
Blick ins Atelier von Sonya Friedrich in Solothurn
Virtuell besuchen wir Kunstschaffende, die mit dem Museum verbunden sind, in ihren Ateliers. Es interessiert uns, woran sie gerade arbeiten, was sie beschäftigt und wie sie ihre Arbeit strukturieren.
Sonya Friedrich bespielt ab dem 12. Juni 2020 den «Dienstraum», unsere Dependance auf Gleis 7 im Bahnhof Olten, mit der dafür entwickelten Installation «I corvi della signora Palladino». Kuratorin Katja Herlach hat der Solothurner Künstlerin bei den Vorbereitungen über die Schulter geschaut, ihr ein paar Fragen gestellt und sie gebeten, uns Einblick in ihre Arbeitsstätte und die Entstehung ihrer neusten Arbeit zu geben:
Antworten von Sonya Friedrich
1 Liebe Sonya, wie geht es Dir heute? Danke, es geht mir gut. Vorsommer, alles wächst unglaublich und die Vögel wecken mich am Morgen. 2 Der Bundesrat hat unlängst die Aufhebung der «ausserordentlichen Lage» angekündigt und weitere Schritte hin zu einer neuen Normalität getan. Hat sich Deine Situation/Arbeitsweise (im Rückblick) durch die Corona-Krise verändert? Was nimmst Du aus dieser Zeit mit? Es hat sich ja alles verlangsamt. So habe ich mir einen Tisch leergeräumt und wieder mit Zeichnen begonnen. Es war sehr still, ich sehr alleine. Ich habe mir wieder mehr Zeit genommen, um Dinge anzuschauen. Die Verhältnisse ändern sich. Was ich liebe wird noch tiefer, die Liste unwichtiger Sachen grösser. Das Bewusstsein, dass unser Leben fragil ist, nimmt zu. Die Lust, Geschichten zu lesen auch. Beim Lesen entstehen Bildnotizen, die ich manchmal in meiner Arbeit weiterentwickle. Ich hoffe, dass wir es zulassen, unser Sensorium zu verfeinern und Werte zu verschieben. 3 Wie sieht Dein Arbeitsort aus? Mein Atelier liegt in Solothurn im Dachstock eines grossen Gebäudes. Auf Augenhöhe mit den obersten Ästen der Pappeln arbeite ich in drei Räumen. Den grossen Raum habe ich im vergangenen Dezember umgestaltet. Da befinden sich ein Teil meiner grösseren Arbeiten, mein Sammelsurium, meine Bücher und Notizen. Es wirkt luftig, der Boden in hellem Blau, als wäre mir so der Himmel näher. Im zweiten Raum wird handwerklich gearbeitet. Ausserdem gibt es einen kleinen Raum zum Fräsen, Sägen und Schleifen. 4 Woran arbeitest Du gerade – an Deiner Installation für den Dienstraum, unsere Dependance im Bahnhof Olten, oder auch an anderen Projekten? Ja, ich bin noch an der Arbeit für den Dienstraum. Ich habe die Installation dafür hier bei mir aufgebaut und die Aufhängekonstruktion punktgenau mit Senkblei auf ein Papier übertragen. 5 Wie gehst Du vor, wenn Du eingeladen wirst, eine ortspezifische Arbeit (Installation / Kunst am Bau) zu gestalten? Eine Einladung ist super. Das ist wie ein Windstoss. Alles beginnt sich um diese neue Unbekannte zu drehen. Ich schaue mir den Ort genau an und dann beginnt sich das Ideenkarussell zu drehen. Einerseits recherchiere ich, andererseits vertraue ich meiner Intuition. Über viele Experimente finde ich zum Resultat. 6 Was interessiert Dich am Dienstraum? Wo knüpfst Du für Deine Intervention an? Der Dienstraum gleicht einem grossen Aquarium. Er steht mitten im Bahnhof und hat seine Geschichte. Da bewegen sich Menschen in unterschiedlichen Tempi, rennend oder auf Züge wartend. Es ist ein Wegfahren und Ankommen. Vielleicht macht dieser transparente Kubus Leute, die das Museum noch nicht entdeckt haben, gwunderig? Mir gefällt die Idee, Leute mit Kunst zu konfrontieren, die sich sonst nicht mit Kunst beschäftigen. 7 Die Protagonisten der Installation sind Krähen und schwebende Möbelstücke. Wie gehören diese zusammen? Was fasziniert Dich an den oft mit Vorurteilen behafteten Vögeln? Die Krähen, sie sind intelligent, schlau und verspielt. Sie sind hervorragende Luftakrobaten, und sie gehören zu den wenigen Vogelarten, die spielen. Sie bringen mich immer wieder zum Lachen. Möbel − mobilis heisst beweglich − wird zur Fahrhabe gezählt; das altmodische Wort Fahrhabe schlägt den Bogen zum Reisen mit der Eisenbahn. Ich habe eine Momentaufnahme von Möbeln und Krähen geschaffen, die sich auf einer Luftreise befinden. 