#rheinbühne #tobifreudenthal #inecht #kulturwohnzimmer #kulturerhalten #flamingoderherzen #comedy ❤️ Tobi Freudenthal - der Flamingo der Herzen ❤️ #pelikan #yeah (hier: RheinBühne) https://www.instagram.com/p/CFh-S29Ii9P/?igshid=18h7h5qtn9wj3
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Liste: Zehn Konzerte, die ich 2018 gerne besucht habe
Protomartyr, 24.04.2018, Gleis 22
Dennis Lyxzén reißt sich im Vorprogramm den Arsch auf, Protomartyr uns im Hauptprogramm, dabei ist es doch Dienstag in Münster, und am Dienstag wollen wir uns noch schonen, einfach in der Ecke rumstehen und betreten auf die Bühne starren. Protomartyr sind aber eine dieser Bands, die das Fließband knirschen lassen und uns in die rumpelnde und pumpelnde Maschine werfen, während Frontmann Joe Casey den Prozess mit der Attitüde eines bürokratischen Soziopathen überwacht. Grenzen zwischen Pogen und verzweifeltem Schmusen waren kaum noch auszumachen.
Warmduscher, 17.06.2018, Maifeld Derby
Keine Überraschung, dass das Maifeld Derby auch 2018 wieder ein Hochgenuss war, gespickt mit selten gesehenen Favoriten, frisch gepflückten Pflänzchen und - okay, dann doch - überraschenden Großtaten mittlerer und großer Bands. Besonders unerwartet kam jedoch der Auftritt von Warmduscher, die sich eigentlich ja schon per Namen disqualifiziert hatten, in der Spotify-Playlist des Festivals aber tatsächlich auch eher mäßig klangen. Während The Kills am Sonntagabend im großen Zelt lärmten, lieferten die Londoner aber tatsächlich eine furiose Rockperformance mit Wahnwitz, Donner und Verve, die nicht mal versagendes Equipment in die Knie zwingen konnte.
Arctic Monkeys, 26.06.2018, Mitsubishi Electric Halle
Die unweigerliche Frage, wie man zu “Tranquility Base & Casino” steht, stellt sich live überraschenderweise nicht: In der ziemlich turnhalligen Mitsubishi Electric Halle bauen sich die Arcitc Monkeys mehrmals um, schreddern sich zum 2006er Quartett, bauschen sich und ihre aktuellen Stücke zu psychedelischen Wällen auf und inszenieren sich als hingebungsvolle Rockstars. Alex Turner funktioniert in jeder dieser Rollen, brilliert generell eher als Darsteller denn Sänger (wobei der Part schon auch passt). Vielleicht ist damit dann auch doch die Frage beantwortet, wie die aktuelle Platte zu sehen ist.
Massive Attack, 28.06.2018, Palladium
Wenn Musealisierung, dann so: Massive Attack geben sich zwar Mühe, mit aktuellen Tracks, energischen Vorgruppen und bisweilen auch Blockparty Atmosphäre zu tun, als seien sie noch eine richtige Band, aber keine Angst, hier ist alles abgekartet. Nur so können die Songs ihrer immersiven Qualitäten entfalten, der ölige Schlamm von “Mezzanine”, das nervöse Zucken von “100th Window” und die pulsierenden neueren Songs, alle ausgestattet mit massiver Lichtshow und einem Sound, dem man jahrelange Detailarbeit anmerkt.
Chelsea Wolfe, 07.07.2018, Gebäude 9
Draußen ist es viel zu heiß, drinnen noch viel heißer und lauter sowieso, doch im Grunde wünscht man sich ja eine Chelsea Wolfe Show genau so: Intensiv, ohne eine Möglichkeit, sich irgendwie rauszumogeln. Schon bei den Belgiern Brutus bleibt nicht viel Raum, als Wolfe dann aber die Bühne mit einem hervorragend abgestimmten Set betritt, ist alles vorbei. Gitarren durchdringen den Raum mit ungeahnter Strenge, das Licht verhüllt mehr als es sichtbar macht, und selbst die größten Fußballinteressenten tauschen die Ergebnisse des Abends nur so zaghaft aus, wie es die andächtige Stimmung verträgt.
Deafheaven, 26.09.2018, Essigfabrik
Mit einer Hose voll gebrochener Beine stehe ich zwischen Leuten, die aussehen, als hätten sie wenig Interesse an Quatsch wie exaltierten Classic-Rock-Riffs, Harmoniegesang und streberhaft gespieltem Keyboard, und dennoch brav all dies über sich ergehen lassen, während George Clarke aus einem Wust von Haar, Schweiß und Hemd starrt, als sei das hier einfach das Ende, für uns alle. Wer “Ordinary Corrupt Human Love” zuvor nicht ernst genommen oder Deafheaven nach der stoischen Tour zu “New Bermuda” abgeschrieben hatte, wurde hier in mächtigen 90 Minuten eines besseren belehrt. Mehr dazu an anderer Stelle.
Die Nerven, 21.10.2018, Gleis 22
Auch an Sonntagen lässt sich Münster nicht gerne aus der Reserve locken, aber Die Nerven sind eben eine dieser seltenen Bands, die live in der Tat besser sind als auf Platte, und da sie dieses Mal auch auf Platte wirklich, wirklich gut waren, waren sie live kaum zu fassen. Also war das Gleis nicht nur knüppelvoll, sondern entwickelte auch eine Hitze, der sich niemand entziehen konnte - selbst die live sonst gerne mal ausgewalzten Songs schrumpeln ein und knallen im Umkehrschluss extra hart. Vorab hatten die rohen, aber auch sphärischen Astro Child das Kaffeebohnenfeld gut bestellt - Die Nerven haben uns gepflückt und geröstet. Ich fühlte mich vitalisiert.
Tocotronic, 08.11.2018, Bahnhof Langendreer
Vor gut zwei Jahren stand ich an sehr ähnlicher Stelle, um mir bestätigen zu lassen, was ich ohnehin weiß: Tocotronic sind eine sehr gute Band, bei der nicht nur Fanfavoriten und Hits verschwimmen, sondern ebenso Rocksimen und dissidente Gesten, muckerige Gitarren und duselige Melodien, Privates und Politisches. 2018 hat sich daran nichts geändert, hinzugekommen ist nur eine hervorragende Platte, die live absolut schlüssig integriert wird: Der Titeltrack wummernd, “Hey Du” ruckelt, “Electric Guitar” schwelgt, “Unwiederbringlich” wird zur intimen Ballade umgedeutet. Die Leute, tendenziell nicht jünger werden, freut das erfreulicherweise genauso wie “Zucker” wie “Die Idee ist gut doch die Welt noch nicht bereit” wie “Nach Bahrenfeld im Bus” wie [...]
Slayer, 14.11.2018, Westfalenhalle Dortmund
Obiutary lärmen, Anthrax posieren, Lamb of God liefern, aber am Ende ist all das nur trauerfeiriges Beiwerk, das man irgendwie über sich ergehen lässt, um zum Kern der Sache vorzustoßen: 90 Minuten Slayer, breit aufgestellt, dennoch um die essentiellen Hits wissend. Am Ende stehen alle enigmatisch-ratlos rum, Araya spricht doch ein paar rührende Worte ins Mikro, und in der U-Bahn grölen doch alle “Slayer” als wäre nichts gewesen. Es ist vermutlich der richtige Zeitpunkt, den Hut zu nehmen.
Drangsal, 02.12.2018, Bahnhof Langendreer
In Landau lassen sie mich und meinen alten Konzertkompagnon nicht mehr rein, Metallica hat er auch schon länger nicht mehr gecovert, und doch hatte Drangsal ein ziemlich gutes Jahr, was nicht zuletzt an einer gut besuchten wie bespielten Tour lag. Dort mischte Max Gruber das Beste aus zwei Platten Drangsal, gab den neuen, sanften Stücken ein wenig mehr Drall mit auf den Weg, zeigte aber vor allem, wie tief er uns unbedarfte Indiehörer in den vergangenen drei Jahren infiltriert hat, mit Goth, NDW und anderen Käsesorten. Der ESC wäre der nächste logische Schritt gewesen.
