Yeah, ich komm' nicht klar, das ist ein Kopffick
Mein Kopf fickt schon wieder.
-Kasimir1441
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Yeah, ich komm' nicht klar, das ist ein Kopffick
Mein Kopf fickt schon wieder.
-Kasimir1441
Schreihals & Co.
Ich reiche den Euro über die gläserne Theke, über den dampfenden Kaffee und das trockene Brötchen in der Papiertüte. Der Sonderpreis frühmorgens, das Brötchen von gestern und der erste Kaffee von heute sind nur für mich. Weil ich wohl etwas heruntergekommen aussehe mit meinem wuchernden Bart und den langen Haaren und weil die junge Bäckereiverkäuferin mich kennt. Vom Sehen zumindest, fast jeden Morgen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, das Missverständnis, als obdachlos und bedürftig zu gelten, nicht aufzuklären. Doch so lasse ich der jungen Verkäuferin mit ihrem strengen Dutt aber auch ihre Großmütigkeit und das Wissen um unser beider Geheimnis. Auf der Rückseite des Bahnhofs schläft Bruno noch unter einem Haufen Zeitungen, den Kopf auf einem riesigen Rucksack gebettet. Ich ihm den duftenden Kaffee vor die Nase, lege die Papiertüte mit dem Brötchen daneben. Bruno erwacht, erschrickt, erkennt mich, richtet sich auf und nimmt wortlos den Pappbecher in beide Hände, als würde er sie unverzüglich daran wärmen müssen. Durch seinen dichten, schwarzen Bart pustet er auf die schwarze, dampfende Oberfläche. Mein Blick fällt auf die Zeitungen, unter denen Bruno geschlafen hat. Aktuelle Ausgaben von Tageszeitungen, die Bruno nachts oder in den frühen Morgenstunden aus Briefkästen geklaut hat. Weil sie noch sauber seien im Gegensatz zu den alten Zeitungen aus den Mülltonnen. Bruno schläft gern in frischem Bettzeug. Es riecht nach trockenem Papier und steriler Druckerschwärze, auf die bereits Strahlen einer warmen Morgensonne gefallen sind. „Brauchst du den noch?“, frage ich und deute auf den Weserkurier. Bruno, der das Brötchen ausgepackt, in unglaublicher Geschwindigkeit gegessen und gerade den letzten Bissen in seinen Mund gestopft hat, schüttelt stumm kauend den Kopf. Ich nehme die Zeitung, falte sie zusammen, klemme sie unter meinen Arm. „Also, bis bald, Bruno!“ Bruno hat den Kopf in den Nacken gelegt, den letzten Schluck Kaffee getrunken und winkt mir nach. Er lächelt etwas, als sei ihm warm geworden.
Die Türe im zweiten Stock des engen Treppenhauses ist nur angelehnt und ich trete ein. Wie immer, nur etwas früher als sonst. In der engen, fast quadratischen Diele, in der man sich kaum umdrehen kann, schlägt mir abgestandener Zigarettenrauch entgegen. Im angrenzenden, vermutlich einzig größerem Zimmer, liegt eine Matratze auf dem Boden, stehen ein niedriger Tisch, ein Sessel und ein knarzender Stuhl. Vom Schreihals keine Spur, doch ich höre ihn, er muss in der schmalen Kammer stehen, die wohl die Küche ist, die ich aber noch nie gesehen habe. Ich kenne nur diesen einen Raum mit dem gelben oder gelb gewordenen Schaumstoff an der Decke, den blau bepinselten Wände. Bulgakov auf dem niedrigen Tisch, und beim letzten Mal Machiavellis Fürst. „Der ist doch witzig!“, hatte Schreihals gebrüllt und kehlig gelacht. Jetzt schrie er aus der schmalen Küchenkammer: „Hättest mich fast geweckt!“ „Aber nur fast“, rufe ich zurück. Ich versuche immer, bei der Lautstärke etwas mitzugehen. Der Schreihals schreit, also schreie ich auch. Oder rufe zumindest. „Heute wieder Fußball, Schreihals? Endlich wieder, wa?“ „Joa, joa“, brüllt der Schreihals und kommt aus der Kammer geschlurft. Seine winzigen Augen sind hinter Stirn- und Wangenfalten und einem Vorhang aus dünnen, strohigen Haaren versteckt. „Was kann ich’n für dich tun?