8 Leichtigkeit, Transparenz, Poesie und Verspieltheit scheinen mir wiederkehrende Charakteristika Deiner Werke zu sein, die auch auf die Arbeit im Dienstraum zutreffen. Kannst Du mit dieser Beobachtung etwas anfangen? Gibt es andere zentrale Elemente in Deinem Schaffen? Das stimmt so. Es sind zudem das Botanische, das mich interessiert, die Literatur, die mich fasziniert, die in mir Bilder entstehen lässt, und mir Anstoss sein kann, Geschichten zu bauen. Nach der Lektüre von Wolfgang Hildesheimers Roman «Tynset» entstand meine gleichnamige Plastik. Während meiner Arbeit für den Dienstraum entdeckte ich Hildesheimers Hörspiel «Herr Walsers Raben». Gnusch versus Geometrie beschäftigt mich auch immer wieder. 9 Kannst Du etwas sagen zu Deinem Verhältnis zur Natur und wie sich dieses in Deiner Arbeit manifestiert? Es ist mir wichtige Sehschule, die meine Seele bewegt. Ich liebe Blumen, wilde Wiesen und Gärten. 10 Du bist auch eine Sammlerin. Oft integrierst Du Gefundenes, Gesammeltes in Deine Installationen, bringst verschiedene Objekte in ausgeklügelten (An)Ordnungen in Bezug zueinander. Alles, was wir im Dienstraum sehen werden, ist aber von Dir mit grosser Sorgfalt selbst gefertigt. Handwerk, Handfertigkeit, differenzierter Umgang mit unterschiedlichen Materialien prägen Dein Schaffen ebenfalls. Wie ist Dein Verhältnis zum Handwerk? Welche Materialien sagen Dir besonders zu? Wofür hast Du Dich für die aktuelle Arbeit entschieden? Im Sägemehl bin ich aufgewachsen. Mein Vater, mein Grossvater und mein Urgrossvater waren Schreiner. Mit Marmor werde ich wahrscheinlich nie arbeiten. Aber mit Holz, Glas, Fäden, Farben, Kunststoffen, Papier... Die Möbel für den Dienstraum sind aus Pappelsperrholz, die Krähen aus Papier, Holz, Bambus, Reisig, Gummi, Pet gestaltet. 11 Der Titel Deiner Arbeit lautet «I corvi della signora Palladino». Das ist geheimnisvoll, scheint auf eine Geschichte zu verweisen? Wie wichtig sind Titelsetzungen für Deine Arbeit generell? Und, warum hast Du Dich in diesem Fall für Italienisch entschieden? Titel entstehen meist während oder gegen Ende der Arbeit. Der erste Entwurf sah vor, dass die Krähen auf einer orthogonalen architekturhaften Konstruktion sitzen würden. Ich suchte eine dynamischere Lösung und glaube, sie in den schwebenden Möbeln gefunden zu haben. Wenig später stiess ich auf Eusepia Palladino (1854−1918) eine italienische Spiritistin, die Möbel durch die Luft fliegen liess. Soviel ich weiss, hatte Signora Palladino keine Beziehung zu Raben, aber diese Vögel werden häufig mit Zaubererinnen und Hexen in Verbindung gebracht. 12 Magst Du Bahnhöfe? Bist Du gern auf Reisen? Träumst Du vom Fliegen? Bahnhöfe sind wie Bienenhäuser und Ameisenhaufen, unglaublich bewegte Welten. Ja, ich reise gerne, mein Sehen, mein Wahrnehmen verändert sich dadurch, und mein Erinnern an Reisen ist ein erneutes Reisen. Fliegen kann ich− bei einer Begegnung, wenn eine Arbeit lustvoll ist, wenn ein Gedicht oder ein Text mich abheben lässt. 13 Gibt es etwas, das Du den Betrachter*innen am Bahnhof noch mitgeben möchtest? Oder hast Du Fragen an sie? Ich wünschte mir, dass diese Installation die Fantasie der Betrachterinnen und Betrachter anregt, und zu eigenen Interpretationen und Geschichten führt. Möglicherweise kann ich mithelfen, die Lust zu wecken, das Kunstmuseum zu besuchen. 14 Was verbindet Dich mit dem Kunstmuseum Olten? Ich hatte immer wieder das Glück, dass meine Arbeiten in den Jahresausstellungen im Kunstmuseum Olten aufgenommen wurden. Eines meiner Lieblingsbilder befindet sich in der Sammlung des Oltner Museums: Cuno Amiets «Handörgeler» von 1913 (Öl auf Leinwand, 97.5 x 90.5 cm, Kunstmuseum Olten, Inv. 1918.A137, Depositum Kunstverein Olten)