Liste: Die besten Konzerte 2016
Premieren, Hypes, Aktionen, abgesoffene Festivals: Das Konzertjahr 2016 hatte durchaus seine Momente, die jedoch tendenziell eher selten meine Umgebung erreichten. Stattdessen regierte bei mir subjektiv gesehen Altbewährtes, das nur partiell von Überraschungen aufgebrochen wurde, die wiederum erfreulich selten negativer Natur waren. Der einzig Abend, der mich unschlüssig bis verärgert hinterließ, führt die folgende Liste vornehmlich guter bis exzellenter Konzerterlebnisse passenderweise als nötige Kontrastierung an:
Kanye West, 11.02.2016, Cineplex Münster
Wer war da? Wenige Kopfnicker mit zu viel Geld im Portemonnaie.
Was gab’s vorab? Das Versprechen, es handele sich bei dieser Albumpräsentation um eine “noch nie da gewesene Kunst-Performance”.
Was wurde wie gespielt? Eine vorläufige Version des aktuellen Kanye West Albums, per AUX-Kabel über das Soundsystem des Madison Square Garden, vor dem Hintergrund einer äußerst minimalistischen, gegen Ende jedoch aus dem Ruder laufenden Modenschau.
Magischer Moment? Die Addition der Enttäuschungen: Kanye hat keine Liveshow vorbereitet, sondern spielt die Songs einfach aus der Konserve. Kanye hat keinen Plan, wie die Show nach der Präsentation weitergehen soll. Kanye stellt einen lächerlichen Videospieltrailer vor. Zweimal. Kanye zieht mitten in seinen Songs einfach das AUX-Kabel heraus. Kanye verlässt den Madison Square Garden und besonders wagemutige Models verlassen ihre vorgeschriebenen Posen, um von hungrigen Kameras eingefangen zu werden.
Deafheaven, 23.03.2016, Gebäue 9
Wer war da? Miesgelaunte Black-Metal-Schergen, aufgekratzte Hardcore-Freunde und Menschen in Five Fingr Death Punch Shirts.
Was gab’s vorab? Etwas zu schwammigen Folk-Black-Metal von Myrkur.
Was wurde wie gespielt? Gradliniger, gestenreicher Post-Black-Metal.
Magischer Moment? Nach knapper Pause kehren Deafheaven zurück, um der durstigen Menge nach der simplen Reproduktion ihres Albums “New Bermuda” mit “Dream House” das Maul zu stopfen.
Xiu Xiu, 04.04.2016, Grammatikoff
Wer war da? In schwarz gehüllte, ununterscheidbare David Lynch und Xiu Xiu Aficionados.
Was gab’s vorab? Eine lyncheske Irrfahrt durch Duisburg.
Was wurde wie gespielt? Ein Destillat des Twin Peaks Soundtracks in neuen, noch beängstigerenden Versionen.
Magischer Moment? Jamie Stewart springt gegen Ende des Auftritts während eines statischen Ambient Tracks auf und gibt eine erschütternde Interpretation von “Mairzy Doats” zum Besten.
Tocotronic, 08.04.2016, Bahnhof Langendreer
Wer war da? Linke Spießer im Nostalgierausch.
Was gab’s vorab? Mich bei dem verzweifelten Versuch, eine nervige Hausarbeit zu beenden.
Was wurde wie gespielt? Ein bunter Spaziergang durch die tocotronicsche Diskographie.
Magischer Moment? Dirk täuscht Neues an, liefert “Neues vom Trickser” und reiht mich mit meiner Freude darüber fast in die umliegende, tratschende Nostalgikerriege ein.
James Blake, 04.06.2016, Maifeld Derby
Wer war da? Das gewohnt informierte wie interessierte Publikum des Mannheimer Qualitätsfestivals.
Was gab’s drumherum? Unter anderem flirrenden Postrock von Explosions In The Sky, hochkomplexe Hirnficks von Battles und Rüpeleien von Pissed Jeans.
Was wurde wie gespielt? Leerstellen-Soul mit der richtigen, entscheidenden Balance aus schmerzendem Bass und liebkosendem Synthesizer.
Magischer Moment? Der erhebende Refrain des Welthits “Retrograde”, der in diesem auf Überwältigung ausgelegten Kontext noch einnehmender wirkt.
Sumac, 04.07.2016, FZW
Wer war da? Metalheads.
Was gab’s vorab? Einfühlsamen Folk von Janne Westerlund, trügerischen Ambient-Noise von Mamiffer.
Was wurde wie gespielt? Brutal ratternder Sludge, frei von Attitüde, dafür umso präziser.
Magischer Moment? Mamiffer verlassen die sanften, zunächst verfolgten Synth-Pop-Pfade in Richtung diabolischem Dröhnen und lassen das Publikum ratlos zurück.
Death Grips, 26.10.2016, Stadtgarten
Wer war da? Jeder, der etwas mit wie auch immer gearteter, extremer Musik anfangen kann.
Was gab’s vorab? Irritierenden Dunkel-Ambient von Kara-Li Coverdale.
Was wurde wie gespielt? Atemloser Noise-Rap, in einer Stunde unter Einsatz sämtlicher Energiereserven abgerissen von Death Grips.
Magischer Moment? Mehrere Menschen versuchen, sich zu dem vollkommen übertakteten “Hot Head” zu bewegen und scheitern grandios.
Messer, 28.10.2016, Zeche Carl
Wer war da? Nicht allzu viele Menschen.
Was gab’s vorab? Hektisch-tanzbaren Weird-Lo-Fi-R'n'B (puh!) von Tellavision.
Was wurde wie gespielt? Rock zwischen Proto-Stadion und Krach-Avantgarde, mit theatralischen Momenten und der Kraft des doppelten, perkussiven Instruments.
Magischer Moment? Zu Beginn der Zugabe verschanzt sich die Band hinter ihren Instrumenten und lässt nur langsam brodelnde Songstrukturen erkennen.
Drangsal, 03.11.2016, Gleis 22
Wer war da? Hippe junge Menschen und nicht mehr ganz so junge Düster-NDW-Nostalgiker.
Was gab’s vorab? Erstaunlich ambitionierten und durchaus überzeugenden Indierock von Fabian.
Was wurde wie gespielt? Schmissige, auf den Punkt gebrachte 80s-Revival-Musik.
Magischer Moment? Kurzer Zeitspung: Das “For Whom The Bell Tolls” Cover, das Drangsal auf dem Maifeld Derby aufführte. Zunächst mutete es wie ein Scherz an, doch dann zog es der Herxheimer Wunderknabe erstaunlich stabil durch.
Maeckes, 09.12.2016, Skater’s Palace
Wer war da? Sehr viele junge Menschen zwischen Maeckes-Fangirl, Hip-Hop-Spezi und 1-Live-Nase auf sehr engem Raum.
Was gab’s vorab? Sehr feinfühligen Synth-Pop von Alaxka.
Was wurde wie gespielt? Poppiger Indie-Rap mit etwas zu viel Fokus auf aktuellem Material, was ein Mehr an Energie jedoch locker ausglich.
Magischer Moment? Äh, Dings steigt zu “Partykirche” als Priester gewandet ins Publikum und selbiges eskaliert so, wie sich das für die Empfänger einer Faxe-Kommunion gehört.