“, fragt der Schreihals und zeigt lächelnd riesige Zähne, die erstaunlich weiß sind. „Für 150, geht das?“, frage ich. „Joah, joah“, stößt der Schreihals hervor. „Hatte gestern Geburtstag!“ „Oh, Glückwunsch…“, versuche ich einzuschieben. „Das ist ein Scheißtag!“, brüllt der Schreihals. „20. Januar! Tag der Wannsee-Konferenz! Und jetzt das mit dem Trump!“ „Achja, stimmt“, sage ich. „Aber du bist doch ganz gut geraten!“ Der Schreihals brüllt vor Lachen, „Joah, joah“, und verschwindet. Ich breite Geldscheine neben dem „Meister und Margarita“ aus. Lege den zusammengerollten Weserkurier daneben. „Ich hab’ hier auch deine Zeitung, wie immer.“ Der Schreihals tritt aus dem Kämmerchen. Er knippst ein durchsichtiges Tütchen zu, seine Augen sind noch winziger, so lächelt er. „Danke, danke“, schreit er und wirft das Plastiktütchen auf den Tisch zwischen Weserkurier, Bulgakov und Geldscheine. „Weißt ja, geh nicht mehr raus“, brüllt der Schreihals, „lasse liefern!“, und lacht und lacht. Ich nehme das Plastiktütchen vom Tisch, zwei kleine Würfel Haschisch. Manchmal frage ich mich, wie viel der Schreihals in seinem Kämmerchen auf Lager hat. Allein für sich selbst braucht der Schreihals Unmengen, um irgendwann, meist gegen Nachmittag, nicht mehr so schreien zu müssen. „Also, bis zum nächsten Mal“, sage ich zwinkernd. „Jaahaa!“
Auch Diana braucht das Hasch, um sich zu beruhigen. Eher noch, um sich zu betäuben. An der Türklingel des Hauses, das wie ein Mehrfamilienhaus aussieht, steht nicht „Diana“, sondern „Sunny“. Darüber, darunter, daneben andere weibliche Namen, die es eigentlich gar nicht gibt. Ich klingel, manchmal muss ich warten, doch so früh am Tage nicht. Diana, die vielleicht nicht einmal Diana heißt, sieht ihn vermutlich durch den Spion, dann öffnet sie. „Hey!“ Ich sehe, dass sie sich freut. Diana arbeitet bereits. Sie macht auf Schuldmädchen, trägt einen kurzen Schottenrock und Strümpfe, eine weiße Bluse, nur locker unter den Brüsten geknotet, geflochtenen blonde Zöpfe. Die Augen in ihrem zu jung geschminkten Gesicht sind jedes Mal gleich müde, gleich alt. In ihrem Zimmer, das auch das Zimmer ist, in dem sie tatsächlich wohnt, quellen Pizzakartons aus einem offenen Schrank, den Diana rasch schließt. An einem Waschbecken stehen Zahnbürste, Mundspülung, Deo und Raumspray, das süßlich duftet. Ich setze mich zu ihr auf das Bett, auf dem eine fleckige Wolldecke ausgebreitet ist, und lege einen Klumpen Haschisch darauf. „Danke, Lieber“, sagt Diana leise, schlägt die Augen lieblich für mich auf und streicht mit der Hand meinen Oberschenkel entlang hoch zu meinem Schritt. „Heute nicht, Liebe“, sage ich. Sie macht es umsonst für mich, weil ich ihr Sachen bringe, meistens etwas zu rauchen. Nur mit der Hand, weil ich es nicht anders will, und manchmal mit dem Mund, sogar ohne Gummi, wahrscheinlich, weil sie mich mag. Aber heute nicht. „Viel zu tun“, sage ich. Sie rückt trotzdem etwas näher, ihre Fingerspitzen kraulen vorsichtig meinen Nacken, sie bettet ihren Kopf an meine Schulter. Ich lege den Arm um sie und genieße den Moment. Manchmal reden wir nur, oder besser gesagt, hört Diana mir zu, denn ihr Deutsch reicht nicht für ein echtes Gespräch. Heute sitzen wir nur da. „Habe ich noch was für dich“, sagt sie irgendwann. „Für Pater Johann.“ Sie gibt mir einen einfachen Briefumschlag, in dem sich etwas Weiches befindet, drückt ihren Lippenstiftmund darauf, der als roter Abdruck zurückbleibt. Plötzlich klingelt es, ein hartes, mahnendes Schnarren. Diana erschrickt: „Du muss…“ „…los“, ergänze ich und steh auf. Im Treppenhaus begegnet mir ein feister Kerl, der zu Sunny will.