15 Wo kann man sonst aktuell Kunst von Dir sehen und was sind Deine nächsten Projekte?
Im Kantonsspital Olten, im Lichthof (beim Haupteingang) die Kunst am Bau-Arbeit «Lindenblüten – Es gibt zu viel Lärm in der Welt» von 2012:
Sonya Friedrich (*1960) Lindenblüten – Es gibt zu viel Lärm in der Welt, 2012 Installation mit 118 vergoldeten Lindenblüten aus Kupfer und Bronze, weisslackiertem Stahlgerüst und Goldfäden, ca. 10 x 7 x 3 m Kantonsspital Olten, Atrium Eingangshalle vgl. dazu und zu weiteren öffentlich zugänglichen Kunstwerken in Olten: Kunst in Olten. 5 Spaziergänge zu 83 Werke in der Stadt, Hrsg.: Stadt Olten in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Olten und Region Olten Tourismus, Texte: Dorothee Messmer und Friederike Schmid (combyart), Fotos: Remo Fröhlicher, Kurt Schibler, Olten 2018 (im Kunstmuseum Olten gratis zu beziehen!); Sonya Friedrich > Nr. 64 In der Galerie Christoph Abbühl/Kunstforum Solothurn sind in der Ausstellung «revivals» ab dem 20. Juni 2020 Zeichnungen zu sehen. Später im Jahr dann bin ich beteiligt an den Ausstellungen:
«Zimmerecken», in der Villa Flora in Winterthur, 3. bis 30. Oktober 2020
Visarte-Ausstellung im Schlösschen Vorderbleichenberg in Biberist, 21. November bis 13. Dezember 2020
Den Jahresabschluss macht dann die Eingabe für die Jahresausstellung der Solothurner Künstler*innen im Kunstmuseum Solothurn. Sonya Friedrich, 4. Juni 2020 Sonya Friedrich (*1960) ist in Grossaffoltern BE aufgewachsen. Ihr Vater war Schreiner und weckte in ihr das Interesse für alles Handwerkliche. Nach der Ausbildung zur Werklehrerin am Lehrerseminar Thun begann sie ihre Lehrtätigkeit. 1994 erwarb sie das Fachpatent Zeichenlehrerin. Prägend wurde eine einjährige Reise durch Indonesien, Thailand, Nepal. Hier lernte sie eine den heutigen westlichen Werten entgegengesetzte Mentalität kennen, die sie tief beeindruckte. Seit 1992 arbeitet Sonya Friedrich als selbstständige Kunstschaffende in Solothurn. Untersuchungen zum Thema Leichtigkeit, Transparenz, Fragilität und Schweben prägen ihr Schaffen, ebenso die Botanik und die Literatur. Ihre Bildsprache bewegt sich zwischen handwerklicher Perfektion und einem verspielten, spontanen Ausdruck. Mit Olten ist die Künstlerin seit vielen Jahren verbunden. Im Kunstmuseum Olten zeigte sie an der vom Kunstverein Olten organisierten Jahresausstellung der Solothurner Künstler*innen 2011 ihre erste installativ-plastische Arbeit: ein transparentes Häuschen in der Grösse eines Schrebergartenhäuschens («Ich möchte wieder Ziegen hüten, hanami= japanisch Blüten betrachten», 2011). Einige Hundert Objets trouvés (Samenkapseln, Rindenstücke, Steine, Schneekugeln, Devotionalien, Spielsachen oder Trinkgläser usw.) aus der Kollektion der leidenschaftlichen Sammlerin waren darin – wie in einem Setzkasten – präsentiert. Seither war Sonya wiederholt an den Jahresausstellungen und in Gruppenausstellungen der Visarte im Stadthaus beteiligt. 2012 realisierte sie ihre Installation «Lindenblüten» für den Lichthof des Kantonsspitals Olten. Abb.: Atelier Sonya Friedrich, Solothurn, 2020 Fotos: Sonya Friedrich Auf Abb. 5 sind Raben für die Installation im Dienstraum Olten zu sehen.