Konzert: Turbostaat, 22.03.2016, Sputnikhalle
Sprechen wir zunächst mal, bevor ich zum fünften Mal auf diesem Blog ein Turbostaat-Konzert rezensiere, über "Abalonia", das Album, das Anlass der Tour ist, die am vergangenen Dienstag in Münster eröffnet wurde. Als Konzeptalbum von Presse und Promotern angekündigt, verband man mit der Platte eine gewisse Erwartungshaltung, die die Band in dem ihr eigenen Understatement zum Glück rasch auf ein vernünftiges Niveau brachte: Zwar zieht sich ein gewisser roter Faden durch die Platte, das ist für Turbostaat aber weder vollkommenes Neuland noch ein Grund, dieses im Grunde reguläre Album zu einem klassischen Konzeptwerk aufzupusten. Darüber hinaus war jedoch auch die Rede von musikalischer Weiterentwicklung, ja von einem Meilenstein sogar, und eben da möchte ich einhaken: Sicherlich befinden sich auf diesem Album so viele Post Punk Einflüsse und so lange Stücke wie nie zuvor bei Turbostaat, doch zugleich haben die Husumer sich hier auch in eine kleine Sackgasse manövriert. Schon "Stadt der Angst" schrammte knapp an der Grenze zum Eigenplagiat der - unheimlich einflussreichen und zurecht gelobten! - Marke Turbostaat vorbei, auf "Abalonia" kommt es nun aber endgültig dazu, dass man einzelne Passagen genau so schon mal von der Band gehört hat. In dieser Limitierung der Möglichkeiten ist die Band dann plötzlich wieder sehr nah am Punk, was in dieser Form bei mir jedoch einen fahlen Nachgeschmack hinterließ.
Doch wie gesagt, auch mit "Stadt der Angst" hatte ich so meine anfänglichen Probleme, die sich in der Live-Situation weitestgehend in Luft auflösten, und da ich nun mal ohnehin großer Freund der Musik Turbostaatscher Prägung bin, führte für mich kein Weg daran vorbei, gespannt dem Auftritt in der Sputnikhalle beizuwohnen. Eröffnet wurde der Abend passenderweise mit einer mustergültigen Übung in Sachen 1:1 Kopie der mittleren Turbostaat; Freiburg, die im vergangenen Jahr ihr weitläufig wohlwollend aufgenommenes Debüt veröffentlichten, spielen treibenden Indie-Punk mit düsterer Schlagseite und einem Sänger, der sich in Sachen Intonation sehr, sehr, sehr viel von Jan Windmeier abgeschaut hat. Das unterhält trotz dieser grundsätzlichen Einschränkung, gerade dann, wenn einer der beiden Gitarristen mal das Mikro ergreift und deutlich kreischender zu Werke geht. Als absoluter Höhepunkt erweist sich dann auch das Cover des Tocotronic-Klassikers - natürlich - "Freiburg", den die Band standesgemäß in grobem Lärm absaufen lässt und dessen Zeile "Ich weiß nicht, wieso ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt" in Münster sowieso noch mal einen ganz eigenen Charme entfaltet. Die ausverkaufte Sputnikhalle hat sich derweil mehr als gut gefüllt; im hinteren Teil des - im übrigen sehr verwirrend aufgebauten - Clubs kann es sogar schon mal vorkommen, dass man sich ein wenig gegen die Absperrung hin zum Mischpult gedrückt fühlt, zudem sind die Sichtverhältnisse eher mittelmäßig, so dass es dann auch eher die Lichtverhältnisse als tatsächlich wahrnehmbare Bewegungen auf der Bühne sind, die mir verraten, dass Turbostaat nun bereit sind, ihr Set zu starten.
Für einen Moment steht (befeuert durch einen meiner Nebenmänner) die Befürchtung im Raum, Turbostaat würden "Abalonia" einfach stur runterspielen, wie es bei den Konzerten anlässlich der Veröffentlichung der Fall war. Nach "Ruperts Gruen" und "Der Zeuge" als eröffnendem Doppel gibt es jedoch Entwarnung: Die aktuelle Platte stellt zwar einen Großteil der Setlist, wird aber nicht in Gänze und chronologisch aufgeführt. Stattdessen feuern Turbostaat beharrlich sichere Hits aus dem Ärmel, natürlich auch, um das Publikum bei Laune zu halten. Die Leute sind nach sechs Platten jedoch ohnehin merklich eingeschworen: Vieles wird mitgesungen, der Applaus ist zwar teils pragmatisch rationiert, aber immer wohlgesonnen. An vereinzelten Stellen sind die Reaktionen sogar euphorisch, etwa während des eigentlich recht ruhigen "Eisenmann", das einen jungen Kollegen aus dem Publikum dazu animiert, permanent den Namen des Songs zu skandieren - was aber keineswegs nervt, sondern eher der Stimmung zuträglich ist, im Gegensatz zu den Zaungästen, die hinten abhängen und regelmäßig ihr Instagramprofil checken oder jenen, die sich über sämtliche halbwegs parodierbaren Zeilen hermachen, dann aber das unvermeidliche "Vormann Leiss" mitbrüllen, als würde es um ihr Leben gehen. Diese Art von Scheiße kennt man vornehmlich von arrivierten Bands, und anscheinend sind Turbostaat gerade auf dem Weg, zu einer solchen zu werden.
Ihre eigene Darbietung stützt diese kühne These in Teilen, wobei kritische Kommentare zu Konzerten ob ihrer Situationsabhängigkeit natürlich immer in besonders hohem Maße subjektiv gefärbt sind. Wenn ich nun also konstatiere, dass Turbostaat in Münster einen äußerst routinierten Eindruck hinterließen, muss das weder als Makel noch als endgültige Aussage über den Status der Band gewertet werden. Es fällt jedoch schwer zu leugnen, dass der heimliche Höhepunkt des Auftrittes erst mit der zweiten Zugabe folgt, die sich dann auch tatsächlich nach Zugabe und nicht nach Pflichterfüllung anfühlt. Ein Teil des Publikums ist schon gegangen, es gibt also deutlich mehr Bewegungsfreiheit, und als wäre das nicht schön genug ballern Turbostaat je ein Stück von "Flamingo" und "Schwan", also aus jener ersten Bandphase, die auf Konzerten viel zu oft ausgelassen wird, ins Auditorium. Die Energie stimmt, die Reaktionen sind ausgelassen und plötzlich riecht es wieder angenehm nach Juz. Andererseits ist es klar, dass diese alten Stücke mit mehr Schmiss rauskommen, als es bei den neuen Stücken der Fall ist, und damit sind wir dann auch bei einer der Kernfragen des Abends: Wie schlägt sich "Abalonia" live? Die Antwort fällt erstaunlich ambivalent aus, denn ein Song wie "Ruperts Gruen", der eigentlich gerade von Energie und Dynamik leben sollte, kommt auf der Bühne ebenso altbacken-rumpelig rüber wie auf Platte, während das eigentlich ebenfalls aufgewärmt klingende Titelstück sich als kleine Hymne entpuppen könnte. Dazwischen überzeugen vor allem Stücke wie "Die Toten", die tief in Melancholie getaucht sind und der Platte auf lange Sicht doch einen eigenständigen, wertigen Charakter verleihen könnten.
Man ist aber schon froh, dass es Lieder wie "Insel", "Surt & Tyrann" oder "Sohnemann Heinz" gibt, an denen man sich zwischendurch festhalten kann, die knackig rauskommen und sich nicht immer so viel Zeit nehmen wie ihre neuen Kollegen, auch wenn sie teils wie angedeutet ein wenig zu abgebrüht rüberkommen. Doch es ist halt auch Tourauftakt, und gerade dafür haben Turbostaat einen exzellenten Job erledigt. Die nächste Wasserstandsmeldung gibt es dann sicherlich im Laufe des Jahres, spätestens jedoch bei der Endabrechnung.
