Liste: Die 25 besten Alben 2021
GroĂe Beobachtungen gilt es erstmal abzulehnen, das ist klar. Dieses endlose Gelaber vor zehn Jahren z.B. von all jenen, die nun nur noch EPs rausbringen wollten und es dann doch nicht taten, oder aber die Rede von Playlisten und Zwei-Minuten-Tracks und Optimierung und Soundcloud und Produktion in höchster Geschwindigkeit vor eher fĂŒnf Jahren, von Abfall und IntensitĂ€t, das war immer auch ein wenig unaushaltbar, der lĂ€ssige Gestus all jener, die schon wissen, dass es nun zu Ende geht mit der Kunst und dann vermutlich auch der Kultur und frĂŒher oder spĂ€ter auch naja, und sich nun erstmal zurĂŒcklehnen und auf dem Kanon ausruhen, wohlwissend, dass die beste Zeit vorbei ist, oder eben der eher aufgekratzte Duktus jener, die sich in schier endloser Innovationskraft wĂ€hnen und immer schon im nĂ€chsten Trend hĂ€ngen. Wie gesagt: All das wĂ€re in seiner selbstberauschten Prophetie schon furchtbar genug, doch die Prognosen scheinen, ob nun selbsterfĂŒllend oder einfach nur geduldet, mit der Zeit irgendwie doch wahr zu werden.Â
Und da sind wir nun beim Format Album in den 20er Jahren - Spotify hat sich in unsere Leben gesaugt, ich habe Playlists aus dem groĂen Archiv schĂ€tzen gelernt, werfe gerne auch mal einen Blick darauf, welche Songs auf welchen Alben am meisten gespielt werden, was mir u.a. verrĂ€t, dass viele von euch doch unterwegs aussteigen, und ich kenne ja auch diese GefĂŒhle, irgendwann dann doch skippen oder - ganz anders - eben doch die ewig gleichen Songs in Endlosschleife setzen zu wollen. Es gab Momente in 2021, ein Jahr, in dem ich recht viel aktuelle Musik gehört habe, in denen habe ich mich gefragt, ob das Album nicht doch auch eher ein ĂŒberkommenes Habitus-Ding ist, das man nun mit genĂŒgend anderen Optionen im Nacken fallen lassen oder zumindest auf wenige Ausnahmen beschrĂ€nken kann. Wir werden eben alle nicht jĂŒnger.
Denn klar kann man das Album fallen lassen - es war aber schon immer neben der Single, dem Set, der Sendestrecke usw. einfach eine Art, Musik zu hören, und sie bleibt in einem Feld sich ausdifferenzierender Plattformen und Medien fĂŒr Musik ein Format, das in seinen dramaturgischen Möglichkeiten, als narratives Gravitationszentrum oder schlicht wirr interagierende Songsammlung unerreicht bleibt. Es gĂ€be also auch ganz andere Listen zu schreiben (okay, eine alte Erkenntnis, um die diesen Blog ĂŒberhaupt nur am Laufen hĂ€lt) - am Ende gab es aber auch 2021 doch wieder 25 Alben, die diese Liste ermöglicht haben. GröĂere Betrachtungen ĂŒber das Einkreisen und Ablehnen des eigenen Kulturpessimismus hinaus braucht es nicht; folgend stattdessen 25 kleinere Einlassungen.