Pater Johann wohnt im Gartenhaus des kleinen Pfarrhofs am Rande der Stadt. Ein Akt der Gnade des amtierenden Pfarrers, denn Pater Johann ist vor einigen Jahren erst der Sünde, der des Fleisches, und dann einer Krankheit verfallen. In der Nachbarschaft weiß inzwischen niemand mehr, dass er hier lebt, lebte, stirbt. Die Wohnungstür des Paters ist nie verschlossen, denn wer besucht schon einen Sterbenden. Pater Johann liegt unter einer zerschlissenen Decke. Sein Körper hebt und senkt sich darunter unter flachen Atemzügen und sein Gesicht ist fahl, fast nur ein Schädelknochen mit Augen. Ich lege den Umschlag mit dem Kussmund auf die gewölbte Bettdecke. Pater Johann lächelt etwas, so wie er gerade noch lächeln kann. „Dank’ dir, mein Sohn“, flüstert er. Dann fährt er fort; weitere Worte, Sätze, Verse, die ich jedoch nicht mehr verstehen kann. Sie sind nicht an mich gerichtet, sie sind ein Gebet - für Diana. Ich kenne Pater Johann seit über dreißig Jahren. Er hat Else und mich getraut, eine kleine Hochzeit, nur die Brauteltern, zwei Trauzeugen und Else und ich. Damals war Pater Johann bereits weißhaarig, ich selbst war jung und Else jung und gesund. Eine weiße, knorrige Hand taucht unter der Bettdecke auf, greift nach dem Umschlag, führt ihn zur winzigen Nase, die daran riecht. Dann verschwinden Hand und Umschlag unter der Decke. Selbst nur noch Knochen, bleibt Pater Johann dem Fleischlichen nun auch nicht mehr fern - sein Gott möge es ihm verzeihen! Wieder erscheint die weiße Hand, nun ohne Umschlag, und Zeige- und Mittelfinger zeichnen ein Kreuz in die Luft. „Gesegnet seist du, gesegnet sei deine Frau Else“, krächzt der Pater dünn. Ein paar Minuten bleibe ich noch am Bett Pater Johanns stehen, dessen Augen sich jedoch längst nach innen gewendet haben, dorthin, wo sie Zuflucht finden: in die Lust, in Gott oder die Ewigkeit. Eine Verabschiedung gibt es nie, auch heute nicht. Dann muss ich weiter und weiter.