Turbostaat reisen routiniert, aber mit wenig Platz für: melancholische Indiepunks/skandierende Konzertbesucher/masochistische Klaustrophobiker/beiläufige Instagrammer
Weiterlesen: Konzert: Turbostaat, 14.12.2012, Jugendzentrum Försterstraße
Album: Turbostaat/Stadt der Angst
Turbostaat auf dem Angst macht keinen Lärm Festival
Konzert: Turbostaat, 26.09.2014, Jugendzentrum Försterstraße
Konzerte: Turbostaat, 11.12. & 12.12. 2014, Bürgerhaus Stollwerck
Festival: Southside 2015
Es ist ja schon beinahe ironisch, dass ich mich gerade im Jahr der Krisen wieder der deutschen Festivallandschaft zugewandt habe. Selbst dem Southside, meiner einstigen Liebe, der ich 2013 den Rücken gekehrt hatte, stattete ich wieder mal einen Besuch ab, trotz (oder gerade wegen) des aller ortens beklagten Lineups. Zu wenig Rock, keine großen Namen, so lauteten die Vorwürfe, denen sich der zwischen MLK und DEAG zerriebene Veranstalter ausgesetzt sah. Was soll man darauf antworten? Ja, die ganz dicken Fische fehlten, ja, Rock fand eher im Mittelfeld statt, aber was soll’s, wenn am Ende die Qualität stimmt? So zogen mich einige Acts an, die ich entweder noch nie oder zumindest gefühlt viel zu lange schon nicht mehr gesehen hatte. Vielleicht lag es daran, dass ich mich gerade zuvor dem Bombast von Rock am Ring ausgesetzt sah, vielleicht auch daran, dass die meisten Acts nicht übertrieben viele Leute zogen, aber das Southside strahlte auf mich in diesem Jahr eine beinahe familiäre Atmosphäre aus, in deren Rahmen man sich teils tatsächlich wunderbar auf die gebotene Musik konzentrieren konnte.
Das Programm bot schließlich gleich am Freitag (eigentlich schon Donnerstag, mit Auftritten der großartigen Zugezogen Maskulin und der immer noch nicht von mir live beäugten Trümmer, aber man muss ja nicht gleich übertreiben) mehrere Perlen, beginnend mit den fabelhaften Marmozets, deren Konzert im Kölner Blue Shell jetzt bereits einen tiefen Platz in meinem Herzen erworben hat. Naturgemäß ist es schwieriger, alle Leute in einem ziemlich großen Zelt mitzureißen als in einem Club, der kaum mehr als 100 Menschen fasst, die Marmozets geben trotzdem alles, hebeln ihr eigenes Zeitgefühl aus und verlassen die Bühne am Ende doch vollkommen erschöpft, ohne ihre große Hymne “Born Young & Free” gespielt zu haben. Die im Anschluss aufspielenden Death Cab For Cutie machen im Grunde mit ihrem Best-Of-Set ebenfalls nichts falsch, haben aber leider mit einem extrem matschigen Sound zu kämpfen, der ihre feingliedrigen Stücke über die Hauptbühne verstreut auskotzt. Vielleicht hätte man sich da lieber Death From Above 1979 gegeben, die im Vorbeigehen auf der Blue Stage durchaus überzeugen konnten. Auf die anschließend eben dort spielenden Milky Chance können sich dann überraschend viele Menschen einigen, gerade verglichen damit, wie gerne man doch über sie schimpft. Bei einem Rundgang über das Gelände wird ohnehin der Indie-Pop Fokus diesen Jahres deutlich: Parallel zu Milky Chance spielen Sheppard (”Say! Ge-Ro-Ni-Mo! Say! Say! Ge-Ro-Ni-Mo!”) und Of Monsters And Men, bei denen ich hängenbleibe und eine durchaus solide Show miterlebe.
Im Anschluss springen Madsen für den kurzfristig erkrankten Ben Howard ein und feuern eine vor Zitaten strotzende Show ab, von der sich manche deutsche Rock Band gerne eine Scheibe abschneiden könnte. Auf Platte geht freilich nicht mehr allzu viel, live ist die band of brothers längst zum Spektakel geworden. Das noch größere Spektakel des Abends gibt es jedoch erst später, als Florence + The Machine all die Zweifler Lügen strafen. Es wurde vorab intensiv diskutiert, ob es sich hierbei um einen würdigen Headliner handeln würde, und angesichts der teils verkrampften, um Größe kämpfenden Leistung auf dem Southside 2012 am Nachmittag hatte auch ich meine Bedenken. Doch gerade die große, in Dunkelheit gehüllte Bühne war der richtige Ort für Florence, ihren goldenen Glitzervorhang, ihre großen Gesten und ihre großen Songs. Es war sicher die schillerndste Performance des Wochenendes und ein furioses Ereignis, von dem man sich bei Paul Kalbrenner gerne erst mal runterkühlen lassen konnte; selbst wenn es angesichts der bescheidenen Temparaturen im Grunde nur bedingt nötig war. Eben diese waren es auch, die mich am Samstag bis zum Auftritt von Big Sean auf dem Zeltplatz in der Nähe des Gaskochers ausharren ließen. Dieser (Sean, nicht der Gaskocher) fährt eine dicke Videoleinwand und einen dicken Sound auf und verdeckt damit ganz gut, dass seine Songs nicht zu den Allerbesten zählen. Nichts verdecken müssen Fidlar: Die merkwürdigen L.A.-Punks mischen immer noch Surfen mit Skaten, Melodien mit Punk und Lärm mit Scherz. Das Ganze wurde goldrichtig im Zelt platziert und findet dort deutlich mehr Freunde als auf der Hauptbühne vor zwei Jahren.
Außerhalb des Zelts geht dann gegen Abend sogar die Sonne auf und verbreitet im Rahmen des Frittenbude-Auftritts einen Hauch guter Laune. Die Band ist mit neuem Material zurück und sichtlich bereit, die große Menge zu bespielen. Die Leute ziehen mit, lassen unvermeidliche Ansagen politischer Natur über sich ergehen, während denen ich mir die Frage stelle, was eigentlich der Rest der Audiolith Clique so treibt. Antworten finde ich nicht, dafür aber, dass Frittenbude immer noch ganz schön gut sind. Anschließend heißt es rumdödeln, das Zelt bei Olli Schulz ist zu voll, Parov Stellar sind mit dicker Show unterhaltsam, nach einer halben Stunde ist dann aber auch mal gut. Erlösung finde ich ausgerechnet bei The Gaslight Anthem, die ich bereits mehrmals live gesehen und immer wieder beharrlich diskreditiert habe. Weiß der Teufel warum, aber an diesem Abend können mich Fallon und seine Band mit ihrem weichgespülten Springsteen-Punk überzeugen. Im Anschluss enttäuschen mich dann ausgerechnet die hoch geschätzten Alt-J: Ihr Set ist zu leise für die Blue Stage, zu viel wirkt schwurbelig und unpassend, es entsteht keine Stimmung, zumindest in meiner Ecke des Publikums nicht. Mit Placebo folgt zum Glück eine absolut sichere Bank, die ich dann auch The Notwist vorziehe, die ich wiederum hätte ansehen müssen, um mir einen Platz bei der super limitierten Casper-DJ-Show im Zelt der Red Stage zu erkämpfen. Am Anfang schwächelt das Trio leider ein bisschen, spielt zu viel Neues, Verzichtbares, doch spätestens in der zweiten Hälfte ist die Band ganz bei sich und ihren Hits. Als ich im Anschluss das Gelände verlasse, strömen immer noch unendlich viele Leute zu Casper und Deadmau5, so dass ich mich erstmal durch die Menge zum Ausgang kämpfen muss. Die Red Stage ist natürlich bis zum Brechen gefüllt, laut Ohrenzeugen sollen Sound und Sauerstoffgehalt eher mäßig gewesen sein, trotzdem: Irgendwie wäre man gerne dabei gewesen. Beim nächsten Mal: Bitte anders planen, trotz witzigem Kleinhalten der Angelegenheit.
Derartige Enttäuschungen bleiben am Sonntag Gott sei Dank aus. Das Gepäck ist verstaut, und zu den gewohnt unterhaltsamen Klängen von Danko Jones’ Musik lässt es sich gut in den letzten Tag starten. Ganz groß dann auch der Indie-Folk-Pop-Rock, den The Tallest Man On Earth auf die Bühne zaubern. Wundervolle Musik, um einen Nachmittag fernab größerer Aufregung zu überstehen, die auch bei Alligatoah ausbleibt. Mit bekannten Hits und frischem Drumherum zieht er jede Menge Menschen vor die Blue Stage, was sich auch vom folgenden Cro behaupten lässt, den ich zugunsten des wohl größten Coups des Festivals entfallen lassen: Die Antwoord, am Abend, auf der Hauptbühne. Eine Stunde lang nimmt die Crew mit grenzwertigen Bildern und Klängen alles auseinander, was sich in den Bereich der Green Stage verirrt. Das zählt zu den ganz großen Momenten des Wochenendes, das in der Folge vor allem auf Beständigkeit setzt. K.I.Z. werden nach einem Leak beim Hurricane wenig überraschend als Special Guest preis gegeben und liefern auf den Punkt ab, ebenso wie Farin Urlaub. Mit seinem jüngsten Solomaterial sind nur wenige wirklich einverstanden, was aber nichts daran ändert, dass seine Hits, seine Band und seine Präsenz nach wie vor dazu taugen, eine große Menge amtlich zu bespaßen. Selbiges gilt natürlich für Jan Delay, der im Anschluss seine bewährte Show (ergänzt um einige der verzichtbaren aktuellen Songs) abliefert und die Massen damit perfekt auf den Headliner des Abends einstimmt: Marteria.