Blick ins Atelier von Raffaella Chiara in Thun
Virtuell besuchen wir Kunstschaffende, die mit dem Museum verbunden sind, in ihren Ateliers. Zum Zeitpunkt unserer Anfrage (im April 2020) waren Museen und Galerien wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Vor diesem Hintergrund suchten wir nach alternativen Möglichkeiten, um die Arbeit von Künstler*innen sichtbar machen. Wir wollten wissen, woran sie gerade arbeiten und wie sie mit der Krise umgehen. – Die Situation hat sich inzwischen verändert. Seit dem 12. Mai sind viele Kunstinstitutionen wieder offen, das öffentliche Leben nimmt Fahrt auf. Die Momentaufnahme aus dem Lockdown hat nun schon fast eine historische Dimension.
Wir haben die Kunstschaffenden gebeten, uns 10 Fragen zu beantworten und uns mit ein paar Bildern Einblick in ihre aktuelle Situation zu geben:
Antworten von Raffaella Chiara
1 KMO: Wie geht es Dir heute?
RC: Mir geht’s gut, und mir ist nicht langweilig, wobei ich manchmal die Langeweile auch ganz schön finde.
2 Wie ist Deine Situation in der Corona-Krise?
Sie unterscheidet sich nicht besonders von meiner normalen Krise.
3 Wie sieht Dein Arbeitsort aus?
Mein Atelier ist gross und schön. Ich habe Glück. Momentan ist die Auslage verdichteter als sonst, das gefällt mir.
4 Woran arbeitest Du?
Meine Basis ist die Zeichnung, seit ca. 30 Jahren beschäftige und widme ich mich dieser Technik. Diese Woche werde ich meine Ausstellung «Chamberland» im Ausstellungsraum «Antichambre» in Bern einrichten.
5 Hast Du momentan mehr Arbeit oder weniger Arbeit?
Die Jobs wurden verschoben, diese Lücke füllte sich aber gleich wieder, da ich bei Sabine Portenier als Hygienemasken-Näherin eingesprungen bin. Ich engagiere mich auch im Ausstellungsraum «Satellit» in Thun, wegen dem Ausstellungswechsel gab es einiges zu tun. Der Rest ist jeweils Atelierzeit. So war ich ca. gleich beschäftigt wie sonst.
6 Was sind die drei besten (positivsten) Dinge, die Du seit Beginn der Corona-Krise beobachten konntest?
Die aufmerksamere Nachfrage und Kommunikation im Freundeskreis und in der Familie, die Entlastung der Umwelt, und dass mir bewusst wurde, worauf ich in Zukunft auch sonst verzichten kann.
7 Was beschäftigt / beunruhigt Dich am meisten?
Mich besorgen die Zustände und die Zukunft der Ärmsten der Welt einerseits, und anderseits, wie die Reichsten und Mächtigsten nach wie vor nur auf Profit aus sind und nicht auf Nachhaltigkeit. Das kurzfristig gewinnorientierte Handeln finde ich grausam.
8 Was ist in der Corona-Krise Dein/e a) persönliche Challenge
Dass sich meine asoziale Seite nicht zu sehr ausweitet. b) Dein neues Ding
Ich habe mich dem Mainstream angeschlossen und backe nun auch Sauerteigbrot. c) Deine Bewältigungsstrategie
Meine soziale Seite am Laufen halten.
9 Hast Du (als Spezialist*in) Tipps fürs zurückgezogene Arbeiten in den eigenen vier Wänden?
Das ist Charakter-Sache, ich habe das Bedürfnis, im Atelier alleine zu arbeiten.