Als ich am Abend nach Hause komme, finde ich Else in dem alten Lesesessel sitzend. Um sie herum, auf dem Boden, dem niedrigen Couchtisch, dem Küchentisch, an den Wänden und auf Elses Beinen, überall handbeschriebene Seiten, ein klares Schriftbild einer unleserlichen Schrift. Sie registriert mich kaum, hält einen Spiralblock und Stift in den Händen und schreibt und schreibt. Ich lege sorgsam einen Stapel Papiere vom Küchenstuhl auf den Tisch und setze mich zu ihr. Es vergehen Minuten, manchmal sind es sogar Stunden. Dann blickt sie endlich auf und ihre kranken Augen leuchten mich an und sie sagt warm und dankbar ein einziges Wort: „Erzähl!“
Neues vom Schreihals
Dieses Mal kommt der Schreihals mir bereits auf der Straße entgegen. Es ist halb Zwölf morgens, seine winzigen Augen sind glasig, doch er erkennt mich erstaunlich schnell. „Musste mal raus!“, schreit der Schreihals. „Mit den Leuten hier über das Kapital reden! Marx! Hab ich doch gelesen, auch Band zwei und drei!“ Der Schreihals schwankt etwas, lehnt sich federnd gegen die Hauswand. „Schon einiges intus, joah joah, aber weißt ja, bei mir wirkt’s nicht!“ Das hatte der Schreihals mir tatsächlich schon erzählt, dass er nicht betrunken werden würde. Auf 4,2 Promille habe er sich, rein rechnerisch, mal hochgesoffen. Deutlich über der lebensbedrohlichen Menge. Der Schreihals schließt auf, und ich bin unsicher, ob ich ihn vorlassen oder selbst zuerst gehen soll. Dieselbe Frage stellt sich im Treppenhaus, bis er schließlich voran geht und auch die Resonanz des Treppenhauses den Schreihals nicht leiser reden lässt. „Was braucht man denn, um eine Gesellschaft aufzubauen? Religion? Da fängt es an…“ Der Schreihals dreht sich zu mir um und nickt verschwörerisch. „Und Wirtschaft, immer Wirtschaft, das ist wichtig - aber warum eigentlich?“ Ich versuche, dazwischen zu kommen und die Lautstärke im Treppenhaus wenigstens kurz herabzusetzen. „Hast Du mal ‚Malevil‘ von Robert Merle gelesen? Da geht’s genau darum, wie man einen Gesellschaft von Null auf…“ „Was willst du denn anderes wählen als Links?“, fragt der Schreihals etwas ruhiger, aber immer noch laut. „Ich mach im September mein Kreuz so weit links wie möglich! Was denn sonst!?“ Wir sind vor seiner Wohnungstür angelangt, er schließt auf und ich folge ihm in seine Einzimmerwohnung. Auf dem Wohnzimmertisch liegen, immer noch, Bulgakov, und seit neustem ein Sprachlehrbuch: „Cursus continuus - Latein - Texte und Übungen“. Der Schreihals lässt sich in seinen Ledersessel fallen, seine Schultern sacken nach vorne. Vor seinem klumpigen Gesicht stehen einige Flaschen Becks. „Was soll ich denn machen, wenn nicht mit den Leuten reden?“, fragt der Schreihals. „Hab keine Frau, keinen Job, ich hab nicht mal n Girokonto. Bin jetzt 63, Januar, da hatte ich Geburtstag, und was mach ich - ich verkauf Shit!“ Der Schreihals reibt sich die winzigen Augen. „Mein Kopf ist unterfordert, weiß gar nicht mehr, was der noch kann! N' Kumpel bringt mir immer mal Bücher, damit ich nicht verblöde!“ Er lacht und weist auf den „Cursus continuus“. Doch sein Lachen klingt nicht so wie sonst; nicht wie ein Lachen. Mir fällt zum ersten Mal eine kleine Buddahstatue auf, die auf einem niedrigen Tisch neben der Matratze steht. Ich versuche dazwischenzukommen: „Naja, vielleicht ist das eben dein Weg, weißt Du, lesen, Shit verkaufen…“ Der Schreihals hat mich nicht gehört, aber er ist auf einmal ganz still. Er reibt sich unauffällig Tränen aus den winzigen Augen. „Naja, will dich auch nicht zuschwallen!