Texte aus der Undwissenschaft, also der Kultur- und Rechtswissenschaft, der Medien- und Rechtswissenschaft, der Literatur- und Rechtswissenschaft oder aber der Bild- und Rechtswissenschaft spielen manchmal das Spiel good cop/ bad cop. In Rom wird das auch gespielt, dort etwa durch Cicero in der Version striktes Recht vs. flexible Rhetorik. Undwissenschaften spielen zwei Möglichkeiten unter anderem aus, um Recht, Kultur, Medien und Bildern ihre Vorsprünglichkeit zu sichern. Manche Texte sind dabei apologetisch. Gegen Apologien oder gegen die Apologie bestimmter Gesellschaftsformen ist gleichzeitig nichts und alles zu sagen. In der Regel zeichnen sich solche Texte auch durch eine Konsistenz nach innen und eine Inkonsistenz nach außen aus. Sie strahlen gleichzeitig Gemütlichkeit und Ungemütlichkeit aus. Sind sie präzise und klar geschrieben, dann geben sie dem, was sie verteidigen, eine gut erkennbare Kontur. Sie ziehen Linien wie Umrisse um das Verteidigenswerte. Je klarer die Linie, desto einfacher ist es, in solche Texte zu kommen und wieder hinaus. Man kann die Grenzen solche Texte sogar leicht 'überschreiten', leicht zwischen Zustimmung und Gegenstimmung wechseln.
Man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, dann lesen sie sich gut. Oder man muss sich nur ein bisschen Mühe geben, dann lesen sie sich schlecht. Es gibt nicht nur ein verfolgtes Schreiben, auch ein verfolgtes Lesen. Zensuren gibt es beim Schreiben und beim Lesen, denn beides ist zensiert. Und bei klargeschriebenen Apologien muss man nur kleine Schritte machen, um von einer gutwilligen Lektüre zu einer böswilligen Lektüre zu kommen. Ich fürchte, dass das zum Beispiel auch für diejenige Undwissenschaft gilt, die eine Apologie des Liberalismus betreibt. Und der einzige Trost ist wohl, dass das für alle Verteidigungsschriften gilt. Sie müssen halt was verteidigen. Wer Gegenvorschläge macht, braucht Gegner, er muss auch Gegenschläge führen . Da lob ich mir fast die Kuppel in der Chiesa della Madonna della Difesa in Montreal. Da muss man den Duce schlucken, da werden good cop und bad cop explizit gemeinsam ausgespielt. Aber wie gesagt: gegen solche Apologien kann man alles und nichts sagen.
Warburgs Polarforschung gehört nicht zum Genre der Apologien und Gegenvorschläge, aber man kann sie dazu machen. Gegenvorschläge gibt es schon genug, und die machen zum Beispiel Diagnosen dazu, welche Rechte, Kulturen, Medien und Bilder angeblich freundlicher und geselliger sind als anderen, welche angeblich mehr oder weniger Verständnis für Freiheit haben, welche angeblich dem Dogma der großen Trennung besser Folge leisten und welche das schlechter tun, welche angeblich über stärkere intermediäre Institutionen verfügen, welche hingegen schwächere; wo das "Vertrauen zwischen [?] Fremden" traditionell hoch, und wo es niedrig sei. Die Beschissenheit einer Lage kann und soll immer abgeschichtet und abgetragen werden, man kann alle Gesellschaften skalieren und bemessen und gewichten. Aber sobald das in die Form einer Apologie oder Verteidigungsschrift bestimmter Abstraktion gegossen wird, härtet die vage Praxis zum Gegenvorschlag aus. Aus Polarforschung wird entweder Polemik oder Polemousophie im pastoralen Gewand.
Vergleiche sind für Protokolle alle wichtig, sie sind für das Scheiden, Schichten, Skalieren, Messen und Mustern juridischer Kulturtechniken allesamt wichtig. Sie sind alle zu durchschauen, und dafür ist Polarforschung auch da, wie mit dem Spiel solcher Gewichtungen etwas gedreht, gewendet, gekippt und gekehrt wird. Aber wenn dann damit ein Vorsprünglichkeit bestimmter Institutionen, etwa westlicher Institutionen behauptet wird, verschalt alles, was gerade noch perlte, in der Sekunde der Niederschrift. Sobald die Inkommensurabilität auch nur an einer Stelle einseitig auf einer Außenseite verortet wird, produziert man einen Text, gegen den man nichts und alles sagen kann. Er schlägt seine Polarisierung ein, statt sich wie Polarforscher einerseits der Polarität auszusetzen, aber dafür auch etwas davon zu explizieren, die Polarität also auch auszuschlagen.
Knapp vorbei und erst recht daneben, ist ein Apologie, die am Ende jedes Lob der Differenz in der Formel einer Selbstorganisation aufhebt. Die Formel Selbstorganisation ist der Parmesan juristischer Nudeligkeit. Wär es lieber chinesisch mag: die Sojasauce juristischer Reisigkeit. Wer es tradionell deutsch mag: das Maggi juristischer Suppigkeit. Apologien der Selbstorganisation erzeugen mit ihren Kniffen zur Darstellung der Vorsprünglichkeit einer abstrakten Selbstorganisation Texte, die nach innen gemütlich sind. Das ist ein anderer Stil als das Hurragegröße von den selbstgenügsamen Siegerfiguren auf Warburgs Tafel 79, also vor allem von dem berühmten 'schwimmenden Souverän" aus dem Hamburger Fremdenblatt. Es ist ein andere Stil als das Hurragegröße der breitbeinigen Selberdenker, die man heute so oft mit ihren Flaggen und Schildern auf den Straßen sieht. Aber in ihrer Polarität sind solche höheren und niederen Stile der Selbstapologien aufeinander bezogen, wie Geselligkeit und Asozialität, Freundlichkeit und Unfreundlichkeit aufeinander bezogen sind. Der Einrichtung von Gegensätzlichkeit ist es egal, ob sie institutiert oder konstituiert wird. Ihr ist es egal, mit welchem Label aus dem Archiv der Theorien der Ausdifferenzerung sie versehen wird, ob sie politisch, juristisch, religiös, okönomisch, libidinös oder familär sein soll. Ob Institutionen oder Konstitutionen: Linien sind Prägewerk, in denen sich eine polare Spannung sammelt.
Ich spiele das Spiel good cop/bad cop mit.