10 Was möchtest du mit unserem Publikum teilen?
Ich empfehle das Interview mit Lukas Bärfuss: «Wir leben nicht in einer Expertendiktatur» (Radio SRF 3, Fokus-Talk, Dominic Dillier im Gespräch mit Lukas Bärfuss, 20.4.2020)
Raffaella Chiara, 20.4.2020 Raffaella Chiara (*1966) lebt in Bern und arbeitet seit 2012 im Atelierhaus Thun. In Thun engagiert sie sich auch im Vorstand der Freunde des Kunstmuseums und im Kunstraum «Satellit». Ihr eigenes Schaffen hat sie in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland präsentiert. Ihre Wurzeln hat Raffaella im Kanton Solothurn, wo ihre Kunst in den öffentlichen Sammlungen gut vertreten und ihr Werk regelmässig in Ausstellungen zu sehen ist – im Kunstmuseum Solothurn, im Kunsthaus Grenchen, im Künstlerhaus S11 oder im Kunstmuseum Olten – in Olten war sie unlängst auch im Rahmen einer Doppelausstellung mit Pawel Ferus beim Kunstverein zu Gast. In ihrer Arbeit setzt sich Raffella Chiara intensiv mit dem gezeichneten Strich auseinander – auch installativ oder im Medium der Druckgraphik. Davon zeugen u.a. Kooperationen mit der Druckwerkstatt Lenzburg (ehem. Druckwerkstatt Olten). 2018 entstand dort die Jahresgabe des Kunstvereins Olten «La Bussola». Während im Kleinformat Verdichtung und spielerische Experimentierfreude dominieren, steht bei den grossformatigen Arbeiten die Komposition im Fokus. Die gezeichneten Szenarien sind oft fragile Anlagen, in denen vieles in der Schwebe bleibt. Farben und Formen überlagern sich, räumliche Gebilde werden labyrinthisch ineinander verschachtelt. 2019 wurde Raffaella Chiara für ihre Arbeit mit dem Kunstpreis der Stadt Thun ausgezeichnet und konnte dank eines Stipendiums von Atelier Mondial sechs Monate in Berlin verbringen. Bis zu diesem Aufenthalt hat sie dem Kunstmuseum Olten über viele Jahre hinweg als Mitarbeiterin im Empfangsteam ein Gesicht gegeben, seit ihrer Rückkehr wirkt sie «nur» noch im Umbauteam mit und ist unsere Spezialistin für die Montage und Passepartourierung von Zeichnungen und Graphiken. Mehr über Raffaella Chiara erfahren:
Website Raffaella Chiara
Raffaella Chiara auf Instagram
Veröffentlicht am 27.5.2020
Blick ins Atelier von Karin Lehmann in Bern
Virtuell besuchen wir Kunstschaffende, die mit dem Museum verbunden sind, in ihren Ateliers. Zum Zeitpunkt unserer Anfrage (im April 2020) waren Museen und Galerien wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Vor diesem Hintergrund suchten wir nach alternativen Möglichkeiten, um die Arbeit von Künstler*innen sichtbar machen. Wir wollten wissen, woran sie gerade arbeiten und wie sie mit der Krise umgehen. – Die Situation hat sich inzwischen verändert. Seit dem 12. Mai sind viele Kunstinstitutionen wieder offen, das öffentliche Leben nimmt Fahrt auf. Die Momentaufnahme aus dem Lockdown hat nun schon fast eine historische Dimension.
Wir haben die Kunstschaffenden gebeten, uns 10 Fragen zu beantworten und uns mit ein paar Bildern Einblick in ihre aktuelle Situation zu geben:
Antworten von Karin Lehmann
1 KMO: Wie geht es Dir heute? KL: Tiptop. 2 Wie ist Deine Situation in der Corona-Krise? Ich habe eine Anstellung an der Hochschule der Künste Bern und arbeite auch fürs Materialarchiv. Das heisst, ich kann von Zuhause aus arbeiten oder sogar an der Schule, die ist für Mitarbeitende nicht geschlossen. Ausserdem kriege ich meinen Lohn, was sehr beruhigend ist. 3 Wie sieht Dein Arbeitsort aus? Zuhause kann ich mich mit zwei kleinen Kindern nicht so gut konzentrieren. Auch wenn ich mich zum Glück mit meinem Partner in der Kinderbetreuung abwechseln kann. Ausserdem habe ich im Heizungskeller eine kleine temporäre Töpferei eingerichtet.An der Schule habe ich die ganze Werkstatt zur Verfügung. 4 Woran arbeitest Du? In der Kellertöpferei habe ich Teller gedreht, die ich gegen neue Velopneus eingetauscht habe. Dann bin ich auch noch an einem Entwurf für ein Kunst und Bau Wettbewerb dran. 5 Hast Du momentan mehr Arbeit oder weniger Arbeit? Mehr Arbeit mit den Kindern. Ansonsten etwa gleich viel wie immer. 