25. Mastodon/Hushed & Grim
Zwischenstand: Das (nun auch nicht mehr ganz so neue) neue Mastodon-Album wĂ€chst, muss dazu aber in kleine Portionen zerschnitten werden. Denn machen wir uns nichts vor: Wo etwa "Crack The Skye" mit variierenden SonglĂ€ngen gewieft Dynamik erzeugte, da ist "Hushed And Grim" ein grauer Dunst aus FĂŒnfminĂŒtern, die sich auf den ersten Durchgang gröĂtenteils Ă€hneln - hier mal ein wenig nicht-genuin Rockiges, da mal ein wenig Sludge, vor allem aber viel getragenes Midtempo; Kompositionen zwischen Harmoniegesang und brechenden Riffs. Hervorstechende Melodien helfen, die Hoffnung nicht zu verlieren, ebenso wie die groĂwerkige Anmutung, die sich Mastodon hier mal wieder zumuten und mit der Pralinenschachtel-Struktur von "The Hunter" oder "'Once More Round The Sun" verbinden. Eigentlich halt ein geil ĂŒbermĂŒtiges, ĂŒberbordendes Album, wie es sich Rockbands aus altem Holz eben in dieser Karrierephase auch gegönnt hĂ€tten - und das also Menschen mit einer gewissen Wehmut, auch dank bittersĂŒĂ-triumphaler Momente wie "Gigantium" oder "Had It All", mitten ins Herz treffen dĂŒrfte. Und wenn es dort erstmal sitzt, darf es auch weiterwachsen.Â
24. Squid/Bright Green Field
Squid kommen ĂŒber Referenzen, legen sich zwischen tanzbar und anstrengend, liefern Post-Punk-Beats und nerven mit endlosen VortrĂ€gen, halten mit Funk bei der Stange, bis sich alles in auch wieder ebenso kopfzerfetzende wie kathartische Exzesse steigert, ĂŒberkandidelt, zermĂŒrbend - und gerade darin ein wohliger Tritt in allzu viel 80er-Nostalgie.Â
Ein Hauch von Nullerjahre-Weirdo-Indie weht durch diesen Hauch von Folk-Pop, der sich dann doch oft zusammenzieht, verdichtet, eine FlĂ€che bildet, auf der wir trĂ€umen, beobachten, dösen dĂŒrfen. Wo die einen Hype unken, öffnet mir Clairos zweites Album TĂŒren zu seltsamen Parallelwelten, in denen Adam Green nie in die Belanglosigkeit verdammt wurde und Bedroom-Pop nicht fad klingen muss.
Pose und Sound sind wichtiger als Songwriting ist weniger wichtig als ein Album wie ein orangener Strudel voll scharf-stumpfer Wellenschnitt-Kanten - besser gingen Pop und Hardcore in diesem Jahr - okay, vermutlich nur einmal zusammen. Aber immerhin, und sowieso: Weniger denken, mehr zucken.
21. Portrayal Of Guilt/Christfucker
Irgendwo, wo die Genres schon nach Schmutz und Dunkelheit benannt sind und man Namen riechen kann, gibt es einen Platz fĂŒr Platten wie "Christfucker", auf denen Leute Rock als Konzept einfach in die Ecke rotzen und schauen, was so drauf kleben bleibt. Auch hier kann man von Black Metal und Crust und Grind plappern, oder sich einfach genĂŒgsam in den Siff fallen lassen.
20. Wristmeetrazor/Replica Of A Strange Love
Andernorts sind Metal und Hardcore sauber poliert in ihrem jeweiligen Elend, denn: dissonant ist ja, was Wristmeetrazor da vollfĂŒhren. Sachen ĂŒberschlagen sich, es wird hektisch auf die Gitarre gekloppt, Töne schrillen und Stimmen schreien wie zu besten Screamo Zeiten. Nur hĂ€sslich muss es daher ja noch lange nicht sein, wenn man stattdessen auch mit "Last Tango In Paris" ein unwahrscheinliches Bullet-For-My-Valentine-Revival beschwören darf, wĂ€hrend hinten Deftones-Ambient und schwermĂŒtiger Posthardcore ĂŒber alles wachen. Wie die Leute das nicht lieben konnten, bleibt mir ein RĂ€tsel.
19. Backxwash/I Lie Here Buried With My Rings And My Dresses
Nicht nachgeprĂŒfter und nun auch nicht allzu erstaunlicher Fun Fact: Noch niemandem gelang es, zweimal hintereinander den Titel "Album des Jahres" auf Brennen Muss Die Liste! zu ergattern - vielleicht sowieso eher eine GefĂŒhlssache, weil der Nachfolger ja nie so toll sein kann wie diese eine Platte, ihr kennt das ja. Gerade bei "I Lie Here Buried With My Rings And My Dresses" lĂ€sst sich etwa nicht vernĂŒnftig davon sprechen, das Album sei schlechter als das rund ein Jahr zuvor veröffentlichte "God Has Nothing To Do With This Leave Him Out Of It" - ein rauer, 20-minĂŒtiger Ritt, teils sehr groĂzĂŒgig gesamplet, aber mit einer 2020 unerreichten Energie. Die hat Backxwash 2021 noch immer, geht aber stĂ€rker in die Breite, kooperiert viel, variiert Sounds und macht damit alles richtig, auch wenn es eben nicht nochmal Sommer 2020 ist und mir dieser gruselige Sound ins Mark fahren kann, weil: Da war er ja schon. Mit dem Wissen von 2022 kann man in jedem Fall versöhnlich sagen: Wichtiger, packender Schritt in der Sound-Entwicklung.
