Bericht: Record Store Day 2013
Ich bin kein Musiksammler, jedenfalls nicht so, wie man ihn sich landläufig vorstellt, mit 1.000 Platten im Schrank, die zusammen einen Wert von mehreren hunderttausend Euro haben, immer fanatisch auf der Suche nach exklusiven Sammlerstücken, Fehlpressungen oder sonstigen, limitierten Sammlerstücken. Ich besitze hauptsächlich CDs, weil mir das Auflegen von Vinyl teilweise zu aufwendig ist, weil es oftmals die günstigere Variante ist und ich meistens MP3s höre - die gibt es zwar oft, aber nicht immer zum Vinyl dazu. Seit zwei Jahren stocke ich nun jedoch behutsam meine Plattensammlung auf, weswegen natürlich auch der Record Store Day für mich zusehends interessanter wurde, selbst wenn ich nach wie vor nicht bereit bin, Unsummen für ein Album auszugeben, nur weil das Vinyl koloriert ist.
Für alle, die ihn nicht kennen: der RSD findet seit 2007 jährlich am dritten Samstag im April statt. Zunächst in den USA gegründet, sickert der Feiertag mehr und mehr in andere Staaten durch. 2013 nahmen insgesamt 180 deutsche Plattenläden am RSD teil, was bedeutet: dort konnte man Exemplare limitierter, exklusiver Schallplatten erwerben, die Bands und Labels ausschließlich für diesen Tag zusammengestellt haben. Im Grunde ist dieser Tag also nur bedingt für Menschen wie mich geeignet, da es eher um die Exklusivität der Aufmachung, seltener um unveröffentlichtes Material geht, das die meist haushohen Preise rechtfertigen würde. Da sich seit dem letzten Jahr jedoch mein Stammplattenladen, das Rex Rotari in Saarbrücken, am RSD beteiligt, und der eigentliche Sinn des Tages darin besteht, Plattenläden zu unterstützen, war es für mich natürlich auch in diesem Jahr Ehrensache, mich am vergangenen Samstag nach der Arbeit auf den Weg in die Stadt zu machen.
Der Vollständigkeit halber sollte kurz erwähnt werden, dass ich auch im letzten Jahr am RSD zugegen war und sogar ein klares Ziel vor Augen hatte, nachdem ich ein wenig das Programm studiert hatte: "Feistodon", die Splitsingle von Mastodon und Feist. Ich erwartete Berge von exklusiven Schallplatten, die von den Wänden auf mich herabglotzen würden, einen brechend vollen Laden, verzweifelte Menschen, die den Verkäufern die begehrten Sammlerstücke aus den Händen reißen würden. Vor Ort angekommen stellte ich ernüchtert fest, dass zwar ein paar Menschen mehr als sonst gekommen waren; von einem Ansturm konnte jedoch keine Rede sein. Auch die versprochenen Sammlerstücke konnte ich nicht ausmachen, bis mein Blick auf eine kleine Postkiste auf der Theke fiel. Nach kurzem Studium der Kiste wurde mir klar: das ist die Ausbeute des RSD, fünfzehn Alben und eine Hand voll Singles. "Feistodon" war natürlich nicht dabei, nur die Kinks und Lee Hazlewood. Man teilte mir mit, dass die Platten die ich haben wollte nur die wirklich großen Plattenläden erhalten würden. In der Provinz musste man sich mit den Kinks begnügen.
Entsprechend niedrig waren meine Erwartungen in diesem Jahr, als ich drei Stunden nach Öffnung das Rex Rotari betrat. Es tummelten sich wieder einige Menschen im Laden, doch das hatte ja offensichtlich nichts zu bedeuten. Der Blick fiel dieses Mal direkt auf die Theke und - oh Gott! - da standen vier Postkisten! Und ein kleiner Pappkarton mit Singles. Ich hyperventilierte, erste Schweißtropfen zeichneten sich auf meiner Stirn ab. Ruhig bleiben war angesagt, vielleicht befand sich in den Kisten auch nur Schund, Kinks und sowas. Erstmal ganz gemütlich durchblättern und - oh! mein! Gott! - das Rex hatte Glück in diesem Jahr. Die Bat For Lashes Single "Laura", die sagenhafte "Zaireeka" 4 x 12" Edition, neu aufgelegte Mayhem Alben, eine sauteure Beak> Single, die "Hurts Like Heaven" Picture Vinyl von Coldplay inklusive Comic und und und ...
Da verschlug es sogar mir den Atem. Ich wollte alles haben, aber alles war so teuer! In mir rangen der halb rationale Käufer, der mit Finanzen und billigen CDs argumentierte, und der vollkommen wahnsinnige Sammler, der wahllos Namen und Besonderheiten der Veröffentlichungen brüllte. Hilfesuchend taumelte ich zurück, in Richtung Rock/Pop Platten und packte mein Handy aus. Ich hatte die pitchfork Empfehlungen in diesem Jahr nur beiläufig studiert, also warf ich schnell einen Blick darauf, welche Veröffentlichungen denn überhaupt empfehlenswert seien. Antwort: Zu viele. Mittlerweile meldete sich jedoch der Käufer immer lauter zu Wort und gab zu Bedenken, dass sich ja vielleicht ein Mittelweg beschreiten lassen könnte. Value for Money, quasi. Der Sammler horchte auf.