6 Was sind die drei besten (positivsten) Dinge, die Du seit Beginn der Corona-Krise beobachten konntest? - Dass wir viel Zeit mit unseren Kindern verbringen. - Dass man weniger ins Coop geht. - Neue Freundschaften mit Nachbarn. 7 Was beschäftigt / beunruhigt Dich am meisten? Dass es vielleicht noch lange dauern wird, bis die Grosseltern ihre Enkel wiedersehen können. 8 Was ist in der Corona-Krise Dein/e a) persönliche Challenge Eine grosse Schüssel aus Porzellan drehen. b) Dein neues Ding Stoffe und Wolle färben mit Pflanzen in unserer neu gebauten Outdoorküche. c) Deine Bewältigungsstrategie Jeder braucht mal seine Auszeit. Jeden Tag 50/50 aufteilen mit Kinderbetreuen und Arbeiten hat sich sehr bewährt. Wir haben aber auch Glück. dass wir das können, da mein Partner nicht so viel arbeiten muss im Moment. 9 Hast Du (als Spezialist*in) Tipps fürs zurückgezogene Arbeiten in den eigenen vier Wänden? Alle stellen jetzt online Workshops zur Verfügung: z. B. Kurinuki-Workshop von Melissa Weiss. Dann: was man nicht online bestellen kann, soll man tauschen oder besser noch: Material brauchen, das schon lange zuhause rumsteht. 10 Was möchtest Du mit unserem Publikum teilen? Melissa Weiss Workshop
Meine neusten Datensätze fürs Materialarchiv: - Steinzeug / Ton - Klinker- und Mangan-Massen - Porzellanmasse - Steingutmasse - Toepferton Karin Lehmann, 19.4.2020 Karin Lehmann (*1981), lebt und arbeitet in Bern. Sie interessiert sich für den Arbeitsprozess, der die endgültige Form ihrer Objekte, Skulpturen und Installationen mitbestimmt, und setzt den Fokus auf einen Umgang auf Augenhöhe mit dem Ausgangsmaterial. Praktisches Wissen, handwerkliche Meisterschaft, Experimentierfreude und Reflexion gehen bei ihr Hand in Hand. Nach dem Besuch der Keramikfachklasse an der Schule für Gestaltung in Bern hat sie einen Master in Bildender Kunst an der Hochschule der Künste Bern HKB erlangt, wo sie heute Studierende in der Keramikwerkstatt unterstützt. Während dem Studium arbeitete sie als Dreherin in der renommierten Keramikmanufaktur Linck in Worblaufen. Nach einem längeren Aufenthalt in London lebt und arbeitet Lehmann heute wieder in Bern. Ihr Schaffen war in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland zu sehen. Im Kunstmuseum Olten war sie 2019 an der Ausstellung «Linck. Reloaded. Margrit Lincks künstlerisches Werk im Dialog mit Arbeiten von Selina Baumann, Karin Lehmann und Irene Schubiger» beteiligt und hat parallel dazu den Dienstraum, unsere Dependance im Bahnhof Olten, bespielt. Seitdem ist sie mit zwei wichtigen Arbeiten in der Sammlung des Kunstmuseums Olten vertreten. Mehr über Karin Lehmann erfahren:
Website Karin Lehmann Instagram: @karin.lehmann Abb. 1 Karin Lehmann Aussenküche, 2020 Foto © Karin Lehmann Abb. 2 Karin Lehmann Töpferscheibe, 2020 Foto © Karin Lehmann Abb. 3 Karin Lehmann Teller, 2020 Foto © Karin Lehmann Abb. 4 Karin Lehmann Wolle im Farbbad, 2020 Foto © Karin Lehmann Veröffentlicht am 12.5.2020
Blick ins Atelier von Sarina Scheidegger in Basel
Virtuell besuchen wir Kunstschaffende, die mit dem Museum verbunden sind, in ihren Ateliers. Wir möchten ihre Arbeit sichtbar machen, während die Museen und Galerien wegen der Corona-Pandemie geschlossen sind. Es interessiert uns, woran sie gerade arbeiten und wie sie mit der Krise umgehen.
Wir haben sie gebeten, uns 10 Fragen zu beantworten und uns mit ein paar Bildern Einblick in ihre aktuelle Situation zu geben:
Sarina Scheidegger schreibt:
1 KMO: Wie geht es Dir heute?
SSch: Soweit bin ich frisch und munter in die neue Woche gestartet …
2 Wie ist Deine Situation in der Corona-Krise?
Die Lage der Kulturschaffenden, die schon vor der Krise in einer finanziell eher prekären Situation lebten, hat sich nochmal verstärkt, und die staatliche Unterstützung ist nicht auf alle Fälle ausgerichtet. Je mehr man im Vorjahr verdient hat, je mehr Support ist möglich (aber viele Kulturschaffende leben schon mit einem so niederen Einkommen, dass diese Unterstützungsstrategie nicht aufgehen kann ...)