Auch hier gilt zu bilanzieren, dass es sich um eine absolut engagierte, mit Hits gespickte Show, handelte, die jedoch gerne etwas tiefer in der eigenen Geschichte hätte graben können. Ansonsten sitzt alles bis hin zur obligatorischen Marsimoto Einlage, vielleicht sogar etwas zu perfekt. Im Grunde ist das hier jedoch ein sehr stimmiger Auftritt, der das Southside 2015 besser beschloss, als es mancher zugeben wollte. Am Ende muss man hieraus nicht ablesen, dass das Southside 2015 ein beispielloser Triumphzug war oder mich vorbehaltlos für Festivals der oberen Größenordnung begeistern konnte. Vielmehr verlebte ich drei sehr angenehme Tage mit einigen exzellenten, vielen guten und diversen passablen Auftritten, die mich von der anderen Seite zum gleichen Ergebnis führen wie 2013: Man kann das Southside durchaus als gutes großes Festival im Auge behalten, die Karten fürs nächste Jahr muss man deswegen aber nicht gleich besorgen.
Das Southside Festival fand 2015 statt für: Aufgeschlossene/feiernde Indie-Menschen/Großfestivalisten mit halbwegs erlesenem Musikgeschmack
Weiterlesen: Festival: Southside 2012/Tag 1
Festival: Southside 2012/Tag 2
Festival: Southside 2012/Tag 3
Festival: Southside 2013/Tag 1
Festival: Southside 2013/Tag 2
Festival: Southside 2013/Tag 3
Veranstaltung: Berlin Music Week
Wen es interessiert, wieso ich auf der Music Week war und warum ich dort nicht das Berlin Festival besucht habe, der darf dies gerne hier nachlesen. Allen andere viel Spaß mit diesem launigen Abriss zu drei Tagen Berlin Music Week.
Die Berlin Music Week, bisher immer schier unüberschaubares Ungetüm, das seine Tentakel über ganz Berlin ausstreckt, hat sich dieses Jahr neu sortiert. Mag die Musik auch "released" sein (auch wenn sich das Motto wohl eher darauf bezieht, dass die Musik nicht mehr unbedingt in den gängigen marktwirtschaftlichen Strukturen gefangen ist, wobei sich ein Großteil der Konferenzen dann ja doch eher darum dreht wie man die Musik möglichst schnell wieder gewinnbringend einsperren könnte; dazu später mehr), die Veranstaltung erstreckt sich nicht mehr wie ein Kraken über die gesamte Stadt, sondern beschränkt sich auf einen Ballungsbereich in Kreuzberg und Friedrichshain. Natürlich möchte man damit bestimmt vermitteln am Puls der Zeit (und Gentrifizierung) zu sein, die räumliche Nähe der Veranstaltungen macht dennoch stärker als zuvor klar, dass man es hier mit einem zusammenhängenden Konzept zu tun hat. Hier macht auch das umstrukturierte Berlin Festival Sinn: das Booking überschattet nicht mehr, sondern stellt eher die Party nach all dem Debattieren, dem Preise verleihen und dem Showcases angucken dar. Denn genau damit beginnt die Woche, als ich am Mittwoch ankommen: mit Showcases. Viel mehr gibt es an diesem ersten Tag der Music Week nämlich nicht zu tun. Auf dem Gelände des Berlin Festivals präsentiert der lokale Wodkaproduzent Our frische skandinavische Talente. Ansonsten passiert an diesem ersten Tag nichts, also sehe ich mir Sherpa (der seine Neo R'n'B Songs freundlich vom MacBook abspielt und dazu schöne Melodien singt) und The White Album (die ziemlich nach Bon Iver, auf jeden Fall nach zeitgenössischem, gerne mal mehrstimmigen Indie - Folk - Pop klingen) an, entfliehe danach aber in Richtung Hostel.
Als es am Donnerstag dann so richtig losgeht sieht die Sache schon anders aus. Nach einem Zwischenstopp bei Mr. Dead & Mrs. Free stürze ich mich ins Getümmel der Konferenzen. Das bestimmende Thema ist - mit Ansage, irgendwie - die Bedeutung digitaler Medien für den Umgang mit Musik. Alles von Streaming bis Youtube steht auf dem Programm und man diskutiert vor allem darüber, wie man Musik anno 2014 am besten vermarkten kann; weniger darüber, wie es eigentlich um die Inhalte bestellt ist. An der Schnittstelle operiert eine Diskussion über das Mäzenatentum in der Popmusik, die einen sehr satten Max Dax, einen zahm in der Opposition agierenden Frank Spilker und zwei Industrievertreter gegenüberstellt und letzten Endes etwas hilflos resümiert: irgendwomit muss man sein Geld ja verdienen. Ein zur Provokation aufgelegter Zuhörer beginnt seine Kritik an der Debatte mit einem markigen "Das war gerade richtig schlecht", und ganz falsch liegt er mit dieser Einschätzung nicht. Die Männer von Migros und Telekom preisen das eigene Modell als Kulturförderung an, Dax spricht von oben herab über weniger finanzkräftige Medien als seine Electronic Beats und Spilker versucht zu relativieren, erdet die Debatte und liefert am Ende vielleicht die sinnvollsten Beiträge. Wenn man sich auf seine Fragestellungen einlässt, fängt man wirklich an über gesponserte Auftritte nachzudenken: sollten die Bands den Scheiß nicht machen und dafür zwei Jahre den Rücken frei haben? Wie sieht es denn aus wenn man für viel Geld auf einem normalen Festival steht? Das ist doch letzten Endes auch nur eine große Werbefläche, auf der man als Band agiert, oder? Am Ende des Tages wurden diese Ansätze aber nicht zu Ende diskutiert. Den Ausbruch aus allzu handzahmen Diskussionen hält erst der nächste Tag bereit, als vier recht spannende Akteuere versuchen folgende Gleichung zu lösen: Pop + Politik = Haltung?.
Besonders konfrontativ agiert Gregor Samsa, einziges Mitglied des Labels Sounds Of Subterrania), der in einem Anfall selbstergriffener Nostalgie seine Generation komplett verwirft und fragt, wo denn die alten Werte gerade in der Punkszene geblieben sind. Marcus Wiebusch und sein Video zu "Der Tag wird kommen" führt er dabei als Paradebeispiel an, bei dem Promo für das eigene Schaffen wichtiger ist als der Inhalt der Aktion; aber im Grunde ist die ganze Gesellschaft scheiße, schlussendlich sogar Fußballspieler die sich Iros frisieren lassen und damit den Punkbegriff aushöhlen. Dass es natürlich schon länger so funktioniert, dass sich der Mainstream immer das aus einer Subkultur schnappt was ihm passt und dann entkernt auf den eigenen Kaminsims stellt will Samsa ebenso wenig wahrhaben wie er positive Beispiele aus der Vergangenheit nennen will (oder kann). Gerade die neben ihm sitzende Sookee könnte man doch als leuchtendes Beispiel gegen die Jugend mit Meinung, aber ohne Haltung anführen, generell natürlich die gesamte Zeckenrapszene. Doch da ist der Kulturpessimismus wohl zu stark, was auch Zwischenrufe aus dem Publikum nahelegen; ein Publikum, das wohl auch gerne die (zugegebenermaßen etwas unbeholfen agierende) Joiz Chefredakteurin Britta Schewe gerne auffressen würde. Passender ist da schon STOPPOK besetzt, der an etwas offensichtlichen, dennoch passenden Beispielen belegt, dass das mit den Idealen in der Popmusik immer ein schwieriges Thema ist (vgl. die Sex Pistols und ihre Geschichte). Am Ende gibt es natürlich keine Antworten, stattdessen wirkt es so, als hätte man in den vergangenen Tagen besser mal über sowas geredet anstatt einem Googlemenschen dabei zuzuhören, wie er sich und Youtube abfeiert.
