Der lügende Stoiker
Das einzige, das wir an der Welt ändern können, sind unsere Meinungen über sie. Das ist der Grundsatz der Stoa. Er verleitet Epiktet zur Aufforderung: Wenn dein Pferd stirbt, nimm es hin. Es ist gut. Wenn deine Frau stirbt, nimm es hin. Es ist gut. Wenn dein Tod naht, nimm ihn hin. Das ist gut. Das ist ein Glauben an die normative Kraft der Faktizität. An dem, was ist, können wir nichts ändern, unsere Meinung darüber schon. Was ist, ist absolut, was wir davon halten, relativ, und - das ist der Clou - unsere Entscheidung. Das Glück liegt im Auge des Betrachters, Schönheit ist irrelevant. Die Ermächtigung zum Glücklichsein, die dieser Grundsatz darstellt, zieht eine undurchlässige Mauer um den Ort, an dem wir Entscheidungen fällen. Undurchlässig zur Welt. Eine Meinung ist keine Tatsache. Wer auf den Gedanken verfällt, sein Glück durch das Behaupten falscher Sachverhalte zu synthetisieren, irrt. Wer falsche Meinungen äußert ebenso, denn er erzeugt bloß ein äußeres Glück, dass er zwar messen, aber nicht einmal in seiner Hand wiegen kann. Der wahre Stoiker ist vielleicht ein optimistischer Opportunist. Was hält uns davon ab, glücklich mit dem zu sein, was wir haben. Es ist - wie die Stoa fest stellt - eine Form der inneren Entscheidungsschwäche, ein seelischer Haltungsschaden. Vielleicht ist es aber auch das wissen darum, dass das Feld unserer Handlungen nicht auf unseren erdachten Innenraum beschränkt ist, dass wir Handwerker am Bau unseres Hauses, nicht bloß Innendekorateure sind. Wer die Erfahrung gemacht hat, dass seine Entscheidungen zu Handlungen führen und diese neue Tatsachen schaffen oder bestehende verändern - das heißt, wer an seiner eigenen Wirkmächtigkeit Anteil gewonnen hat - der wird sich schwer damit tun, bloß seine Meinungen über die Dinge u d nicht sein Verhalten unter ihnen zu ändern, um sein Glück zu versuchen. Stoisch darf nicht mit stur verwechselt oder übersetzt werden, denn beides steht sich eigentlich komplementär gegenüber. Stoisch, das ist bloß äußerlich ruhig, innerlich ein immerwährender Handel um die Richtigkeit der eigenen Einstellung. Sturheit dagegen der glaube an die Konsequenz, die den handelnden von seiner Meinung zur Tat führt. Die stillen, tiefen Wasser und die Überholspuren sind aber nicht die einzigen Handlungsmuster, die uns leiten. Vielleicht sind sie nur zwei Achsen, die eine weite Spielfläche aufspannen, die die spielenden Leben heißt.