18. The Notwist/Vertigo Days
The Notwist sind: Indie-Nationalheiligtum, TĂŒftler, deren Musik sich scheinbar nur quer zu aktuellen Sounds schĂ€tzen lĂ€sst (dort dann aber richtig), vielleicht auch einfach ĂŒberschĂ€tzter Whitest-Boy-Alive-Quatsch, jedenfalls irgendwie hörbar eine Indieband des 20. Jahrhunderts. "Vertigo Days" ist: frei von Singles, also eher spröde, aber in einem wahnwitzigen Fluss, voller GĂ€ste, immer irgendwie anders, also eher sprudelnd, vielleicht auch ein bisschen egal, jedenfalls ein unverschĂ€mt frisches Album von alten Typen, die auch einfach Neon-Golden-Anniversary-Shows spielen könnten und gut wĂ€re.
Manche Platten hört man immer wieder, weil man nur darauf wartet, sie endlich nicht mehr gut zu finden. Manche hört man auch in stĂ€ndiger Angst, dass sich dieser Eindruck einstellt. In welche Kategorie Grima passen, kann ich nicht ganz sagen, aber ihr ĂŒberzogen-kaskadierender Black Metal ist mir so mit Schuhu und Georgel ins Herz gefahren, dass ich es gar nicht glauben konnte. Und je hĂ€ufiger ich nachgehört habe, um sicherzugehen, dass ich mich nur getĂ€uscht habe, umso hilfloser habe ich mich in diesem kristallinen Wunderland verloren.
16. Tyler, The Creator/Call Me If You Get Lost
Es gab da ja diesen Bruch bei Tyler, The Creator, so ca. zwischen "Cherry Bomb" und "Scum Fuck Flower Boy", in der Wahrnehmung und zwar nicht im Sound, aber darin, wie der Sound so geglĂŒckt ist. Und dieser Bruch hat dazu gefĂŒhrt, dass ich erst zeitverzögert gemerkt habe, wie sehr ich auf den stumpfen, rauen, frĂŒhen OF-Sachen hĂ€ngengeblieben bin (nĂ€mlich sehr). Auf dem Papier habe ich mich ĂŒber Soul und Pharrell-Williams-Werdung gefreut, gegriffen habe ich im Zweifel aber doch zu "Goblin". Auch "Call Me If You Get Lost" ist wieder verschachtelt wie zuletzt, mit viel zu vielen Tracks und Spielereien, und die 'RĂŒckkehr zum Rap' ist ja auch viel eher ein neuer Stil, den Tyler sich da ĂŒberwirft, aber immerhin: ein neuer Stil! Gute Gelegenheit, es nochmal zu versuchen. Und ja, doch, diese Beats, die mal wieder keine Hits tragen, irgendwie krude produziert, ineinanderkrachend, so dass die Gefahr besteht, dass am Ende alles einfach durchrauscht, aber hat man es mal in eine der kleinen Soundkammern geschafft, geht man irgendwie doch begeistert von einer zur nĂ€chsten, und hey, da sind herrlich gegrummelte Zeilen und oha, ein gespenstisch-gutes Lil-Wayne-Feature gibt auch noch - das hat mich eingekauft. Als Spektakel, als Bruch, als Platte.
Wer 2021 nicht mit halb geschlossenen Augen zu "Frailty" auf einen Bildschirm gestarrt oder mit sich bahnbrechender NervositĂ€t mindestens einmal "52 blue mondays" von der EP zu Beginn des Jahres weggeklickt hat, wer sich nicht von der durchgerechneten Pop-Punk-Pastiche ergreifen oder der heruntergerechneten Melancholie von "Goldfish" ergreifen lieĂ, hat 2021 nicht gelebt. (Danke ĂŒbrigens an Pitchfork fĂŒr das Zementieren des Starstatus mitsamt Digicore-Mythenbildung!)