Bevor es jedoch allzu ausweglos wird heißt dann auch mal kurz schnell weg von der Debatte und der Feier, hin zur Musik. Zumindest theoretisch, denn obwohl ich eigentlich den ein oder anderen Chimperator Act im Lido antesten möchte schaffe ich es erst zum Secret Headliner, der sich als die Orsons erweist. Da mich die neuen Künstler des Hauses jedoch in letzter Zeit sowieso meist etwas gelangweilt zurück lassen feiere ich lieber die wohlbekannten Hits der vielleicht besten Crew des Landes ab. Eine Stunde lang bollern die alles weg was sich ihnen in den Weg stellt, selbst wenn das Lido zu Beginn noch etwas verhalten agiert. Mit verhaltenen Reaktionen hatten auch andere Hip Hop Künstler bereits zu kämpfen - tags zuvor suchte ich den im Programmheft als Mischung aus Yaam Club und Splash Mag Stage angekündigten Ort, an dem ein vielversprechend klingender Hip Hop Abend stattfinden sollte leider auf dem Gelände der Music Week. Wie sich herausstellte wurde auf dem Lageplan zwei Mal die Nummer 18 vergeben - ich war leider zur falschen gelaufen, was die Ordner zunächst aus dem Konzept bringt, dann aber doch schnell als Druckfehler zu meinen Ungunsten aufgeklärt wird. Leider versäumen die Ordner es dann auch mir mitzuteilen, dass ich die eigentliche Location auch mit einem Shuttleservice erreichen könnte. Also pilgere ich mehr als eine Stunde durch Berlin und komme schließlich im mäßig gefüllten Yaam Club an, der gerade von der neuen Metalcore/Hip Hop Hoffnung GWLT bespielt wird. Auch wenn die Mischung absurd klingt - sie geht absolut auf. Auf der Bühne wirkt es manchmal noch etwas verbissen, doch gerade die bisher veröffentlichten EPs machen Lust auf das hoffentlich bald kommende Album. Zurecht setzt man auf diese Gruppe; dass das auch auf Zugezogen Maskulin zutrifft dürfte kein Geheimnis mehr sein - die Leute die da sind feiern die Crew entsprechend ab, Tiesto und Grim 104 liefern viel Feierwürdiges, wobei man ganz klar sagen muss, dass Grims Songs nicht nur die Setlist dominieren, sondern der Rapper auch in Sachen Persona und Attitüde seinen manchmal etwas zu konventionell agierenden Kollegen aussticht. Am Ende verlasse ich den Club mit beiden GWLT EPs und der Grim 104 Platte auf Vinyl, ohne Downloadcode natürlich.
Was habe ich sonst von der Berlin Music Week mitgenommen, die dann ja für mich Freitag in der Nacht schon vorbei war? Die Konferenzen brachten Impulse, stellten als großes Ganzes jedoch in Frage, ob es bei Musik wirklich nur ums Verdienen geht. Das Thema hat dominiert - vielleicht auch, weil es nun mal ein Zusammentreffen von Businessmenschen ist. Zwischen den Zeilen lugte jedoch hervor, dass es Gesprächsbedarf auch bei anderen Themen gibt; davon scheint man hier jedoch nicht viel wissen zu wollen. Vielleicht ist die Konferenz aber auch tatsächlich der falsche Weg. Vielleicht ist es wirklich besser rauszugehen und sich die Musik anzuhören, die wie die von GWLT die Themen einfach direkt zur Sprache bringt. Oder man kann sich einfach an Straßenmusikern erfreuen, so wie ich es Freitagnacht auf einer Brücke getan habe. Ob das jetzt First We Take The Streets, Berlin Flair oder am Ende doch schäbige Straßenmusik war ist ja auch erst mal sekundär, Hauptsache diese sehr krude Mixtur aus 70er Synthie und Turntable Gescratche klang gut, hat etwas ausgelöst. Es ist banal, aber vielleicht muss man wirklich mal wieder einen Schritt zurück gehen und dieses ganze System hinterfragen. Vielleicht kann man darüber mal wieder sprechen, wenn die Industrie neue Wege gefunden hat die frisch entfesselte Musik wieder einzusperren.
Die Berlin Music Week 2014 hätten Sie besuchen sollen, wenn Sie: eine Mischung aus Geschäftsoptimierung und Sinnsuche schätzen/keine großen Namen brauchen/gerne frische Künstler entdecken
Konzert: Sean Paul, 10.05.2014, Rockhal
Im Zusammenhang mit Sean Pauls Auftritt in der Rockhal von einem Konzert zu sprechen ist eigentlich in hohem Maße irreführend. Sollte also irgendjemand tatsächlich ausschließlich wegen der Musik gekommen sein: die hätte man mit einer passablen Heimanlage wohl ähnlich auch zu Hause rekonstruieren können. Man hätte außerdem nicht in einer schlecht gefüllten Rockhal deutlich zu lange auf die Hauptattraktion des Abends warten müssen mitten in einem Publikum, das so oder so ähnlich auch in einer x - beliebigen Großraumdisko stehen könnte. Die Outfits sind knapp, die Menschen aufgetakelt, die Stimmung ziemlich mittelmäßig. Ab und an lässt sich jemand finden, der tatsächlich ein grundsätzliches Interesse an Reggea und verwandten Musikrichtungen zu haben scheint. Diese Personen werden vielleicht beim passablen DJ fündig, der als Anheizer engagiert wurde. Sein Set kratzt zwar nur an der Oberfläche des Genres, aber er macht seine Arbeit durchaus ordentlich, dreht gegen Ende noch mal richtig auf und ja, dann könnte er eigentlich rauskommen, dieser Sean Paul.
Aber nein, das wäre nun auch wieder nicht richtig, halb neun, wäre ja gelacht, diese Zeit steht schließlich als Startzeitpunkt auf der Webseite. Nein, natürlich muss alles auf der Bühne noch mal gecheckt werden und das DJ Pult ausgesteckt UND von der Bühne transportiert werden (Arbeitsaufwand: ca. eine Minute). Parallel dazu muss man das tatsächlich irgendwie angeheizte Publikum natürlich mit drei Jahre alter, dafür aber umso lauter aufgedrehter Chartmusik füttern. Und weil die Stimmung da immer noch zu gut ist, wird die laute Chartmusik kurzer Hand durch sehr leise und sehr langweilige Reggea - Instrumentals ersetzt. Mittlerweile wartet man doch ein wenig entnervt, als um neun endlich das Licht ausgeht und zwei Männer ihren Platz hinter zwei Macbooks einnehmen. Es handelt sich bei den beiden Karikaturen (sie sehen so aus, wie man sich Männer vorstellt, die auf einem Sean Paul Konzert hinter Macbooks stehen und wahlweise Knöpfchen drücken oder in ein Mikrofon sinnlose Phrasen plappern) um ein Soundsystem namens Coppershot, das die Menge anheizen soll und dabei quasi die Rolle des DJs vorab ad absurdum führt. Eine Viertelstunde lang lassen die beiden Musik aus den Boxen bratzen, und besonders bei dem Doppel "Express Yourself" (von Diplo) und "Watch Out For This (Bumaye)" (von Major Lazer) fragt man sich, warum man auf diese oberflächliche Dancehall Veranstaltung reingefallen ist? Nur um mal behaupten zu können, man sei auf einem Sean Paul Konzert gewesen?