So ist diese Frage zur «Situation in der Corona-Krise» eine komplexe. Ich (als weisse, heterosexuelle Frau, in der Schweiz geboren, aufgewachsen und ausgebildet), bin ganz klar immer noch in einer sehr privilegierten Position. Ich kann auf ein Netzwerk zurückgreifen, wenn nicht auf monetäre Unterstützung, dann sicher auf ein soziales Gefüge, das sich in anderen Formen organisiert und sich gegenseitig aushilft.
Aber es gibt auch noch eine andere Seite der aktuellen Situation, die mich beschäftig. Abgesehen von der ökonomischen Lage zwingt uns die Corona-Krise dazu, unsere sozialen Kontakte auf ein Minium einzuschränken, wir sehen weder Freunde noch Familie (und wenn wir es tun, dann nur mit einem schlechten Gewissen denen gegenüber, die sich vielleicht schneller anstecken und schlimmer erkranken könnten als wir selber), wir leben alleine oder zu zweit, mit unseren Kindern oder unseren Haustieren, mit Freunden oder vielen Pflanzen, vielleicht leben wir auch mit der Grossmutter oder den Eltern, wir sehen unsere Nachbaren im Garten oder schlüpfen an ihnen vorbei im engen Treppenhaus.
Plötzlich nehmen wir wahr, wer da eigentlich im Haus gegenüber wohnt, wo die Fensterläden permanent geschlossen, wo die Vorhänge gezogen oder die Fenster geöffnet sind. Wird unser Umfeld also kleiner oder grösser? Oder ist es nur eine Frage der Wahrnehmung, der Imagination?
Die Corona-Krise wird uns womöglich (permanent und nachhaltig) verändern. Im Moment prägen die Ungewissheit und die gleichzeitige Überschwemmung mit Informationen und Wissen unseren Alltag und lassen uns vielleicht in einer Schwebe (oder einem Vakuum ähnlich) zurück, von der wir noch nicht wissen, wie es danach weitergeht. Im Hinblick auf ein sonst eher durchgeplantes, strukturiertes und organisiertes Leben, sehe ich das durchaus als positives Moment einer Krise, die uns hoffentlich an einem kongruenten oder homogenen Zurückkehren in den Alltag (wie wir ihn vorher kannten und lebten) wenigsten ein bisschen hindern oder diesen verändern wird.
3 Wie sieht Dein Arbeitsort aus?
Mein Arbeitsort bewegt sich zwischen meinem Zuhause und meinem Atelier. Mein Zuhause hat zwei Zimmer, eine Küche, einen Balkon, ein WC auf dem Gang und eine Dusche im Keller. Mein Atelier hat viele Fenster und eine Dachterrasse, eine Küche und einen langen Korridor mit anderen Ateliers, wo zum Glück noch etwas sozialer Austausch stattfinden kann …
4 Woran arbeitest Du?
Ich arbeite immer parallel an verschiedenen Projekten, aber durch die Absage vieler Veranstaltungen habe ich jetzt mehr Zeit, mein Recherchematerial zum Thema «Wasser» von der Reise nach Chile aufzuarbeiten. Das Projekt «There Are Only As Many Waves As There Is Water» ist ein performativer Werkzyklus, der zum ersten Mal auch Keramiken (und evt. Linoldrucke) enthält. Das alles ist aber in einem Entwurfsstadium und ich schätze die Zeit des zurückgezogenen Arbeitens gerade sehr, um verschiedene Aspekte zu vertiefen und eine Präsentation für 2021 zu planen.
5 Hast Du momentan mehr Arbeit oder weniger Arbeit?
Ich habe weniger Arbeit, die raus muss in die Welt. Ich habe mehr Arbeit, die (noch) nicht raus muss in die Welt.