14. Spiritbox/Eternal Blue
Metalcore, vor allem jener, der sich unangenehm-muskulös an eingĂ€ngigen Melodien versucht, ist eigentlich auch immer abzulehnen: Nicht aus grundsĂ€tzlichen GrĂŒnden, sondern eher aus Erfahrung, was dann wiederum fraglich macht, wie grundsĂ€tzlich diese Ablehnung sein kann, und wer so zweifelt, kann sich zwischen all der verkrusteten EnttĂ€uschung vielleicht doch noch fĂŒr "Eternal Blue" begeistern; muss es vielleicht sogar. Spiritbox gelingt auf ihrem DebĂŒt Unverhofftes: Nicht trotz, sondern wegen der Melodien zu gelingen, nebenbei auch noch Electronica in den Sound zu mischen und halt Hits wie "Circle With Me" zu schreiben, ohne den Fluss des Albums zu zerhacken. Bester Mainstream Metal 2021 (und vermutlich drĂŒber hinaus).
13. Mach-Hommy/Pray For Haiti
Ich glaube, souverĂ€n gerappter, gut getexteter Boom-Bap-Throwback-Grissel-Schepper-Hip-Hop ist vielleicht die Musik, ĂŒber die ich am wenigsten gerne Texte wie diesen hier schreibe, in denen man einfach nochmal erklĂ€rt, warum das alles so gut ist. Daher: "Pray For Haiti" ist gut, sehr gut sogar. (Beim nĂ€chsten Eintrag dieser Art werde ich statt einer Lobhudelei einfach eingangs skizziertem Eindruck nachgehen, nur, damit ihr Bescheid wisst und euch nicht wundert!)
12. Floating Points, Pharoah Sanders & the London Symphony Orchestra/Promises
Was war âPromisesâ eigentlich - Suite, Album, Schwirren im Jazz? So ganz wusste man es nicht, fĂŒr Banausen wie uns reichte ja aber eigentlich sowieso das irritierte, leicht ĂŒberreizte Abdriften, das dieses Treffen ins uns auslöste. Vielleicht also eher ein Ereignis.
Ein bisschen fĂŒhlt es sich an, als wĂ€re es der gleiche Song immer wieder, aber verdammt: Die klebrigen, wimmelnden FlĂ€chen, die Markus Siegenhort auf diesem Album erkundet, immer wieder in faszinierender, nur schwer zu fassender Eigenheit, sind eine der herrlichen 2021er Gelegenheiten, Blackgaze gemĂŒtlich ausklingen zu lassen.
Es war Nacht, ich sah einen Post zu dieser sehr erfolgreichen Single, "Driver's Licence", und es war einer dieser Momente, wo ich einen Song allein der Beschreibung nach mögen wollte, nur geklappt hat es nicht. Irgendwie doch zu seicht, schwebte so vorbei, ohne, dass etwas kickte. Aber die Ăsthetik des Videos hatte mich - sauber durchkonzipiert, relatable, aber kunstfertig, ein ausgebuffter Kompromiss, der voll aufging. Und da ist dann eben noch dieser Moment gegen Ende, wo der Song entgleitet und Rodrigo in einer Lorde-Swift-Anwandlung im Falsett nach unten purzelt, und da hĂ€tte ich schon wissen können: Da ist noch mehr. NĂ€mlich das klimpernde âDeja Vuâ, die verschrĂ€nkten Arme von âGood 4 Youâ, die stampfende Meta-OvertĂŒre âBrutalâ, und da sind wir noch gar nicht richtig in das Album getaucht, wo wir zu âTraitorâ schwofen, zu âJealousy, Jealousyâ mit Messerattrappen klappern und zu âHappierâ seufzen durften. Klar, "Sour" ist ein Remix, hat den Pop zwischen 2006 und 2013 sehr gut studiert, Paramore-Pop-Punk ebenso geschliffen wie den fĂŒhlig-minimalistischen Pop jĂŒngerer Zeit inhaliert, ist jeder Zeit bereit zur groĂen Geste, die ja auch "Driver's Licence" bemĂŒht - und von der ich mich irgendwann, nach endlosen DurchlĂ€ufen, auch endlich ergreifen lassen durfte.Â
Wer nie verstand, wie das Hop in den Triphop kommt, darf es durchaus als Lektion in Pop-Geschichte betrachten, wenn Hus KingPin die KlangĂ€sthetik der beiden ersten, zittrigen, gespenstischen Film-Noir-Platten Portisheads nimmt, sich teils auch gleicher Samples bedient und daraus wundervoll zwielichtigen Koksrap baut. Liest sich im Blog nach Gimmick, klingt aber wirklich fantastisch, gerade, wenn man Portishead schĂ€tzt - âPortishusâ besteht aber auch frei von Fan-Fiction.