Ach nein, da war doch noch was: die Musik. Zugegebenermaßen pflege ich seit Jahren eine Schwäche für die Musik von Sean Paul und halte viele seiner Hits (zumindest bis hin zu "Tomahawke Technique") für ausgezeichnet unterhaltsame Partysongs. Aber wie eingangs erwähnt: wer wegen der Musik kommt, der verliert. Das wird spätestens klar, als der etwas Dickere der beiden Knöpfchendreher mit seinen Ansagen inklusive eines absolut lächerlichen Countdowns fertig ist, die Band (immerhin fünfköpfig abzüglich Coppershot) die Bühne betreten hat, man sich an das Dauerfeuer des LED Bildschirms im Hintergrund gewöhnt hat und das große Brimborium um den ersten Track des Konzerts mitsamt Konfettiregen und glorreich inszeniertem Auftritt des Performers Sean Paul anlässlich des ersten wirklich großen Hits "Get Busy" abklingt und man sich zum ersten Mal wirklich auf Sean Pauls Stimme konzentriert. Ein Unterfangen, das sich aus gutem Grund als äußerst schwer erweist: es gibt ein Playback, ein Back Up und natürlich den dicklichen Coppershot, der immer wieder in die Songs reinlabert. Schält man aus all diesem Blendwerk (zu dem auch ein durch die vielen Instrumente ziemlich überladener Sound gehört) die Stimme heraus, bleibt nicht viel übrig. Die Hälfte der Zeit kommt gar nichts, der Rest ist eine Mischung aus gesprochenem Wort und vereinfachten Melodien. Man hat nun natürlich die Wahl: regt man sich über etwas auf, was man eigentlich schon vorher wissen musste, oder lässt man sich vom völlig übertriebenen Sound, der Performance, der Videoleinwand, kurzum der gesamten Inszenierung blenden? Ich wähle Zweiteres und fahre eigentlich ganz gut damit.
Denn sieht man vom musikalischen Aspekt ab, wird tatsächlich einiges geboten auf diesem Konzert. Es gibt zwei äußerst geschickte Tänzerinnen, die den Spagat schaffen, die Bilder aus den Sean Paul Videos zum Leben zu erwecken ohne dabei an zweitklassige Prostituierte erinnern zu müssen. Eben jene Videos laufen regelmäßig über den Bildschirm und erinnern an die glorreiche Zeit, als Sean Paul noch ausschließlich auf dicke Beats, weite Klamotten und seine Dreads setzte. In den Videos gibt es mehr Frauen als man gucken kann, und so sehr das Ganze im Klischee des black music Schergen der mittleren 00er Jahre badet: es ist eine Freude, sich das Spektakel anzuschauen. Es gibt kaum Pausen, stattdessen wird Hit an Hit gereiht, mit (wie erwähnt, manchmal etwas zu) dickem Sound, der sogar die schwächeren neuen Songs in ein gutes Licht rückt. Bis auf "The Other Side Of Love" - dieses drittklassige Stück Synthesizer Verschnitt bleibt einfach ein textlich wie musikalisch miserabler Versuch, eine Ballade abzuliefern. Die gruseligen 80er Visuals tun ihr übriges um den Song zur Tortur zu machen. Am Ende regnet es noch mal Konfetti, und als bis auf "Ever Blazin'" wirklich alle Hits gespielt sind räumt die Truppe das Feld. 1 1/2 Stunden, mehr ist nicht drin - mehr braucht man aber auch nicht. Das gute Soundsystem bleibt aber natürlich, droht eine "Aftershowparty" an und fetzt das Schlechteste aus den Boxen, was der derzeitige Mainstream zu bieten hat. "#Selfie" treibt dann auch mich und meine Konzertbegleitungen endgültig in die Flucht. Ein letztes Mal gibt es ganz viel Lärm um ein Nichts namens Sean Paul. Aber der Lärm an sich war äußerst unterhaltsam.
Sean Paul verbuddelt sich unter viel Lärm für: Menschen, die gerne Großraumdiskotheken besuchen/im Mainstream badende Dancehallhörer/Bumstechnohörer mit einer milden Schwäche für Dancehall
Bericht: Record Store Day 2014
Obwohl ich Anfang des Monats noch Bedenken gegenüber der Musikindustrie hinsichtlich ihrer ökologischen Nachhaltigkeit geäußert hatte, mutierte ich natürlich in der letzten Woche binnen weniger Tage zu einem unkontrollierbaren Nervenbündel. Eingeweihte ahnen bereits: ich habe mich auf den Record Store Day vorbereitet. Das letztjährige Debakel sollte sich nicht wiederholen, als ich vollkommen desorientiert und ohne Erwartungen den Plattenladen meines Vertrauens betrat und nach Atem schnappend feststellte, dass sich dieses Mal einige Schätze in der Lieferung versteckt hatten. Wer gar keine Ahnung hat wovon ich spreche, dem sei Folgendes mit auf den Weg gegeben: der Record Store Day wurde 2007 in Amerika ins Leben gerufen um unabhängige Plattenläden zu unterstützen. Zur Erreichung dieses Ziels pressen Labels (häufig limitierte und exklusive) Sonderveröffentlichungen, egal ob von Alben, Eps oder Singles. Langsam schwappte der Trend rüber nach Deutschland und was 2012 noch recht lahm im Rex Rotari anlief, glich im letzten Jahr schon den großen Vorbildern. Natürlich war ich im letzten Jahr davon ausgegangen es gäbe erneut nichts Interessantes zu holen und hatte mich dementsprechend nicht vorbereitet. Dieses Jahr sollte alles anders werden: um Punkt elf wollte ich pünktlich zum Verkaufsbeginn vor Ort sein und mögliche Ziele hatte ich auch klar ausdefiniert. Da ich mich jedoch erst in der vergangenen Woche dazu entschlossen hatte, den Record Store Day in diesem Jahr exzessiv zu zelebrieren, ließ sich auf der Arbeit kein Ersatz für mich finden. Ich konnte also wie in den letzten Jahren erst mit dreistündiger Verspätung im Rex Rotari aufschlagen.
Das Problem an der ganzen Sache: ich war absolut überzeugt, sehr viele meiner Wunschplatten selbst zu später Stunde erhaschen zu können; besonderen Wert legte ich (wie vermutlich sehr viele Leute) jedoch auf die spektakuläre Neuauflage der "An Ideal For Living" Ep von Joy Division - und wenn das Rex überhaupt Exemplare hätte, wären diese wohl verdammt schnell ausverkauft. Es half alles Greinen nichts, ich musste nun mal arbeiten und kam verspätet. Als böses Omen verweigerte man mir und meinem Kumpanen in den frühen Morgenstunden des Tages bereits Tickets für das exklusive Coldplay Konzert in Köln; wir waren einfach zu langsam, wie prophetisch. Es musste eigentlich bitter enden, und so kam es natürlich auch. Mit besagtem Compagnon hatte ich mich für viertel vor zwei verabredet, doch als ich vor dem Laden ankam hatte ich bereits einen derartigen Tunnelblick entwickelt, dass eine Konversation nur noch in reduzierter Form möglich war. Hektisch eilte ich zu den Postkisten, in denen sich wie in jedem Jahr die begehrten Platten befanden. Fünf Kisten waren es dieses Mal, eine mehr als 2013, außerdem natürlich der obligatorische Singles - Pappkarton.
Wie von Sinnen fing ich an, den ersten Karton zu bearbeiten. Nur beiläufig stellte ich fest, dass es verdammt viel NOFX, Rancid und Bathory zu kaufen gab, aber nur sehr wenig von meiner eigenen Liste. Nach wenigen Minuten in denen ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte stand ich vor der letzten Kiste mit der bitteren Gewissheit, dass die Joy Division entweder weg war oder gar nicht erst den Weg nach Saarbrücken geschafft hatte. Von meiner Liste hatten es außerdem lediglich eine Sonderpressung der "Vol.3: The Subliminal Verses" von Slipknot, eine Live Ep von Pissed Jeans sowie die hochgradig unnötige Coldplay Single zu "Midnight" geschafft, die man natürlich aus reinem Protest nicht kaufen würde. Doch was nun? Nicht nur gab es kein Joy Division, sondern keine einzige Xiu Xiu Veröffentlichung, keine Charlotte Gainsbourg Single, die großartige "Mess On A Mission" Single sowieso nicht, ganz zu schweigen von der Oneohtrix Point Never Ep ...
