Philosophen sind der Wahrheit gegenüber Voreingenommen
Eine Lüge nur vom moralischem Vorurteil aus zu definieren bedeutet einen Zirkel. Wenn eine Definition i.e. lautet: Lüge =df eine für falsch gehaltene Aussage einem anderen gegenüber in der Annahme, dass der Kontext der Aussage einer ist, in dem die Norm gilt »Sage nicht, was du als falsch erachtest« (to lie =df to make a believed-false statement to another person while believing that the context is one in which the norm ‘Do not say what you believe to be false’ is in effect. SE, Definition of Lying and Deception, sixth alternative Definition of Lying, Zugriff März 2013), so wird die Lüge als bloßer Verstoß gegen ein äqivokes Verbot, das als Norm gilt, definiert.
Hier wird aber nicht die Lüge als Sprechakt definiert. Wenn ich bspw. jemanden töte, während die Norm gilt: »Du sollst nicht töten«, ist töten damit nicht als Handlung, sondern bloß als Zuwiderhandlung definiert. Jemand, der etwa wissen will, was man tun muss, um jemanden zu töten, könnte daraus keine Handlungsanweisungen beziehen, ebenso wenig, wie »töten« definiert wird.
Wenn ich mein Philosophisches Wissen daraufhin befrage, was eine Lüge ist, wird mir schnell bewusst, dass ich an einer Weggabelung stehe. Zum einen ist das Lügen Gegenstand der Ethik, die fragt, ob und wenn ja, wann es gerechtfertigt sein kann, zu lügen. Gleichsam ist mir klar, dass die Lüge als sprachliche Entität oder Handlung formallogisch beschreibbar ist. Die Frage, was eine Lüge sei, kann also Antworten zweierlei Art haben: zum einen, dass Lügen (unter diesen und jenen Bedingungen) richtig oder falsch, angebracht oder unangebracht, empfehlenswert oder zu vermeiden sei; und zum anderen, dass eine Lüge eine Aussage oder eine sprachliche Handlung dieser und jener Art sei. Die erste Entscheidung, die ich also treffen muss, um eine Antwort auf die Frage „Was ist eine Lüge?“ zu finden, ist, welcher Art diese Antwort sein soll. Dies ist zunächst nur eine Entscheidung darüber, in welcher Hinsicht (Disziplin) und auf welche Weise (Methode) ich die Frage angehe.
→ Was-Frage, statt moralisches Urteil, denn vor moralischem Urteil muss geklärt werden, wie ein moralisches Urteil korrekt in Bezug auf was (Passung von Lüge) getroffen werden kann.. ABER: Lüge als Sprechakt = nur in Kommunikation = Sozialgefüge möglich!
→ Was wird ausgeschlossen: »Warum lügen wir?«, »Was für (außersprachliche) folgen können Lügen haben?«
Was ist eine Lüge → Was nennen wir Lüge → kontrafaktische Aussage → NICHT: Mutmaßung / Irrtum / falsche Vorhersage → ABER: falsche Vorhersage präskriptiv (temporal) || Lüge präskriptiv (sozial / kommunikativ) => Intention in Lüge enthalten
AUCH NICHT: Betrug durch nonverbale Täuschung (Bsp.: Amtsanmaßung durch Tragen einer Uniform..)
Mit der Notwendigkeit von Intention beim Lügner verlassen wir die Ebene der Tatsachenbehauptungen und Sprechakte, und betreten das Terrain der beliefs, das sind eigener Glauben des Sprechens und intendierte Meinungen von bzw. Verhalten zu Aussagen beim Hörer
Lüge als Element von Sprache sozial bedingt NICHT: moralisch beurteilt (Bsp: Sozialprestige Münchhausens) → Kontrafaktizität: Lüge als kontrafaktische Aussage, Fakten überprüfbar durch Gegenüber (=demonstrative Fakten, reliable facts) → Lüge und Streit: über den Inhalt einer Lüge kann man nicht streiten, wie über ein Geschmacksurteil, gelogen habe ich, wenn ich etwas anderes behaupte, als tatsächlich der Fall ist → Lüge und Literatur (»Das kann doch nicht wahr sein!«) → Was ist der Unterschied zwischen einer sozial akzeptierten Lüge (Münchhausen, Seemannsgarn) und einer sozial nicht akzeptierten Lüge? = Das Wissen um die Tatsache, das Aussage Lüge ist! → Was ist, wenn wir nicht wissen, ob die Aussage eine Lüge ist und die Fakten für uns nicht verifizierbar sind? Bloße Meinung? Vertrauen? → versteckte vs. Offene Lüge
Lüge und Notwendigkeit I: Lüge 1. Grades: Wissen des Sprechers, dass behauptete Tatsache notwendig falsch ist, 2. Grades: Zufällige Wahrheit der Aussage wiegt weniger als die Intention zu betrügen (= wenn die Aussage zufällig zutrifft, hat der Lügner, qua Intention zu betrügen, immer noch gelogen, im Glauben, seine Behauptung sei die einer falschen Tatsache)
Offene Lüge + Literatur → v. Doderer: pseudologisches System → Lüge und Notwendigkeit II (Logik): entweder richtiger Schluss aus falschen Prämissen, oder falscher Schluss aus richtigen Prämissen = 1. Alltagserfahrung, 2. gegen die Alltagserfahrung, Literatur, sofern falsche Prämissen als bloße HYPO-Thesen erkennbar
moralische Schlussbetrachtung
Struktur der Lüge: kontrafaktische Aussage, nicht als Lüge markiert, Fakten nicht verifizierbar, Implikation von notwendigen Schlüssen aus Lüge … Liegt die moralische Verwerflichkeit an der bloßen Form? Versuch eines Gegenbeispieles einer Aussage, die die Kriterien erfüllt, die wir aber nicht als Lüge bezeichnen würden (UNGLEICH: Diskussion über gerechtfertigte Lügen, weil hier keine Argumentation über Rechtfertigung sondern über Beschaffenheit von Aussagen) ...