8. Billie Eilish/Happier Than Ever
Billie Eilish ist ein Pop-Star klassischen Zuschnitts, irgendwie: Jugendbewegung, die ĂŒberschwappt, Hits, die man sich erst vorsichtig zuraunt und die dann aus jeder Anlage plĂ€rren, unnachahmliche Bilder, die etwas auf den Punkt bringen, eine Person irgendwo zwischen Enigma und Freundin. Was Billie Eilish nun eingespielt hat: Ein Pop-Album von nicht zwingend klassischem Zuschnitt, aber mit klassischer Grandezza. Erst etwas zu leise, aber dann eine croonende, sich vorsichtig ausstreckende und manchmal dann doch hart schiebende Post-Breakout-Platte, wie wir MĂ€uschen sie uns wĂŒnschen durften.
7. The Ruins Of Beverast/The Thule Grimoires
Unter den schwarzen OberflĂ€chen krabbelt und kribbelt es, darĂŒber weht und haucht es mystisch, alles flieĂt, Jazz-Drums, hohles Grölen, Melodien unweit des Pathos, und ab und zu knĂŒppelt mal wer drauf. Das ist anstrengend und entspannend zu etwa gleichen Teilen, vor allem aber herrlich verschrobenes, ausbalanciertes, ausgedehntes Post-Black-Elegien-Theater.
Irgendwie hatte ich mich von Maeckes langsam verabschiedet. Alles musste zu groĂ sein, irgendwie dabei dann aber doch auch auf Chart-KompatibilitĂ€t angepasst, und wo frĂŒher hervorragende Spannung entstand zwischen groĂer Idee und Dilettantismus, da war plötzlich eher so ein okayer Brei. Umso erstaunlicher nun âPoolâ: Fokussiert auf knapp ĂŒber 30 Minuten, mit den ĂŒblichen Maeckes-Verschiebungen in den Lyrics, mit Punches, in die die Musik eingebunden ist ("Wie es die Maschinen tunâ muss freilich gröĂtenteils auf einer Akustikgitarre funktionieren, plus Streichern fĂŒrs Pathos und Autotune fĂŒr den Posthumanismus), mit Anleihen an aktuelle Sounds ("Emilia"?), mit groĂen Pop-Gesten und wirren Samples - aber immer so, dass es irritieren und doch in Bann schlagen konnte. Vielleicht lag es auch an meiner Erwartungshaltung, vielleicht war auch das âExcl. Tapeâ als Bonus-Ausgleich tragender als gedacht; "Pool" ist jedenfalls ein unverhoffter, bisweilen auch im Ăberschwang bescheidener SpĂ€t-Triumpf aus dem Orsons-Lager (aka. eines Kerns der Vor-Phase des Rap-Hypes ca. 2011 plus/minus ein Jahr).
5. Deafheaven/Infinite Granite
An Deafheaven war geil, dass sie nach "Sunbather" den Metal-Anteil aufgedreht haben und eben nicht in den Shoegaze abgedriftet, also - in alter Genre-, vor allem Metal-Logik - gefĂ€llig geworden sind. Dann kam "Ordinary Corrupt Human Love" und war fast zerrissen zwischen den verschiedenen Wegen, die diese Band gehen könnte, forderte als Collage aber umso mehr. "Infinite Granite" knickt nun ein, ist einfach Shoegaze, oft sogar im Ton eher milde, mit einem fast ausnahmslos singenden Clarke und vereinzelten Eskalationen, die zu Standards jeder Rezension wurden. Und ja, dieses Album ist erstmal eine Zumutung in seinem schwachbrĂŒstigen Klang und der mangelnden Genre-Brechung, aber wem es gelingt, hinter die SchwĂ€chen zu blicken, hört eine Band, die sich wirr neben ihr Genre legt und aus eben jenen benannten SchwĂ€chen eine eigene, zart-verlorene Stimmung kreiert, die fĂŒr genau ein Album hervorragend funktioniert.Â
Die Hits waren von Anfang an da, doch die ganzen 15 Songs wirkten auf mich beim ersten Durchlauf unangenehm gestaucht, nicht wirklich flĂŒssig, bremsten sich aus, stolperten ĂŒbereinander und lagen dann etwas hilflos, nicht recht zu unterscheiden rum. Doch eigentlich war ich es wohl, der sich maulte, weil ich nicht mit "Glow On" mithalten konnte, das einfach alle zwei Minuten spĂ€testens ein neues Hardcore-Pop-Dragee in unsere Backen knallt und knacken lĂ€sst.