“, schreit er dann. „Brauchst was zu rauchen, ne!? Joah joah!“ Er steht auf und verschwindet in seinem Kämmerchen. Ich frage mich, ob ich selbst glaube, was ich da gerade sagen wollte. ‚Vielleicht ist das eben dein Weg‘… vielleicht gut, dass der Schreihals mir nicht zugehört hat. Ich selber kann kein Latein, und Marx hab ich auch nie gelesen. Aber ich habe zuhause Else, meine Frau, der ich die Geschichten bringe. Ich breite Geldscheine auf dem „Cursus Continuus“ aus, einhundert Euro. Der Schreihals kommt aus dem Kämmerchen zurück, steht vor mir in seinem schlabbrigen Sweatshirt und knipst das Plastiktütchen zu. „Clinton und Trump sitzen in einem Boot und das Boot geht unter. Wer wird gerettet?" Ich zucke die Schultern. "Amerika!“, brüllt der Schreihals, zeigt seine riesigen Zähne und biegt sich vor Lachen. Ich kenne den Witz zwar schon und er ist inzwischen veraltet, aber ich lache herzlich mit. „Hast noch ne Minute? Ich zeig Dir was!“ Der Schreihals lässt sich wieder in seinen Ledersessel plumpsen, die Becksflaschen auf dem Tisch klirren, und er schaltet seinen riesigen Fernseher ein. Erstaunlicherweise hat der Schreihals in seiner winzigen Wohnung modernste Technik. Einige Zoll Fernseher, Festplatten-Recorder und Sky-Receiver. Meistens läuft hier pausenlos Sport, Fußball, Wintersport, Olympia. Doch jetzt sucht der Schreihals eine aufgezeichnete Sendung auf seinem Recorder. Es ist eine Satire-Sendung aus den Öffentlich-Rechtlichen und darin ein Lied über Erdogan, eine Cover-Version von „99 Luftballons“. „Guck ma, guck ma!“, sagt der Schreihals, die kleinen Augen auf den Bildschirm geheftet. Ich seh mir den Satire-Song an, finde ihn witzig, lache. Mitten im Song wird eine Türkin mit Kopftuch eingespielt, die sagt: „Ich liebe mein Präsident Erdogan! Er ist beste für Türkei und ganze Welt“. „Und du bist eine dumme Kuh!!“, brüllt da der Schreihals den Fernseher an und ich zucke heftig zusammen. Als der Song vorbei ist, versuche ich das Gespräch aufzunehmen. Oder überhaupt zu beginnen. "Tja, wer ist nun schlimmer, der Trump oder der Erdogan..." "1529 standen die Türken vor Wien!" brüllt der Schreihals. "Weiß heute keiner mehr. Ich red mit Pennern, Schülern und Akademikern. Akademikern! Ich weiß mehr als die!" Das glaube ich dem Schreihals, denn ich habe selbst studiert und hätte das Jahr der Türkenbelagerung nicht gewusst. Der Schreihals legt die Geldscheine übereinander, faltet sie zusammen und steckt sie in seine Hosentasche. "Das hau ich jetzt gleich wieder auf den Kopf! Muss jetzt auch wieder raus, mit den Leuten reden!", sagt der Schreihals. Ich stecke das Haschisch ein, stehe auf und drehe mich zur Tür, der Schreihals folgt mir. "Also, bis zum nächsten Mal", sage ich zwinkernd. "Joah, joah", sagt der Schreihals. „Tschuldige, wie heißt Du nochmal? Vergesse das immer…“ Ich sage ihm meinen Namen, doch er wird ihn wieder vergessen. Beim nächsten Mal bringe ich ihm den Roman "Malevil" mit, der davon handelt, wie man eine Gesellschaft aufbaut. Religion, Wirtschaft und so.