Also zurück zu den Kisten. Oha, "Elephant" von den White Stripes, mit super tollem farbigem Vinyl, für knackige 39,99 Euro. Vorschlag des Käufers: nicht über dreißig Euro. Okay, also weitersuchen. Die Flaming Lips waren damit natürlich auch aus dem Spiel. Beak> auch, viel zu teuer, und generell, Singles? Ein Song, den man meistens sowieso schon in irgendeiner Form besitzt, und dafür dann auch noch zehn Euro Minimum ausgeben? Auf keinen Fall. Nach einigem Stöbern bemerkte ich eine Liveplatte der Deftones mit ausgewählten Songs der "Adrenaline" Ära. Zugegeben, nicht mein Lieblingsalbum der Deftones, doch mit 17,99 Euro auf jeden Fall ganz vorne mit dabei in Sachen Preis - Leistungs Verhältnis. Ein kurzer Blick auf die Rückseite sollte den Appetit steigern, brachte jedoch rasch Ernüchterung: vier Songs? Das macht immerhin stolze 4,50 pro Song. Enttäuscht steckte ich die Platte zurück und machte mich fiebrig auf die Suche nach etwas Finanzierbarem. Bald war klar, dass es nur ein Platte mit einem wirklich vernünftigen Preis gab, den man eventuell auch außerhalb dieses Tages bezahlen würde: der dritte Sacred Bones Records Sampler zu Ehren des RSD. Acht exklusive Songs von Bands, die auf einem meiner erklärten Lieblingslabels veröffentlichen, darunter meine liebste Elektro - Wave - Goth - Musikerin, Zola Jesus, für gerade mal 18,99 Euro. Da mich andere Menschen langsam aber sicher besorgt beobachteten, wie ich da mit schwitzigen Fingern stand und die Platten wälzte, schnappte ich mir den Sampler und machte mich auf den Weg zur Kasse.
Auf dem Heimweg kam ich ins Grübeln. Zuvor hatte ich den RSD vorschnell als reine Kommerzveranstaltung abgehakt, von der im Endeffekt doch nur die sowieso schon Reichen profitieren und ein Laden wie das Rex Rotari mit guter Miene das böse Spiel eben mitspielen muss. Doch im Grunde hatte ich etwas ganz anderes erlebt: Menschen, die sich freundschaftlich begegneten um über Musik fachzusimpeln, außerdem eine erstklassige Auswahl von Platten, die man sich freundschaftlich in die Hand drückte. Was kann man sich schöneres für einen solchen Laden wünschen? Dennoch blieben Zweifel persönlicher Natur, je mehr die Endorphine abflachten: ich hatte meine Trophäe zwar erworben und hütete sie wie meinen Augapfel - im Endeffekt war es jedoch ein Kauf gewesen, den ich auch an jedem andere Tag hätte tätigen können, eben weil es beim RSD nicht unbedingt darum geht, wahnwitzige Sammler zu füttern, sondern den wahnwitzigen Sammler in uns zu entfesseln. Plötzlich kam ich mir mit meinem recht rationalen Sampler ziemlich dumm vor.
Am Montag war ich dann wieder in der Gegend und schneite spontan in's Rex hinein. Der Trubel hatte sich gelegt, immerhin zwei Postkisten waren übriggeblieben. Eigentlich wollte ich mich lediglich nach der Bat For Lashes Single für einen Freund erkundigen, doch plötzlich juckte es mich in den Fingern. Ich blätterte die Postkisten durch, die Flaming Lips war nicht mehr da, die ziemlich überflüssige und überteuerte Coldplay Single hingegen schon, hihihi. Der Verkäufer kam auf mich zu und wies mich darauf hin, dass sie eine Nachlieferung erhalten hätten: eine Hand voll 10"s mit Soundgarden Demos und zwei Exemplare der wundervollen James Blake Single "Retrograde". Mein Blick huschte hinüber. Tatsächlich, da stand sie: eine 12", kein koloriertes Vinyl, keine Bonustracks, lediglich der Albumtrack "Overgrown" war als B - Seite hinzugefügt worden, ich besitze beide Songs also. Und doch stand ich nun da und betrachtete diese vollkommen sinnlose Pressung für stolze 9,99 Euro; und ehe ich mich versah hatte ich sie auf den Tresen gepackt. Es war der unsinnigste Kauf, den ich überhaupt tätigen konnte, aus musikalischer Sicht. Andererseits liebe ich diesen Song, er ist bereits jetzt einer der Besten des Jahres und läuft seit Monaten auf Dauerrotation. Nach einer kurzen Besprechung der Ereignisse des vergangenen Samstags (großer Andrang, größere Auswahl, überraschender Erfolg), verlies ich das Geschäft mit einem wohligen Gefühl in der Magengegend.
Natürlich kann man sich nicht an jedem Tag so verhalten, wenn man nicht sein ganzes Geld in Platten steckt oder Multimilliardär ist. Doch genau das macht den Zauber des RSD aus: er erlaubt uns, einen Tag lang voll unserer Sammelleidenschaft zu frönen. Im nächsten Jahr werde ich wieder erscheinen, dieses Mal mit prallem Portemonait, extra viel Zeit und einer ausführlichen Recherche im Vorfeld. Es ist tatsächlich mehr als nur die Unterstützung seines liebsten Plattenladens; es ist ein Feiertag der Musik und des Sammelns von Musik.
Der RSD presst Raritäten für: entfesselte Sammler/Vinylliebhaber/Menschen, denen es etwas bedeutet, wo sie ihre Musik kaufen.