6 Was sind die drei besten (positivsten) Dinge, die Du seit Beginn der Corona-Krise beobachten konntest?
Schwimmende Quallen in den Kanälen Venedigs (leider nicht in Persona gesehen)
Die CO2-Emissionen scheinen zu sinken (leider auch nicht in Persona gesehen)
Mehr Briefpost von Freunden und Familie in meinen Briefkasten
7 Was beschäftigt / beunruhigt Dich am meisten?
Das soziale eingeschränkte Leben, meine Eltern nicht besuchen können, die Menschen, die alles einigermassen bezahlbare WC Papier aufkaufen, die Polizei, die dich wegen Abstandsregelung kontrolliert und dabei deine Identitätskarte mit blossen Händen anfasst und sich so nahe neben dich stellt, dass du ihren Atem spüren kannst, die Vögel, die in Basel vom Himmel fallen, alle Türklinken, die ich anfasse, die schon prekäre Lebenssituation vieler Kulturschaffenden, häusliche Gewalt, die unentdeckt bleibt, dass ich meiner Tante Trockenhefe schicke, dass meine Avocadobäumchen weiterwachsen, der Blütenstaub im Haus, der Heuschnupfen, der mich überall niesen lässt (und man im Moment lieber nie wieder in der Öffentlichkeit niesen möchte), eine unmögliche Reise nach Argentinien, Freunde und Unbekannte, die ohne Aufenthaltsbedingung irgendwo gestrandet sind, die Zukunft von interkontinentalen Freundschaften und Beziehungen, die nun schön gestapelten Pakete im Hauseingang, dass wir uns weder die Hände geben noch uns umarmen können, und dass wir mehr träumen, viel, viel mehr träumen.
8 Was ist in der Corona-Krise Dein/e
a) persönliche Challenge - selbstgemachte Donuts - selbstgemachtes Sauerteigbrot - selbstgemachte Bagel
b) Dein neues Ding «Notes on Hideouts» Ein experimentelles Vinyl-Recording Projekt in Zusammenarbeit mit Rodrigo Toro Madrid – COMING SOON
c) Deine Bewältigungsstrategie Frische Luft, viel Schwarztee, Atemübungen, Bier trinken auf der Dachterrasse, Kubb spielen (mit viel Wurfkraft und über min. 2 Meter Distanz), alle Bücher lesen, die ungelesen im Bücherregal stehen oder einfach die Lieblingsbücher noch einmal lesen, mehr Schwarztee trinken und dazwischen auch mal Ingwertee, Blumen anpflanzen, Briefe schreiben, nicht alle fünf Minuten die News lesen und trotz allem Projekte und Pläne für die Zukunft schmieden.
9 Hast Du (als Spezialist*in) Tipps fürs zurückgezogene Arbeiten in den eigenen vier Wänden?
Ein eigenes kleines (Arbeits)ritual finden, das man immer wieder ändern darf …
10 Was möchtest du mit unserem Publikum teilen?
Eindrücke aus dem Atelier (Recherche Chile), Anfängerbackkünste und eine Poster-Edition (Design Kambiz Shafei, Text: Sarina Scheidegger, Stingray Editions) zum Projekt «Residenz Residenz», welches von März bis Mai 2020 im Forum Schlosspark hätte stattfinden sollen.
Sarina Scheidegger, 27.4.2020
Sarina Scheidegger (*1985) lebt und arbeitet in Basel. Als Künstlerin, Autorin und Herausgeberin geht sie immer wieder neue Kollaborationen ein (u. a. mit Ariane Koch und Kambi Shafei (Stingray Editions)), denn das Nachdenken über Formen der Zusammenarbeit ist eine wichtige Grundlage ihres Schaffens, das sich schwerpunktmässig in Performances, Text basierten Konzepten, Publikationen und Plakaten manifestiert. In letzter Zeit haben mehrere längere Studien- und Atelieraufenthalte u. a. in Bogota, Buenos Aires und in der Andras Züst Bibliothek in St. Anton, Appenzell, ihre Arbeit geprägt. Inhaltlich ist das Themenfeld Wasser(politik), auch aus feministischer Perspektive, ins Zentrum ihres Interesses gerückt. Neben ihrer eigenen künstlerischen Praxis ist Sarina auch als Jurorin (Kunstkredit Basel-Stadt, seit 2018), Kuratorin (u.a. im Ausstellungsraum Klingental, Basel, seit 2012) oder Organisatorin (Rooftop Readings, Basel, mit Chantal Küng und Nora Locher) tätig. Aktuell sind Plakate von Sarina im öffentlichen Raum in Aarau zu sehen, die in Zusammenhang mit dem vom Corona-Lockdown betroffenen Projekt «Residenz Residenz» im Forum Schlossplatz in Aarau entstanden sind. Im Kunstmuseum Olten ist Sarina eine wichtige Stütze im technischen Team für die Ausstellungsumbauten.
Mehr über Sarina Scheidegger erfahren:
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