Die Türe im zweiten Stock des engen Treppenhauses ist nur angelehnt und er tritt ein. Wie immer, nur etwas früher als sonst. Ihm schlägt abgestandener Zigarettenrauch entgegen. Die enge, fast quadratische Diele, in der man sich kaum umdrehen kann. Dann das eine, vermutlich einzige größere Zimmer, in dem eine Matratze auf dem Boden liegt, ein niedriger Tisch, ein Sessel und ein knarzender Stuhl stehen. Vom Schreihals keine Spur, doch er hört ihn, er muss in der schmalen Kammer stehen, die wohl die Küche ist, die er aber noch nie gesehen hat. Er kennt nur diesen einen Raum. Gelber oder gelb gewordener Schaumstoff an der Decke, blau bepinselte Wände. Bulgakow auf dem niedrigen Tisch, und beim letzten Mal Machiavellis “Fürst”. „Der ist doch witzig!“, hatte Schreihals gebrüllt und kehlig gelacht. Jetzt schrie er aus der schmalen Küchenkammer: „Moin, hättest mich fast geweckt!“ „Aber nur fast“, ruft er zurück. Er versucht immer, bei der Lautstärke etwas mitzugehen. Der Schreihals schreit, also schreit er auch. Oder ruft zumindest. „Heute wieder Fußball, Schreihals? Endlich wieder, wa?“ „Joa, joa“, brüllt der Schreihals und kommt aus der Kammer geschlurft. Seine winzigen Augen sind hinter Stirn- und Wangenfalten und einem Vorhang aus dünnen, strohigen Haaren versteckt. „Was kann ich’n für Dich tun?“, fragt der Schreihals und zeigt lächelnd riesige Zähne, die erstaunlich weiß sind. „Für 150, geht das?“, fragt er. „Joah, joah“, stößt der Schreihals hervor. „Hatte gestern Geburtstag!“ „Oh, Glückwunsch!“, versucht er einzuschieben. „Das ist ein Scheißtag!“, brüllt der Schreihals. „20. Januar! Tag der Wansee-Konferenz! Und jetzt das mit dem Trump!“ „Ah, ja, stimmt“, sagt er, „aber du bist doch ganz gut geraten!“ Der Schreihals brüllt vor Lachen. „Joah, joah“ und verschwindet im Kämmerchen. Er breitet Geldscheine neben dem “Meister und Margarita” aus. Legt den zusammengerollten Weserkurier daneben. „Ich hab hier auch Deine Zeitung, wie immer.“ Der Schreihals tritt aus dem Kämmerchen. Er knippst ein durchsichtiges Tütchen zu, seine Augen sind noch winziger, so lächelt er. „Danke, danke“, schreit er und wirft das Plastiktütchen auf den Tisch zwischen Weserkurier, Bulgakow und Geldscheine. „Weißt ja, geh nicht mehr raus“, brüllt der Schreihals. „Lasse liefern!“ Und lacht und lacht. Er nimmt das Plastiktütchen vom Tisch, zwei schwere kleine Quader Haschisch. Er fragt sich manchmal, wie viel der Schreihals in seinem Kämmerchen auf Lager hat. Allein für sich selbst braucht der Schreihals Unmengen. Um irgendwann, meist gegen Nachmittag, nicht mehr so schreien zu müssen. „Also, bis zum nächsten Mal!“, sagt er zwinkernd. „Jaahaa!“, schreit es ihm freundlich hinterher.
Auch Diana braucht das Hasch, um sich zu beruhigen. Eher noch, um sich zu betäuben. An der Türklingel des Hauses, das wie ein Mehrfamilienhaus aussieht, steht nicht „Diana“, sondern „Sunny“. Darüber, darunter, daneben andere weibliche Namen, die es eigentlich gar nicht gibt. Er klingelt. Manchmal muss er warten, doch so früh am Tage nicht. Diana, die vielleicht nicht einmal Diana heißt, sieht ihn vermutlich durch den Spion, dann öffnet sie ihm. „Hey!“ Er sieht, dass sie sich freut. Diana arbeitet bereits, die trägt etwas, das seine Mutter früher bei weiblichen Teenagern als „Berufsbekleidung“ bezeichnet hätte. Einen kurzen Schottenrock und Strümpfe, eine weiße Bluse, nur locker über den Brüsten geknotet. Diana macht auf Schuldmädchen mit blonden, geflochtenen Zöpfen und einem zu jung geschminkten Gesicht. Nur ihre Augen sind jedes Mal gleich traurig, gleich müde, gleich alt. In ihrem Zimmer, das auch das Zimmer ist, in dem sie tatsächlich wohnt, quillen Pizzakartons aus einem offenen Schrank, den Diana rasch schließt. An einem Waschbecken stehen Zahnbürste, Mundspülung, Deo und Raumspray, das süßlich duftet. Er setzt sich zu ihr aufs Bett, auf dem eine fleckige Wolldecke ausgebreitet ist, und legt einen Klumpen Haschisch darauf. „Danke, Lieber“, sagt Diana leise, schlägt die Augen lieblich für ihn auf und streicht mit der Hand seinen Oberschenkel entlang hoch zu seinem Schritt. „Heute nicht, Liebe“, sagt er. Sie macht es umsonst für ihn, weil er ihr Sachen bringt, meistens etwas zu rauchen. Nur mit der Hand, weil er es nicht anders will, und manchmal mit dem Mund, sogar ohne Gummi, wahrscheinlich, weil sie ihn mag. Aber heute nicht. „Viel zu tun“, sagt er. Sie rückt trotzdem etwas näher, ihre Fingerspitzen kraulen vorsichtig seinen Nacken, sie bettet ihren Kopf an seine Schulter. Er legt den Arm um sie und genießt den Moment. Manchmal reden sie nur, oder besser gesagt, hört Diana ihm zu, denn ihr Deutsch reicht nicht für ein echtes Gespräch. Heute sitzen sie nur da. „Habe noch was für Dich“, sagt sie irgendwann. „Für Pater Johann.“ Sie gibt ihm einen einfachen Briefumschlag, in dem sich etwas Weiches befindet, drückt ihren Lippenstiftmund darauf, der als roter Abdruck zurückbleibt. Plötzlich klingelt es, ein hartes, mahnendes Schnarren. Sie erschrickt: „Du muss…“ „…los“, ergänzt er und steht auf. Im Treppenhaus begegnet ihm ein feister Kerl, der zu Diana will.