Mit trübem Blick stand ich vor den Scherben meines Record Story Day Traumes. Aus Mitleid kam einer der Inhaber zu mir und erkundigte sich mit Blick auf den abgegriffenen Zettel in meiner Hand, nach welcher Veröffentlichung ich denn suche; er könnte mir sagen ob sie schon vergriffen sei oder gar nicht erst eingetroffen war. Natürlich fragte ich nur nach Joy Division, und wie zur Bestätigung erhielt ich zunächst mal ein heiseres Lachen. Ja, von der gab's sogar einen ganzen Stapel. War aber als erstes weg, generell der Wahnsinn was da los war, krasser Ansturm, fünf Leute gleichzeitig an einer Kiste, und die meisten von ihnen wollten "An Ideal For Living". Auf einen weiterführenden Plausch hatte ich nicht so richtig Lust, denn selbst wenn die Auswahl immer noch üppig war und es sicherlich einige Perlen zu entdecken gab: meine Perlen gab es nun mal nicht. In mir reifte ein Plan, den ich zuvor zwar im Scherz in Erwägung gezogen hatte, doch immer irgendwie ins Reich der Phantastereien verbannt hatte.
Gemeinsam mit meinem etwas weniger bedrückt wirkenden Kumpanen machte ich mich auf den Weg an die nächste Ecke, an der sich ein weiterer Plattenladen befindet - den jedoch niemand von uns jemals zuvor betreten hatte. "Humpty Records" ist der Name, der in meinem Unterbewusstsein etwas auslöste, mir aber keineswegs geläufig war, obwohl es das Geschäft schon ewig gibt. Von außen vermittelt er eher den Eindruck ein Laden für alles zwischen Sprayer - und Kiffer Utensilien zu sein. Vor wenigen Monaten hatte ich zum ersten Mal durch die Scheibe Schallplatten erspäht, tippte auf eine kleine Auswahl gängiger Hip Hop Alben und ließ die Sache auf sich beruhen. Nun hatte sich in diesem Jahr trotz bundesweit recht stabiler Teilnehmerzahlen die Liste von Record Store Day Kollaborateuren in Saarbrücken gleich verdoppelt: Humpty Records war der Gang beigetreten. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen der Sache nachzugehen, wäre im Schaufenster besagten Geschäftes nicht vor kurzem ein Record Store Day Poster aufgetaucht. Obwohl mich das sonstige, um Coolness bemühte Klientel des Ladens abschreckte beschloss ich an diesem Tag meine Vorurteile und Zweifel beiseite zu schieben und einzutreten.
Der Laden hat tatsächlich nur eine Ecke mit Platten, die sich jedoch nicht dem Hip Hop, sondern elektronischer Musik verpflichtet haben. Hinter der Theke standen zwei Gestalten, die sich irgendwie aus den 90ern rüber retten konnten, einer von ihnen bediente einen Plattenspieler von dem die Beschallung des Ladens ausging. Neben der Auswahl an Clubmusik lässt sich in den Regalen eine krude Mischung aus Indie, Hip Hop und Second Hand Schlager Platten finden. An der Wand sind besondere Schmuckstücke drappiert und tatsächlich war gestern von weitem bereits die Rolling Stones 7" erkennbar, die für den Record Store Day gepresst wurde. Es gab also tatsächlich RSD Artikel, doch ein flüchtiger Blick über das Sortiment ließ keine bemerkenswerten Platten erkennen. Erst nach genauer Suche im ganzen Laden fiel mir ein Exemplar der "An Ideal For Living" Ep auf, das zu augenblicklichem hysterischen Gekicher und nervösem Zittern meinerseits führte. Auf Nachfrage bestätigte der amüsierte Verkäufer, dass Humpty Records zwei der begehrten Platten ergattern konnte und erst eine bisher verkauft worden sei. In Ermangelung eines weiteren Exemplars entschied sich meine Begleitung für eine formidable sowie preiswerte David Lynch Remix Ep. Voller Endorphine ging es zurück ins Rex, wo langsam einige Kunden ihre vorbestellten Tüten in Empfang nahmen und vereinzelte Releases (bspw. eine Remixsingle, zu der die Tocos einen Song beisteuerten) auf magische Art und Weise auftauchten. Gainsbourg und Oneohtrix fehlten zwar immer noch, aber plötzlich wirkte diese Abwesenheit weniger bitter als zuvor.
Und weil man den Tag natürlich nicht nur mit einer Platte ausklingen lassen kann erstand ich noch oben erwähnte "Vol. 3: The Subliminal Verses" Sonderedition für schlanke 30,99 Euro, obendrauf gab es noch eine Ladung Konzerttickets deren Bestellung die Schlange an der Kasse ins Unermessliche wachsen ließ. Für kurze Zeit hatte ich sogar noch mit einer Box geliebäugelt die zehn Rereleases von Ed Banger 10" zusammenfasste, irgendwie erschien mir diese Investition ohne Option auf Download Codes (die bei RSD Platten im Gegensatz zum regulären Geschäft immer noch Mangelware sind) dann irgendwie doch ein bisschen verschenkt. Außerdem hatte ich bereits vorher die Information erhalten, dass die ein oder andere Bestellung sowieso liegenbleiben würde und bestimmt auch noch weitere Platten in der nächsten Woche ihren Weg ins Rex finden würden, also beließ ich es vorerst bei den beiden Erwerbungen und machte mich mit meinem Kumpanen auf den Weg zur neusten Saarbrücker Hipster Currywurst Bude.
Nach einer kurzen Diskussion der Ereignisse und einem hoffnungsvollen Blick darauf, dass die begehrte Ep ja vielleicht in der nächsten Woche noch eintreffen würde, trat ich zufrieden den Heimweg an und öffnete die Platten (Joy Division in schlichtem schwarz, Slipknot als genial groteskes Gatefold) und betrachtete meine Beute. Anschließend ließ ich mich von pitchfork darüber aufklären, was ich eigentlich unbedingt hätte kaufen müssen - doch letzten Endes ist diese Liste natürlich auch wieder vollkommen irrelevanter Stuss. Es gibt einfach zu viel am Record Store Day zu entdecken und vor allem zu kaufen, als das man jede anvisierte Veröffentlichung tatsächlich erwerben könnte. Die Hauptsache ist doch, dass man sich mal richtig gehen lassen kann und sich absoluten Quark wie die Sonderedition eines (natürlich bereits auf CD in meinem Schrank befindlichen) Slipknot Albums erwirbt, ohne ein schlechtes Gewissen deswegen zu haben. Nächste Woche folgt der obligatorische Restekauf, dann ist aber auch erst mal gut. In Anlehnung an meinen Kommentar, der sich auf ein Thees Uhlmann Statement bezog, würde ich gerne mit einem Zitat von Jan Delay schließen, der es sich bei mir jedoch mit seinem unsäglichen Rockalbum in das ich heute erneut reinhören durfte dermaßen verscherzt hat, dass ich seine Patenschaft gerne ignorieren würde und stattdessen den Typen verfluche, der sich gestern im Rex Rotari ernsthaft die limitierte "St. Pauli" Single mit einem gammeligen Remix als B - Seite gekauft hat. Die hätte meiner Meinung nach wie Blei in den Regalen stehen bleiben müssen. Doch so unversöhnlich zu enden ist natürlich auch eher unschön, also hier noch ein nettes Bildchen. Bis zum nächsten Jahr, lieber Record Store Day!
Die Liste begehrter Platten auf einem Bett aus Beute.
Der Record Store Day fand erneut statt für: Menschen, die gerne in Postkisten wühlen/Menschen, die gerne in Schlangen stehen/Menschen, die gerne teures Vinyl kaufen
Reinlesen: http://www.recordstoredaygermany.de/