L'amore und die Interpretation der Spuren, die es hinterlässt.
Ich fand mich wieder in einem Seminarraum der Volkshochschule. A1 Italienisch. Die Lehrerin wollte von jedem einzelnen wissen, mit welcher Motivation man sich für den Kurs angemeldet hatte, wobei der überwiegende Teil der Teilnehmer geplante Urlaube angaben.
Schließlich schaute sie mich über ihre Maske hinweg an und ich entschloss mich dazu, einfach die Wahrheit zu sagen. Dass die Sprache mir gefiel und mein Exfreund aus Italien kommt, wobei die Anmeldung schon zuvor erfolgte. Sie fingen alle an zu lachen und auch ich konnte mir ein Schmunzeln nicht unterdrücken.
Denn ich hatte mich dazu entschlossen, mich deshalb nicht aufhalten zu lassen. Bei unserem letzten Gespräch meinte er zu mir, dass er der Meinung sei, dass nichts umsonst ist und wir immer Spuren im Leben der anderen hinterlassen.
Die Spuren bringen wir meist eher in einem negativen Kontext in Verbindung mit dem ExparterIn. Denn nach einer Trennung entsteht ein Loch, das größer oder kleiner ausfallen kann. Wir sind dann damit beschäftigt, das Loch zu kompensieren oder zu füllen durch Aktivitäten oder Verhaltensweisen jeglicher Art. Doch wenn es abends still wird, unsere Gemüter herunter fahren und die Anstrengungen des Tages uns schwach fühlen lassen, werden wir melancholisch. Wir sind traurig und haben das Gefühl, jeden Tag in einem Hamsterrad gefangen zu sein. Aufstehen, Funktionieren, Schlafen. Doch auch wenn wir es kaum realisieren, wird es mit jedem Tag ein kleines bisschen besser. Natürlich gibt es dann noch Tage, an denen es uns schwerer fällt, die Situation auszuhalten als an anderen Tagen.
In solchen Momenten hilft es ein mancher, sich am Verstand zu orientieren und auf rationaler Ebene den jeweiligen Beziehungsabbruch zu reflektieren. Schwerer wird es dabei, wenn die Entscheidung von der anderen Seite getroffen wurde und wir uns wie ein Opfer von Umständen fühlen. Bewegungsunfähig, ohnmächtig – verloren. Dieses Thema ist so vielseitig, sodass ich es wohl kaum auf Papier bringe in jeder Einzelheit. Aber eines verbindet alle – der Schmerz. Und dieser ist mit keinem Wort oder Satz zu beschönigen.
Dementsprechend trifft es einen, wenn man durch Bilder, Themen, Gerüche, Orte oder andere Dinge erinnert wird an diese Person. Es kann Wunden aufreißen und auch ich habe bisher immer den Weg der Verdrängung gewählt, sobald ich über einen gewissen Punkt der Verarbeitung hinweg war. Jedoch zeigt mir diese letzte Erfahrung, dass es unglaublich wichtig ist, die Spuren zu erkennen, die jemand hinterlässt.
Und auch zu erkennen, dass in all dem Leid, Schmerz und in der Wut auch eine gewisse Ironie und Schönheit steckt. Wenn man an Entscheidungen in der Vergangenheit denkt, realisiert man, dass gerade die schwierigen Zeiten wichtige und vielleicht auch richtungsweisende Entscheidungen hervorgebracht haben. Wir wären nicht da, wo wir jetzt sind. Dementsprechend ist jeder Liebeskummer, jede Begegnung ein weiterer wichtiger Teil der Vergangenheit und durch Entscheidungen hieraus auch ein wichtiger Teil der Gegenwart.
Beim Versuch, eine Jogginghose aus dem Kleiderschrank zu fischen, fällt mir eine Leggins direkt ins Gesicht. Sie riecht nach seinem Waschmittel und ich überlege kurz, sie zu waschen. Weil ich allerdings schon über dem Punkt des großen Leides hinweg bin, entschließe ich mich, sie anzuziehen. „Der Geruch erinnert mich an ihn, ich vermisse ihn“ wird ersetzt durch: „Der Geruch erinnert mich an eine schöne Zeit“. Nicht, dass ich ihn nicht vermisse, nein, aber wenn wir versuchen Dinge zu „reframen“ und ihnen eine neue Bedeutung zu geben, lässt es sich mit unter einfacher damit leben.
Ich lasse die Leggins an und lerne italienisch. Denn L'amore hat mich genau dorthin geführt und wird mich weiterhin begleiten.