Pater Johann liegt unter einer zerschlissenen Decke. Sein immer noch voluminöser Körper hebt und senkt sich darunter unter flachen Atemzügen, doch sein Gesicht ist fahl, fast nur ein Schädelknochen mit Augen. Die Wohnungstür des Paters ist nie verschlossen, denn wer besucht schon einen Sterbenden. Noch dazu einen Pater, der außer seinem Leben ohnehin nichts mehr hat. Er legt den Umschlag mit dem Kussmund auf die gewölbte Bettdecke. Pater Johann lächelt etwas, so wie er gerade noch lächeln kann. „Dank Dir, mein Sohn“, flüstert er. Dann fährt er fort, weitere Worte, Sätze, Verse, die er jedoch nicht mehr verstehen kann. Sie sind nicht an ihn gerichtet, sie sind ein Gebet - für Diana. Er kennt Pater Johann seit über dreißig Jahren. Er hat Else und ihn getraut, eine kleine Hochzeit, nur die Brauteltern, zwei Trauzeugen und Else und er. Damals war Pater Johann bereits weißhaarig, er selbst war jung und Else jung und gesund. Eine weiße, knorrige Hand taucht unter der Bettdecke auf, greift nach dem Umschlag, führt ihn zur winzigen Nase, die daran riecht. Dann verschwinden Hand und Umschlag unter der Decke. Wieder erscheint die weiße Hand, nun ohne Umschlag, und Zeige- und Mittelfinger zeichnen ein Kreuz in die Luft. „Gesegnet seist Du, gesegnet sei Deine Frau Else“, krächzt der Pater dünn. Ein paar Minuten bleibt er noch am Bett Pater Johanns stehen, dessen Augen sich jedoch längst nach innen gewendet haben. Eine Verabschiedung gibt es nie, auch heute nicht. Dann muss er weiter und weiter.
Als er am Abend nach Hause kommt, findet er Else in dem alten Lesesessel sitzend. Um sie herum, auf dem Boden, dem niedrigen Couchtisch, dem Küchentisch, an den Wänden und auf Elses Beinen, überall handbeschriebene Seiten, ein klares Schriftbild einer unleserlichen Schrift. Sie registriert ihn kaum, hält einen Spiralblock und Stift in den Händen und schreibt und schreibt. Er legt sorgsam einen Stapel Papiere vom Küchenstuhl auf den Tisch, setzt sich zu ihr. Es vergehen Minuten, manchmal sind es sogar Stunden. Dann blickt sie endlich auf und ihre kranken Augen leuchten ihn an und sie sagt warm und dankbar ein einziges Wort: „Erzähl!“
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Die Schreihälse legen los. Mutter Rotkehlchen hat viel zu tun. . . . #rotkehlchen #robin #kücken #chick #schreihals #vogel #nest #vogelnest #wochenende #sonnabend #weekend #saturday #tier #garten #schreien #futter #füttern (hier: Stade)
EsKiMo MöSeN sInD eNtSeTzLiCh KaLt !! (Snipped)