3. Arooj Aftab/Vulture Prince
So ganz kann ich bis heute nicht die gestrichene Schönheit dieser mit halb geschlossenen Augen vollfĂŒhrten Trauerverarbeitung begreiflich machen, aber versuchen wir es so: Ein Driften durch flatternde Klangfetzen, ein finsterer Pool aus Hall, Arooj Aftab lĂ€sst sowieso allem Platz, erlaubt sich mit âLast Nightâ sogar inmitten all der somnambulen Coolness ein StĂŒck Dub-Jazz, das vielen anderen zur Peinlichkeit gereichen mĂŒsste, hier aber eine ungeahnt sinistre QualitĂ€t entfaltet, vielleicht in NĂ€he irgendwo der frĂŒhen Massive Attack, aber primĂ€r eben an diesem seltsam vibrierenden Ort, durch den wir auch nur mit halb geschlossenen Augen, zwischen Referenz und Euphorie richtig gut taumeln können.
2. Black Country, New Road/For The First Time
Dieser zweite Platz schien schon Anfang des nun ja auch auslaufenden Jahres schlecht gealtert (neues Album schon lĂ€ngst da, SĂ€nger schon raus, Zukunft irgendwie trotz Beteuerung ungewiss, dieses Kapitel jedenfalls Geschichte), konnte jedenfalls nicht mehr ganz so euphorisch als Aufbruch verkauft werden, wie das eigentlich mal geplant war. Gleichzeitig macht die Geschichte âFor The First Timeâ zum perfekten Schnappschuss eines vollkommen wirren Projekts, Ă€hnlich dem hyperrealen Cover. Klezmer, Post-Punk, Post-Rock, Jam-Rock, Overacting, eine kommunardische Bande wie aus den frĂŒhen 2000ern, ein Sound, der quer zu allem liegt - manchmal so, dass es einen fast erdrĂŒckt. Genau das hat aber einen Nerv nochmal neu gekitzelt, der in den vergangenen Jahren schon fast ĂŒberstimuliert schien.
1.Halsey/If I Can't Have Love I Want Power
âIf I Canât Have Love I Want Powerâ lĂ€sst sich in seiner Gegenwart verorten, unweit all der anderen Leute aus einem diffusen Pop-Rap-Electro-Feld, die sich zuletzt gerne von Travis Barker warme Pop-Punk-Nostalgiedecken stricken lieĂen, in die sie sich nun problemlos kuscheln können. Halsey hat dabei auch schon mitgemacht, und daran ist nichts auszusetzen, nur weil es mir eher fad erscheint - es fehlen einfach meist Hits oder Finten im Sound oder irgendwas, das ĂŒber eine Blink-Attrappe hinausreicht. Wie es nun auf diesem Album um Hits bestellt ist, darĂŒber lĂ€sst sich streiten (der Erfolg hielt sich in Grenzen) - dass Trent Reznor und Atticus Ross (aka die Nine Inch Nails) Halsey kein Bett gebaut haben, sondern Dinge ausgehandelt wurden, das setze ich hier fest. Dieses vierte Album klingt nicht nach: WofĂŒr stehen wir, wie stecken wir das zusammen? Sondern: Was können wir gemeinsam miteinander anstellen? Dabei findet Halseys ja doch charakteristische Stimme willkommene Herausforderungen, Reznor/Ross (diese wahnwitzigen Kollabo-Kids mit diesem herrlichen MelodiegefĂŒhl und mangelnder Angst vor drohendem Stylertum) bringen einige FlĂ€chen ihrer Soundtracks unter, obendrauf gibt es aber auch schlagenden Synth-Pop, treibenden Dream Pop und ja, auch Industrial, es gibt das gesĂ€uselte âDarlingâ, das tickende âBells In Santa Feâ, das klackernde âGirl Is A Gunâ, es gibt einen Lauf fast ausnahmslos groĂer Songs, alle irgendwie Hit-tauglich, aber eben auch gemeinsam im Fluss. Mehr ist von einem Pop-Album kaum zu erwarten.